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WENN DER ZAUBER SCHMILZT


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 23.09.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 10/2022

EISKOGELHÖHLE

ÖSTERREICH

Das Wasser, das in Eishöhlen wie dieser im Tennengebirge südlich von Salzburg einsickert, gefriert zu faszinierenden Strukturen: herabstürzende eisige Spitzen und Zacken, von unten aufsteigende Pyramiden. Manche davon sind Tausende Jahre alt.

EL CENOTE

ITALIEN

Schmelzender Winterschnee füllt eine Senke in den Dolomiten, in der sich bis 1994 ein See befand. Dann entdeckten Forscher, dass der See verschwunden war. Ein Eisstöpsel, der ein Loch am Grund verschlossen hatte, war geschmolzen, das Wasser in eine darunterliegende, 285 Meter tiefe Eishöhle abgeflossen.

Die National

Geographic Society setzt sich dafür ein, die Wunder unserer Erde zu zeigen und zu schützen. Seit 2018 finanziert sie die Höhlenfotografie des Explorers Robbie Shone.

ALS KIND HATTE KAROLINE ZANKER einen magischen Spielplatz. Von ihrem Zuhause im malerischen österreichischen Dorf Sankt Martin im Salzburger Land ...

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... wanderte sie, vorbei an einer kleinen Wallfahrtskirche, hinauf in die Loferer Steinberge, bis knapp unterhalb der Baumgrenze. Auf einer Höhe von 1585 Metern schlüpfte sie durch eine schmale Öffnung im Kalkstein und kroch in den Berg. In der Prax-Eishöhle, sagt sie, war es wie in einem Märchen.

Eis ergoss sich wie gefrorene Wasserfälle von der Höhlendecke. Aus den Böden der Hunderte Meter langen Gänge ragten eisige Türme empor.

An den Wänden glitzerten Eiskristalle wie kostbare Edelsteine. „Es war unglaublich beeindruckend“, erinnert sich Zanker, heute 48 Jahre alt und von Beruf Höhlenführerin.

Wegen der Klimaerwärmung ist dieses Märchen für immer verloren. Letzten Herbst kroch, kletterte und schlängelte ich mich stundenlang durch die Prax-Eishöhle, richtete meine Stirnlampe in die entlegensten Winkel in der Hoffnung, wenigstens einen Rest dessen zu entdecken, was die kleine Karoline vor all den Jahren verzaubert hatte. Aber das Thermometer zeigte etwa drei Grad an. Nirgends war ein Eiskristall zu entdecken. „Vielleicht ist es an der Zeit, das ‚Eis‘ aus dem offiziellen Namen der Höhle zu streichen“, sagt Zanker.

HÖHLENENTSTEHEN AM häufigsten in Kalkstein und Dolomit, Gestein, das von saurem Regenwasser besonders löslich ist. Im Laufe Hunderttausender Jahre wäscht von der Oberfläche herabfließendes Wasser Gänge und Hohlräume aus, die mitunter groß genug sind, um Flüssen und Seen Raum zu bieten. Aus dem Wasser, das in die Höhlen tropft, lösen sich Mineralien und bilden Stalaktiten, die von der Decke hängen, und Stalagmiten, die aus dem Boden wachsen.

Niemand weiß genau, wie viele Eishöhlen es gibt, doch zweifellos sind sie in den Alpen zahlreicher als irgendwo sonst. Allein in Österreich hat man etwa 1200 entdeckt, im Nordosten Italiens gibt es mehrere Hundert weitere. In manchen Höhlen führt der Höhenunterschied zwischen Ein- und Ausgang zu einem starken Kamineffekt: Fallen im Winter die Außentemperaturen weit unter die im Höhleninneren, steigt die wärmere, leichtere Innenluft auf und entweicht durch die höher gelegenen Ausgänge. Kalte, frische Luft wird gleichzeitig in die tiefer gelegenen Eingänge gesogen. So kühlt die Höhle ab. Im Sommer kehrt sich der Luftstrom um. Durch den Kamineffekt bleiben die unteren Bereiche der Höhle das ganze Jahr über kühl.

AM ENDE DES SCHACHTS LANDEN WIR AUF WEICHEM BODEN. DUNKELHEIT UMHÜLLT UNS. ES KNIRSCHT UNTER DEN STIEFELN: WIR SIND AUF EIS GESTOSSEN.

Unsere abergläubischen Vorfahren mieden solche Orte, weil sie glaubten, die kalte Luft, die aus ihnen herauswehte, sei der Atem des Teufels. Andere waren pragmatisch und nutzten die Höhlen als Kühlräume und sogar zum Schlittschuhlaufen. Schon früher bewunderte man ihre Schönheit und fertigte Zeichnungen davon für frühe Wissenschaftszeitschriften an.

Die Formationen, die in diesen alten Illustrationen dargestellt sind, wird man heute nicht mehr finden; zu viel Eis ist geschmolzen. Damit verlieren wir nicht nur ein weiteres der großen Wunder unseres Planeten, sondern auch einen Schlüssel zu seiner Geschichte, sagt der Paläoklimatologe Aurel Persoiu vom rumänischen Emil-Racovita-Institut für Höhlenkunde. „Diese Eishöhlen sind wie ein Klimaarchiv“, sagt er – ähnlich wie Tiefseesedimente oder polares Eis.

In der Scărișoara-Höhle im rumänischen Apuseni-Gebirge ist Persoiu einen 47 Meter tiefen Schacht hinuntergeklettert, um einen Eisblock zu erreichen, dessen Oberfläche etwa so groß ist wie ein halbes Fußballfeld. Die Radiokarbondatierung von Fledermausguano oder Pflanzenmaterial, das im Eis eingeschlossen ist, gibt ihm Aufschluss darüber, wann das Eis im Zuge historischer Klimaveränderungen wuchs oder abnahm. Die ältesten Eisproben, die er entnommen hatte, waren mehr als 10 000 Jahre alt.

Chemische Analysen des Eises ergaben, dass der meiste Niederschlag in der Region bis vor etwa 5000 Jahren aus dem Atlantischen Ozean stammte und sich dann auf das östliche Mittelmeer verlagerte. Heute sind in Scărișoara und anderen Eishöhlen in den Alpen große Veränderungen im Gange: Ihr Eis nimmt durch die Erwärmung der Luft und die zunehmenden Sommerniederschläge ab. „Es ist, als würde man warmes Wasser auf das Eis gießen“, sagt Persoiu.

2018 entdeckte er unweit von Scărișoara eine vielversprechende neue Höhle, die er zu untersuchen hoffte. „Als wir vier Jahre später zurückkamen, gab es dort kein Eis mehr“, sagt er. „Es war komplett geschmolzen.“

AUFEINER KLEINEN Lichtung östlich des österreichischen Nationalparks Gesäuse schließt der Paläoklimatologe Tanguy Racine den Reißverschluss seines türkisblauen, abriebfesten Anzugs und zieht den Kinnriemen seines Helms fest. Es ist Herbst. Rundum hängen wilde Himbeeren in den Büschen, in einer Tanne hämmert ein Specht. Doch Racine sieht nur das dunkle, klaffende Loch zu seinen Füßen. Ein kleines Schild weist es als Eingang zur Beilstein-Eishöhle aus.

Als der Franzose sich vor Jahren als Studienanfänger am Imperial College London einschrieb, ließ er sich an einem Stand, der für den Höhlenverein warb, von freundlichen Mitgliedern dazu überreden, an einer Expedition zu einer 30 Kilometer langen Höhle in Wales teilzunehmen. Beinahe hätte er sich verlaufen – und das war es, was ihn fesselte. „Man ist zwar nur fünf Meter vom Eingang entfernt, hat aber das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, weit weg von der Zivilisation“, sagt er. Höhlenforscher scherzen, dass ihr Hobby die Weltraumforschung des armen Mannes sei.

Die Hände um ein Seil geschlungen, beginnen Racine und seine Kollegen von der Universität Innsbruck – der leitende Wissenschaftler Christoph Spötl, Gabriella Koltai und Chloe Snowling –, sich in Beilstein abzuseilen. Zögernd folge ich ihnen. Das Hämmern des Spechtes verstummt. Am Ende des Schachts landen wir auf weichem Boden und mit Flechten bedecktem Fels. Während wir fast horizontal weitergehen, umfängt uns die Dunkelheit. Ein paar Meter weiter beginnen die Spikes unserer Wanderschuhe zu kratzen und zu knirschen. Wir sind auf Eis gestoßen.

Eine Zeichnung dieser Höhle aus dem Jahr 1881 zeigt einen Mann, der eine Fackel vor einer tsunamihohen Eiswand in der Nähe meterhoher Eiszapfen hochhält. Jetzt ist nur noch der Eisblock unter unseren Füßen übrig. Radarmessungen zeigen, dass er zehn Meter dick sein könnte.

Entlang der Felswand entdecken Racine und Snowling dort, wo sich das schmelzende Eis von der Wand gelöst hat, einen Spalt, der einen kleinen Schacht freigibt. Er führt näher an den Boden des Eisblocks heran – und damit tiefer in die Vergangenheit. Die beiden quetschen sich hinunter, Brust gegen Fels, Rücken gegen Eis. Sie verschwinden. Als sie sich eine Stunde später mit Eispickeln und Seilen wieder nach oben ziehen, haben sie neues Material zum Analysieren.

„Dies ist Forschung, die früher nicht möglich war und in etwa zehn Jahren nicht mehr möglich sein wird, wenn ein Großteil des Eises verschwunden ist“, sagt Racine.

In der Zwischenzeit haben Koltai und Spötl einen Bohrer zusammengebaut und beginnen, von oben ins Eis zu bohren. Stück für Stück gewinnen sie Kernproben, die etwa den Durchmesser eines Kaffeebechers haben. Mit einer Miniaturhandsäge schneidet Koltai kleinere Brocken heraus, um sie ins Labor mitzunehmen. Als sie ein Stück in einen Probenbeutel fallen lässt und die Tiefe – 375 Zentimeter – markiert, strahlt sie angesichts eines dunklen Stücks organischer Materie, das im Eis eingeschlossen ist. Es stammt von einem Grashalm oder Blatt, das einst in die Höhle getragen wurde. Radiokarbonmessungen werden später ergeben, dass das Fragment aus dem 15. Jahrhundert kommt.

DAS SCHMELZENDE EIS ERMÖGLICHT FORSCHUNG, DIE MIT IHM NICHT MÖGLICH WAR UND NACH SEINEM VERSCHWINDEN UNMÖGLICH SEIN WIRD.

Viele solcher wissenschaftlicher Bemühungen sind allerdings zum Scheitern verurteilt; die Ressourcen der Forscher sind begrenzt, die Eishöhlen zahlreich, die Schmelzgeschwindigkeit ist hoch. Glaziologen planen bereits, Bohrkerne aus den Alpengletschern in die Antarktis zu transportieren, wo, so Persoiu, zumindest in absehbarer Zeit „nichts so schief gehen kann, dass das ganze Eis schmilzt“.

IM TENNENGEBIRGE wandere ich hinauf zur größten bekannten Eishöhle der Erde: der Eisriesenwelt. Sie liegt etwa eine Autostunde südlich von Salzburg und ist seit rund 100 Jahren eine Touristenattraktion. Als der Höhlenführer Franz Reinstadler an diesem Herbsttag die Tür zur Höhle aufstößt, wirft mich der Windstoß beinahe um. Im Inneren steigen wir 700 Stufen hinauf, vorbei an Eiskegeln und wellenförmigen Formationen, deren Eisschichten von weiß bis fast neonblau reichen. Selbst hier herrscht Verfall. Eine fünf Meter dicke Figur, der sogenannte Elefant, hat keinen Rüssel mehr. Im Sommer patrouilliert Reinstadler mit einem kleinkalibrigen Gewehr durch die Höhle, um instabile Eiszapfen zu zerschießen, bevor sie auf die Besucher fallen können.

Nach den Auswirkungen des Klimawandels befragt, antwortet er ausweichend. „Es gibt so vieles, was wir noch nicht über die Höhlen oder das Eis wissen“, sagt er. Dann fügt er hinzu: „Es ist am besten, sie jetzt zu besuchen.“ Denn heute, inmitten der Eisriesen, gefriert ihm noch immer der Atem.

Aus dem Englischen von Anne Sander

Die österreichische Journalistin Denise Hruby befasst sich mit dem Einfluss des Klimawandels auf die Alpen. Der Fotograf Robbie Shone lebt in Innsbruck. Seit 22 Jahren erforscht er Höhlen.