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Wenn der Lebens traum wahr wird


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Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 08.02.2022

OFF ROAD-Autor Jörg Sand: MITTENDRIN – STATT NUR DABEI

DAKAR CLASSIC SAUDI-ARABIEN 2022

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Bildquelle: Off Road, Ausgabe 3/2022

38 Jahre später stehe ich mit meinem Copiloten Bastian Klausing am Start der Dakar Classic. Wir haben ein Team gebildet mit sechs Fahrzeugen inklusive MAN Service Truck aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Würde man alle Probleme, Herausforderungen und Hindernisse aufzählen, die hier bewältigt werden mussten, hätte man ein Buch darüber schreiben müssen. Letztlich hatte aber jeder die 15 000 Euro Startgeld zusammenbekommen und ein fahrfähiges Auto in den Hafen von Marseilles gebracht.

Jetzt waren wir in Jeddah, 7 216 Kilometer in 12 Etappen lagen vor uns. Zunächst gab es Gelegenheit zur Testfahrt. Beim „Shakedown“ wurden wir mit den Aufgaben der nächsten zwei Wochen konfrontiert. Die Teilnehmer folgten routiniert dem Roadbook bis zur ersten Navigationsprüfung, ab da fuhren alle wie ein Haufen Hühner ...

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... wild durcheinander… toll!

Beim zweiten Versuch klappte es besser. Das beruhigte ein wenig. Die Dakar Classic hat drei Fahrzeugklassen (A -1986, B-1987-92, C-1993-1999) und drei Geschwindigkeitsklassen (H1-H3). Wir starteten in der Klasse H2A.

Am nächsten Tag folgten 840 Kilometer Autobahn zum Startort Hail. Das gab uns Zeit, das Auto zu studieren und Land und Leute, speziell deren Kamikaze-Fahrstil, kennenzulernen.

PROLOG

Die Dakar Classic ist eine „Regularity Rallye“. Es geht nicht um Highspeed, sondern um eine vorgegebene Geschwindigkeit. Dementsprechend steht im Roadbook neben den Navigationshinweisen das jeweilig zu fahrende Tempo. Fährt man schneller oder langsamer, gibt es Strafpunkte.

Bastian, der erstmals den Job als Co machte, hatte viele Fragezeichen im Gesicht.

Der Prolog bei Hail war mit seinen 22 Kilometern Prüfung und 105 Kilometer Überführung eine schonende Einführung. Wir rauschten gleich mal in eine Speedlimit-Zone rein … 200 Strafpunkte. Okay, das war lehrreich, würde uns nicht mehr passieren.

1. ETAPPE

Die erste, 309 Kilometer lange Etappe um Hail (mit 141 Kilometer Prüfung) war die Feuertaufe – unser 280GE ging sensationell gut. Der G schrie quasi danach, ihn doch bitte von der Kette zu lassen. Haben wir gemacht. Es hat tierisch Spaß gemacht und uns einen Tsunami an Strafpunkten eingebracht. Wir waren viel zu schnell gewesen. Am Abend wurden wir von Jacky Ickx besucht, der im Biwak seine alten Rennautos aufsuchte. Eine wirkliche Ehre und ein unvergesslicher Moment.

Der G schrie quasi danach, ihn doch bitte von der Kette zu lassen. Haben wir gemacht. Es hat tierisch Spaß gemacht und uns einen Tsunami an Strafpunkten eingebracht. Wir waren viel zu schnell gewesen. Am Abend wurden wir von Jacky Ickx besucht, der im Biwak seine alten Rennautos aufsuchte. Eine wirkliche Ehre und ein unvergesslicher Moment.

2. ETAPPE

Leider wurde die Prüfung auf der zweiten, 647 Kilometer langen Etappe nach Al-Qaisumah auf Grund von Überschwemmungen abgesagt. So ging es auf der Landstraße ins nächste Camp. Dort wartete eine 3 Grad kalte Nacht, ein warmer Schlafsack gehört ins Dakar-Gepäck!

3. ETAPPE

Mit der dritten Etappe um Al-Qaisumah waren wir im typischen Dakar- Trott angelangt: Aufstehen zwischen vier und fünf Uhr, dann 10-12 Stunden Auto fahren, essen, Auto reparieren, schlafen und alles wieder von vorne. Sonnenauf- und Sonnenuntergang findet hinter dem Lenkrad statt. 578 Kilometer – davon 247 in Wertung – in einem betagten Autoauf mörderischen Strecken sind hart. Da fällt man abends sehr müde und kaputt ins Zelt.

4. ETAPPE

Die vierte Etappe (551 Kilometer, davon 219 in Wertung) von Al-Qaisumah nach Riad: Während einer Navigationsprüfung stoppte vor uns plötzlich ein Mitsubishi Pajero gestoppt und fuhr nach links in unsere Spur, um zu wenden. Keine Chance für mich, noch auszuweichen oder zu bremsen. Wir krachten ihm daher volles Rohr in die Seite. Nach dem ersten Schock und einer Schadensanalyse: Unser

G war fahrfähig. Lediglich die Stoßstange und der GFK-Kotflügel hatten etwas abbekommen. Wir halfen den Niederländern, ihren Mitsu zu reparieren, und waren alsbald "back on the track". Am Abend erhielten wir abermals Strafpunkte, weil wir zu viel Zeit gebraucht hatten.

5. ETAPPE

Die 525 Kilometer Rundetappe bei Riad mit 229 Kilometern Prüfung sollte uns mit einm weiteren Mitsubishi in Kontakt bringen. Fünf Kilometer vor dem Ziel stand ein Grieche bei seinem Mitsu und winkte mit dem Bergegurt. Ehrensache, dass wir den mit ins Ziel schleppten. Abends fiel uns dann auf, dass unser G einen schleichenden Plattfuß hatte. Nach dem Radwechsel konnten wir uns dann allerdings nicht mehr dazu motivieren, der Fahrerbesprechung beizuwohnen. Das sollte sich rächen…

6. ETAPPE

Auf der sechsten, 425 Kilometer langen Etappe um Riad (mit 223 Kilometern Prüfung), versuchten wir uns, strikt an den Regularity Speed zu halten. Dabei durchfuhren wir zwei 30-km/h Zonen vorschriftsmäßig, die bei der vorabendlichen Fahrerbesprechung aufgehoben worden waren, erlaubt waren nun 65 km/h. Kurz vor Ende der Etappe hatten wir dann auch noch einen Platten. Wir hielten diesen Tag für einen schlechten Tag – wir wussten ja nicht, was noch kommen sollte.

Unsere Teamkollegen Adi und Ernst im Peugeot 504 Coupé konnten Etappe fünf nicht beenden und die sechste gar nicht erst fahren. Sie benötigten eine Riemenscheibe, die aus Deutschland nach Riageflogen werden musste. Bei den Zollformalitäten war unser Campnachbar Nasser Al-Attiyah (!) behilflich, der die Scheibe dann sogar persönlich vorbeibrachte!

RUHETAG

Der Ruhetag wurde zur Fahrzeugund Körperpflege genutzt. Endlich wieder ein Hotelzimmer mit eigener Dusche! Wir befreiten auch den G von Staub und Dreck und kümmerten uns um die dringend benötigten Ersatzreifen. Bastian beschäftigte sich mit den Zeittabellen und der Stoppuhr, um eventuell doch noch die Sache mit der Regularity in den Griff zu bekommen. Die Top-Teams hatten alle einen Rallyecomputer, der dem Fahrer anzeigt, ob er schneller oder langsamer fahren muss. Von dem 2 000 Euro teuren Helfer hatten wir vorher nie etwas gehört, lernten aber jetzt: Wer wirklich vorne mitfahren will, braucht dieses Gerät.

7. ETAPPE

Etappe sieben von Riad nach Al- Dawadimi (542 Kilometer davon 268 auf Zeit): Unser Teamkollege Fritz Becker, der sich mit seinem Toyota J8 bis auf Platz 35 vorgefahren hatte, musste die Etappe kurz nach dem Start abbrechen. Er hatte sich in einem Graben die Vorderachse verbogen. Er fuhr auf der Landstraße ins Camp und besorgte sich eine gebrauchte Achse vom Schrottplatz. Der zweite Toyota – ein J6 mit Mirko Ürmösi – überstand die Etappe, aber er hatte einen Verkehrsunfall im letzten Kreisverkehr vor dem Biwak. Ein paar Hammerschläge – und am Abend sah der J6 wieder halbwegs normal aus. Toyota halt ...

8. ETAPPE

Also auf zur achten Etappe von Al Dawadimi nach Wadi Da Wasir, mit 743 Kilometern Überführung und 291 Kilometern Sonderprüfung die längste Etappe der Rallye: eine Folge endloser Folterstrecken für Mensch und Material. Grobschotterpisten im Wechsel mit endlosen Wadis, die mit Felsen gespickt waren, enge Felstäler und Pisten mit tiefem Sand. Wir waren glücklich, die Etappe schadlos überstanden zu haben. Zwei verunfallte Fahrzeuge und mehrere Liegengebliebene haben wir auf dem Weg gesehen. Unser G lief drei Viertel der ultraharten Etappe völlig problemlos, aber im letzten Viertel bekam er ab 4 000 Umdrehungen nicht mehr genug Benzin. Wir retteten uns gerade so ins Ziel. Unser Mechaniker Matthias tauschte daraufhin abends den Benzinfilter – das Problem schien vorerst einmal behoben zu sein.

9. ETAPPE

Bereits am Start der 674 Kilometer langen Etappe neun um Wadi Dawasir fühlte sich Bastian nicht gut. Die Etappe war hart und wir mussten zweimal anhalten, um den Benzinfilter von Dreck zu befreien. Die 242 Kilometer Wertungsprüfung zogen sich dahin wie Kaugummi. Als wir ins Biwak kamen, setzte ich Bastian sofort im Medical Center ab. 39 Grad Fieber, Covid-Test negativ, aber wenn das Fieber nicht runtergehe, werde er ausgeflogen nach Jeddah. Damit wäre unsere Rallye beendet.

Nach der ersten Infusion war das Fieber weg, er bekam drei weitere und ging danach sofort schlafen. Bei der Recherche nach dem Grund für unser Benzinproblem geriet die Tankentlüftung ins Visier. Ich rüste Luftfilter für die Entlüftung nach und hoffe, dass es hilft.

10. ETAPPE

Etappe zehn, die Etappe des Grauens. Bastian sah immer noch nicht gut aus, aber wir wollten die Rallye unbedingt beenden. Wir nahmen die 458 Kilometer lange Strecke nach Bisha auf uns. Bereits nach gut einem Viertel der 278 Kilometer Sonderprüfung machte der Benzinfilter wieder Ärger. Anhalten, freiklopfen, warten, weiterfahren. Das Ganze zwei Mal bis zur Hälfte der Etappe. Dann ließ sich kein Gang mehr schalten. Also: anhalten und nachschauen! Ein Sperrblech des Schaltgestänges war ab, das Teil hatte sich wohl verabschiedet. So dengelten wir dann ein neues Sperrblech aus einem nicht wichtigen Teil des G. Hielt ganz gut! Aber bei der Reparatur fiel mir auf, dass der vordere linke Stoßdämpfer unten in der Halterung abgerissen war! Das Auto fuhr sich die letzten 20 Kilometer auch irgendwie seltsam. Also: Stoßdämpfer ausgebaut. Das externe Reservoir des Stoßdämpfers ließ sich mit unserem Bordwerkzeug nicht abbauen. Wir entschlossen uns, den Dämpfer bis ins Biwak provisorisch auf dem Kotflügel zu verzurren. Weiter ging es. Es folgten Pisten, die eng zwischen Büschen durchgingen. Ein Gebüsch riss uns dann leider den Stoßdämpfer von der Haube. Ich bremste, um das Teil einzusammeln. Das Auto ging aus und startete nicht mehr – es kam zu wenig Benzin an. Nachdem ich den Dämpfer eingesammelt hatte (das Reservoir war durch den Einschlag einwandfrei abgebaut worden), wendete ich mich dem Benzinfilter zu. Zehn Minuten später fuhren wir wieder, bis wir 7 Kilometer vor dem Ziel erneut liegen blieben, weil kein Benzin ankam. Nach 15 Minuten lief der Wagen wieder und wir kamen völlig fertig im Ziel an. Am Abend schweißte Matthias den Dämpfer wieder an, ich legte die Benzinpumpe frei und reinigte sie. Für mehr fehlte mir einfach die Kraft – irgendwann musste ich ja auch mal schlafen.

11. ETAPPE

Spätestens ab Etappe elf ging es nur noch darum, ins Ziel zu kommen. Es stand der Rundkurs um Bisha an – 298 Kilometer, davon 186 in Wertung. Fritz war mit seinem Toyota wieder am Start. Unser Glief bis 5 000 Umdrehungen problemlos. Das reichte, um die Etappe zu überstehen, aber auf der Hälfte riss der Stoßdämpfer wieder ab. Allerdings war sowieso eher ein gemäßigtes Tempo angesagt. Kurz vor dem Ziel stand Fritz – beim Toyota hatte sich das Radlager vorn links pulverisiert. Der Lada Niva aus unserem Team fuhr auf der Landstraße ins Biwak – Probleme mit dem Vergaser. Mittlerweile gingen wir alle auf dem Zahnfleisch.

12. ETAPPE

Die letzte Etappe, 608 Kilometer nach Jeddah – davon nur 89 in Wertung. Wir starteten mit nur drei Stoßdämpfern, die 89 Kilometer musste der G also in diesem maladen Zustand schaffen – und das tat er auch. Wir zählten jeden Kilometer runter und horchten auf jedes Geräusch im Auto. Endlich geschafft! Etappenziel erreicht! Jetzt musste der G nur noch die restlichen 286 Kilometer Landstraße schaffen. Auch das klappte! Überglücklich, diese große mentale und körperliche Herausforderung gemeistert zu haben, fielen wir ins wohlverdiente Hotelbett in Jeddah.

Alle unsere Teammitglieder waren in Jeddah angekommen. Unsere holländischen Freunde Sander und Onno hatten mit ihrem 280GE sogar ihre Klasse (H1A) gewonnen. Wir wurden in unserer Gruppe (H2A) Sechste. Die Dakar Classic 2022 war ein Abenteuer, eine gewaltige Herausforderung und sie war und bleibt immer mein Traum. Ich bin dankbar, dass ich sie erleben durfte. ■

T | Jörg Sand F | Teams