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WELTERBE: GROSSE OPER FÜR WILHELMINE


daheim - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 12.06.2020

Das Bayreuther Hoftheater ist ein barockes Meisterwerk. Mit ihm setzte sich Markgräfin Wilhelmine ein Denkmal


Artikelbild für den Artikel "WELTERBE: GROSSE OPER FÜR WILHELMINE" aus der Ausgabe 4/2020 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 4/2020

Vergoldete Schnitzereien, kunstvolle Deckengemälde und eine fürstliche Loge: So viel Oplulenz kann das Auge kaum erfassen


Als die Gruppe in den Zuschauerraum des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth eintritt, entfährt ihr ein mehrstimmiges „Oh!“. Es folgt stilles Staunen. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll in dem barockenHoftheater, das seit 2012 auf der Unesco-Welterbeliste steht. Uwe Wittke, der später etwas zur Geschichte des Hauses erzählen wird, ist diese Reaktion gewöhnt. ...

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... Deswegen lässt er die Besucher auch erst mal in Ruhe gucken.

Die Dichte an Balustraden, vergoldeten Schnitzereien und überbordendem Stuck ballt sich zu einer Opulenz, die das Gehirn kaum verarbeiten kann. Auch weil das Auge immer wieder hinters Licht geführt wird: An vielen Stellen ist das Dekor nur aufgemalt, und einige Verzierungen geben vor, aus völlig anderem Material zu bestehen.

Das Bühnenportal kommt etwa wie ein steinerner Triumphbogen daher, obwohl es aus Holz geschnitzt ist. Genau wie die vier korinthischen Säulen, auf denen es ruht. Sie sehen aus, als seien sie aus Lapislazuli-Stein gehauen. Sogar der rote Samtvorhang, dessen Falten die Bühne einrahmen, ist nur gemalt.

Auf der Bühne selbst suggerieren hintereinander gestaffelte, seitliche Kulissen eine enorme Raumtiefe. Sie zeigen einen Palast, der dem prunkvollen Zuschauerraum in nichts nachsteht. Auch das Deckengemälde vermittelt eine nahezu perfekte Illusion. Es scheint, als würde sich der Raum in den Himmel öffnen und den Blick auf Apollo - den Gott der Künste - und neun Musen freigeben.

Wilhelmines Leidenschaft galt dem Musiktheater

In seiner Opulenz und seinen illusionistischen Effekten reiht sich das Opernhaus in die Tradition höfischer Opernhausarchitektur des 18. Jahrhunderts ein. Doch es sticht auch hervor. Denn obwohl Bayreuth nur eine kleine Residenzstadt in einem kleinen Fürstentum war, braucht das Opernhaus den Vergleich mit Hoftheatern in Wien, Dresden und Venedig nicht zu scheuen.

WELTERBE: MARKGRÄFLICHES OPERNHAUS

Das Markgräfliche Opernhaus ist eins der wenigen erhalten gebliebenen Hoftheater der Barockzeit. Markgräfin Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth und ihr Mann gaben es für die Hochzeit ihrer Tochter bei Giuseppe Galli Bibiena in Auftrag, dem führenden Theaterarchitekten dieser Zeit. Nach nur vier Jahren Bauzeit eröffnete 1748 das Haus, das mit seinen opulenten Schnitzereien und illusionistischen Malereien ein imposantes Raumerlebnis bietet. Heute finden dort wieder Aufführungen und Besichtigungen statt. Eintritt: 8 Euro, Gesamtkarte (mit Altem Schloss, Neuem Schloss und Sanspareil): 18 Euro. www.bayreuth-wilhelmine.de


Das barocke Theater ist das Letzte seiner Art


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1. Königstochter und Markgräfin Wilhelmine war umtriebig und kunstaffin: Sie schrieb, musizierte und komponierte. 2. Blick auf die Bühne des Barocktheaters. 3. Wappen mit Krone: kunstvolles Detail der Innenarchitektur des Prachtbaus

Dieser Erfolg ist vor allem Markgräfin Wilhelmine von Preußen zu verdanken, der Lieblingsschwester Friedrichs des Großen. Nach ihrer Heirat mit Markgraf Friedrich von Brandenburg-Bayreuth förderte sie Kunst, Musik, Literatur und Theater mit großem Engagement, und es gelang ihr, sich mit den tonangebenden Höfen jener Zeit zu messen. Wilhelmines besondere Leidenschaft galt dem Musiktheater, für das sie als Intendantin, Komponistin und Librettistin wirkte.

Den Bau gaben Wilhelmine und ihr Mann für die Hochzeitsfeier ihrer einzigen Tochter in Auftrag. Hochzeiten boten Fürstenfamilien willkommene Gelegenheiten, ihren absolutistischen Herrschaftsanspruch zur Schau zu stellen. Ins Zentrum des Spektakels rückte dabei zunehmend die italienische Oper.

Für ihr Projekt holte die Markgräfin keinen Geringeren als den Italiener Giuseppe Galli Bibiena an den Hof, Europas führenden Theaterarchitekten, der zuvor im Dienst des Wiener Kaiserhofs gestanden hatte.

1744 kaufte das Markgrafenpaar drei Grundstücke südlich des Redoutenhauses und des Opernhauses, die Markgraf Georg Wilhelm 30 Jahre zuvor hatte bebauen lassen. Vom Abriss der alten Gebäude bis zur Fertigstellung des Logenhauses vergingen nur vier Jahre. Die kurze Bauzeit war auch deshalb möglich, weil Handwerker Holzteile weitgehend vorfertigten und Leinwände außerhalb der Baustelle bemalten.

Hochzeitsfeier mit Ballett, Opern und Galadiner

Im September 1748 fand schließlich die Hochzeit von Tochter Elisabeth Friederike Sophie mit dem württembergischen Herzog Carl Eugen statt. Sie wurde mit zwei großen Opern, Theateraufführungen, Ballett und Galadiner im Opernhaus gefeiert.

Als Wilhelmine 1758 starb, war die Glanzzeit des Opernhauses vorbei. „Der Markgraf hatte kein Interesse an Opern“, sagt Museumsführer Wittke. Abgesehen von Gastspielen habe der Bau jahrzehntelang leer gestanden. Während der Napoleonischen Kriege nutzte die französische Armee die Räume als Magazin, ab 1817 wandelte sich das Gebäude mehr und mehr zu einem Stadttheater.

Die kurze Nutzdauer ist einer der Gründe, weswegen das ganz aus Fachwerk, Holz und Leinwand konstruierte Logenhaus so gut erhalten ist. „Holzopern wurden für 30 bis 50 Jahre gebaut, dann waren sie verschlissen“, erklärt Wittke. Einige fielen auch dem Feuer zum Opfer, da Hunderte von Kerzen als Beleuchtung dienten. Oder man veränderte sie baulich so sehr, dass ihr ursprünglicher Charakter verloren ging.

Ein Erlebnis wie zu Wilhelmines Zeiten: Seit 2018 finden wieder Aufführungen statt


Auch für das Markgräfliche Opernhaus gab es solche Überlegungen. 1871 reiste Richard Wagner nach Bayreuth. Er war auf der Suche nach einem Aufführungsort für seine Festspiele. Die überschaubare Stadt schien ihm geeigneter als ein Ort wie München, der in seinen Augen zu viel Ablenkung bot. Doch Wagner erkannte, dass er am Opernhaus viel hätte umbauen müssen, es war ihm zu klein. Dem Sekretär von König Ludwig II. schrieb er: „Es wäre ewig schade, zerstörend in diesen alten stylvollen Bau einzugreifen.“ Wagner blieb trotzdem in Bayreuth und entschied sich für einen Neubau am Grünen Hügel (siehe Seite 70).

Zeitweise arbeiteten 30 Restauratoren gleichzeitig

Die Weltkriege überstand das Opernhaus unbeschadet, und so erreichte es das 21. Jahrhundert in verhältnismäßig gutem Zustand. In die Welterbeliste der Unesco wurde es 2012 aus zwei Gründen aufgenommen. Zum einen, weil es mit seinem Logenhaus und seinen akustischen, dekorativen und ikonologischen Eigenschaften ein Meisterwerk barocker Theaterarchitektur ist. Zum anderen, weil es als frei stehende Hofoper einen Wendepunkt markiert: Während die meisten Hoftheater Ende des 17. Jahrhunderts noch in Palastkomplexe integriert waren, ebneten eigenständige Hofopern den Weg für die öffentlichen Theater des 19. Jahrhunderts.

Von 2013 bis 2018 wurde das Logenhaus restauriert. Um die originale Farbfassung hervorzuholen, mussten teilweise mehrere Schichten abgenommen werden, berichtet Wittke. „Was denken Sie, wie viel Fläche ein Restaurator am Tag schafft?“, fragt der Museumsführer. Eine Besucherin schätzt: „Einen Quadratmeter.“ Wittke entgegnet: „Die Größe einer Postkarte.“ Zeitweise arbeiteten 30 Restauratoren am Gebäude. Daneben mussten die gefassten Holzoberflächen von ölgebundenen Holzschutzmitteln befreit werden, die im 20. Jahrhundert aufgetragen worden waren. Dadurch hatten sich die Farben verdunkelt und wirkten stumpf und schwer. Restaurator Andree Tesch, der letzte Arbeiten in der zweiten Loge ausführt, erklärt: „Die Flächen leben von der Imitation, von den aufgemalten Ornamenten. Für den 3-D-Effekt braucht es die hellen Farben.“


Als Vorbild dienten Markgräfin Wilhelmine die Opernhäuser Italiens


Retuschiert habe man nur an ganz wenigen Stellen. „Unsere Aufgabe ist es, den Bestand zu wahren und nur dort einzugreifen, wo die Aussage zerstört ist.“ Das sei etwa bei den Säulen in der Fürstenloge der Fall gewesen. Die geschnitzten Säulen waren ursprünglich blau-marmoriert, um Lapislazuli zu imitieren. An vielen Stellen schien aber das rötliche Nadelholz durch. „Das hatte eine ganz andere Wirkung, daher haben wir uns entschieden, sie zaghaft mit Wasserfarben anzumalen.“

Auch von außen ist das Opernhaus mit seiner steinernen Gebäudehülle eine imposante Erscheinung


Durch die Restaurierung konnte der leichte Charakter des ursprünglichen Farbklangs weitgehend wiederhergestellt werden. Seit 2018 werden wieder Opern und Konzerte aufgeführt. Dabei erleben Besucher einen Raumeindruck und eine Akustik wie einst Wilhelmine.

DER BESONDERE TIPP

Im Gegensatz zum Markgräflichen Opernhaus ist Wagners Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth architektonisch eher schlicht, die Akustik aber weltberühmt. Wegen des abgeschirmten Orchestergrabens gelangt die Musik nicht direkt in den Zuschauerraum, sondern wird auf die Bühne umgelenkt, wo sich der Klang mit dem Gesang vermischt. Dadurch erlebt das Publikum die Musik von Orchester, Chören und Solisten als Gesamtes.
www.bayreuther-festspiele.de