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WELT AKTUELL: DIE TUN WAS!: … und jetzt bitte aufatmen!: Wir haben das Paradies gefunden


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Bild der Frau - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 24.01.2020
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Bildquelle: Bild der Frau, Ausgabe 5/2020

Wie aus dem Bilderbuch: Gramais, gerade verschneit, in den Alpen


■ Ist das nicht schön hier? BILD der FRAU war in Gramais, eines von vier winzigen Auszeitdörfern im Tiroler Lechtal.

■ Was ist da so besonders? Die Uhren ticken anders, die Seele kommt zur Ruhe.

■ Was nehmen wir mit? Die Erfahrung, dass Natur und Gemeinschaft wirklich glücklich machen.

Spaß in der Natur: Reporterin Eri entdeckt das Schneeschuhwandern


Nur 38 Dorfbewohner


Eine Kurve. Dann noch eine und noch eine … acht Kilometer schlängelt sich die schmale Bergstraße steil nach oben, immer dicht an wildromantischen Felsen vorbei, der einzige ...

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... Weg nach Gramais. 1328 Meter geht’s hoch, im Auszeitdorf. Die Sonne scheint, Schneekristalle glitzern wie tausend Sterne auf fast unberührten Wegen – und das Herz macht einen Satz.

So wunderschön! Gerade mal 38 Einwohner leben in Österreichs kleinster Gemeinde, ein bisschen wie eine große Familie. Abgeschieden vom hektischen Alltag, beschützt von mächtigen Alpengipfeln, eingebettet in verschneite Almwiesen. Die Stille kann man fast mit Händen greifen, von der frischen Luft gar nicht genug bekommen. Hier gibt es kein Halligalli, kein Après-Ski, keine großen Hotels, keine spektakulären Pisten, nicht mal einen Supermarkt. Und die gut drei Dutzend Gramaiser, die wirken so tiefenentspannt wie ihr Zuhause. Mein erster Wunsch? Bleibenwollen!

Claudia Lindner (37) hat das einfach getan. Schon vor zwölf Jahren ist die Dresdnerin hierher ins Lechtal gezogen, in ihre Herzensheimat. „Als Schülerin hab ich Urlaub in den Bergen gemacht“, erzählt sie, „und als Studentin im Sommer auf der Alm gearbeitet. Das war immer mein Sehnsuchtsort.“ Sie wird Mediengestalterin in Sachsen, macht sich später aber als Webdesignerin im Lechtal selbstständig. „Hier fühlt sich das Leben richtig an.“

Zeit für das, was zählt: Claudia und Hubertus mit ihrem Söhnchen Darius


Übers Internet lernt sie Hubertus kennen. Der ist damals noch Krankenhausmanager in Niederösterreich, 16-Stunden-Tag, nebenbei Spitzensportler. „Ich war wie eine Maschine, nicht kaputt zu kriegen“, schüttelt der heute 44-Jährige über sich selbst den Kopf. Jetzt sitzt er da gelassen neben seiner Frau auf der geschnitzten Holzbank in der Sonne, während sie den gemeinsamen Sohn Darius (2) sanft im Schoß wiegt. Anfangs beäugt Claudia den Karrieremann („Was für ein Freak!“) noch skeptisch, verliebt sich dann doch. Ein Jahr pendelt Hubertus fast jedes Wochenende zu ihr ins Lechtal, macht parallel eine Ausbildung zum Bergführer. Und dann, vor acht Jahren, wirft er sein altes Leben hin. Kündigt den Job, gibt den Dienstwagenschlüssel ab und zieht zu seiner großen Liebe – und beide gemeinsam in dieses so besondere Dorf. Ins Auszeitdorf Gramais. Wie gemacht für Menschen, die „rauswollen“, alte Persönlichkeit ist von mir abgefallen“, sagt Hubertus, „das ganze Leistungs-Ego.“


Ein Ort, der Seelen heilt


Aber jetzt, wo er zur Ruhe kommt, streikt der Körper doch noch: „In meinem Kopf platzte ein Aneurysma, Gehirnblutung, es war dramatisch.“ Er schwebt wochenlang in Lebensgefahr. „Ich hab wohl doch zu lange zu viel Gas gegeben.“

Heute ist Hubertus wieder gesund. Gramais war der richtige Ort für die Heilung. Für ein zweites, anderes Leben, für Seelenpläne. „Diese unendliche Ruhe hier“, sagt er und Claudia nickt, „ist Balsam. Sie gibt Kraft. Das ist einfach unbezahlbar.“ Die beiden haben ihren Traum wahr gemacht, eine Bergschule gebaut (www.hinterstein.at), ein kleines Hostel für Bergsteiger kam noch dazu. Morgens um 5 Uhr geht Hubertus mit seinen Gästen klettern, Claudia organisiert und gestaltet tagsüber Broschüren und Kataloge, am Nachmittag genießen sie ihr Zusammensein, die Familie, den Ausblick auf die Berge. „Und um neun Uhr abends“, lacht Claudia, „da liegen wir meistens schon im Bett.“ Mal ehrlich: Wer muss mit diesem Panorama vor der Tür noch Netflix gucken? „Wir haben unser Paradies gefunden“, erzählen die beiden. Fehlt ihnen nichts? Nein, in ihnen nagt wirklich keine Unruhe mehr. Sie fühlen sich „angekommen. Wir ziehen hier nicht mehr weg.“

Draußen sein! Täglich auch mit den Familien- Huskys „Lilly“ & „Vallu“

Träume leben: Sabine und Monika (r.) haben ein gemütliches Café eröffnet


„Hier ziehe ich nie mehr weg“

■ Das sagt auch Monika Karall, die am Ortseingang mit Ehemann Bernhard (50) und Tochter Vanessa (15) lebt, zwei Ferienwohnungen vermietet. Die 44-Jährige ist vor 19 Jahren aus Wien gekommen, auch der Liebe wegen. Ihr Bernhard aber stammt aus Gramais: Er ist hier Bauer, Tischler, Feuerwehrmann, Schulbusfahrer und Liftboy in Personalunion. „In Gramais halten alle zusammen, jeder ist für jeden da“, sagt er. „Ein gutes Leben.“ Seine Moni backt übrigens Roggenbrote, die sind über die Dorfgrenzen hinaus legendär und werden mit anderen Spezialitäten im „Lechtaler Kaffeeklatsch“ verkauft. Das Café führt sie mit ihrer Freundin Sabine, einer gebürtigen Stuttgarterin. „In Gramais“, sagen die Frauen, „kannst du deine Träume leben.“ Und Traditionen: Maria Kerber (56) zum Beispiel ist Alpenkräuterfee. Sie weiß alles über Gelben Enzian, Meisterwurz oder Malve und mixt daraus wohltuende Tees. „Diese Pflanzen sind reinste Energie.“ Sie lacht. „Und wir haben so viel davon!“

EXTRA-TIPP

Wandern Sie gern? Die Fernwanderroute Lechweg führt in Deutschland und Österreich den Fluss Lech entlang. Am Rand der Route liegen auch die Auszeitdörfer. Route und Dörfer gehören zum sogenannten Interreg- Projekt „Lebensspur Lech“.

DIE AUSZEITDÖRFER: Stille ist der neue Luxus

■ So haben Tourismusexperten die vier Bergdörfer Hinterhornbach, Pfafflar, Gramais und Kaisers in Tirol genannt. Alle haben weniger als 100 Einwohner. Hier finden gestresste Großstädter das, was sie in ihrer hektischen Welt am meisten vermissen: Ruhe. Eine Einfachheit, die abhandengekommen scheint. Es gibt absichtlich nur wenige Angebote in den Orten, die vom Erholen ablenken könnten. Und wenn, haben sie mit Natur zu tun: wandern, klettern, Kräuter sammeln, Murmeltiere oder Steinadler beobachten, dem Bachrauschen zuhören …

„Jahrelang lagen die Dörfer im Dornröschenschlaf“, erklärt Anja Ginther vom Tourismusverband Lechtal. „Heute suchen die Menschen Orte wie unsere. Sie sehnen sich nach Ursprünglichkeit. Sie wollen nicht mehr rund um die Uhr bespaßt werden, Stille ist der neue Luxus.“ Und was, wenn jetzt immer mehr kommen? Dann ist es doch schnell mit der Ruhe vorbei! Anja Ginther beruhigt: „Gramais liegt am Ende des Tals und mitten im Naturschutzgebiet. Danach kommen nur noch bis zu 3000 Meter hohe Gipfel. Da kann man nicht unendlich bauen.“ Was für ein Glück.


Fotos: Marion Vogel (7), Lechtal Tourismus / Gerhard Eisenschink, Shutterstock