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„WENN ICH TOMATE SAGE, IST SCHLUSS“


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 24.08.2022
Artikelbild für den Artikel "„WENN ICH TOMATE SAGE, IST SCHLUSS“" aus der Ausgabe 5/2022 von L-MAG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 5/2022

Ob Shiatsu, sinnliche Massage, Atemorgasmus oder Feuerritual: Puma macht Körperarbeit für FLINTA* (Frauen, Lesben, inter, nicht binäre, trans und agender Personen). In den Workshops und Einzelsitzungen geht es immer wieder auch um die Themen BDSM und Kink. Hier erklärt Puma, wie wir herausfinden, was wir in Bezug auf Sex und Intimität wirklich wollen – und wie wir das anderen am besten mitteilen können.

L-MAG: Puma, wann tauchte der Begriff Konsens das erste Mal in deinem Leben auf?

Puma: Den Begriff kannte ich aus politischen Gruppen. Dort bedeutete er: Wir diskutieren bis zum Abwinken und einigen uns am Ende auf einen „Konsens“. Gemeint war aber ein Kompromiss.

Das heißt, überspitzt gesagt: am Ende waren alle unzufrieden.

Genau (lacht). Zu Konsens, wie ich das Konzept heute verstehe, gehört für mich, mir die Frage zu stellen: Wenn ich zu einer bestimmten Sache mein Ja gebe, welche Art von Ja ist ...

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... das? Bedeutet meine Zustimmung, dass ich das tatsächlich will? Oder wäre es für mich „nur okay“? Will ich es eigentlich gar nicht? Und: Warum frage ich im Leben nicht nach dem, was ich will?

Was heißt Konsens in Bezug auf Sexualität?

Bei intimen Begegnungen ist es hilfreich, wenn ich weiß, was ich möchte, worauf ich Lust habe. Vielleicht ist dies ja etwas, das ich schon einmal erlebt habe. Oder es ist bisher nur eine Fantasie gewesen, die ich aber unbedingt umsetzen möchte. Dann muss ich die Fähigkeit haben, auch danach zu fragen – selbst wenn ich dabei vielleicht Scham empfinde. Damit sind viele Menschen überfordert. Weil sie zum einen nicht wissen, was sie wollen, und zum anderen weil sie unsicher sind, ob sie überhaupt fragen dürfen: Wird die andere Person tatsächlich offen „Nein“ sagen, wenn sie das, wonach ich sie frage, nicht tun möchte? Und ich selbst sollte mir klar machen: Frage ich nach dieser Sache, weil ich das wirklich erleben will – oder tue ich es in Wahrheit für die andere Person? An diesem Punkt kann es ab und an problematisch werden.

Was kann denn schiefgehen?

Zum Beispiel, wenn Person A denkt, dass Person B denkt, A muss unbedingt einen Orgasmus kriegen – obwohl das nie ausgesprochen wurde. So entsteht Orgasmusdruck. Immer, wenn eine Person über die andere etwas denkt, ohne dass beide darüber gesprochen haben, ist nicht mehr klar, was für eine Interaktion gerade stattfindet. Wer macht hier was für wen? Oft ist der Ablauf ja so: Okay, ich berühre dich auf diese Art, weil dir das gefällt, ich mache das also für dich. Es gibt aber auch die Variante, dass ich dich zu meinem eigenen Vergnügen berühre. Das ist eine ganz unterschiedliche Art der Berührung. Hier wird es spannend und die Absprachen kommen ins Spiel.

Hilfe, muss ich denn alles vorher besprechen? Ist das nicht unsexy?

(lacht) Da wir noch nicht in der Lage sind, Gedanken zu lesen, ist Reden extrem hilfreich. Für mich ist Konsens sexy, weil ich mir darüber klar werden kann, was ich will. Wenn ich das weiß, wertschätze und kommuniziere, habe ich die größte Chance, genau das zu erleben.

Was bedeuten Kink und BDSM für dich?

Für mich ist Kink ein lustvolles Ausleben von Situationen, die oft noch tabubesetzt sind. BDSM ist ein bestimmter Teil des Kink. Der kann zum Beispiel mit Lust an Schmerzen zu tun haben: Schmerz zu geben oder zu empfangen. Kink und BDSM bedeuten auch, bestimmte Dynamiken und Fantasien spielerisch ausagieren zu können. Ich kann mir sogar ursprünglich unangenehme, schambesetzte oder schmerzvolle Situationen, die ich in meinem Leben erfahren habe, selbstermächtigend zurückholen: indem ich diesmal mein eigenes Drehbuch für diese Situation schreibe, bei dem ich nun alles unter Kontrolle habe. Das kann therapeutisch wirken. Denn bei Kink und BDSM ist wichtig: Alle Beteiligten haben alles im Griff, weil im Vorfeld so viel abgesprochen wird. Und weil Menschen, die schon Erfahrungen damit haben, sich über ihre Grenzen bewusster sind. Sie können bewusster „Ja“ oder „Nein“ sagen.

Kannst du mir ein Beispiel für eine konsensuelle BDSM-Verabredung schildern?

Nehmen wir mal an – wie nenne ich die Person? – okay: Tian möchte gern BDSM erfahren. Vielleicht hat es Tian bei sexuellen Begegnungen immer total gefallen, härter rangenommen zu werden, vielleicht wurde mal „aus Versehen“ gebissen oder gekniffen. Da ist jedenfalls irgendwas passiert, das könnte mit BDSM zu tun haben. Neugierig geht Tian das erste Mal zu einem BDSM-Treffen, auf dem Person Z in der Runde erzählt: „Es macht mir große Freude, anderen Leuten Schmerz zuzufügen. Ich habe auch viel Erfahrung, und falls hier Menschen sein sollten, die das ausprobieren wollen, bin ich offen dafür.“ Tian bekommt sofort große Ohren und auch ein bisschen Schiss. Die beiden verabreden sich für ein „Spiel“. Z stellt Tian dann unterschiedliche Möglichkeiten vor, Schmerz zu erzeugen, zum Beispiel durch Einsatz von Händen oder Schlaginstrumenten wie Peitschen. Jetzt testen die zwei, welchen Grad von Schmerz sich Tian wünscht. Dafür gibt es die Skala von 1 bis 10. Wobei immer die Person, die den Schmerz bekommt, entscheidet, ob sie gerade eine 2 oder 3 im unteren Schmerzbereich fühlt, oder etwa eine 7 oder 8 und es gleich zu viel wird. Tian gibt die Intensität vor! Es hilft, immer mal wieder einzuchecken und zu fragen: Ist das für dich noch richtig so? Und im Anschluss können die beiden besprechen, was gut war, was nicht.

„Ich selbst entscheide über mich, meinen Körper und meine Sexualität, über meine Lust und Ekstase. Niemand sonst“

Was würdest du antworten, wenn jetzt jemand einwenden würde: Anderen körperlichen Schmerz zufügen, das ist doch Gewalt!

In BDSM ist alles konsensuell. Und für die Interaktion gibt es sogenannte „Safe Words“, („Sicherheitswörter“, Anm. d. Red.) und die „Ampel“ Grün heißt: Alles ist okay. Bei Orange fühlt sich gerade irgendetwas komisch an. Und Rot bedeutet: Stopp, sofort aufhören, ohne Diskussion! Dafür kann ich mir auch Fantasiewörter ausdenken: Wenn ich Tomate sage, ist Schluss.

Wie vermittelst du Konsens in Workshops?

Ich lehre eine bestimmte Methode: das „Wheel of Consent®“, das „Konsensrad“. Das Modell wurde von Doktor Betty Martin entwickelt. Der Lernprozess fängt damit an, das Berühren von Gegenständen, später von Menschen, als lustvoll zu empfinden. Als Babys oder Kleinkinder haben wir alle noch die direkte Verbindung zur Lust: Das fühlt sich toll an! Das nicht! Später wird dieser direkte Zugang oft gekappt, passt nicht mehr ins soziale Gefüge oder wird mit Tabus belegt. Dann scheint es nicht mehr okay zu sein, mich oder andere nur zu berühren, um mir selbst Lust zu bereiten. In meinen Workshops gibt es viele kurze Übungen mit klaren Abmachungen. Zum Beispiel fragt die eine Person ihr Gegenüber: „Darf ich für drei Minuten deine Hand für mein eigenes Wohlgefühl erforschen?“ Die zweite Person kann sich jetzt fragen, ob das ein Geschenk ist, dass sie der anderen aus vollem Herzen geben möchte – oder nicht. Und entsprechend „Ja“ oder „Nein“ dazu sagen. Das klingt erstmal easy. Aber für viele ist es eine Herausforderung, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, nur zu unserem eigenen Vergnügen zu berühren.

Du hast dir für deine Arbeit die Überschrift „Magic Touch – Radical Consent“ gewählt. Welche Form der Magie kann entstehen, wenn Konsens ins Spiel kommt?

Es gibt eine Übung, bei der ich mir wünschen kann, auf die Weise berührt zu werden, die ich möchte. Manchmal trifft es genau die richtige Stelle auf genau auf die richtige Art – dann reichen drei Sekunden und du bist im Himmel! Dieses Glücksempfinden kann sehr tief gehen, weil wir oft im Leben gelernt haben, mit einem „Passt schon“ zu leben.

Was empfiehlst du, wenn ich noch mehr zu Konsens erfahren möchte?

Wer Englisch spricht, kann sich auf der Webseite der „School of Consent“ informieren oder Betty Martins Buch „The Art of Asking and Receiving“ lesen. Ansonsten sind Workshops der beste Anlaufpunkt. Was ich körperlich erfahre und übe, kommt ganz anders in den Zellen an. Ich bin auch immer wieder geflasht, was mir die Leute für Feedbacks geben. Einmal hieß es: Ich habe hier mehr mitgenommen als in einem Jahr Therapie.

Zum Abschluß noch eine andere Frage: Ist Kink queer? Was denkst du?

Ja, denn Kink kann Machtdynamiken völlig aus den Angeln heben. Und ich glaube, was Queers und kinky Menschen vereint, ist, dass uns von außen abgesprochen wird zu wissen, was wir wollen. Denn die Welt, in der wir leben, ist auf so vielen Ebenen unglaublich nicht-konsensuell. Aber Kinky-sein und Queer-sein hat etwas mit Selbstermächtigung zu tun: Ich selbst entscheide über mich, meinen Körper und meine Sexualität, über meine Lust und Ekstase. Niemand sonst.

// Kittyhawk

magictouch-radicalconsent.com

schoolofconsent.org

Der freiberufliche Fotograf Mika Wißkirchen lebt in Berlin. Er versteht sich selbst als Teil der FLINTA*-Kink-Szene und erhält oft auch private Aufträge, Menschen beim gemeinsamen „Spiel“ zu fotografieren. Diese intimen, innigen Momente zu begleiten, findet Mika spannend und bereichernd. Die Fotos auf den Seiten 46 und auf dieser Seite sind Aufnahmen von Spielszenen, die real stattgefunden haben. Das Bild links auf dieser Seite war bereits 2018 im Schwulen Museum Berlin zu sehen: in der Ausstellung „Proudly Perverted“ über die FLINTA*-Kink-Community.

mika-wisskirchen.de

Jo Pollux ist eine queere Fotografin und Filmemacherin. In ihrer Arbeit legt sie einen Fokus auf die Themen Sexualität, Verlangen und Kink sowie auf Story-Telling und Fantasie. Sie lebte unter anderem in Paris und in Wien, wo sie an der Akademie der bildenden Künste studierte. Ihren Abschluß machte sie in Berlin, wo sie heute wohnt. Die Stadt und ihre Geschichten inspirieren sie immer wieder zu neuen Projekten. Jos Schwarzweiß-Aufnahmen, die in diesem Heft zu sehen sind, entstammen den Fotoreihen „As you wish, my lady“ und „Passage“.

jopollux.com