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„Wenn es uns gefällt, gefällt es auch Gott“


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.07.2019

Katholische Kirchenmusik im heutigen China


Der Radetzky-Marsch am Altar! In China ist das nicht undenkbar. Der starke Einfluss europäischer Musik führt in der katholischen Kirchenmusik zu Mischformen. Aber die traditionelle chinesische Musik aus den heimischen religiösen Traditionen wird auch für die Musik in katholischen Kirchen und davor genutzt. Eine kompakte Darstellung einer faszinierenden Kultursynthese.

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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 4/2019

Li Ma (* 1972): nach dem Studium der Musikwissenschaft an der Musikhochschule Xi‘an in China studierte sie Musikwissenschaft, katholische Theologie und Deutsch als Fremdsprache in Eichstätt, Bamberg ...

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Li Ma (* 1972): nach dem Studium der Musikwissenschaft an der Musikhochschule Xi‘an in China studierte sie Musikwissenschaft, katholische Theologie und Deutsch als Fremdsprache in Eichstätt, Bamberg und Würzburg, 2012 Promotion im Fach Ethnomusikologie an der Universität Würzburg, 2009–2014 Arbeit als Lehrbeauftragte an der katholischen Universität Ingolstadt- Eichstätt im Fach Musikwissenschaft (Bereich Musik außereuropäischer Kulturen), seit 2017 arbeitet Assistenzprofessorin an der Universität für Kunst in Nanjing Chinas, Autorin vonChina heute .

Durch „Indigenisierung“ oder „Einheimischwerdung“ wird die christliche Musik in China zu einer Ausdrucksform der „sinochristlichen“ Kultur. In dieser Musik zeigt sich eine facettenreiche Musiksprache, entstanden aus der Verschmelzung der eigenen und der fremden Kultur. So kann z. B. ein chinesisches Lied nach westlicher Manier harmonisiert werden. Oft spielen die traditionellen chinesischen Orchester im Gottesdienst eine Musik, die der Hofmusik oder der buddhistischen bzw. daoistischen (taoistischen) Tempelmusik entstammt. Meistens wird die Herkunft aus unterschiedlichen chinesischen Quellen der in der christlichen Liturgie verwendeten Musik durch eine neue spezifisch christliche Namensgebung verschleiert. Es ist auch häufig so, dass traditionelle chinesische und europäische Instrumente zusammen im Gottesdienst spielen. Neben dem Gregorianischen Choral und dem Dur- Moll-Musiksystem haben buddhistische und daoistische Tempelmusik sowie die Pentatonik einen gleichberechtigten Platz in den christlichen Kirchen gefunden. Zwei unterschiedliche Kulturen präsentieren sich hier entweder komplementär nebeneinander oder synkretistisch miteinander und ineinander. Diese Erscheinungsformen sollen im Folgenden vorgestellt werden. Dabei stützte ich mich auf Feldforschungen, die im Rahmen meines ethnomusikologischen Promotionsprojekts von 2006 bis 2008 in elf Diözesen, die sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten liegen, durchgeführt wurden.

Die Feldforschung

Konkrete Beispiele aus Feldforschungen zeigen deutlich, dass Musik im Gottesdienst und ihre Instrumentalausstattung zwischen Stadt und Land differieren. In den Städten werden z. B. im Gottesdienst fast ausschließlich europäische Musikinstrumente gespielt. In Peking und Shanghai werden darüber hinaus häufig lateinische oder englische Kirchenlieder gesungen. Auf dem Land, besonders in Nordchina, ist die christliche Kirchenmusik mehr den traditionellen chinesischen Einflüssen ausgesetzt; eine starke kreative Vermischung aus europäischen und chinesischen Elementen kann festgestellt werden. Neben einem Harmonium gibt es fast in jeder Kirche auf dem Land jeweils ein europäisches Blasorchester, ein traditionelles chinesisches Kammermusikensemble und eine Trommel-Becken-Gruppe. Ohne Veränderungen des traditionellen Repertoires und der Instrumentalausstattungen bieten chinesische Ensembles sogenannte „Kirchenmusik“ in der katholischen Kirche an und beteiligen sich an der Glaubensverkündigung. In manchen Orten spielen traditionelle chinesische Ensembles schon seit über hundert Jahren in der Kirche, obwohl sie ursprüng lich für die Volksreligion, Ahnenverehrungen und Beerdigungen im Dorf zuständig waren. Seit ihre Mitglieder getauft wurden, gestalten sie katholische Gottesdienste musikalisch. Die Gläubigen nennen sie „Katholische Musikvereine“ (tianzhujiao yinyuehui). Ihr Repertoire ist eine Mischung aus chinesischen und europäischen Elementen. Die beliebtesten europäischen Lieder wurden mit chinesischen Instrumenten gespielt, z. B. „Adeste fideles“ und „Engel singen Himmelslieder“. Meistens wird für die aus unterschiedlichen chinesischen Quellen stammende Musik, die in der christlichen Liturgie verwendet wird, ein neuer, spezifisch christlicher Name verwendet. So wird zum Beispiel das chinesische Musikstück „Xiao kai meng“ (Mach die kleine Tür auf) mit dem christlichen Titel „Credo“ benannt. Aus dem chinesischen Namen kann geschlossen werden, dass dieses Musikstück auch in buddhistischen und daoistischen Tempeln gespielt wurde.

Der katholische Musikerverein Xiliulin. Man kann die Mundorgel Sheng, die Querflöte Dizi und die zweisaitige Geige Erhu, die Fasstrommel Dagu, den großen Gong Luound die große Zimbel Cha erkennen.


„Adeste fideles“ mit chinesischen Instrumenten


„Christianisierung“ traditioneller Lieder


Musik innerhalb und außerhalb der Kirchen


Die Beeinflussung des christlichen Gottesdienstes durch die chinesischen Religionen und deren religiöse Musik lässt sich anhand der instrumentalen Ausstattungen und der Aufführungspraxis des traditionellen chinesischen Musikensembles im katholischen Gottesdienst in ländlichen Gebieten Nordchinas erkennen. Melodieinstrumente, d. h. traditionelle Kammermusikensembles und europäische Blasorchester, spielen in der Kirche, rhythmische Instrumente wie Trommeln und Beckengruppen dagegen außerhalb. Man nannte diese Musik: „Weng“- und „Wu“-Musik, also ruhige und dynamische Musik. Sie erinnert an die traditionelle Musikperformanz der Konfuzius-Verehrung. Zwei Musikensembles wirken zusammen: Ein Melodiemusikensemble spielt auf der Terrasse des Hofes, das Rhythmusmusikensemble unterhalb davon auf dem Hof.


Melodie- und Rhythmusensembles


Unterschiedliche Programme für unterschiedlichen Ensembles


In der Wahrnehmung der Gläubigen gibt es keine Unterschiede hinsichtlich der Herkunft der Musik


Meistens spielen die drei Musikgruppen an fünf markanten Stellen der christlichen Liturgie: Eröffnung, Gloria, Gabenbereitung, Wandlung und Kommunion. Oft spielen die drei Ensembles gleichzeitig, gelegentlich auch nacheinander; aber keineswegs, auch nicht bei Gleichzeitigkeit, dasselbe musikalische Programm! Dieser Vermischungspraxis geschuldet, wohl auch aus berechtigter Furcht, dass dadurch die Klarheit und Exaktheit einer kirchlichen Lehre und Praxis gefährdet erschien, wurden zusätzlich chinesische Liturgieregeln entwickelt, die ausschließlich für Musik im katholischen Gottesdienst in China gelten. So spielen z. B. während der Wandlung alle drei Musikgruppen. Das ist eine Liturgiepraxis, die in einer europäischen Messe nicht üblich ist.

Eine traditionelle Trommel- und Schlaggruppe mit den großen und kleinen Zimbeln Cha, den großen und kleinen Becken Nao vor dem Dom von Taiyuan in der Provinz Shanxi am Pfingstsonntag.


Beim chinesisch-katholischen Gottesdienst zeigt sich, dass die Herkunft der religiösen Musik für chinesische Gläubige unbedeutend ist. Die Gläubigen reagieren gleichgültig oder flexibel und offen auf die unterschiedlichen Ausdrucksformen der religiösen Musik. Es scheint, dass es zwischen chinesischer traditioneller und europäischer religiöser Musik beim Einsatz in der katholischen Liturgie keine grundsätzlichen Differenzen gibt. Bei Inter views in elf Diözesen in China sagten die meisten Gläubigen, dass ein Musikstück, das einem selber gefalle, auch Gott gefalle. Für die Gläubigen hat religiöse Musik, sowohl europäische als auch chinesische, in der Messe immer die gleiche Aufgabe – nämlich Gott zu loben. In diesem Sinne wird die Funktion der Musik in der kultischen Handlung im gemeinsamen Dialog gesehen.

Frauenquote übererfüllt … links: Eine Frauenblaskapelle mit europäischen Blasinstrumenten marschiert zum Sportplatz.


Rechts: Ein Frauenmusikensemble mit chinesisch-traditionellen Instrumenten, dazu eine große Trommel mit Beckenaufsatz.


Entwicklungsschritte der katholischen Musik in China

Während die traditionellen chinesischen Musikensembles von den europäischen Blaskapellen bedroht sind, zeigt sich inzwischen bei der Entwicklung der christlichen Kirchenmusik in China eine neue synkretistische und hybride Form. Ein chinesisches Lied wird zum Beispiel nach westlicher Manier harmonisiert. Außer rein europäischen und chinesischen Instrumentalensembles gibt es inzwischen auch europäisch-chinesisch gemischte Ensembles. Durch synkretistische Vermischung wird die Musik, die früher als „rechte“ oder „authentische“ europäische Kirchenmusik gekennzeichnet wurde, zu einer Art Cocktail-Kirchenmusik. So war es zum Beispiel 2006 bei der Weihnachtsmesse im Dom der Stadt Shijiazhuang. Am Altar spielte das Orchester den Radetzky-Marsch von Johann Strauss: Chinesische Instrumente wie die Mundorgel Sheng, die Querflöte Dizi, die zweisaitige Geige Erhu und die Kurzhalslaute Pi Pa spielten zusammen mit Geigen, Querflöte und Klarinette. Dieser Radetzky-Marsch klingt da für das „normale westliche Ohr“ sehr sonderbar.

Das Vermischen und Kombinieren der Musikinstrumente und Mischkompositionen, etwa die Harmonisierung chinesischer Pentatonik im westlichen Stil, machen den Charakter der Frühphase der Transkulturalität aus. Dieser Weg wurde in der chinesischen Kirche mit der Entwicklung eines religiösen musikalischen Synkretismus mit Nachhaltigkeit eingeschlagen. Die christliche Kirchenmusik in China leistet somit eine interkulturelle Vorarbeit für spätere theologische Reflexionen zum Thema Inkulturation.


Oberstes Ziel: Mit Musik Gott loben


Literatur

Max Peter Baumann: Verstehen als dialogisches Prinzip – zur Komplementarität von Harmonie und Disharmonie, in: For Gerhard Kubik. Festschrift on the Occasion of his 60th Birthday, hrsg. von August Schmidhofer und Dietrich Schüller (Vergleichende Musikwissenschaft 3), Frankfurt a. M. u. a. 1994, S. 433–450.
Max Peter Baumann: Musikalischreligiöser Synkretismus in Lateinamerika“, in: Societé suisse des Américanistes/Schweizerische Amerikanisten-Gesellschaft Bulletin 61, S. 13–24.
Hans Küng, Hans/Julia Ching: Christentum und chinesische Religion, München/Zürich 1988.
Wolfgang Welsch: „Wege aus der Moderne“, in: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, hrsg. von Wolfgang Welsch, Berlin 1988, S. 1–43.

1 Die 11 Diözesen sind: Peking, Shijiazhuang, Taiyuan, Xi‘an, Sanyuan, Jinan, Qingdao, Nanjing, Shanghai, Guangzhou und Shantou. Veröffentlichung: Li Ma: Der Einfluss der traditionellen Musik auf den katholischen Gottesdienst in China. Berlin 2014.