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Weltweit: Feuchtbodenarchäologie im Ural: Uralte Holzskulpturen aus dem Gorbunovo-Torfmoor


Archäologie in Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 13.03.2020

Aus Mooren und Seen östlich des Urals werden seit über 100 Jahren immer wieder spektakuläre Funde geborgen. Bereits 1894 fand man das »Shigir-Idol«, die wohl älteste Holzskulptur der Welt. Die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts ist seit 2017 engagiert: ein Bericht über die aktuellen Forschungen.


Unmittelbar östlich des Urals existiert eine Kette von Mooren und Seen, an deren Rändern archäologische Fundplätze liegen, die ähnlich wie die alpinen Pfahlbauten hervorragende Erhaltungsbedingungen für organische Überreste bieten. Eine Besonderheit dieser Moorfundstellen sind ...

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Bildquelle: Archäologie in Deutschland, Ausgabe 2/2020

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... anthropomorphe und zoomorphe Holzskulpturen - überdimensionale Figuren, die Menschen bzw. Tiere darstellen, darunter Wasservögel oder Elche. Die bildlichen Darstellungen im westlichen Sibirien, deren älteste möglicherweise über 10 000 Jahre alt sind, zählen zu den herausragenden Kunstwerken aus prähistorischer Zeit.

Aktuell untersuchen wir gemeinsam eine dieser Fundstellen, an der schon seit 100 Jahren Ausgrabungen stattfinden. Das Torfmoor liegt etwa 130 km nördlich von Jekaterinburg in der Umgebung von Nizhni Tagil, einem bekannten russischen Wintersportort. An dem Fundplatz hat man rätselhafte Holzkonstruktionen angetroffen, die vermutlich die Reste eines rituellen Zentrums sind und die nun mit modernen fotogrammetrischen Dokumen tationstechniken und Methoden der Dendrochronologie erforscht werden.

Ein weißer Fleck für westliche Archäologen

Das Torfmoor von Gorbunovo birgt unschätzbare Funde aus Holz.


Unendliche Wälder und Moore erstrecken sich im Norden des eurasischen Kontinents zu beiden Seiten des Ural. Sie bergen archäologische Schätze, die trotz ihrer großen Bedeutung außerhalb Russlands nach wie vor nahezu unbekannt sind. Die Archäologie des Urals und der osteuropäischen Waldzone - der Taiga - ist in vielen Aspekten immer noch Pionierarbeit.

Der Gebirgszug des Urals trennt geografisch Europa von Asien. Es handelt sich um die älteste Formation des eurasischen Doppelkontinents und der Untergrund birgt vom Polarural im Norden bis tief in die Steppenzonen im Süden ein großes Spektrum an Bodenschätzen. Die Wälder boten reiche Jagdgründe; Flüsse und Seen, die insbesondere unmittelbar nach der Eiszeit im frühen Holozän große Wasserflächen bildeten, lieferten Fisch im Überfluss. So überrascht es nicht, dass bis zur Erschließung durch russische Siedler im 16. Jh. große Teile der ansässigen Bevölke ‐ rung als Jäger, Fischer und Sammler lebten.

Im Ural trafen während aller Epochen die Kommunikationsströme aus Ost und West aufeinander. Die Waldzone bietet vor allem im Winter, wenn die Gewässer gefroren sind, eine leicht zu bewältigende Verbindung von Osten nach Westen. Im Sommer erschließen Flüsse und Seen die Region. Der Fluss Chussovaya durchbricht das Gebirge im mittleren Ural und verbindet das westliche Sibirien mit der nordrussischen Tiefebene und dem Ostseeraum.

Die Vorlandzonen westlich und östlich der Berge hingegen bilden natürliche Verkehrsachsen von Norden nach Süden. Westlich des Urals liegt das Bergbaugebiet von Kargaly. Hier wurde Kupfer abgebaut, mit dem man ab dem frühen 3. Jt. v. Chr. den gesamten Steppenraum versorgte. In der östlichen Steppenzone des Südural lagen die festungsartigen Siedlungen der bronze zeitlichen Sintashta‐Kultur, in der die ältes ten Streitwagen der Welt gefunden wurden (AiD 1/2010, S. 14). Die Sintashta‐ Kultur wirkte im frühen 2. Jt. v. Chr. bis weit nach Sibirien hinein.

Keine Grenze, sondern Drehscheibe der Kommunikation

Während die Fundplätze im südlichen Ural eng in die Steppenkulturen eingebunden sind, sind die mesolithischen und bronzezeitlichen Holzartefakte aus den Torfmooren von Shigir und Gorbunovo oder die Bronzen des Shejtanka‐Sees Schlüsselfunde für das Verständnis der kulturellen Verbindungen in der Taiga und den südlich anschließenden Waldsteppen. Die‐ se Funde sind für ihre jeweiligen Epochen einzigartig, aber zugleich Teil kultureller Räume, deren materielle Zeugnisse nach Westen bis an die Ostsee, nach Skandinavien und Norddeutschland reichen.

Eine der geborgenen Elchplastiken im Modell: Auf dem Rücken sind Vertiefungen eingearbeitet - für Opfergaben?


Strelka am Rand des Gorbunovo-Torfmoors: Harpunen und Netzsenker oder -schwimmer aus der Mitte des 6. Jt. v. Chr.


Die geologische Struktur des Urals ließ am Ende der letzten Eiszeit an seiner Ostseite eine Kette von Seen entstehen, aus denen sich im frühen Holozän Torfmoore bildeten. Ähnlich wie in den europäischen Feuchtbodenfundplätzen, den Pfahlbauten der Alpen oder den Funden in den nordund westeuropäischen Torffundplätzen, konnten sich hier organische Reste erhalten in einem so genannten anaeroben Milieu - d. h. unter Sauerstoffabschluss -, die einen tiefen Einblick in die ehemaligen Lebensverhältnisse der prähistorischen Menschen bieten.

Aus diesen Torfmooren stammen einige der bedeutendsten urgeschichtlichen Funde Eurasiens, wie das sogenannte »Große Shigir‐Idol«, das in den vergangenen Jahren an den Beginn des Holozäns - unmittelbar nach der letzten Eiszeit - datiert werden konnte. Ein ebenso bedeutender Fundplatz ist das Gorbunovo‐Torfmoor bei Nizhni Tagil. Dort wurden seit dem Beginn des 20. Jh. beim Torfstechen immer wieder archäologische Funde geborgen. Erste Ausgrabungen fanden in den 1920er Jahren statt. Dabei legte man Plattformen und gut erhaltene Holzkonstruktionen frei, deren südliches Ende aber erst 2018 abschließend ausgegraben werden konnte. Noch bedeutender sind jedoch die zahlreichen anthropomorphen und zoomorphen Holzskulpturen, die ins späte 4. und ins späte 3. Jt. v. Chr. datieren. Vergleichbare Skulpturen findet man in der gesamten nordrussischen Tiefebene bis ins Baltikum und im Osten bis Sibirien und an den Baikal‐See.

Überraschend: Bauten mitten im See

Der heute vollständig vertorfte See ist Zentrum einer Mikroregion, die für viele der Fundstellen des Urals charakteristisch ist. Umgeben von einem Hochufer aus Granitfels liegt der See in einer Senke. Entlang seines nordöstlichen Ufers reihen sich die Fundplätze wie Perlen an einer Schnur. Die ältesten unter ihnen datieren ins Mesolithikum, die jüngsten in die Eisenzeit. Einige der Fundplätze liegen auf Spornen direkt am ehemaligen Seeufer und ihr im Seebecken gelegener Teil wird inzwischen vom Torf eingeschlossen. Ein solcher Ort ist Beregovaya II, wo in den vergangenen Jahren Ausgrabungen stattfanden (AiD 5/ 2010, S. 58). Ein weiterer Fundplatz wurde der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ausgegraben: Strelka. In den Fundschichten dieses Platzes, die in die Mitte das 6.Jt. v.Chr. datieren, wurde neben Knochenharpunen und anderen Geräten eine der ältesten Kufen eines Holzschlittens entdeckt.

Überrascht waren die Ausgräber von mindestens 13 Fundstellen, die tief innerhalb des heutigen Torfgebiets liegen: Dort, wo sich einst der See erstreckte, war eigentlich nicht mit Funden zu rechnen. Systematische Bohrungen in den Torfschichten zeigten jedoch, dass sich im ehemaligen See vermutlich eine Art Insel befand. Vermutlich lagen die Fundplätze, die nach den ehemaligen Torfstichen benannt sind, am Rand dieser Insel. Ihr bedeutendster ist VI Razrez, ein über 1500m2 großes Areal mit komplexen Holzkonstruktionen. Die Konstruktionen bestehen aus Plattformen, Verbindungswegen und vertikalen Pfostensetzungen mit längs verlaufenden Hölzern, deren Funktion immer noch unklar ist. Zwischen ihnen wurden immer wieder Holzskulpturen, aber auch Alltagsobjekte wie Netzsenker und Netzschwimmer oder Paddel entdeckt.

Ein großer Teil der Anlage wurde durch russische Archäologen in den 1920er und 1930er Jahren freigelegt. Die Funde gelangten damals in lokale Museen und nach Moskau. In den Jahren ab 2007 nahm eine Expedition des Archäologischen Instituts der Russischen Akademie in Jekaterinburg die Grabungen wieder auf. Mit neuen Methoden in der Ausgrabungstechnik und vor allem durch neue Datierungen mithilfe der Radiokarbonmethode sollte die Frage nach dem Alter der Konstruktionen und ihrer außergewöhnlichen Funde gelöst werden. Seit 2017 ist ein Team der Eurasien‐Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts an den Ausgrabungen beteiligt. Ziel ist es, diesen bedeutenden Fundplatz in einem lokalen Geoinformationssystem zu erfassen. Das Verfahren integriert auch dendrochronologische Analysen und ermöglicht die Datierung der Schichten und Baureste. Davor wurden nur einzelne Hölzer mit ihren Jahrringen analysiert. Ohne eine Sequenz, die bis heute reicht, waren diese Messungen aber zeitlich nicht näher einzugrenzen.

Neue Methoden für äußerst komplizierte Befunde

Orthofoto aus dem Jahr 2017: Die Hölzer bildeten plattformartige Strukturen.


Das erste Ziel dieses neuen Ansatzes war eine komplexe Holzkonstruktion, die 2017/ 18 ausgegraben wurde. Sie schließt an Strukturen an, die man 1979 und 1936 freigelegt hatte. Auch hier handelt es sich um Pfostensetzungen, zwischen die größere Holzstämme gelagert sind, und um Plattformen, die daran angrenzen. Bei der Grabung fand erstmals eine fotogrammetrische Dokumentation der Befunde statt. Dabei wurde jede während der Ausgrabung freigelegte Fläche separat vermessen und fotografiert. Aus Serien sich überlappender Fotografien lässt sich so in einem Verfahren, das als »Structure‐from‐Motion« bezeichnet wird, ein dreidimensionales Bild der Ausgrabungsfläche erzeugen. Diese Methode der Befundaufnahme findet in der Archäologie mehr und mehr Anwendung und fügt zur den traditionellen Dokumentationsmethoden die dritte Dimension hinzu. Allerdings sind Aufnahmetechnik und Datennachbearbeitung aufwendig. Resultate sind am Ende grafische Formate, die sich dann in einem archäologischen Geoinformationssystem mit anderen Aspekten verbinden lassen, beispielsweise den Funden oder den datierten Hölzern.

Die Vielschichtigkeit der ausgegrabenen Struktur stellte bereits zu Beginn eine große Herausforderung für die Auswertung der gewonnen Daten dar. In der Ausgrabung wurden acht bis zehn Ebenen aufgenommen, die jedoch nicht immer einer stratigrafischen Lage von Hölzern entsprach. Vergleichsweise schwierig war es, im Zuge der Datenbearbeitung die einzelnen Lagen der verstürzten Objekte zu identifizieren. Die genaue Abfolge der Schichten, in denen die Hölzer abgelagert wurden, ist jedoch die Basis für alle Überlegungen zur ehemaligen Funktion des Bauwerkes. Am Computer konnten mithilfe verschiedener Algorithmen anhand von Ausrichtung, Höhe sowie Uber‐ und Unterlagerungen der Hölzer eine Abfolge von vier Hauptebenen ermittelt werden. Innerhalb dieser Ebenen liegen die im Durchschnitt etwa 10 cm starken Kiefernund Birkenstämme längs und quer übereinander. Die in dieser Weise statistisch abgesicherte Abfolge ist deutlich genauer als alles, was zu Beginn und Mitte des 20. Jh. in den Nachbarschnitten dokumentiert dokumentiert wurde. Entsprechend ist die Auswertung der Befunde nicht abgeschlossen und hält mit Sicherheit noch einige Überraschungen bereit.

Das dreidimensionale Modell von der Fläche zeigt die Komplexität der Holzstrukturen, Stand 2018.


Aktuell lässt sich sagen, dass es in der untersten Lage plattformartige Konstruktionen gab, zwischen denen Pfostenreihen und längs liegende Baustrukturen eingezogen waren. Auf den Plattformen wurden keine Spuren von Siedlungsmüll oder Ähnlichem gefunden. Damit sind sie vermutlich nicht als Unterbau von Wohnhäusern anzusprechen. Auch senkrecht stehende Pfosten von Wänden oder Dachträgern fehlen. Vergleichbare Bauten, die Fußböden von Häusern bilden, sind aus den Moorsiedlungen des Voralpenlandes etwa am Federsee aus verschiedenen Epochen bekannt. Dort sind auf den Plattformen Stampflehmböden, zum Teil mit Feuerstellen, nachgewiesen und an den Seiten der Plattformen fand man die Pfosten der Dächer. Auch solche Befunde fehlen im Ural bislang. Es wurde zudem nur sehr wenig Siedlungsmaterial wie Keramikscherben, Steinwerkzeuge oder Fischereizubehör ausgegraben. Die Artefakte zeigen menschliche Aktivitäten an, es sind jedoch im Vergleich zu den europäischen Moorsiedlungen viel zu wenige, um von einer dauerhaften Ansiedlung zu sprechen. Hier können nur weitere Ausgrabungen Antworten geben.

Schon zu Beginn der neuen Ausgrabungen stand die Frage der Datierung der Fundstellen am Gorbunovo‐Torfmoor im Raum. Radiokarbondaten platzierten die ältesten Funde in Beregovaya II ins späte 10. Jt. v. Chr. und die Fundschichten aus Strelka in die Mitte des 6. Jt. v. Chr. Einzelne Objekte aus VI Razrez datieren an den Beginn des 4. Jt. v. Chr., die Pfähle aus einem Teil der Baustrukturen hingegen fielen an den Beginn des 3. Jt. v. Chr.

Paddelgriff, geschnitzt in Form einer Vogelskulptur.


Holzidole aus dem Gorbu novo-Torfmoor. Ein vergleichbares Idol dieser Gruppe wurde datiert: Es gehört ins frühe 4. Jt. v.Chr.


Bei den neuen Grabungen konnten erstmals systematisch Holzproben für dendrochronologische Datierungen entnommen werden. Mit den Jahrringkurven lässt sich im Idealfall der Verbau von Holzpfählen bis auf das Jahr und die Jahreszeit genau zeitlich einordnen. Die gesammelten Pfahlquerschnitte decken alle archäologischen Lagen ab. Damit konnten die dendroarchäologischen Studien beginnen: Sie sollen die Konstruktion datieren und, wenn möglich, die Abfolge ihres Zerfalls dokumentieren. Auch die Waldgeschichte der Region lässt sich so erforschen und in die Landschaftsgeschichte am Ural einbinden. Aktuell gelang es, die jüngste Schicht der Torfbildung über begrabene Baumstümpfe in die überregionale Jahrringkurve des Polarurals zu integrieren. Einer der in einem Sturm entwurzelten und dann im Torf eingelagerten Bäume stürzte im Jahr 986 um und datiert damit ins Frühmittelalter. Der Großteil der erfassten Daten ist jedoch mit einer Konstruktion aus der frühen Bronzezeit zu verbinden. Die Befunde sind noch nicht endgültig absolut verankert, fallen aber in die Zeit zwischen etwa 2300 und 2150 v. Chr. Dendrochronologische Daten wurden auch aus einer Fundschicht des späten 4. Jt. v. Chr. gewonnen. Ein weiterer Horizont mit umgestürzten Baumstümpfen zwischen den neolithischen und mesolithischen Schichten von Beregovaja II ließ sich jedoch zeitlich nicht genauer bestimmen.

Einige Hölzer aus den alten Ausgrabungen im Museum von Nizhni Tagil passen in die bislang ermittelte Abfolge. Ihre Lokalisation wird zeigen, welche Teile der Baustrukturen zeitgleich waren und welche jünger oder älter sind.

Kultplätze im Moor

Dass die Strukturen im Gorbunovo‐Torfmoor keine Siedlung, sondern vermutlich einen rituell genutzten Ort markieren, zeigen die vielen Tier‐ und Menschenskulpturen, genauso die kunstvoll verzierten Birken rindenobjekte, die dort gefunden wurden.

Die älteste Figur vom Ural stammt jedoch nicht aus Gorbunovo, sondern aus dem benachbarten Shigir‐Torfmoor: Der ehemals über 5m hohe Pfahl trägt am oberen Ende ein geschnitztes Gesicht, sechs weitere paarig angeordnete stilisierte Gesichter ziehen sich über den Körper. Die Skulptur wurde aus einer großen Lärche geschnitzt und muss lange aufrecht gestanden haben. Ihre zeitliche Einordnung bleibt schwierig, obgleich unbestritten ist, dass sie aus den mesolithischen Schichten des Shigir‐Torfmoores stammt. Eine erste Datierung fiel in das 8. Jt. v. Chr., womit das Idol in jedem Fall die älteste nacheiszeitliche Skulptur Eurasiens ist. Neue Untersuchungen mithilfe von Dendrochronologie und erneuten Radiokarbonmessungen aus dem Innenbereich des Lärchenstamms machen eine ältere Datierung um 9600 v. Chr. möglich. Ob es bei diesen Datierungen bleibt, ist bislang umstritten. Neue, mittels Dendrochronologie datierbare Funde aus dieser frühen Zeit wären notwendig, um hier Klarheit zu schaffen.

Löffel mit Entenkopf. Wasservögel spielen in der Mythologie Sibiriens eine besondere Rolle.


Die jüngeren Figuren des Gorbunovo‐ Torfmoors wurden alle bei den verbauten Hölzern entdeckt. Sie standen offenbar als Pfähle zwischen den Plattformen oder wurden in deren Nähe verwendet. Sechs menschliche Skulpturen sind bekannt. Sie wirken zum Teil archaischer als das Shigir‐ Idol, vor allem, weil sie oft nur grob geschnitzt sind. Eine der Figuren ist datiert - sie stammt aus dem frühen 4. Jt. v. Chr. Damit ist sie älter als die oben beschriebenen Holzkonstruktionen. Allerdings wurde unter diesen eine zeitgleiche Schicht dokumentiert, zu der dieses Objekt gehören kann. Auch hier sind noch etliche Fragen offen.

Manche Figuren - wie beispielsweise zwei Elche - haben Vertiefungen auf dem Rücken, die mit Flüssigkeit oder etwas Ähnlichem gefüllt werden konnten. Sie wurden im Zuge der neuen Untersuchungen fotogrammetrisch dokumentiert, was zu neuen Nutzungsformaten auch in ihrer musealen Darstellung führen soll.

Zahlreiche Löffel oder Paddelgriffe zieren Entenköpfe. Von Vogelfiguren liegen sowohl Fragmente und als auch Rohlinge vor. Wasservögel sind in der Mythologie der uralischen Völker bis heute ein zentrales Element, hat danach doch eine Ente das erste Stück Erde beim Tauchen aus der Tiefe geholt. Auch für die prähistorischen Waldbewohner müssen Wasservögel von besonderer Bedeutung gewesen sein. Ihr häufiges Vorkommen ist vermutlich das beste Indiz dafür, in diesem Ort einen ungewöhnlichen, vermutlich rituellen, Platz zu vermuten.

Für beides, Tierskulpturen wie Elche oder Wasservögel und Menschenfiguren, findet man Parallelen an Fundorten westlich des Urals. Gut vergleichbare geschnitzte Menschengesichter auf Pfählen sind aus Shventoj in Litauen oder aus Pohjankuru in Finnland bekannt. Elchköpfe zieren Stäbe und Schittenkufen im gesamten östlichen und nördlichen Europa. Sie sind Teil einer Welt, deren Bewohner im Wald leben. Diese Welt war eingebunden in ein riesiges Netzwerk, das über die Wasserwege verbunden war.

Von diesen weitreichenden Verbindungen zeugen nicht nur die genannten Kunstwerke, sondern auch Gegenstände des Alltags. Jagdwaffen, Fischereiutensilien oder Paddel stammen in nahezu identischen Formen von fast allen Fundstellen mit Feuchtbodenerhaltung zu beiden Seiten des Urals. Schlittenkufen, von denen noch zwei weitere aus den bronzezeitlichen Schichten des Gorbunovo‐Torfmoores und zwei aus anderen Fundplätzen bekannt sind, haben ihre besten Parallelen an der Ostseeküste und in Finnland. Eine der finnischen Kufen ist sogar aus Holz gefertigt, das aus dem Ural stammt.

Die eurasische Taiga, deren Archäologie bislang weitgehend unbekannt ist, birgt einen reichen Fundus an Denkmälern und Funden, die zeigen, wie eng die kulturellen Verbindungen über große Distanzen auch nördlich der Steppenzone waren.