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Wenn das Herz tanzt


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Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 28.10.2022

DER RATGEBER-KURZROMAN VON ANDREA EICHHORN

Artikelbild für den Artikel "Wenn das Herz tanzt" aus der Ausgabe 11/2022 von Ratgeber Frau und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 11/2022

Lächelndbog Leonie Weber mit der quirligen Jule an der Leine um die Ecke. Die Mischlingshündin schien es genauso wenig wie ihr Ersatzfrauchen zu stören, dass die Sonne sich bereits den ganzen Tag hinter dicken Wolken versteckte.

Eben hatte es auch noch zu nieseln begonnen, doch Leonie stapfte in ihren Gummistiefeln bestens gelaunt durch den Park. Leise seufzend strich sich die Mittdreißigerin eine lange dunkle Strähne hinters Ohr. Sie konnte es kaum erwarten, Thomas am nächsten Tag wiederzusehen. Ihren sympathischen Nachbarn, der drei Monate lang für eine IT-Firma in Kanada gearbeitet hatte. Seine kleine Jule hatte er in dieser Zeit bei Leonie gelassen, die Tanzschulbesitzerin hatte sich nur zu gern als Hundesitterin zur Verfügung gestellt. „Ich kann Jule mit zur Arbeit nehmen, das ist gar kein Problem“, hatte sie damals Thomas versichert, der ihr sofort ...

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Eben hatte es auch noch zu nieseln begonnen, doch Leonie stapfte in ihren Gummistiefeln bestens gelaunt durch den Park. Leise seufzend strich sich die Mittdreißigerin eine lange dunkle Strähne hinters Ohr. Sie konnte es kaum erwarten, Thomas am nächsten Tag wiederzusehen. Ihren sympathischen Nachbarn, der drei Monate lang für eine IT-Firma in Kanada gearbeitet hatte. Seine kleine Jule hatte er in dieser Zeit bei Leonie gelassen, die Tanzschulbesitzerin hatte sich nur zu gern als Hundesitterin zur Verfügung gestellt. „Ich kann Jule mit zur Arbeit nehmen, das ist gar kein Problem“, hatte sie damals Thomas versichert, der ihr sofort dankbar um den Hals gefallen war. Inzwischen war sie in das entzückende braune Wollknäuel völlig vernarrt. „Am liebsten würde ich dich gar nicht mehr hergeben“, raunte sie dem Hund zu und strich ihm übers Köpfchen.

Aber vielleicht war das auch gar nicht nötig. Leonies Herz machte prompt einen Hüpfer, als sie an Thomas’ Worte nur wenige Stunden vor seiner Abreise dachte. Sie standen zusammen auf einer Wiese, als ihr Nachbar sagte: „Ich habe dich sehr gern, Leonie. Eigentlich noch viel mehr. Natürlich weiß ich, dass du es seit zwei Jahren genießt, Single zu sein, aber …“

An dieser Stelle wurden sie von Jule und einem Golden Retriever, die ausgelassen miteinander umhertollten, fast umgerannt. Sie lachten laut auf, aber der zauberhafte Augenblick von eben war vorbei. Thomas hatte das Thema bei keinem ihrer Telefongespräche mehr aufgegriffen, aber Leonie war sich sicher: Sobald er wieder in Hamburg wäre, würden sie über ihre Gefühle füreinander reden. „Und das ist morgen!“, erklärte sie nun dem Hund, der sie so wissend anguckte, als ob er jedes Wort verstehen könnte.

Sie war die letzten drei Monate in sich gegangen und zu einem Entschluss gekommen: Auch wenn sie seit ihrer letzten Trennung um Männer einen weiten Bogen gemacht hatte, war etwas mit ihr passiert. Sie hatte Thomas vom ersten Tag seiner Abreise an vermisst.

Viel mehr als einfach nur einen guten Freund. „Ich bin wohl schon länger in ihn verliebt, als mir bewusst war“, flüsterte sie Jule ins Ohr, bevor die beiden Richtung Parkausgang liefen.

Kaum hatte Leonie die Tanzschule Taktvoll betreten, kam ihre Mitarbeiterin ihr entgegengelaufen. Nun ja, eigentlich stürmte Annika zur kleinen Jule, ging in die Knie und drückte den Hund an sich. „Da hat sich wohl noch jemand in die Kleine verknallt!“, rief Leonie lachend.

„Du sagst es“, murmelte die Angesprochene, „bevor Jule wieder zu deinem Nachbarn zurückkommt, entführe ich den kleinen Schatz.“ Leonie zog eine schiefe Grimasse. Annika war etwa gleich alt wie sie und die beiden Frauen verstanden sich wirklich gut. Aber ihre zart aufkeimende Liebe für Thomas hatte sie lieber für sich behalten. Sie hatte ihren Nachbarn ganze drei Monate nicht gesehen. Vielleicht waren seine Gefühle inzwischen abgekühlt? Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Daran wollte sie gar nicht denken. Sie kannte den Mann seit über einem Jahr, gleich nach seinem Einzug in die Nebenwohnung hatten sie sich angefreundet. Als flatterhaft würde sie ihn bestimmt nicht einschätzen. „Warum schüttelst du den Kopf?“, riss Annika sie aus ihren Gedanken.

„Ach, ich denke nur an den neuen Single-Tanzkurs heute Abend“, sagte sie rasch. „Der wird toll werden“, meinte die andere, „wer weiß, welche glücklichen Paare zusammenfinden werden.“ „Besser als jedes Blind Date“, bekräftigte Leonie.

Es machte ihr tatsächlich große Freude, zu sehen, wie unbeschwert sich die Singles beim Tanzkurs beschnuppern konnten. Nun guckte sie rasch auf die Uhr. Ups, bereits in einer Stunde sollte es losgehen! Sie würde nur noch Jules feuchtes Fell mit einem Handtuch trocken reiben und sich umziehen. Statt in Jeans und Gummistiefel würde sie im Tanzkurs in einem fließenden Kleid den Takt angeben. Sie wandte sich zum Gehen, da tippte ihr Annika auf die Schulter. „Jetzt hätte ich es fast vergessen: Dein Thomas hat vorhin angerufen. Offenbar ist er bereits wieder in der Stadt.“

Leonie blinzelte aufgeregt, bemühte sich jedoch sofort wieder um einen neutralen Gesichtsausdruck. „Tja, dann rufe ich ihn mal zurück.“ „Mach das“, sagte Annika und grinste breit von einem Ohr zum anderen. Leonie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. So viel zu ihrer „heimlichen“ Verliebtheit …

Vielleicht waren seine Gefühle inzwischen abgekühlt?

Als sie kurz darauf die Stimme von Thomas hörte, begann es wie verrückt in ihrem Bauch zu kribbeln. „Leonie, ich bin ganz in deiner Nähe“, erklärte er, „ich bin bereits heute Mittag zu Hause angekommen.“ „Da war ich wohl schon in der Tanzschule“, sagte sie wenig einfallsreich.

Aber was sollte sie auch machen? Sie stand wie unter Strom und ihr Hirn schien bloß aus Zuckerwatte zu bestehen! „Das habe ich mir gedacht“, entgegnete ihr charmanter Nachbar, sie konnte das Lächeln in seiner Stimme geradezu hören, „deshalb könnte ich doch gleich mal bei dir vorbeikommen?“„Klar, du möchtest bestimmt Jule sehen!“, kam es wie aus der Pistole geschossen von ihr zurück.

Kurz schien er zu zögern, dann meinte er: „Sicher. Und außerdem …“

Instinktiv hielt sie den Atem an, bestimmt würde er jetzt seine Gefühle ansprechen. Stattdessen erklärte er: „Heute beginnt doch ein neuer Tanzkurs bei euch. Wenn noch ein Platz frei ist, wäre ich gern dabei.“ „Du meinst den Single-Tanzkurs?“

In ihrem Kopf schwirrte es, da sagte Thomas nach einer kurzen Pause: „Ja, genau.“ Sie fühlte sich, als ob ihr jemand eine kräftige Ohrfeige verpasst hätte. Deutlicher hätte er es nicht sagen können, dass er keinerlei Interesse mehr an ihr hatte. „Vermutlich war alles nur eine kleine, bedeutungslose Schwärmerei“, schoss es ihr durch den Kopf, während sie sich bemühte, Haltung zu bewahren. „Für dich ist immer ein Platz frei“, meinte sie betont fröhlich, „der Kurs beginnt allerdings bereits in einer knappen Stunde.“ „Ich werde pünktlich sein“, sagte er und verabschiedete sich im heiteren Ton.

Leonie dagegen musste wie verrückt gegen aufsteigende Tränen ankämpfen. Annika bemerkte ihre üble Stimmung auch noch, als sie zwanzig Minuten später umgezogen und mit hochgesteckten Haaren zu ihr an den Tresen trat. „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte die Angestellte und musterte sie offenkundig besorgt.

Kurz überlegte Leonie eine Ausrede, doch dann sagte sie ehrlich: „Du weißt es ohnehin: Ich habe mich in Thomas verguckt und gleich wird er da sein …“ „Das ist großartig!“, jubelte Annika, „darüber solltest du dich freuen! Er ist doch auch in dich verliebt!“ „Wie kommst du denn darauf ?“, fragte Leonie irritiert nach. „Das sieht ein Blinder!“

Die Tanzschulbesitzerin zuckte frustriert mit den Schultern. „Vielleicht war das mal, bevor er nach Kanada gegangen ist. Aber jetzt möchte er einen Single-Tanzkurs bei uns besuchen.“ Annika blinzelte mehrmals. „Das kann Thomas doch nicht ernst meinen!“

„Was kann ich nicht ernst meinen?“, ertönte auf einmal eine nur zu bekannte männliche Stimme hinter ihnen. Erschrocken fuhren die beiden Frauen zusammen, sahen Thomas auf sie zukommen. Zum Glück stürmte Jule laut jaulend auf ihr Herrchen zu, so konnte sich Leonie ein wenig sammeln. Himmel, musste der große durchtrainierte Mann aber auch so attraktiv aussehen! Schließlich brachte sie sogar ein schiefes Lächeln zusammen, blieb aber stocksteif, als er sie umarmte. „Wir haben einen anderen Thomas gemeint“, flunkerte sie los. Annika ergänzte: „Er ist ein Kumpel meines Mannes und hat sich einfach danebenbenommen.“ Sie winkte ab, so als ob sie nicht darüber sprechen wollte und Thomas nickte bloß höflich. Dann wandte er sich erneut an Leonie: „Ich bin so froh, wieder hier zu sein. In Kanada war es schön, aber mein Zuhause ist Hamburg.“

Leonie musste gegen ihre Tränen ankämpfen

Wie Leonie fand, guckte er ihr frech in die Augen und sie spürte eine wahnsinnige Wut in sich hochkochen. Flirtete dieser Mann etwa mit ihr, kurz bevor er einen Single-Tanzkurs besuchte? Das Motto dieses Tanzkurses stand schließlich deutlich auf den Flyern: „Tanzen, Flirten und Verlieben“. Mit hochgezogener Augenbraue erwiderte sie: „Tja, den Michel und die Reeperbahn gibt es eben nur in Hamburg und nicht in Toronto.“

Thomas lächelte. „In Toronto gibt es auch deine Tanzschule nicht und …“ Weiter kam er nicht, denn Leonie wandte sich abrupt ab, um die ersten Gäste zu begrüßen. Es interessierte sie kein bisschen, wenn er ihr jetzt erzählen wollte, wie praktisch es für ihn war, in ihrer Tanzschule eine Frau kennenzulernen!

Bis der Kurs begann, würdigte sie Thomas keines Blickes mehr. Auch während der Tanzstunde sprach sie mit ihm nur das Nötigste. Sie bat demonstrativ andere Männer, mit ihr die Schritte vorzuzeigen. Als Thomas die Hand hob, um sich für den langsamen Walzer zur Verfügung zu stellen, „übersah“ sie ihn einfach. Dennoch entging es ihr nicht, dass die blonde Frau, die mit ihm tanzte, ihn geradezu anhimmelte. Es war nur schwer zu ertragen. In der Pause half sie Annika dabei, Getränke auszuschenken, hörte, wie die Blondine, die Bettina hieß, zu Thomas sagte: „Hast du Lust, nachher noch etwas trinken zu gehen?“

Thomas sah zu Leonie, die eben zwei Gläser Wein auf den Bartresen stellte, und zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Tut mir leid, aber ich lade die Tanzschulbesitzerin nachher zum Essen ein. Sie war so reizend und hat drei Monate lang meinen Hund gehütet, als ich im Ausland war.“

Bettina warf Leonie einen eindeutig vorwurfsvollen Blick zu, so als ob sie sagen wollte: „Na, prima. Hier sollen sich Paare finden und Sie funken dazwischen!“ „Es kann gern ein anderes Mal sein“, sagte Leonie und sah Thomas streng an. Zu ihr hatte er kein Wort von einer Essenseinladung gesagt und jetzt schwindelte er eindeutig: „Leonie, du hast dich doch so sehr auf die Pizza bei Giuseppe gefreut!“

Geradezu flehend sah er sie an, da konnte sie gar nicht anders, als zu sagen: „Stimmt. Von der Pizza Napoli träume ich bestimmt die letzten drei Nächte.“ Die blonde Bettina rollte mit den Augen und meinte schnippisch: „Kein Problem, es gibt hier auch noch andere interessante Typen.“ Sie schnappte sich ihr Weinglas und stellte sich ein wenig entfernt zu einer Gruppe Männer. Thomas zwinkerte Leonie wie einer Komplizin zu. Diese stöhnte leise auf.

Sie verstand nicht, was mit Thomas los war

Herrje, war sie jetzt auch dafür zuständig, ihm Frauen vom Hals zu halten, die er nicht so prickelnd fand? In der zweiten Kurshälfte tanzte er mit einer Katrin, die ihn sichtlich begeistert anlächelte. Er lächelte zurück und Leonie war sich ziemlich sicher, dass es zwischen den beiden ein wenig funkte. Umso erstaunter war sie, als Thomas nach Kursende zu ihr kam. „Sorry, dass ich dich nicht vorher gefragt habe, aber darf ich dich heute zum Essen einladen?“

„Was ist mit dieser Katrin?“ Nun schaute er sie fast entrüstet an, was ja nun wirklich die Höhe war. Empört stemmte Leonie die Hände in die Hüften. „Ist dir etwa keine Frau in meinem Kurs gut genug?“

Huch, was quasselte sie bloß für einen Unsinn! Thomas riss entsetzt die Augen auf, sagte aber kein Wort. Zum Glück kam Annika auf sie beide zu und rettete ihre Chefin aus dieser peinlichen Situation. „Darf ich noch mal mit Jule Gassi gehen, bevor du uns diesen Engel aus Fell wieder wegnimmst?“, fragte sie Thomas mit einem breiten Grinsen.

„Natürlich“, sagte er und fügte schnell hinzu: „Aber ich möchte euch Jule gar nicht wegnehmen. Da wäre der Hund bestimmt todtraurig, er liebt euch doch über alles.“ Er wandte sich an Leonie: „Wann immer du möchtest, kannst du Jule holen.“ „Prima Idee!“, sagte Annika erfreut und nahm den Hund an die Leine.

Im nächsten Moment war sie weg und Leonie stand Thomas ganz allein gegenüber. „Komm, lass uns gehen, ich habe Hunger“, sagte sie nicht eben freundlich. Thomas nickte bloß, dann setzten sie sich schweigend in Bewegung.

Auch während des Essens beim Italiener sprachen sie nicht viel. Leonie hatte absolut keine Lust, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie konzentrierte sich auf ihre Pizza und beantwortete Fragen bloß sehr einsilbig. Kaum hatte sie den letzten Bissen gemacht, schaute sie demonstrativ auf die Uhr. „Schon so spät! Ich muss ins Bett!“ „Alles klar“, murmelte Thomas und bezahlte die Rechnung. Erstaunt musterte sie ihn. Der Klang seiner Stimme eben hatte ziemlich niedergeschlagen auf sie gewirkt. Sie verstand nur nicht, was mit ihm los war. War er etwa enttäuscht, weil er nicht die Richtige beim Tanzkurs kennengelernt hatte? „Lass uns gehen“, sagte sie tonlos, da war er bereits auf die Straße gestürmt.

Draußen stand Annika und drückte Thomas die Leine von Jule in die Hand. Aufmunternd winkte sie Leonie zu, dann war sie auch schon um die nächste Ecke verschwunden. Auch Leonie und Thomas setzten sich stumm in Bewegung und sagten außer einem knappen Gute Nacht vor ihren Wohnungstüren kaum ein Wort zueinander. Als Leonie kurz darauf im Bett lag, konnte sie es nicht fassen, dass das Wiedersehen mit Thomas so dermaßen in die Hose gegangen war. Ein wenig tat es ihr nun sogar leid, dass sie so unfreundlich zu ihm gewesen war. Andererseits war seine Taktlosigkeit, vor ihrer Nase auf Frauenfang zu gehen, einfach skandalös! Unruhig warf sie sich von einer Seite auf die andere, sie würde unmöglich einschlafen können.

„Zu schade, dass Jule nicht mehr bei mir ist“, flüsterte sie in die Dunkelheit, „so könnte ich wenigstens eine Runde mit ihr drehen.“ In der nächsten Sekunde setzte sie sich auf. Eigentlich konnte sie das auch ohne Hund tun …

Draußen war es kalt und nebelig. Kein Mensch war mitten in der Nacht in ihrer Straße unterwegs. Ein mulmiges Gefühl stieg plötzlich in ihr hoch. Die Bewegung tat ihr gut, aber vielleicht sollte sie doch besser wieder umkehren? Trotzig lief sie weiter, schreckte gleich darauf zusammen, als eine große Gestalt im Nebel auf sie zukam. „Renn weg!“, rief ihr eine innere Stimme zu, da hörte sie einen Hund kläffen. „Jule!“, rief Leonie. Der kleine Hund freute sich wie verrückt, tat so, als ob sie sich mindestens tausend Jahre nicht gesehen hätten. Als sich Leonie wieder aufrichtete, sah sie in das erstaunte Gesicht von Thomas. „Ist alles okay bei dir?“, fragte er mit besorgter Stimme, „weil du so spät noch unterwegs bist …“

„Ich konnte nicht schlafen“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Ich auch nicht“, entgegnete er, „ich war völlig durcheinander, unser Wiedersehen hatte ich mir schließlich völlig anders vorgestellt.“ Die letzten Worte flüsterte er: „Obwohl es ja eigentlich klar war, dass du kein Interesse an einer Beziehung mit mir hast. Kein einziges Mal, wenn wir telefoniert haben, hast du mein Liebesgeständnis vor meiner Abreise angesprochen.“

Leonie starrte ihn verblüfft an. „Du hast auch nichts gesagt. Da dachte ich, wir sprechen darüber, wenn du wieder hier bist. Aber du hattest ja nichts Besseres zu tun, als gleich am ersten Tag einen Single-Tanzkurs bei mir zu besuchen, um eine Frau kennenzulernen!“ „Ich wollte einfach nur mit dir zusammen sein“, sagte er, „ich hätte dafür jeden deiner Tanzkurse besucht.“

Das Licht der Straßenlaterne spiegelte sich in seinen wunderschönen Augen, um Leonie drehte sich alles. „Das waren ja lauter Missverständnisse!“ „Kann man so sagen“, erwiderte er, „denn ich bin schrecklich in dich verliebt.“ Statt einer Antwort schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn. Er küsste sie zurück, es fühlte sich einfach wunderbar an. Eine kleine Ewigkeit standen sie so da und kamen nicht voneinander los. Inzwischen hatte es auch noch zu regnen begonnen, doch das störte niemanden. Auch nicht die Schmetterlinge, die in Leonies Bauch tanzten. Natürlich haargenau im richtigen Rhythmus …