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Wenn der Azubi endlich klingelt


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 23.12.2021

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 1/2022

Die Indoor-Saison klopfte schon wieder an die Tür. Nicht so wie der Weihnachtsmann, sondern mehr metaphorisch. Wahrscheinlich würde sie diesmal bis Ostern andauern, mit all den gelangweilten Kindern und dem Mann, der ständig die Wohnung aufräumt. – Zeit für neue Dielen.

Die Gardinen und die Tapete hatte ich schon beim letzten Lockdown runtergeholt. Diesmal sollte es etwas aufwendiger werden, damit sich die Wohnung eine Weile wie fremd anfühlt, als hätte die Sippe nach aufregender Reise irgendwo Quartier genommen.

Ich würde die einzige in unserem Haus sein, die sich traut, einfach alles rauszuruppen, ungeachtet der aktuell unverschämten Holzpreise. Natürlich hatte ich nicht vor, persönlich Hand anzulegen, schon beim Gedanken an körperliche Arbeit wird mir schwummrig. Ich beauftragte eine Fachfirma für Holzbodensanierung.

Nach einigen Bitt- und dann Drohanrufen und der Ankündigung, natürlich ...

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... fußbodenlegertypische Kaltgetränke vorrätig zu halten, kamen die Herren Facharbeiter tatsächlich eines Tages in meine gemütliche Fünfzimmerwohnung, um ihr Werk zu beginnen.

Um genau zu sein: Es kam ein Facharbeiter, der andere war sein Auszubildender. Der kam allerdings erst mal nicht. Mir war das egal, einer weniger, der den Sauerstoff wegatmet und mein Klo verseucht. Doch gegen Mittag wurde ich neugierig.

Ich hatte Bockwürstchen heiß gemacht und wollte wissen, ob ich einen oder zwei Pappteller anrichten solle und ob Ketchup oder Senf. Der Kollege – ich nannte ihn »Meister«, weil das Handwerker seit Hans Sachs so mögen, begann plötzlich laut zu denken: Positiv angenommen, der Azubi, von der Absicht beseelt, die Baustelle zu erreichen, habe die S-Bahn genommen – Schienenersatzverkehr, Personenvorfall bei 2G-Kontrolle und geklaute Schienen einberechnet, müsste er längst da sein. Er verschläft aber manchmal. Oft manchmal. »Ick sach, Junge, sach ick, stell ma Wecker. Sachter: nö.«

»Das kenne ich«, sagte ich, um mich solidarisch mit der Arbeiterklasse zu zeigen (ist eine Mehrfachmutter nicht auch einfach nur eine Arbeiterin!?). »Ein Wecker macht so unfrei.« Ich stellte die Bockwurstpappen in eine Ecke des aufgerissenen Raumes, aus dem »die Schüttung« in Gestalt von Schutt aus Nachkriegstagen quoll, und schlich mich raus.

Das Meisterhandy heulte auf, ein Porschemotor, es war der Azubi. »Wat? Schienenersatzverkehr und Akku leer und die Freundin hat ihre Tage und die Mutta brauchte Sie beim Ansätzefärben … Klar, vasteh ick. Kommste, wanns passt, wa!?«

Fast kamen mir die Tränen vor Rührung, so einfühlsam und nachsichtig wird heute mit der proletarischen Jugend umgegangen! Vielleicht ist die Menschheit doch noch nicht verloren und die Ausbeutung eine fakultative Veranstaltung. Früher wurden Azubis zum Bierholen abgerichtet und mussten Dixiklos mit der Kelle ausschöpfen. Heute werden sie gesiezt und mit Respekt behandelt. Nun war ich gespannt, was für ein wertvoller, jugendlicher Hoffnungsträger dieser Azubi sein mochte.

Es wurde Nachmittag, der Meister hatte schon den Kaffee genommen, und endlich läutete es. Er meldete sich mit »Icke bin’s!« an der Sprechanlage und stampfte keuchend die Treppen empor. »Tach, Meister, da bin ick! Jabs schon Mittag?«

Ich hörte, wie der Meister ein Lunchpaket auspackte und dem jungen Mann einen guten Appetit wünschte. Seine Frau hatte extra den Kartoffelsalat gemacht und morgen sollte es Schnitzel geben. Der Azubi aß, jedoch verstummten die Arbeitsgeräusche nicht – der Meister schuf weiter.

Was war hier los? Gehörte der Azubi einer Clanfamilie an, und hatte der Clan die Firma gekauft, bar natürlich? Oder verbindet die Männer ein romantisch-amouröses Verhältnis? Oder war der Azubi die Frucht eines außerehelichen meisterlichen Fehltrittes, an dem nun Gutes zu tun war?

Irritierend war auch, dass der junge Mann gar nicht jung war, sondern Mitte dreißig, sehr adipös, mit lichtem Haupthaar, und Zahnpflege war ihm fremd. Sehr langsam, in knappen Hauptsätzen erklärte der Meister, was zu tun sei. Eigentlich müsse Werkzeug nach oben geschleppt werden, vier Treppen. Der Azubi schüttelte nur den Kopf: »Weeste doch, ick darf doch nicht schwer heben, eijendlich überhaupt nüscht heben. Und Jugendschutz, weeste doch. Und uff de Knien jeht jarnich. Weeste doch och.« Er war dabei sehr sachlich und versuchte den Eindruck zu vermeiden, dass er den Meister tadele.

Der quälte sich mit der Achtzig-Kilo-Maschine auf dem Rücken die Treppen hoch, während der Bursche in meinem Eames-Sessel chillte, Selfies machte und E-Zigarette rauchte.

Das war zu viel für mein soziales Herz, ich musste einschreiten. Schließlich sollte der Fußboden noch vor Heiligabend fertig werden. Ich hatte alle verimpften Nachbarn (»geimpft« sind einfach Geimpfte, »Verimpfte sind doppelt!) schon zur Einweihungsparty eingeladen.

Wann denn der Herr gedenke, einen Hammer in die Hand zu nehmen, fragte ich mit einem verzeihenden Lächeln. Der Azubi schaute mich verwirrt an. Ein Hammer? An das Werkzeug dürfe er noch nicht, erklärte er. Erstes Lehrjahr, da soll man erst mal schnuppern. Aber er fände mich nett, sagte er, und wo denn die Toilette sei.

Schnuppern! Alles, was ich roch, war der bissige Schweißgeruch des Meisters, die Vanille-E-Kippe und das benutzte Klo. Wenn ich sein Chef wäre, sagte ich, würde ich mir jemand anderen suchen.

Plötzlich stand der Meister schnaubend vor mir. Er legte seine riesigen Zeigefinger auf seinen Schnurrbart und flüsterte: »Tscht, der haut sonst noch ab. Ick hab 200 Stellenanzeigen jeschaltet, bis sich ener jemeldet hat.«

Der Azubi grinste und sagte, dass er auch gerne Friseurin oder Tätowierer hätte werden können oder was mit Medien, »aber nischt mit Menschen, jibs zu wenig Kohle für«. Er habe nämlich einen Schulabschluss und Deutsch als Muttersprache. Da nähme ihn jeder. »Mit Kusshand«, sagte er.

Der Meister nickte ergeben und bedankte sich noch mal, dass er sich für ihn entschieden habe und ihm somit ein Stück seiner jugendlichen Lebenszeit schenke. Denn wer macht das schon noch, drei Jahre Ausbildung, wenig Geld und dann, wenn’s hart kommt, vier Treppen …

Ich musste ihm recht geben. Heutzutage lernt man ja sogar Kinderentbinden, Zähneziehen und Sicherheitsschlossknacken im zwanzig-minütigen Youtube-Video, warum also drei Jahre mit Brotbacken, Steineschichten oder Fußbodenlegen verschwenden. Umso schöner, dass dieser Betrieb seinen Nachwuchs gefunden hat.

Auch ich war nun endlich von Dankbarkeit erfüllt und kochte den Herren abermals Kaffee. Dabei übten wir gemeinsam die Malreihen, denn, sagte der aufstrebende Mitarbeiter, eine Prüfung stünde »zu allem Überfluss« auch noch an bei der Handwerkskammer, »die wollens wirklich wissen«. Dann versprach er, am nächsten Tag wiederzukommen. Allerdings zu unbestimmter Stunde. Vielleicht packt er da sogar mit an, wenn nichts dazwischen kommt »und der Rücken nichts dagegen hat«.

FELICE VON SENKBEIL