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Wenn der Nachtmahr kommt


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 09.09.2022

SCHLAFPARALYSE

Ich liege im Bett und kann mich nicht bewegen. Die Augen geschlossen, das Atmen fällt mir schwer. Ich fühle mich wie lebendig begraben. Seltsame Geräusche dringen an mein Ohr: Es rauscht, brummt, ein Stimmengewirr. Mein Herz rast. Verzweifelt versuche ich, mich zu bewegen, zu schreien. Nichts passiert. Ich bekomme Angst. Nur indem ich mich extrem anstrenge, gelingt es mir, die Augenlider leicht zu heben. Nach einer gefühlten Ewigkeit kann ich allmählich eine Hand, dann den Kopf, schließlich den Rest des Körpers bewegen. Was zum Teufel war das?

So sah mein erstes Erlebnis einer Schlafparalyse aus, mitunter auch Schlafstarre oder Schlaflähmung genannt. »Normalerweise tritt diese Atonie der Muskeln nur im REM-Schlaf auf«, sagt die Neurologin und Schlafmedizinerin Anna Heidbreder von der Medizinischen Universität Innsbruck. Atonie ist der medizinische Fachbegriff für das Fehlen von ...

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... Spannung in der Muskulatur, und REM steht für »rapid eye movement«, jene schnellen Augenbewegungen, die den Traumschlaf charakterisieren. Tatsächlich ähnelt das Aktivitätsmuster vieler Neurone in dieser Schlafphase dem im Wachzustand. Entsprechend lebhaft und komplex sind die Handlungen, die wir während des REM-Schlafs ausführen – oder besser: ausführen würden, wären wir in jener Phase nicht gelähmt.

»Die Atonie schützt uns davor, Trauminhalte aktiv auszuleben und uns womöglich zu verletzen«, erklärt Heidbreder. Hierfür wird der motorische Kortex im Gehirn, der die Muskeln steuert, mehr oder weniger stummgeschaltet. Impulse, die dort entstehen, werden im REM-Schlaf nicht oder nur unvollständig weitergeleitet.

»Bei einer Schlafparalyse besteht diese Atonie fort, während die Person schon im Wachbewusstsein ist«, so die Schlafmedizinerin weiter. »Es handelt sich um eine Art unvollständiges Erwachen.« Ähnliches kann auch beim Einschlafen passieren. Die Folge ist der von mir eingangs beschriebene Lähmungszustand bei vollem Bewusstsein.

Die Schlafparalyse lässt sich folglich neurophysiologisch damit erklären, dass jene hemmenden und aktivierenden Netzwerke im Gehirn, die unseren Schlaf regulieren, nicht richtig zusammenarbeiten. Wie genau es dazu kommt, ist noch unklar; allerdings scheint das Phänomen relativ weit verbreitet zu sein.

In einer Metaanalyse der Psychologen Brian Sharpless und Jacques Barber von 2011, in die Daten von mehr als 36 000 Studienteilnehmern einflossen, haben 7,6 Prozent Begünstigt werde das Phänomen vor allem von Schlafmangel, unregelmäßigen Schlaf-wach-Zeiten sowie Jetlags, so Stefani und Högl. »Wir wissen, dass die Paralyse eher in ungewöhnlichen Schlafsituationen auftritt«, sagt Heidbreder. »Der Klassiker ist das Einnicken nach einem Nachtdienst.« Solche Umstände ergeben sich vermehrt bei Schichtarbeit, nach Schlafentzug oder infolge der Zeitumstellung nach einem Langstreckenflug.

UNSER AUTOR

Janosch Deeg ist Physiker und Wissenschaftsjournalist in Heidelberg. Sein erstes Schlafparalyse-Erlebnis liegt mittlerweile mehr als 20 Jahre zurück.

Auf einen Blick: Nächtliches Erweckungserlebnis

1Während einer so genannten Schlafparalyse nehmen Menschen die für den REM-Schlaf typische Lähmung des eigenen Körpers bewusst war. Häufig ist dieses Erleben mit Ängsten und Halluzinationen verbunden.

2Offenbar handelt es sich um ein meist kurzfristiges Zwischenstadium auf halbem Weg vom Schlaf- zum Wachzustand. Manche Menschen mit Schlafparalysen berichten vermehrt von Klarträumen.

3Gefährlich ist das Phänomen an sich nicht, bei großem Leidensdruck und Schlafproblemen ist therapeutische Hilfe jedoch sinnvoll. Hier geht es vor allem darum, die nächtlichen Erfahrungen neu zu bewerten. der Bevölkerung mindestens einmal die Schlaflähmung bewusst erlebt. Unter Patienten mit einer psychischen Störung wie etwa Panikattacken lag der Anteil sogar bei rund einem Drittel (siehe »Lebenszeitprävalenz der Schlafparalyse«).

2022 präsentierten der Mediziner Maurice Ohayon von der Stanford University und sein in Schweden tätiger Kollege Amir Pakpour Ergebnisse einer Langzeituntersuchung, für die zwischen 2002 und 2015 gut 10 000 US-Amerikaner mehrmals telefonisch interviewt worden waren. Fast jeder zehnte Teilnehmer berichtete über mindestens eine Schlafparalyse innerhalb eines Jahres. Und 2020 schätzten Ambra Stefani und Birgit Högl von der Universität Innsbruck, dass es bei bis zu 40 Prozent der Menschen einmal im Leben zu einer solchen kommt.

Rückenschläfer trifft es eher

Mehrere Studien ergaben außerdem, dass eine Paralyse häufiger beim Schlafen in der Rückenlage als in Seitenlage auftritt. In einer Übersichtsarbeit von 2018 nennen Forscher um Dan Denis von der Harvard Medical School in Boston eine Reihe weiterer Risikofaktoren wie Stress, genetische Einflüsse, Drogenkonsum, körperliche Erkrankungen oder auch psychische Störungen. Besonders eng scheint der »Nachtmahr« demnach mit dem Posttraumatischen Belastungssyndrom verknüpft zu sein.

Wie lange eine Schlafparalyse im Schnitt anhält, ist schwer zu bestimmen, da fast ausschließlich Selbstauskünfte von Betroffenen vorliegen. Dabei kann das subjektive Zeiterleben allerdings sehr leicht täuschen. Heidbreder hält eine mittlere Dauer von einigen Sekunden für realistisch.

Gefährlich ist eine solche Schlafstarre zunächst einmal nicht, und sie endet so gut wie immer von selbst. Tritt sie ohne Hinweis auf andere Erkrankungen wie eine Schlaf-Atmung-Störung auf, spricht man von einer isolierten Schlafparalyse. Im Labor lässt sich das Phänomen aber kaum untersuchen, da es zumeist selten und unregelmäßig auftritt. Heidbreder oder der psychologische Psychotherapeut Erik Hüttmann, der sich auf Schlafstörungen spezialisiert hat, versuchen dennoch, die Paralyse zu ergründen, wenn sie eher zufällig im Schlaflabor passiert (siehe Interview ab S. 70).

Wird der Zustand regelmäßig und als belastend erlebt, diagnostiziert man zunächst häufig eine Schlafstörung. Der Begriff »Schlafparalyse« wird dabei meist als Synonym für die Störung verwendet, die natürliche Lähmung hingegen als »REM-Schlaf-Atonie«.

Dass Schlafparalysen zu handfesten psychischen Problemen führen können, verdeutlichen die Erlebnisberichte von Betroffenen. Etliche Furcht einflößende Erfahrungen hat zum Beispiel Manuela Grünewälder durchlebt. »Angefangen hat es, als ich ungefähr 14 war«, erinnert sie sich. Bis Ende 20 habe sie »viele heftige Paralysenächte« erlebt, dann wurden sie etwas seltener. Eines der letzten Erlebnisse beschreibt si

Ich wurde wach, war aber immer noch wie gelähmt. Ich sah eine Marionette mit Zylinder, die draußen vor meinem Fenster tanzte. Sie sagte, ich habe sie gerufen. Habe ich aber nicht! Sie stieg durch die Scheibe in meine Wohnung. Mit jedem Schritt wurde sie größer und verwandelte sich in eine riesenhafte männliche Gestalt. Sie beugte sich über mich und griff mich mit krallenartigen Händen. Ich konnte mich nicht bewegen und versuchte vergeblich zu schreien. Ich war dem Geschöpf wehrlos ausgeliefert. Es fasste mich an die Genitalien. Irgendwann bin ich endlich richtig wach geworden und konnte lange nicht mehr einschlafen.

Inzwischen hat sich Manuela Grünewälder eine Technik zurechtgelegt, mit der sie den Spuk meist beenden kann, noch ehe er beginnt: »Sobald ich das Gefühl habe, es könnte gleich losgehen, rolle ich mit den Augen«, sagt sie. Das funktioniere nicht jedes Mal, aber immerhin in vielen Fällen.

Heidbreder kennt solche Schreckgeschichten aus ihrem eigenen Klinikalltag: »Viele Menschen sehen bedrohliche Gestalten und Wesen im Zimmer. Manche berichten, jemand habe auf der Brust gesessen oder sie hätten keine Luft mehr bekommen.« Letzteres erklärt die Neurologin damit, dass im REM-Schlaf sogar teil- weise die Atemhilfsmuskulatur von der Atonie betroffen ist. Weil die Atmung dadurch ungewöhnlich flach ausfällt und das für die Betroffenen zunächst nicht zu ändern ist, haben diese oft das Gefühl, schlechter Luft zu bekommen. Verstärkt wird das noch durch die mentale Anspannung.

Die Halluzinationen wiederum seien schlichtweg Trauminhalte, die aus dem REM-Schlaf ins Wachbewusstsein dringen. Allerdings, so Heidbreder, sind die Wahrnehmungen während der Paralyse häufig untypisch für Trauminhalte.

Aus genau diesem Grund überzeugt den Psychologen Gerhard Mayer vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg das übliche schlafmedizinische Erklärungsmodell nicht so ganz. »Menschen träumen in der Regel von bekannten Personen, die sie aus dem Alltag kennen«, sagt er. In der Schlafparalyse tauchten dagegen zumeist eher sonderbare Wesen auf.

Schlafparalyse in Zahlen

2018 starteten Gerhard Mayer und Max Fuhrmann eine Onlineumfrage unter Menschen, die Schlafparalysen erleben. Über das Internet konnten sie insgesamt 380 Teilnehmer und Teilnehmerinnen rekrutieren. Die Befragten hatten durchschnittlich mehr als zehn Schlafparalyseerfahrungen erlebt.

Von visuellen Wahrnehmungen berichteten fast zwei Drittel. Die Hälfte davon hat bereits mindestens einmal eine dunkle oder graue Gestalt wahrgenommen. Mitunter wurden die Wesen auch als Dämonen, Hexen oder Geister beschrieben. Ebenfalls zwei Drittel berichteten von seltsamen Geräuschen – etwa Summen, Brummen oder Stimmengewirr. Ein ähnlicher Anteil erlebte sensorische Wahrnehmungen wie Kribbeln, Taubheit oder Vibrationen.

Darüber hinaus berichten viele von Empfindungen wie Schweben, Fliegen, Fallen oder Sichdrehen.

Selbst Berührungen haben mehr als die Hälfte mindestens einmal verspürt.

Eine Vergewaltigungserfahrung machten nach eigenen Angaben zehn Prozent einmal, drei Prozent bereits mehrmals. Oft wird die Schlafparalyse durch Angst- und Ohnmachtsgefühle begleitet. Mehr als 60 Prozent gaben an, während der Schlafparalyse schon Todesangst gehabt zu haben. Aber die Erfahrungen sind nicht immer negativ. So berichtete immerhin jeder Fünfte in der Umfrage von einem Glücksgefühl, und rund die Hälfte verspürte bereits einmal Neugierde während des Erlebnisses. Etliche gaben außerdem an, dass sie von dem Zustand oft in einen Klartraum übergehen oder außerkörperliche Erfahrungen machen.

Fast zwei Drittel der Teilnehmer erklärten, dass sie sich an begleitende Umstände im Zusammenhang mit ihrer Schlafparalyse erinnern.

Dabei wurden drei Hauptfaktoren genannt: unregelmäßiger Schlaf, starke Emotionen sowie privater und beruflicher Stress. Allerdings schätzten mehr als die Hälfte der Befragten ihre Schlafgewohnheiten eher als regelmäßig ein; nur rund ein Drittel gab Gegenteiliges an.

Bei 40 Prozent endet die Schlafparalyse meist von allein – sie schlafen entweder ein oder wachen ganz auf. Bei 60 Prozent bedarf es einer starken Willensanstrengung, um die Schlafparalyse zu beenden. Hierbei kann die Bewegung eines Fingers oder der Augen helfen. Andere sprechen ein Gebet oder nutzen andere Strategien.

Mayer, G., Fuhrmann, M.: A German online survey of people who have experienced sleep paralysis. Journal of Sleep Research 31, 2022 Mayer, G., Fuhrmann, M.: Sleep paralysis and extraordinary experiences. Journal of Anomalous Experience and Cognition 2, 2022

Was Menschen bei einer Schlafparalyse schon mindestens einmal empfanden:

Was Menschen bei einer Schlafparalyse schon mindestens einmal empfanden:

Nicht immer fühlen sich Menschen von ihren nächtlichen Halluzinationen bedroht. Manche erleben sie als äußerst angenehm

Gemeinsam mit dem Kultur- und Religionswissenschaftler Max Fuhrmann veröffentlichte Mayer Ergebnisse aus einer Onlineumfrage zum Thema Schlaf- paralyse unter 380 Betroffenen in Deutschland (siehe »Schlafparalyse in Zahlen«). Demnach nehmen viele während einer Schlafparalyse graue Gestalten wahr. »Das ist kein typischer Trauminhalt im REM-Schlaf«, so Mayer. Doch wenn die Halluzinationen in der Schlafparalyse keine Trauminhalte sind, die das Wachbewusstsein erreichen, was sind sie dann?

Baland Jalal von der Harvard University und Vilayanur Ramachandran vom Center for Brain and Cognition an der University of California in San Diego spekulierten 2014 darüber, dass eine funktionelle Störung des rechten parietalen Kortex die schattenhaften nächtlichen Eindringlinge erklären könnte. Die Halluzination könnte aus einer gestörten multisensorischen Verarbeitung entstehen; die humanoide Gestalt wäre somit eine Art Projektion des eigenen Körperbilds. In einem Fachartikel von 2017 vermuteten die Forscher darüber hinaus einen Zusammenhang mit den Spiegelneuronen. Diese Nervenzellen im prämotorischen Kortex feuern auch dann, wenn man einer anderen Person beim Ausführen einer Handlung zusieht. Das ermöglicht es weiteren Hirnzentren, die Absicht der anderen Person zu erschließen. Die Wissenschaftler glauben, dass womöglich eine überschießende Aktivität des Spiegelneuronensystems zur Wahrnehmung der »grauen Gestalten« beiträgt. Beweisen lässt sich das jedoch nicht.

Nicht immer fühlen sich Menschen von ihren nächtlichen Halluzinationen bedroht. Im Gegenteil: Manche erleben den Zustand als äußerst angenehm. Heidbreder ist ein Fall aus ihrer Praxis besonders in Erinnerung geblieben: »Eine Patientin mit Narkolepsie wurde medikamentös so gut eingestellt, dass sie heute keine Schlafparalysen mehr hat. Sie war aber sehr unglücklich darüber, weil sie den Zustand stets als angenehm und inspirierend erlebte.«

Je öfter die Paralysen, desto größer die Bandbreite der Erfahrungen

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Mayer und Fuhrmann bei ihrer breit angelegten Schlafparalyse-Umfrage, deren Ergebnisse sie 2022 veröffentlichten (siehe »Schlafparalyse in Zahlen«): Vor allem wenn die Schlaflähmungen vergleichsweise häufig auftreten, führe das zu einer größeren Vielfalt an Erfahrungen, die oft auch positiv bewertet werden. Hierbei sei der Erfahrungsfokus weniger auf externe Objekte als auf die eigene Wahrnehmung gerichtet.

Manche würden den Zustand sogar aktiv nutzen, um neue Möglichkeiten zu erkunden, erzählt Mayer. So können Schlafparalysen mitunter in luzides Träumen übergehen (siehe »Träume lenken«). Das kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen: Meine Paralysen enden am ehesten, wenn ich einfach wieder einschlafe. Der Wechsel in die Traumwelt geschieht dabei manchmal bei vollem Bewusstsein. Ich drifte dann in einen Klartraum ab.

Der Traumforscher Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim bestätigt, dass Personen, die häufiger als andere luzide Träume haben, auch vermehrt von Schlafparalysen betroffen sind. »Dass eine Schlafparalyse in einen Klartraum übergeht, ist allerdings per Definition unplausibel, weil die Schlafparalyse ein Wachzustand ist und Klarträume fast immer im REM-Schlaf stattfinden«, so Schredl. Die Berichte von derartigen Erfahrungen erklärt er folgendermaßen: »Die Art des Erlebens kann vergleichbar sein, da es aber im Wachzustand passiert, ist es dem Tagtraum näher als dem Schlaftraum. Vielleicht braucht man für solche Erlebnisse einen neuen Begriff.«

Träume lenken

Manche Menschen können sich darüber bewusst werden, dass sie gerade träumen. Sie sind dann oft in der Lage, das Traumgeschehen aktiv zu beeinflussen. In solchen Fällen spricht man von einem Klartraum oder luziden Traum. Fachleute vermuten, dass im Prinzip jeder Mensch diese Fähigkeit besitzt. Laut einer repräsentativen Umfrage von 2011 hatte rund die Hälfte der Deutschen mindestens einmal in ihrem Leben einen luziden Traum. Um regelmäßig Klarträume zu erleben, gibt es verschiedene Techniken. Eine der bekannten ist der so genannte Realitätscheck. Dabei muss man tagsüber immer wieder überprüfen, ob man gerade wach ist – etwa durch Kneifen in den Arm. Irgendwann führt man diesen Test auch im Traum durch. Hier spürt man aber nichts und wird sich so bewusst, dass man gerade träumt. Mitunter lassen sich in luziden Träumen motorische Fähigkeiten trainieren. In einer Befragung von 2012 unter 840 deutschen Athleten gaben neun Prozent an, dass sie die Klarträume zum Training nutzen.

Schredl, M., Erlacher, D.: Frequency of lucid dreaming in a representative German sample. Perceptual and Motor Skills 112, 2011 Erlacher, D. et al.: Frequency of lucid dreams and lucid dream practice in German athletes. Imagination, Cognition and Personality 31, 2012

Astralreisen als Fehlverortung des Körpers

Bei außerkörperlichen Erfahrungen (AKE) haben die Betroffenen das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen. Manche berichten, dass sie sich dabei selbst von oben betrachten. Der Zustand kann bei Übermüdung oder bei Klarträumen auftreten, in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oder unter Einfluss von psychoaktiven Drogen. Häufig wird auch im Rahmen einer Nahtoderfahrung über AKE berichtet. Wie das Erlebnis zu Stande kommt, ist noch unklar. Im Labor konnte ein Team um den Neurowissenschaftler Olaf Blanke bereits 2002 mittels der Stimulation einzelner Hirnregionen AKE hervorrufen. Laut einem Erklärungsmodell scheitert das Gehirn in diesen Fällen daran, multisensorische Informationen aus dem eigenen Körper zu verarbeiten. So komme es zu einer fehlerhaften Verortung des Körpers, die als AKE erlebt wird. Allerdings kennen Wissenschaftler den zu Grunde liegenden neurobiologischen Mechanismus noch nicht vollständig. In spirituellen Kreisen nimmt man an, dass die »feinstoffliche Seele« den »materiellen Körper« verlässt. Vereinzelt berichten Menschen darüber, dass sie in diesem Zustand so genannte »Astralreisen« unternehmen und sich in anderen »Sphären« oder »Dimensionen« bewegen.

Blanke, O., Arzy, S.: The out-of-body experience: Disturbed self-processing at the temporo-parietal junction. Neuroscientist 11, 2005

Mayer sagt hingegen, der »Wachzustand« während der Schlafparalyse könne direkt in den REM-Zustand des Schlafens übergehen, wie es auch von Narkolepsiepatienten bekannt sei. Dieser Übergang könne im Bewusstsein geschehen, dass man gerade träumt – ein Klartraum würde beginnen.

Neben dem Gefühl, in einen luziden Traum abzugleiten, sind ebenso außerkörperliche Erfahrungen (AKE) in Zusammenhang mit Schlafparalysen bekannt (siehe »Astralreisen als Fehlverortung des Körpers«). Nach aktuellem Stand der Forschung gelten diese ebenfalls als Halluzinationen.

»Astralreisende« selbst sehen das oft anders, so wie Timo Erdtmann. Er hatte seit seiner Kindheit bis zum Alter von 33 Jahren regelmäßig Furcht erregende Schlafparalysen. Dann hörte er zum ersten Mal vom Phänomen der »Astralreise«. Das habe ihm die Angst vor dem Zustand genommen und ihm eine neue Welt eröffnet, die er nun seit vielen Jahren erkundet: »Körperempfindungen und seltsame Geräu- sche kündigen bei mir eine Astralreise an. Wenn ich aus meinem Körper austrete, befinde ich mich meist in dem Raum, wo ich gerade schlafe, manchmal aber auch an unbekannten Orten – zum Beispiel auf einer Insel, auf einem belebten Platz oder in irgendeinem Gebäude. Wände sind in der astralen Welt keine Hindernisse, man fliegt einfach hindurch. Es ist unglaublich faszinierend.«

Während seiner Ausflüge könne er nach eigener Aussage auch Dämonen, Engel und andere Wesen wahrnehmen. Für ihn handelt es sich dabei um »kollektive Gedanken und Energien«, die eigene Formen annehmen – eine Interpretation, wie sie in anderen Kulturen in ähnlicher Weise existieren.

»In Japan wird die Ursache für Schlafparalysen entweder Stress oder Erschöpfung zugeschrieben oder aber Geistern, die mit uns in Kontakt treten«, erklärt Gerhard Mayer. Die beiden Fälle würde man klar voneinander trennen, wie Mayer zusammen mit Fuhrmann in einer Übersichtsarbeit zu dem Thema aus dem Jahr 2016

Lebenszeitprävalenz der Schlafparalyse

In eine große Übersichtsstudie von 2011 flossen wissenschaftliche Arbeiten mit insgesamt mehr als 36 000 Teilnehmern ein. Das ergab für verschiedene Bevölkerungsgruppen folgende Anteile an Menschen, die schon einmal im Leben eine Schlafparalyse erlebt haben: darlegt. Darin beschreiben sie unter anderem verschiedene Erklärungsmodelle für die Schlafstarre in unterschiedlichen Kulturkreisen.

Auffällig ist, wie weit verbreitet beispielsweise in Japan das Wissen um die Schlafparalyse ist. Eine Befragung von 635 Studierenden ergab 1987, dass 98 Prozent das Phänomen namens »kanashibari« kannten. Laut Zahlen von 1999 hat rund ein Drittel der japanischen Bevölkerung Erfahrungen mit Schlafparalysen – deutlich mehr als in der westlichen Welt. Dieser Unterschied lasse sich einerseits auf eine fehlende Standardisierung in der Befragung und auf heterogene Stichproben zurückführen. Andererseits spielen aber auch kulturelle Faktoren eine Rolle, so Mayer und Fuhrmann.

Ähnliches zeigen Untersuchungen von Baland Jalal und seinem Kollegen Devon Hinton von der Harvard Medical School. Bei einem interkulturellen Vergleich der Schlaflähmung stellen sie fest, dass Ägypter diese viel mehr fürchteten als etwa Dänen. Zugleich treten Schlaflähmungen bei Ägyptern dreimal häufiger auf als in Dänemark. Bestimmte kulturelle Erklärungsmuster und Überzeugungen können offenbar die genaue Natur der Erlebnisse beeinflussen, schlussfolgern die Wissenschaftler.

Abenteuerlustige experimentieren, Ängstliche geraten in Panik

Fuhrmann hält die Schlafparalyse dennoch für ein universell menschliches Phänomen, das unabhängig von Epoche oder Kultur erlebt wurde und wird. Und dabei geht es nicht nur um den körperlichen Lähmungszustand, sondern auch um charakteristische Halluzinationen. Neben den grauen Gestalten würden viele Betroffene zum Beispiel schlurfende Schritte wahrnehmen, berichtet Fuhrmann. »Vermutlich liegt die Grundlage für solche Erfahrungen in der Biologie des Menschen und wird nur kulturell eingekleidet«, erklärt Gerhard Mayer. Heißt: Ein neurobiologisch eigentlich gleiches Erlebnis kann je nach den vorherrschenden Erklärungsmustern oder Glaubenssystemen ganz anders gedeutet werden.

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Mayer findet, man dürfe das Phänomen nicht zu sehr auf die neurobiologische Ebene reduzieren. Ihm zufolge hängt der Umgang damit auch von der individuellen Persönlichkeit ab: »Es gibt Einzelne, die über Jahre mit dem Zustand experimentieren und unglaubliche Dinge wie außerkörperliche Erfahrungen erleben.« Abenteuerlustige, neugierige Menschen testen aus, was in diesem Bewusstseinszustand möglich ist; ängstliche Menschen, die gern die Kontrolle haben, geraten dagegen eher in Panik.

Bemerkenswert sei, dass etliche Betroffene religiöse, spirituelle oder übernatürliche Deutungen des Phänomens der schlafmedizinischen Erklärung vorziehen würden, so der Kulturwissenschaftler Fuhrmann.

»Oft fühlen sich die Eindrücke völlig real an, manche begründen gar ihre Glaubensvorstellungen damit.« Vermutlich hält die Intensität der Erlebnisse viele auch davon ab, darüber zu sprechen. Man könnte ja als verrückt abgestempelt werden, wenn einen nächtens sonderbare Gestalten heimsuchen.

»Manche werden immer noch schräg angeschaut, wenn sie sagen, sie hätten eine Schlafparalyse erlebt«, erklärt Fuhrmann. Seiner Meinung nach sei mehr gesellschaftliche Akzeptanz des Phänomens nötig, damit Menschen mit Schlafparalyse nicht unnötig ausgegrenzt werden. Das gelingt in der Regel am besten durch Aufklärung, wie alle Fachleute betonen. Allein schon das Wissen über das Phänomen und seine Ungefährlichkeit nimmt den Betroffenen die Furcht. Genauso ging es auch mir persönlich: Machte mir die erste Schlafstarre zunächst gehörig Angst, gehe ich inzwischen viel offener und neugieriger damit um.

QUELLEN

Denis, D. et al.: A systematic review of variables associated with sleep paralysis. Sleep Medicine Reviews 38, 2018

Fuhrmann, M., Mayer, G.: Schlafparalyse: Phänomenologie, Deutung, Coping. Zeitschrift für Anomalistik 16, 2016

Ohayon, M. M., Pakpour, A. H.: Prevalence, incidence, evolution and associated factors of sleep paralysis in a longitudinal study of the US general population. Sleep Medicine 98, 2022

Sharpless, B. A., Barber, J. P.: Lifetime prevalence rates of sleep paralysis: A systematic review. Sleep Medicine Reviews 15, 2011

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2047095