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Wenn Musik läuft


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 10.06.2020

Musik und Laufen, Laufen und Musik, das gehört irgendwie zusammen. Bisher haben wir uns meistens gefragt, welchen Einfluss die Musik auf das Laufen haben könnte. Wie sieht es andersherum aus? Wie beeinflusst das Laufen die Popmusik? Immerhin findet das Laufen in vielen bekannten Liedern Erwähnung. Wir haben etwas genauer hingehört.


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Bildquelle: Laufzeit, Ausgabe 4/2020

Die der Laufsport auch, ist Popmusik im Prinzip ganz einfach. Es braucht nur Schlagzeug, Bass, Gitarre. Ich drücke das schwarze Dreieck der Playtaste auf dem Display meines Smartphones. Es ertönt eine Melodie, die mich seit Kindheitstagen begleitet. Dem Gesang in der Strophe, ...

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... dem habe ich lange Zeit kaum zugehört. Was ich aber immer mitkrächzen konnte, war der Teil des Refrains, in dem der von Fans nur „The Boss“ genannte Bruce Springsteen „‘cause tramps like us, baby, we were born to run“ singt. Erst als Läufer habe ich gemerkt, dass viele der bekannten Hits der vergangenen Jahrzehnte unzählige Laufmetaphern beinhalten. Laufen und Popmusik pflegen ein sich gegenseitig befruchtendes Verhältnis zueinander. Läufer*innen nutzen Musik, um ihr Lauferlebnis mit motivierenden, aufputschenden Klängen unterhaltsamer oder erfolgreicher zu gestalten. Dass das Laufen einen leistungsfördernden Effekt hat, ist wissenschaftlich erwiesen. Zwar kann die Musik kaum physiologische Trainingsdefizite wettmachen. Allerdings belegen Studien, dass die persönlich empfundene Anstrengung beim Laufen durch Musik positiv beeinflusst werden kann. Das wiederum hat Auswirkungen auf das individuelle mentale Wohlbefinden. Körper und Geist sind infolgedessen eher dazu bereit, Leistung zu erbringen. Wie wir alle wissen, ist Laufen zu einem großen Teil eben auch Kopfsache. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Mein Thema ist nicht die Funktion oder die Sinnhaftigkeit der Musik im Laufen.Denken wir das Thema einmal andersherum: Es geht um das Laufen in der Musik. Denn nicht nur Läufer*innen sind Nutznießer des angesprochenen Verhältnisses und der wechselseitigen Beeinflussung.Es ist auch die Popkultur, die sich dem Thema auf verschiedensten Wege nähert. Wie sehen Musikschaffende auf das Laufen? Künstler*innen nutzen das Laufen gerne als vielseitig einsetzbare Metapher für die unterschiedlichsten Themenfelder. Nicht nur werden die Worte „laufen“ oder „running“ explizit in den Liedtexten verwendet. Es werden auch Szenen und Bilder, die uns aus dem Laufsport bekannt vorkommen, dichterisch verarbeitet. Die Symbolik des Laufens ist offenbar eine künstlerisch ergiebige Quelle. Sie vereint interessante Gegensätze, die auf viele Lebenssituationen übertragen werden können. Welche das sind?

Ich mache die Stichprobe und erstelle eine Liste mit Liedern, die in irgendeiner Form einen Bezug zum Laufen haben. Die These, dass der Musikgeschmack, den man sich in den prägenden Jahren der Pubertät angeeignet hat, einen für den Rest des Lebens begleitet, bestätigt sich umgehend. Fragt man mich nach Liedern mit Laufbezug, dann fallen mir zuallererst Lieder ein, die ich freiwillig oder unfreiwillig als Heranwachsender gehört habe. Lieder, in denen vom Laufen gesungen wird, gibt es natürlich zur Genüge. Welche das sind?
Da wären die melodramatischen Liebeslieder, wie beispielsweise das Stück „Run to you“ von Whitney Houston oder der namensgleiche, aber nicht minder kitschige, etwas angerockte Song des raustimmigen Kanadiers Bryan Adams. Darin singt der blonde Sänger: „When the feelin’s right I’m gonna run all night, I’m gonna run to you“, und drückt die starke Sehnsucht aus, die er empfindet. Rührende Romantik hin oder her, das Gefühl von dem Adams in seinem bekannten Radiohit singt, kennen wir Läufer*innen nur zu gut: Wenn es läuft, dann läuft’s und folglich will man am liebsten gar nicht mehr aufhören. Auch gerne durch die ganze Nacht.

Songtexte haben mehrere Bedeutungsebenen

Ein paar Jahre zuvor, nämlich 1965, veröffentlichte die britische Band The Spencer Davis Group eine Coverversion des Songs „Keep on running“, der ursprünglich vom jamaikanischen Sänger Jackie Edwards komponiert wurde.
Eigentlich ein Lied über eine unerwiderte Liebe des Protagonisten, kann der Liedtext aber in den Ohren von Läufer*innen eine zweite Bedeutungsebene bekommen. „Everyone is talking about me, it makes me feel so sad. Everyone is laughing at me, it makes me feel so bad. So keep on running.“ Das Laufen kann hier als trostspendende Kraft verstanden werden, die einem vermeintlichen Außenseiter eine Identität und einen Zufluchtsort geben kann. Das Laufen erscheint in diesem Zitat wie eine Konstante in schweren Lebenssituationen. Ausgegrenzt, missverstanden oder ausgelacht: Das Laufen ist immer da, stets bereit, Trost zu spenden. Das Laufen als Freund und Helfer. Beliebt ist das Bild, auf ein fernes Ziel oder eine Person zuzulaufen, wie in „Runnin’ Down A Dream“ von Tom Petty. Es drückt eine gewisse Dringlichkeit aus, wenn man etwas so stark erreichen möchte, dass man in den Laufschritt wechselt und rennt, anstatt zu gehen. Tom Petty, der in seinem Song von 1989 seinen Träumen hinterhereilt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an Sport gedacht, als er das Lied geschrieben hat. Dennoch scheinen Liedtexte wie eben diese zu uns Läufer*innen zu sprechen.

Gleichzeitig wird auch das Weglaufen von etwas gerne in Liedern verwendet. Ein Beispiel dafür ist das Lied „Run Boy Run“ des Franzosen Yoann Lemoine, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Woodkid. Im Jahr 2012 in seinem größten Chart-Erfolg: „This world is not made for you. They’re trying to catch you. Running is a victory. Beauty lays behind the hills.“ Das Laufen an sich wird hier als ein Sieg über den Stillstand charakterisiert. Als Flucht ins Ungewisse, an dessen Ende einen, hat man diese ersten Hügel hinter sich gelassen, Schönheit erwartet. Apropos Hügel. Das Bergauflaufen ist ein integraler Bestandteil unseres Sports. Steigungen bieten die Chance, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Die ikonischen Heartbreak Hills vom Boston Marathon dienen hier als Anschauungsbeispiel. Im Traillaufen spielen Berge natürlicherweise eine besondere Rolle. Unabhängig von der Laufdisziplin sind Hügelsprints selbstverständlich für alle Läufer*innen eine sinnvolle Trainingseinheit. „Be running up that road. Be running up that hill. Be running up that building“, singt Kate Bush im 1980er-Jahre- Klassiker „ Running Up That Hill“. Wer diesen Ohrwurm einmal im Kopf hat, wird bei der nächsten Steigung unwillkürlich die Melodie dieses Lieds hören. Der Autor spricht aus eigener Erfahrung.

Das Band Mia im Jahr 2020 v.l.: Gunnar Spies (Schlagzeug), Mieze Katz (Gesang), Andy Penn (Gitarre), Robert „Bob“ Schütze (Bass).


Im Gespräch mit der Band Mia

Es gibt aber auch Stücke, die das Laufen noch präziser beschreiben und somit einen deutlicheren Bezugspunkt für Läufer*innen bieten. Da wäre zum Beispiel das Lied „Sturm“ der Berliner Band Mia vom 2012er-Album „Tacheles“. „Brennende Sohlen, hämmernde Schritte. Ich hole weit aus und nehme Reißaus. Fliehende Schatten, tanzende Schatten. Ich laufe so, als wäre der Teufel selbst hinter mir her. Ich stemme mich gegen den Wind, ich lege mich gegen den Wind, und nur nach vorn. Ich laufe solang’ bis auch die letzte Faser meines Körpers Feuer fängt. Und nur nach vorn. Nie zurück.“ Das gesamte Lied scheint aus der Perspektive einer laufenden Person geschrieben zu sein. „Eiskalte Hände, glühende Wangen, endlose Wege. Nichts hält mich auf, ich lauf, an all dem vorbei“, heißt es im weiteren Verlauf des elektronisch-angehauchten Songs des Quartetts um die Sängerin Mieze Katz. Der Schlagzeuger Gunnar Spies, selbst aktiver Läufer, erklärt, dass es in dem Lied in erster Linie um das Erleben der eigenen Entschlossenheit gehen würde. „Aber schwer zu erinnern. Der Song ist schon ein paar Tage alt“, erklärt Gunnar, der 2001 zur Band kam.


„Ich laufe solang’ bis auch die letzte Faser meines Körpers Feuer fängt“
„Sturm“ von Mia


Sie hätten mit dem Lied das Gefühl „Krass, ich mache das jetzt wirklich!“ in Worte fassen wollen. Das Laufen bietet sich dafür bestens als lyrisches Bild an. Es stimme, sagt der Schlagzeuger, Laufmetaphorik auf das Leben würden in der Popmusik oft und gerne benutzt. „Das ist total nahe liegend.“ Aber genau deswegen würden solche Sprachbilder im Songschreibeprozess von Mia auch immer wieder auf den Prüfstand gestellt, um nicht in die Klischeefalle zu tappen. Andererseits gäbe es ja aber auch Millionen Liebeslieder, merkt der Musiker ironisch an. Er selbst läuft seit 17 Jahren. Seine Lieblingsstrecke, die er mindestens einmal die Woche läuft, ist knapp 10 Kilometer lang. Als Schlagzeuger sei Kondition definitiv ein Thema. Auch wenn die Band auf Tournee ist, wird der Sport integriert. „Ich verlege das Laufen auf die freien Tage.“ Wenn drei bis vier Konzerte die Woche gespielt würden, „geht das ganz gut“, sagt der Drummer, dessen Band dieses Jahr mit „Limbo“ ihr siebtes Studioalbum veröffentlicht hat. „Manchmal, wenn ich nicht aufpasse, geht mir in den ersten Minuten eine Textidee durch den Kopf.“ Dann würde beim Laufen an einem Songtext geschrieben. Und funktioniert das? Kann man sich die Textideen dann bis zum Ende des Laufs merken? Gunnar sagt ja. „Dabei sind schon echt gute Sachen bei rausgekommen.“ Aber diese Läufe wären glücklicherweise die Ausnahme, weil es ihm beim Laufen eigentlich um etwas anderes gehen würde: „Laufen ist für mich atmen. Ich höre in mich rein.“

Drama, Qualen, Helden

Aus einer anderen musikalischen Richtung kommt die Kult-Heavy Metal Band Iron Maiden. 1986 veröffentlichten sie auf ihrem Album „Somewhere in Time“ den Song „The Loneliness of the Long Distance Runner“, dessen Songtitel dem gleichnamigen britischen Film aus den 1960er-Jahren entlehnt ist. Der Text ist eine detaillierte Beschreibung der Gedankenwelt eines Läufers, der einen anstrengenden Wettkampf bestreitet. „Tough of the track with the wind and the rain that’s beating down on your back. Your heart’s beating loud and goes on getting louder.“ Eine Momentaufnahme aus einem Bahnwettkampf, in die sich jede*r Läufer*in hineinversetzen kann. Es geht weiter: „With every step you tread and every breath you take. Determination makes you run, never stop, gotta win, gotta run till you drop. Keep the pace, hold the race. Your mind is getting clearer. You’re over halfway there but the miles just never seem to end.“
Die Entschlossenheit, um jeden Schritt und jeden Meter zu kämpfen, ist hier das zentrale Motiv. Iron Maiden gelingt damit eine, vielleicht leicht romantisierte Perspektive auf den dramatischen und heldenhaften Kampf des einsamen Langstreckenläufers gegen die Elemente und die nicht enden wollenden Kilometer. Aber wenn wir ehrlich sind: Ist nicht jeder Tempolauf oder jeder Wettkampf aus eigener Sicht hochdramatisch? Wenn schon nicht für andere, dann zumindest für uns selbst. Wir erzählen uns unsere eigene Heldengeschichte. Und wenn man diese inneren Monologe vertonen würde, dann könnte dabei ein ganz gutes Lied bei rauskommen.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ich selbst einmal musikalisch in einer Band aktiv war. Ich war zum damaligen Zeitpunkt noch kein Läufer, aber die hohe Symbolkraft des Marathons hat mich schon immer fasziniert. Und so lautet der Refrain eines von mir verfassten Liedtextes, der die inneren Widerstände und Konflikte eines Menschen auf dem täglichen Weg zum verhassten Arbeitsplatz ausdrücken soll, folgendermaßen: „Orte leben und Häuser atmen. Türen schlucken und spucken dich wieder aus. Diese eine Stunde jeden Tag, fühlt sich an wie ein Marathon. Fenster sehen und Wände wissen. Und sie lachen sich über dich schief. Diese eine Stunde jeden Tag, fühlt sich an wie ein Marathon.“ Zusammengefasst gesagt, dient das Laufen, ob im Fall von Bryan Adams, Mia oder Iron Maiden, der Popmusik als Parabel für die Auf und Abs des Lebens. Für den Neubeginn. Für die Flucht nach vorne. Für Bewegung und der damit einhergehende positiven Veränderung der Unzufriedenheit des Ist-Zustands. Für Durchhaltewillen und die Überwindung von Hürden, die sich einem in den Weg stellen. Wie die Band Jupiter Jones einst sang: „Ist es kalt da, wo du stehst, dann fang an, dich zu bewegen.“ Einen Satz, den alle verstehen. Aber wir Läufer*innen können uns besonders gut einen Reim darauf machen, oder?


Illustrationen: Christopher Hall - stock.adobe.com

Foto: anna.k.o.