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Wenn aus Träumen Wahrheit wird


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 46/2022 vom 12.11.2022

Missmutig schaute Saskia in den Schlafzimmerspiegel. Sie fand sich ganz passabel in Jeans und Bluse – aber reichte so ein schlichtes Outfit, um einen berühmten Weltenbummler wieder daheim zu begrüßen? Einen, der als Tierfilmer schon auf allen Kontinenten dieser Erde unterwegs gewesen war? Ganz abgesehen von all den interessanten Leuten, mit denen er bestimmt dauernd zu tun hatte …

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Saskia schüttelte den Kopf. Weshalb hatte sie bloß Sabines Einladung angenommen? Gut, Patrick Brenner war der Cousin ihrer neuen Freundin aus dem Fitness-Club. Und er sei wirklich reizend, hatte die behauptet. Und gar nicht eingebildet, obwohl er so bekannt sei. Deshalb richte sie auch jedesmal, wenn er von einer seiner Touren zurückkäme, gern eine Willkommens-Party für ihn aus. Damit er die Heimat nicht ganz vergesse.

Saskia seufzte, während sie die Treppe von ihrer kleinen Mansardenwohnung hinunterstieg. Na ja, sie würde ...

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... eben wie immer auf solchen turbulenten Riesenfeten in der Ecke herumstehen und sich fortstehlen, sobald es die Situation erlaubte. Sie war nun mal keine Partymaus, und würde es vermutlich auch niemals werden. Sie liebte es eher ruhig – langweilig, würden die meisten Leute wohl sagen.

Als sie vor dem großzügigen Bungalow hielt, den Sabine mit ihrem Mann und zwei Kindern bewohnte, schallten Musikfetzen und lautes Gelächter über die Hecke herüber. Langsam drückte Saskia die Tür ihres Wagens ins Schloss. „Na dann, auf in den Kampf“, be fahl sie sich halblaut selbst, als sich in ihrem Rücken jemand räusperte.

Erschrocken schoss Saskia herum – und erbleichte. Natürlich hatte Sabine ihr irgendwann mal ein Bild von Patrick Brenner gezeigt. Der Cousin hatte vor einer Hütte irgendwo in Afrika mit verstrubbelten Haaren gelöst in die Kamera gelacht, und seine ein wenig schiefe Nase hatte Saskia ganz reizend gefunden. Das Exemplar von Mann, das nun vor ihr stand und sie interessiert musterte, sah ihm ähnlich. Sehr ähnlich sogar.

„Oh … äh … hallo“, sagte sie lahm und verfluchte im selben Moment ihr Gestammel. Aber das konnte doch nicht sein. Patrick Brenner war schließlich die Hauptperson des Abends. Und als solche trieb man sich nicht in der Dunkelheit draußen vor der Hecke herum wie ein Gast, der keine Lust auf eine lärmige Fete hatte!

Ihr Gegenüber lächelte belustigt über ihre Verwirrung. Wodurch die schiefe Nase sich womöglich noch ein bisschen mehr zur Seite neigte. „Diese Party ist auch nicht so richtig Ihr Ding, stimmt’s?“, erkannte er hellsichtig. Seine Stimme war tief und schien sie wie eine warme Decke zu umhüllen. „Ich meine, wenn Sie sich schon selbst vorher aufmuntern müssen …“

„Oh … doch. Doch, natürlich. Es wird bestimmt ganz wunderbar“, widersprach Saskia hastig.

„Es wird vor allen Dingen laut“, korrigierte er sie, als eine weitere Lachsalve zu ihnen herüberdrang.

„Ja. Das ist bei Partys eben so“, entgegnete sie und biss sich auf die Lippen. Was redete sie da für einen Unsinn zusammen? Was musste der Mann denn von ihr denken?

„Gehen wir ein Stück spazieren, bevor wir uns ins Getümmel stürzen?“, schlug er unvermutet vor. „Jetzt?“, fragte Saskia verwirrt. Ein breites Grinsen huschte über seine markanten Gesichtszüge. „Ja, jetzt“, sagte er nachdrücklich, während er eine leichte Verbeugung andeutete. „Patrick Brenner.“

Hatte der erste Eindruck also nicht getrogen! Sicherheitshalber zwinkerte Saskia dreimal, um zu testen, ob er sich nicht vor ihren Augen auflöste. Nein, er stand immer noch vor ihr und schien sich prächtig zu amüsieren. „Äh …“, murmelte sie schließlich hilflos.

Was für eine absurde Situation! Worüber sollte Saskia reden?

„Äh, ja? Oder äh, nein?“, fragte er so höflich, dass sie lachen musste. Was für eine absurde Situation! Sie redete nur Schwachsinn, und er tat so, als würde er sich in einem angeregten Gespräch mit ihr befinden. „Ich möchte zumindest eine Person auf meiner Willkommens-Party richtig kennenlernen, bevor es ans übliche Blabla geht.“

Formvollendet bot er ihr seinen Arm, und nach kurzem Zögern hakte sich Saskia bei ihm unter. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Und worüber unterhielt man sich mit einem Mann, der die Welt wie seine Westentasche kannte? Sie hatte vom Leben der Flusspferde, Löwen und Gazellen, die er so gekonnt filmte und fotografierte, keine Ahnung. Und sie konnte ihm ja wohl kaum von ihrem Job als Arzthelferin erzählen! Da würde er vor lauter Langeweile wahrscheinlich im Gehen einschlafen.

„Verrätst du mir deinen Namen?“, fragte er, während sie in Richtung Park wanderten.

„Oh, ja, natürlich. Entschuldige. Ich heiße Saskia Nissen.“

„Saskia Nissen“, wiederholte er bedächtig. „Und was machst du so, Saskia? Wie sieht dein Leben aus?“

Sie merkte, wie sie sich bei seinen Worten versteifte. Es half also nichts. Sie würde ihm nichts vormachen. Sie rettete weder die Welt durch irgendwelche spektakulären Klimaschutz-Aktionen, noch bereitete sie sich in einem internationalen Raumfahrtzentrum auf die erste Marsmission vor. Saskia holte tief Luft. „Ach, ich mache nichts Besonderes. Ich arbeite als medizinisch-technische Assistentin bei einer Kinderärztin. In meinem Leben ist also nicht viel los.“

So, jetzt war es heraus. Nach einer Anstandsfrist würde er sicher vorschlagen, nun umzudrehen, um Sabine nicht länger warten zu lassen. Und dann war die Sache ausgestanden. Adieu, Patrick Brenner.

„Hm. Das ist ein wirklich anspruchsvoller Beruf. Diese kleinen Patienten sind bestimmt manchmal problematischer als die großen, stimmt’s?“, bemerkte Patrick, während er weiter zügig ausschritt.

„Na ja …“, begann Saskia, überrascht von seiner einfühlsamen Reaktion. Denn da hatte er recht. Man brauchte ein sensibles Händchen für ihren Job. „Manche Kleinen haben große Angst, weil es ihnen ja nicht gut geht, wenn sie zu uns kommen. Alles ist fremd für sie, und oft tut es eben auch weh.“

„Klar.“ Patrick lachte leise. „Und deshalb reichst du der Frau Doktor nicht nur die Spritzen, sondern versuchst auch den Kleinen wie den Großen, nämlich den besorgten Eltern, die Angst zu nehmen, vermute ich mal.“ Sie nickte, während sie weiter durch die Dunkelheit wanderten, als hätten sie alle Zeit der Welt. „Wie heißt denn das Plüschtier, das in dieser Hinsicht Wunder tut? Es gibt doch so ein Plüschtier, oder?“

„Ja“, sagte Saskia, verwundert über Patricks Frage. „Kalle ist ein Äffchen mit ganz weichem Fell. Nicht zu groß und nicht zu klein. Und mit einem lieben Gesicht.“

„Zum Knuddeln, Festhalten, Trösten und Liebhaben. Verstehe.“

Saskia warf ihm einen scheuen Blick zu. Was für ein außergewöhnlicher Mann! Das war ihr noch nie passiert. Aber vermutlich musste man sich auch auf wilde Tiere so intensiv einlassen, um sie richtig ins Bild setzen zu können. „Hast du Kalle ausgesucht?“ „Ja. Meine Chefin hat keine Zeit für so was“, sagte sie bescheiden. Jetzt blieb er stehen und schaute ihr aufmerksam ins Gesicht. „Oh nein, es ist ganz sicher nicht nur die fehlende Zeit der Frau Doktor. Man muss auch ein Händchen dafür haben“, betonte er entschieden. „Und wahrscheinlich weiß deine Chefin genau, was sie an dir hat. Dumm wird sie ja nicht sein, hm?“

„Nein“, gab Saskia zögernd zu, „sie ist total in Ordnung und lässt mir freie Hand.“ Sie verstummte. Da redeten sie über ihr Leben, obwohl er doch das weitaus aufregendere führte! Deshalb konnte er wohl erwarten, dass sie sich dafür interessierte. „Aber erzähl du lieber mal von deinem Beruf.“

Patricks Miene war interessiert und ohne Anzeichen von Spott

„Nein“, lehnte er zu ihrer Überraschung sanft, aber unmissverständlich ab. „Jetzt bist du dran.“

„Aber … also, da gibt es wirklich nichts weiter Bemerkenswertes zu berichten“, erklärte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Natürlich gibt es das. Du bist mit Leib und Seele Assistentin bei der Kinderärztin. Das spüre ich. Also erzähl mir nicht, dass das langweilig ist.“ Jetzt klang er regelrecht streng.

Saskia musterte ihn erneut von der Seite her. Meinte er das tatsächlich ernst? Seine Miene zeigte keinerlei Anzeichen von Spott.

„Na ja“, begann sie zögernd. „Es war schon aufregend, als fast alle Kinder im Ort gleichzeitig Keuchhusten hatten. Wir haben Tag und Nacht geschuftet, bis wir das Infektionsgeschehen im Griff hatten. Oder die Sache mit dem kleinen Jannis, dessen Mutter gestorben war. Der Vater kam mit ihm in seiner Trauer nicht zurecht und vernachlässigte ihn. Und wir mussten überlegen, was wir tun sollten.“

Saskia schwieg abrupt, weil sie plötzlich wieder das verstörte Gesicht des kleinen Kerls vor sich sah. Vater und Sohn hatten ihr damals wirklich unendlich leidgetan.

„Und, was habt ihr gemacht?“, fragte Patrick, nachdem er sacht ihre Hand gedrückt hatte. Es war eine tröstliche und verständnisvolle Geste, die Saskia zu schätzen wusste. Sie hüstelte, um ihre Gefühle in den Griff zu bekommen.

„Wir haben schweren Herzens dem Amt Bescheid gegeben, damit man ein Auge auf Jannis hat. Und gleichzeitig haben wir darauf gedrängt, dass der Vater sich in Behandlung begibt.“ Sie seufzte.

„Und? Hat es geklappt mit den beiden?“, fragte Patrick gespannt.

„Ja, hat es“, bestätigte Saskia. Sie wollte ihm schon von der sechsjährigen Karla erzählen, die immer anfing, laut zu brüllen, sobald sie mit ihrer Mutter die Praxisräume betrat. Saskia hatte sie mit einem einfachen Trick …

Aber nein, das würde Patrick Brenner nun wirklich nicht interessieren. Der Mann wollte doch nur höflich sein. Fast hätte sie ver- gessen, mit wem sie hier umherspazierte. Sie straffte sich. „Ich glaube, wir kehren jetzt besser um. Sabine wird sicher schon sehnsüchtig auf dich warten.“

Er lachte leise. „Stellst du dein Licht immer so unter den Scheffel? Das hast du gar nicht nötig.“

Die Party war ein voller Erfolg. Kaum hatten sie das Haus betreten, wurde Patrick auch schon mit großem Hallo begrüßt. Jeder herzte ihn, man löcherte ihn mit Fragen, und etliche Gäste wollten unbedingt ein Selfie mit ihm machen.

Saskia hielt sich im Hintergrund und beobachtete das ganze Tamtam mit einer Mischung aus Verwunderung und auch Faszination.

Ein- oder zweimal blickte Patrick noch zu ihr herüber, und um seine Mundwinkel lag ein Lächeln. Doch er schien sich als Mittelpunkt der Party nicht unwohl zu fühlen. Und Saskia entging keineswegs, dass ihm viele interessierte Frauenblicke folgten, als er lässig durch das Haus schlenderte. Aber war das ein Wunder? Patrick Brenner war ein höchst attraktiver Mann!

Sobald es möglich war, verabschiedete sich Saskia von der Gastgeberin. Sie würde Sabine beim nächsten Treffen im Fitnessstudio versichern, wie toll die Party gewesen sei. Und dass sie sich prächtig amüsiert habe. Und das war’s.

Patrick würde bestimmt bald erneut nach Afrika, in den indischen Dschungel oder zum Amazonas aufbrechen und damit wieder aus ihrem Leben verschwinden.

Hin und wieder würde Sabine wohl etwas von ihm erzählen. Das hatte sie bislang auch schon getan. Wo also lag da der Unterschied? Und warum hatte sie Herzklopfen?

Energisch rief sich Saskia zur Ordnung, während sie an einem heißen Kakao nippte. Sie hatte diesen Spaziergang mit Patrick Brenner wirklich sehr genossen, ja. Aber das war auch schon alles.

Trotzdem träumte sie in dieser Nacht von ihm. Und in den folgenden Nächten ebenfalls. Mit diesem leichten Lächeln blickte Patrick sie an, und prompt versank sie in seinen Augen … Aber sie erwachte stets, bevor sich ihre Lippen trafen.

Nur schöne Träume – da machte Saskia sich gar nichts vor!

Und das war doch nun wirklich grausam! Wieso mischte sich dieser Mann derart in ihr Leben ein? Sie kannte ihn doch überhaupt nicht. Sie war es gewesen, die auf dem Spaziergang die ganze Zeit über geredet hatte, nicht er!

Außerdem machte sie sich nichts vor: Patrick Brenner war höflich gewesen, mehr nicht. Ihre Lebenswelten passten nicht zusammen. Wie sollte das wohl gehen, wenn er von einer wochenlangen aufregenden Tour nach Hause kam, und sie ihn bei Krustenbraten mit Klößen fragte: „Na Schatz, wie war’s denn so? Bei mir in der Praxis war heute übrigens auch einiges los.“

Ach was, das ist absolut unvorstellbar, sagte Saskia sich gerade zum wohl tausendsten Mal, als es an der Tür klingelte. „Oh“, entfuhr es ihr kurz darauf verdattert. „Störe ich?“, fragte Patrick. „Stören? N-nein …“, stammelte Saskia und starrte ihn an, ohne sich zu rühren. Ihr Körper gehorchte ihr nicht, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Was wollte er hier? Und woher hatte er ihre Adresse? Von Sabine natürlich. Aber …

„Darf ich vielleicht hereinkommen?“, unterbrach er ihre Überlegungen sanft. „Das wäre nett.“

„Ja … äh … natürlich“, murmelte sie und trat hastig zur Seite.

Interessiert sah er sich wenig später in ihrem Wohnzimmer um. „Gemütlich hast du es dir eingerichtet“, stellte er anerkennend fest.

„Danke. Ich fühle mich hier wohl“, war ihr lahmer Kommentar.

„Das ist das Wichtigste“, entgegnete er ernst, während Saskia zunehmend nervöser wurde.

Was sollte das denn werden? „Willst du dich setzen, oder hast du keine Zeit?“, platzte sie heraus.

Ein erstaunter Blick traf sie. Sie hätte sich ohrfeigen können. „Doch, natürlich habe ich Zeit“, sagte Patrick, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. „Sonst wäre ich nicht hier.“

„Ja. Klar.“ Sie biss sich auf die Lippen und gab sich einen Ruck. „Also, was kann ich für dich tun?“

Er schüttelte bedächtig den Kopf. Dann grinste er und sah plötzlich keinen Tag älter als ein zwölfjähriger Junge aus. „Oh, eine Menge“, lautete seine nebulöse Antwort. „Aber eigentlich wollte ich dich bloß mal besuchen. Um zu sehen, wie du wohnst. Und um unser Gespräch fortzusetzen, natürlich. Ich fand es nämlich fein.“

„Ja, ich auch“, rutschte es Saskia heraus. Es kam von Herzen.

Du meine Güte, ihr gelang es einfach nicht, in seiner Gegenwart auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. „Kaffee?“, rettete sie sich schließlich in die üblichen Pflichten einer Gastgeberin. „Aber wir könnten natürlich auch einen in der Stadt trinken gehen, wenn du möchtest. Da ist mehr los. Oder einen Tee. In der City gibt es ein neues Café. Das ist total …“

„Ich würde lieber hier mit dir sitzen und reden“, unterbrach Patrick sie mit gerunzelter Stirn. „Ja. Klar. Gut. Das geht auch.“ Saskia flüchtete regelrecht in die Küche und setzte gedankenverloren das Wasser für den Kaffee auf.

Wollte dieser Mann allen Ernstes mit ihr ganz unverbindlich plaudern, überlegte sie etwas später, während sie das kochende Wasser in den Filter goss. Nein, bestimmt nicht. Dafür hatte er sicher andere Leute. Obwohl es fast so aussah, als fühlte er sich in ihrer Gegenwart und ihrer Wohnung wohl. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Patrick stand plötzlich im Türrahmen und betrachtete sie schweigend. „Milch? Zucker?“, fragte sie. „Danke. Ich trinke ihn schwarz.“ „Ich auch. Aber Vorsicht! Ich brühe den Kaffee per Hand auf, wie du siehst. Der hat es in sich.“

Sie riskierte ein vorsichtiges Lächeln, was er ebenso vorsichtig erwiderte. Und für Saskia war das, als ob die Sonne mitten in ihrer kleinen Küche aufging. Nervös begann sie im Hängeschrank nach zwei Bechern zu kramen. Umständlich platzierte sie die auf einem Tablett, griff nach der Kanne, goss ein – und stieß einen ungläubigen Laut aus. Patrick kam neugierig näher, äugte in den Becher – und fing lauthals an zu lachen.

Saskia stieß fast die Kaffeekanne um bei Patricks Bemerkung

„Na, so kräftig wie sonst dürfte er diesmal nicht geworden sein“, stellte er schmunzelnd fest. „Du hast das Kaffeepulver vergessen.“

„Ja, das Pulver … Ich bin manchmal schon eine echte Schusseline“, räumte Saskia zerknirscht ein.

„Das ist aber ein schönes Wort. Hast du das selbst erfunden?“

„Ja.“ Sie lachte jetzt auch. „Doch sollte mal jemand anderes wagen, mich so zu nennen, der kann was erleben. Nur ich darf das.“ „Verstehe.“ Er zwinkerte ihr zu. Sie blickten sich an. Lediglich das Ticken der alten Uhr war zu hören. „Na ja, vielleicht könnte ich es irgendwann ertragen, wenn ein besonders lieber Mensch mich auch so nennt“, schränkte Saskia ihre Drohung ein. „Aber sonst – nein, unter keinen Umständen!“

„Ich werde es mir merken“, entgegnete Patrick trocken. „Wenn ich dich also mal ungestraft eine Schusseline nennen darf, dann stehen wir kurz vor der Hochzeit.“

Vor lauter Schreck über diese locker dahingeworfene Bemerkung hätte Saskia fast die Kaffeekanne umgestoßen. Was, um Himmels Willen, redete er denn da?

„Na, auf jeden Fall passt das zu dir. Worte zu erfinden, meine ich“, setzte Patrick rasch hinzu, als er ihre Verwirrung bemerkte.

Saskia nickte nachdenklich. Sie musste sich beherrschen, um nicht seinen Kopf zu umfassen und ihn an sich zu ziehen. Hochzeit …

Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Inneren aus. Doch eines war ihr glasklar: Wenn sie bei diesem weltgewandten Globetrotter in Sachen Liebe überhaupt auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, musste sie ihre Schwärmerei für ruhige, aber langweilige Spaziergänge und sich wie Kaugummi ziehende Abende vor flackerndem Kaminfeuer schnellstens vergessen und sich mit aller Kraft ins Leben stürzen! So wie er.

„Hast du vielleicht Lust, mit mir in einen Escape-Room zu gehen?“, platzte sie heraus. „Das ist bestimmt irre aufregend und macht richtig Spaß.“ Sabine hatte ihr einmal davon erzählt. Die Freundin hatte sich mit ihrer Familie und etlichen Bekannten einen spannenden Nachmittag gemacht und ausgiebig davon geschwärmt.

Patrick legte die Stirn in Falten. „Kenne ich nicht. Escape heißt Entkommen, ja. Aber wieso ein Raum? Was ist das denn?“

Nanu, dachte Saskia verwundert. Als Mann von Welt musste ihm dieser neueste Trend in der Unterhaltungsindustrie doch eigentlich geläufig sein. Seltsam.

„Oh, das ist so ein Raum, in dem man mit mehreren Leuten eingesperrt wird und gemeinsam etliche Rätsel lösen muss, um wieder herauszukommen. Man muss Schlüssel finden oder Geheimnummern aufspüren und so, damit die Tür aufgeht“, erläuterte Saskia.

„Aha.“ Das klang wenig begeistert und kam also nicht infrage. Sie überlegte fieberhaft. Was versprach denn sonst noch Amüsement und Action in der Stadt? Allzu viel Ahnung hatte sie nicht auf dem Gebiet, weil sie derartige Aktivitäten bislang gemieden hatte.

„Oder wir mieten uns ein Motorboot und donnern damit über das Wasser“, schlug sie als Nächstes vor. Eigentlich hasste sie diese lauten Dinger wie die Pest. Eher genoss sie es, in aller Ruhe um den See zu wandern und dabei den vielfachen Geräuschen der Natur zu lauschen. Doch in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen.

Allerdings entging ihr nicht, dass Patrick seine Überraschung über ihre Vorschläge verbergen musste. Sie triumphierte innerlich. Tja, damit hatte er eindeutig nicht gerechnet. Die langweilige Saskia entpuppte sich als Action-Girl!

„Na gut, wenn du meinst“, sagte er mit einem seltsamen Unterton in der Stimme, der wohl seiner Verblüffung geschuldet war. „Dann machen wir eben eine Bootsfahrt.“

Sie hatten sich gleich für den nächsten Nachmittag, einen Samstag, verabredet. Patrick wartete bereits wie ein altmodischer Kavalier am Steg der Bootsvermietung auf sie und lächelte ihr entgegen.

Saskia ging augenblicklich das Herz auf, und sie musste sich regelrecht zwingen, nicht ungestüm auf ihn zuzulaufen, sondern gemessenen Schrittes weiterzugehen.

„Da bin ich“, sagte sie ein wenig atemlos, als sie vor ihm stand.

Das Motorboot hatte Patrick abbestellt – war das eine Laune?

„Wie schön“, antwortete er. Einen kurzen Moment sagte keiner von ihnen etwas. Es war eine eigentümliche Stimmung, die zwischen ihnen herrschte. Angespannt, aber gleichzeitig überaus vertraut.

Saskias Herz begann dumpf zu klopfen. „Also, ich hab gleich gestern ein Motorboot bestellt …“, begann sie nervös, als sie das Schweigen nicht mehr aushielt.

„Ich habe es eben wieder abbestellt“, fiel Patrick ihr äußerlich ruhig ins Wort, doch Saskia bemerkte die Ader an seiner Stirn sehr wohl, die in einem schnellen

Rhythmus pochte. Keine Frage, er war ebenfalls nervös. „Sei mir bitte nicht böse deswegen.“

Sie schaute ihn verständnislos an. „Böse? Wieso sollte ich dir böse sein? Aber weshalb hast du das gemacht?“ Sie konnte sich nicht erklären, was das alles sollte.

„Also, ich möchte natürlich nichts über deinen Kopf hinweg bestimmen“, erklärte er. „Und doch habe ich es getan. Davon könntest du nicht gerade begeistert sein.“

„Ich bin nicht böse“, sagte Saskia mit fester Stimme. Und das entsprach der Wahrheit. Sie war viel mehr ausgesprochen neugierig, wohin das alles führen sollte. Denn dass Patrick ihren Plan nicht aus einer Laune heraus torpediert hatte, war ihr sonnenklar. Da musste etwas anderes dahinterstecken.

„Da bin ich wirklich erleichtert.“ Er entspannte sich ein wenig. „Weißt du“, fuhr er bedächtig fort und ohne sie aus den Augen zu lassen, „ich möchte dich lieber ganz gemütlich über den See rudern.“

„Au ja!“, entfuhr es Saskia spontan. Das war etwas für sie. Wie oft hatte sie sich bei ihren einsamen Spaziergängen um den See vorgestellt, mit einem lieben Menschen in einem der Ruderboote ein Picknick zu machen. Oder auch nur vor sich hin zu träumen, das sanfte Rascheln des Schilfs und das Plätschern des Wassers im Ohr …

„Dabei könnten wir nämlich reden, und es ist auch nicht so laut“, ergänzte Patrick, während er ihr Mienenspiel beobachtete. Plötzlich deutete er auf die prall gefüllte Tasche, die zu seinen Füßen stand und der Saskia bislang keine Beachtung geschenkt hatte. In seinen Augen stand ein freudiger Ausdruck. „Ich habe ein bisschen eingekauft. Damit wir auf See nicht verhungern. Ein bisschen Räucherlachs, ein bisschen Schinken. Dazu ein frisches Brot, einen würzigen Käse und einen Prosecco.“

Saskia riss sprachlos die Augen auf. „Wunderbar!“, gelang es ihr dann zu krächzen. Das war ja, als hätte er ihre geheimsten Gedanken gelesen. „Wirklich wunderbar.“

Patrick lachte leise, aber froh. „Puh“, murmelte er. „Ich dachte schon, du findest das langweilig.“

„Unsinn“, widersprach Saskia so heftig, dass Patrick sie mit einem liebevollen Blick bedachte.

„Weißt du“, fuhr er eifrig fort, „ich habe beruflich schon so viel Stress und Action, dass das für meinen Bedarf völlig ausreicht. Ich schätze es deshalb mittlerweile sehr, wenn es in meinem Privatleben etwas ruhiger zugeht.“

„Ach so ist das“, meinte Saskia. „Und ich habe gedacht …“

Er nickte mit ernster Miene. „Früher hättest du mit deiner Vermutung richtig gelegen. Da habe ich gefährliche Situationen und stressige Herausforderungen geradezu genossen.“ Er lachte. „Aber ich bin erwachsen geworden, Saskia. Natürlich – für ganz besondere Aufnahmen riskiere ich immer noch einiges. Aber nur, wenn es unvermeidbar ist, nie als Selbstzweck. Das wäre nicht das Leben, wie ich es mir wünsche.“

Er schenkte ihr einen tiefen Blick, der ihre Knie augenblicklich in Wackelpudding verwandelte. „Und was wünscht du dir heute von mir?“, fragte Saskia leise.

Er holte tief Luft. „Oh, das ist ganz einfach. Sei einfach du selbst. Sei einfach Saskia Nissen.“

Er ruderte gut und gleichmäßig. Saskia genoss die Wärme auf ihrer Haut und entspannte sich zusehends. Das war gar nicht so schwer. Sie sollte zu sich stehen, sich so geben, wie sie war, hatte er gesagt. Bitte, das konnte er gern haben.

Auf dem stillen See fühlte sich Saskia Patrick ganz nah

Still hörte sie dem Glucksen des Wassers und den gleichmäßigen Ruderschlägen zu, während sie geduldig wartete, in welche Richtung er das Gespräch lenken wollte. Doch Patrick schien zunächst damit zufrieden zu sein, schweigend mit ihr über den See zu rudern. Ihr war es nur recht. Sie fühlte sich ihm in diesen Minuten ganz nah.

„Schau mal, dort drüben hebt ein Graureiher ab“, sagte er plötzlich und wies mit dem Kinn Richtung Ufer. Mit majestätischen Flügelschlägen glitt der große Vogel jetzt dicht über die Wasseroberfläche.

„Und da vorn sitzt noch einer“, ergänzte Saskia im Flüsterton, während sie auf einen Baumstamm hinter seinem Rücken deutete.

„Ich könnte mich niemals mit einem Schreibtischjob zufriedengeben“, verkündete Patrick unvermutet. „Wo ich jeden Tag Punkt fünf Uhr Feierabend habe. Ich würde mich wie eingesperrt fühlen.“

„Aber das musst du doch auch nicht. Wer erwartet das denn von dir?“, wollte Saskia wissen.

Er räusperte sich umständlich. „Manche Frau würde das wohl tun.“ Seine Stimme klang rau.

„Die kann nicht nachvollziehen, was dich an deinem Beruf fasziniert“, entgegnete Saskia ruhig. „Aber du kannst es?“ „Ja“, sagte sie einfach. „Das ist doch gar nicht schwer. Wenn man sich einer Sache mit Haut und Haaren verschrieben hat, wird man nicht einfach Dienst nach Vorschrift schieben. Dann ist der Job das Leben. Oder zumindest ein sehr großer Teil davon.“

Patrick nickte. Dann schwiegen sie erneut für eine Weile.

„Aber ist es nicht manchmal eine recht einsame Angelegenheit, so allein durch die Welt zu reisen?“, tastete sich Saskia weiter vor. Das war eine Frage, die sie beschäftigte, seit sie ihn kennengelernt hatte. Für sie wäre das nämlich nichts. Sie benötigte einfach ein stabiles Umfeld mit Menschen, die sie kannte und denen sie vertraute.

Zu ihrer großen Erleichterung schien ihn diese doch sehr persönliche Frage keineswegs zu verstimmen. Im Gegenteil. „Und ob“, erwiderte er. Es kam hörbar aus tiefstem Herzen. „Die meisten Leute sehen immer nur das Unge- wöhnliche, Exotische, Faszinierende an meinem Job. Aufregende Safaris, Reisen mit einem Hauch von Gefahr! Dazu keine festen Arbeitszeiten, kein nörgelnder Chef und so gut bezahlt, dass ich davon leben kann, obwohl ich das Hobby zum Beruf gemacht habe.“

„Die Schokoladenseite also“, murmelte Saskia nachdenklich.

„Genau, die Schokoladenseite“, bestätigte Patrick. Es klang fast ein wenig bitter. „Aber die andere Seite ist eben nicht so toll. Ich sehne mich mittlerweile immer öfter nach einem festen Zuhause und nach einem Menschen, der auf mich wartet. Der mich liebevoll in den Arm nimmt und wissen will, wie es mir ergangen ist.“

„Bei Krustenbraten und Knödel womöglich?“ Saskia unterdrückte ein Lächeln. So unmöglich war die Vorstellung offenbar doch nicht.

„Oh ja“, stimmte Patrick ihr zu. „Bei Krustenbraten und Knödeln. Ich liebe deftige Hausmannskost.“

„Mhm, ich auch. Aber darum geht es dir im Kern gar nicht, oder? Um das Essen, meine ich.“

„Nein, darum geht es nicht“, bestätigte Patrick und sah sie an.

„Das glaube ich“, meinte Saskia verständnisvoll. „Jeder Mensch muss wissen, wohin er gehört.“

„Das sehe ich auch so.“ Patrick hörte auf zu rudern. „Aber das ist ein umfassendes und sehr ernstes Thema. Und dafür ist das Wetter eigentlich zu schön. Hast du Hunger?“ Er begann an der Tasche zu zerren, die hinter ihm stand. „Und wie!“ „Prima. Dann bereite ich mal eben rasch das Büfett vor.“ Sogar an eine kleine, schneeweiße Decke hatte er gedacht, die er schwungvoll über die mittlere Ruderbank zog. Die diente als Tisch, auf dem sich kurz darauf all die Leckereien verführerisch präsentierten. Saskia lief das Wasser im Mund zusammen, als Patrick sich im Schneidersitz gegenüber auf den Boden des Bootes hockte. „Lang bitte zu“, forderte er sie auf.

Saskia ließ sich nicht zweimal bitten. „Oh, tut das gut“, seufzte sie schließlich und wischte sich den Mund ab. „Da hattest du wirklich eine fantastische Idee. So etwas sollten wir öfter machen.“ Das war ihr spontan rausgerutscht.

Patrick beugte sich vor und murmelte: „Oh Schusseline …“

Er nickte und blickte sie plötzlich ernst an. „Ja, das werden wir öfter machen. Denn genau aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine Reisetätigkeit einzuschränken und mir hier in der Stadt eine größere Wohnung zu suchen.“

„Um mit mir Picknicks – oder heißt es Picknicke? – im Ruderboot veranstalten zu können?“, neckte Saskia ihn, ein bisschen beschwipst von dem Prosecco.

„Ganz genau“, bestätigte er.

„Das finde ich eine äußerst vernünftige Idee“, entgegnete sie.

„Nur vernünftig?“, fragte Patrick, während er sie intensiv musterte. „Oder auch … schön?“

Saskias Augen begannen zu leuchten. Dann gab sie sich einen Ruck. „Wenn du es ganz genau wissen willst, Patrick Brenner: Ich fände es wunderschön, wenn ich dich öfter sehen könnte.“

Er sagte nichts. Stattdessen stand er so ruckartig auf, dass das kleine Boot bedenklich zu kippeln begann, ballte die Fäuste, breitete die Arme aus und schmetterte ein triumphierendes „Jaaaa!“ über den See. Der Jubelschrei war so laut, dass der Reiher entsetzt von seinem Baum abhob und davonflog.

„Patrick?“, rief Saskia besorgt. 

Zu ihrer Überraschung sank er jetzt in einer geschmeidigen Bewegung auf die Knie, beugte sich zu ihr herüber und sah ihr in die Augen. „Saskia Nissen“, flüsterte er, „darf ich vielleicht irgendwann Schusseline zu dir sagen?“

„Oh Patrick.“ Saskia lachte, während sie zärtlich sein Gesicht in ihre Hände nahm. „Ja, das darfst du ab sofort. Aber nur wenn es angebracht ist, hörst du?“

„Oh Schusseline“, murmelte er und beugte sich noch weiter vor. Und dieses Mal erwachte Saskia nicht, als sich ihre Lippen trafen …

ENDE

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