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WENN PLÖTZLICH JEDER HALT FEHLT: Der Schock: Schwindel


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 24/2019 vom 21.10.2019

Auf einmal schwankt der Boden, die Wände drehen sich – das verunsichert zutiefst. Schnelle Hilfe dringend gesucht …


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Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 24/2019

Sich um sich selbst drehen wie ein Brummkreisel, bis einem ganz duselig wird im Kopf:Als Kinder haben wir diesen „Drehwurm“ leidenschaftlich geliebt. Der machte so schön leicht und frei. Doch wenn wir als Erwachsene aus heiterem Himmel ein Karussell im Kopf haben, dann ist das kein Kinderspiel mehr.

Im Gegenteil: So eine Schwindelattacke macht den meisten Betroffenen panische Angst, verunsichert langfristig, zieht ihnen buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Viele Betroffene trauen ...

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... sich nach einem solchen Erlebnis kaum noch, das Haus zu verlassen. Aus Angst, erneut den Halt zu verlieren, die Kontrolle über ihren Körper.

Schwindel (med.: Vertigo) ist für jeden dritten Deutschen mindestens einmal im Leben ein Problem. „Bei Schwindel handelt es sich aber nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um ein Symptom mit vielen möglichen Ursachen“, betont Professor Dr. med. Frank Schmäl, Leiter der Schwindelambulanz am Zentrum für HNO in Münster/Greven (Infos: schwindelexperte.de). „Auch der Begriff selbst kann viele Empfindungen beinhalten. Etwa ein Dreh-, Lift- oder Schwankgefühl sowie Schwarzwerden vor den Augen.“ US-Neurologen definieren Schwindel heute als die Illusion einer Bewegung, die es nicht gibt. Der HNO-Arzt: „Er kann auch als Problem bei der Orientierung im Raum angesehen werden. Entweder hat der Patient fälschlicherweise das Gefühl, dass er sich scheinbar gegenüber der Umwelt bewegt. Oder dass sich umgekehrt die Umwelt um ihn herum bewegt.“

Bei der frisch entdeckten Bogengangsdehiszenz im Innenohr geht der Schwindel ganz eigenartige Wege: Sein Trigger sind laute Geräusche wie Musikbeats oder Druckschwankungen, etwa beim Naseputzen. Patienten hören im leisen Raum Körpergeräusche wie zum Beispiel das Prusten beim Naseschnauben lauter oder sogar das Rollen der Augen. In der Gehörschnecke der Patienten bauen sie sich zu einer ohrenbetäubenden, regelrecht schwindelerregenden Geräuschkulisse auf. „Bei den Betroffenen fehlt der Grenzknochen zwischen Gleichgewichtsorgan im Innenohr und Gehirn, oder er löst sich krankhaft auf. Therapiert wird per Knochenabdeckung.“

Neues gibt’s auch vom gutartigen Lagerungsschwindel (siehe auch Seite 71), der mit 17,1 Prozent Anteil häufigsten Vertigo-Form. Sie macht Frauen öfter zu schaffen als Männern. Jetzt hat die Wissenschaft auch den Grund dafür entdeckt. Professor Schmäl: „Am häufigsten bekommen ihn Frauen jenseits des vierzigsten Lebensjahres, wenn langsam die Östrogenproduktion in den Eierstöcken abnimmt. Dann nämlich gehen Proteine, die die Kristalle im Gleichgewichtsorgan halten, zurück. Sie fangen an zu wandern – und erzeugen Schwindel.“ Eine Östrogengabe bei niedrigem Blutwert kann vorbeugen, ebenso gezielte Balance-Übungen (siehe Seite 73).

Sogar Luftdruckschwankungen bei Wetterwechsel können bestimmte Schwindelformen auslösen, zeigt eine Studie der Ludwig- Maximilians-Universität in München. Und jetzt weiß die Medizin auch, dass hinter einem wiederkehrenden Lagerungsschwindel oft ein Vitamin-D-Mangel steckt. Laut Studie der Harvard Medical School in Boston nehmen die Attacken bei den Betroffenen in den dunklen Wintermonaten, sogar noch bis Ende März, zu. Weil der Blutspiegel des Sonnenvitamins D sinkt. Dann unbedingt den Wert vom Arzt checken lassen. Und vorbeugend schon ab Herbst täglich 1000 i. E. aus der Apotheke einnehmen.

Nährstoffe sind auch ein Thema beim Kreislaufschwindel, der Frauen, auch Teenies im Wachstum, den Alltag immer mal wieder wacklig machen kann. Denn oft rutscht die Energie-Bilanz des Körpers bei ihnen durch Diäten, Fasten oder einfach eine achtlose Ernährung ins Minus. Mit ihr trudelt der Blutdruck in den Keller. Professor Schmäl: „Sie erkennen diesen Schwindel daran, dass Ihnen meist beim Aufstehen plötzlich schwarz vor Augen wird. Im Stehen und Liegen bessern sich seine Symptome aber wieder.“ Leichtere Schwindelarten wie diese – oder auch die Reisekrankheit – sollen homöopathische Globuli mit Kokkelskörnern lindern. Sie wurden früher schon von Matrosen als Notfall-Medizin gegen die gefürchtete Seekrankheit eingesetzt.

Das Beruhigende: Vertigo kann ein ganz natürliches Phänomen sein. Im Fahrstuhl etwa registriert das Auge einen Raum, der sich nicht bewegt. Wir spüren aber trotzdem über unzählige, hochsensible Rezeptoren, wie sich der Druck in Muskeln und Gelenken verändert. Wie kann das sein? Das Gehirn ist verwirrt, es kommt zu Schwindelattacken, einem Gefühl des bodenlosen Fallens. Viele Menschen leiden unter einem solchen „Fahrstuhlschwindel“. Überhaupt sind viele Schwindelarten glücklicherweise eher harmlos. „Sie treten bei einer Bewegung auf, also etwa beim Aufstehen aus dem Sitzen oder wie der Lagerungsschwindel beim Umdrehen im Bett. Auch dauern sie nur Sekunden oder Minuten“, sagt Professor Schmäl. „Schwerwiegendere Schwindelattacken dagegen halten länger als 15 Minuten an, sind unabhängig von Bewegungen auch in Ruhe vorhanden und werden gelegentlich zum Beispiel von heftigem Kopfweh, Erbrechen, Sehstörungen oder sogar Lähmungen begleitet“ (siehe „Die 5 wichtigsten Schwindel-Formen“). Sie sollten umgehend abgeklärt werden. Auch bei Schwindel, der in Attacken immer wieder über einen längeren Zeitraum auftritt, zum Arzt gehen. Je früher die Ursachen gefunden werden, desto geringer ist das Risiko, dass sich der Schwindel chronifiziert, also zum Dauerzustand wird.

Ob er harmlos ist oder Infektionen sowie Tumoren dahinterstecken, zeigt zum Beispiel der neuartige Video-Kopf-Impuls-Test schnell und schmerzlos. Professor Frank Schmäl: „Dabei misst eine leichte und rasant aufzeichnende Videobrille die Augenreflexe.“ Die Auswertung verrät, ob der Schwindel aus dem Gleichgewichtsorgan kommt oder aus dem Gehirn.

So können Schwindelexperten in detektivischer Kleinarbeit den richtigen Auslöser für die Attacken heute deutlich schneller entdecken als mit einem Computertomografen – und effektiver behandeln.

Neuerdings können sie sogar punktgenau die Funktionsfähigkeit der Gleichgewichtsnerven und Sensoren im Innenohr messen. Wie gut, gerade wenn hinter dem Schwindelsymptom ernstere Herz- Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Arteriosklerose) stecken, Mineralstoff- oder Stoffwechselstörungen wie eine Schilddrüsen-Unterfunktion sowie Diabetes, Parkinson, eine Innenohrentzündung oder gar Multiple Sklerose.

„Immer wieder wird die Halswirbelsäule als Schwindelursache diagnostiziert. Dafür gibt es aber nicht die geringsten ausreichend durch Studien belegten Hinweise“, betont der Experte. Aber Medikamente können schwummerig machen, etwa Antibiotika, Entwässerungsmittel, Betablocker, Schmerz-, Rheuma- und Beruhigungsmittel. Sogar Untersuchungsmethoden wie ein MRT-Scan können Vertigo auslösen, weil ihre starken magnetischen Felder laut US-Studie auf die Flüssigkeit im Gleichgewichtsorgan einwirken.

Macht eine leichte Schwindelattacke mitten im Alltag weiche Knie, am besten sofort nach einem Geländer, einer Wand oder einem Autodach greifen, um nicht zu fallen. Dann möglichst flach hinlegen, die Beine hochlagern und die Augen schließen. In Räumen vor das geöffnete Fenster setzen und frische Luft mit der 4-7-11-Atmung tanken: vier Sekunden lang tief durch die Nase einatmen, die Luft kurz anhalten, dann sieben Sekunden durch den Mund ausatmen. Atem wieder kurz anhalten. Elfmal. Dabei einen Punkt in der Ferne fixieren. Das beruhigt die Nerven und macht oft wieder einen klaren Kopf.

Erste Hilfe im Notfall

Ruckelt verirrte Kristalle zurecht

Aufs Bett-Fußende setzen, Kopf45 Grad nach rechts drehen. Sich abrupt nach hinten fallen lassen. 30 Sekunden den Kopf nicht anheben. Kopf nach links drehen.30 Sekunden so bleiben. Auf die linke Seite rollen.Der Kopf geht dabei so mit , dass das Kinn die Matratze berührt.30 Sekunden so verharren. Dann aufsetzen, andere Seite. 3-mal täglich.

APP GEGEN SCHWINDEL

Mit der zertifizierten App „Tebonin Übungen gegen Schwindel“ können Patienten z. B. mit dem häufigen Lagerungsschwindel ihr Gleichgewicht trainieren wie beim Physiotherapeuten.Kostenloser Download: tebonin.de/app

Die 5 wichtigsten Schwindel-Formen

Typische Beschwerden und was hilft

Gutartiger Lagerungsschwindel: Bewegen sich Kopf oder Körper, meist morgens nach dem Aufstehen, kommt es zum heftigen Drehschwindel. Ihn lösen verirrte Kristalle aus, die in den Bogengängen der Gleichgewichtsorgane im Innenohr umherkullern. Therapie: Lagerungs-Training.
Phobischer Schwankschwindel: Tritt bei 15 Prozent der Patienten oft nach starken seelischen Belastungen, Ängsten, als Vorbote eines Burnouts auf. Typischerweise auf großen Plätzen, im Kaufhaus. Mit Schweißausbrüchen und Herzrasen. Therapie: kognitive Verhaltenstherapie.
Vestibuläre Migräne: Neben Schwindel und Kopfschmerzen (30 Prozent der Patienten haben keine!) treten Licht- und Lärmempfindlichkeit auf. Ursache sind meist Störungen in Gehirn-Gefäßen. Therapie: Migräne-Behandlung, z. B. mit Triptanen. Vorbeugung: 2-mal 300 mg Magnesium pro Tag.
Anhaltender Drehschwindel: Tritt meist ab dem 50. Lebensjahr auf, kann über Wochen anhalten. Oft mit Übelkeit, einseitiger Fallneigung verbunden. Die Augen zittern auf und ab. Dahinter steckt eine Entzündung der Gleichgewichtsnerven – möglicherweise durch Herpesviren. Therapie: Cortison, Mittel gegen Übelkeit.
Morbus Menière: Bei ihm treten Drehschwindel oder Pfeifen im Ohr mit Übelkeit, Erbrechen, Sturzneigung auf. Ursache ist ein Überdruck der kaliumreichen Flüssigkeit im Innenohr. Sie tritt aus, lähmt den Gleichgewichtsnerv. Therapie: Hochdosis-Behandlung mit der Substanz Betahistin verbessert die Innenohr-Durchblutung, dämpft überempfindliche Gleichgewichtszellen.

UNSER EXPERTE

PROF. DR. FRANK SCHMÄL leitet die Schwindelambulanz in Münster

Gleichgewicht: Was ist das genau?

Im Innenohr finden wir zur Mitte

Unser Gleichgewicht hängt von einem komplizierten System ab. All seine Infos über die Position des Körpers im 3-D-Raum laufen im Gehirn als Balance-Zentrale zusammen. Es erhält sie z. B. von den Augen, Fühlern in Haut, den Füßen und Muskeln. Vor allem aber von den beiden Gleichgewichtsorganen im Innenohr. Hier ein Einblick in ihren Mikrokosmos.

Fitness-Tipps für die Balance

Regelmäßiges Training hilft enorm

Einbein-Stand

Hinterm Stuhl stehen, Fingerspitzen auf die Lehne. Rechten Fuß auf 2-mal gefaltetes Handtuch stellen. Linkes Bein 20 cm heben. 20 Sekunden. Anderes Bein. Täglich 3-mal.

Ballkreisen

Hinstellen, Füße hüftbreit auseinander, Kinderball mit der rechten Hand langsam von der Brust hinter den Rücken führen. Oberkörper dreht sich mit, die Hüfte nicht. Hinterm Rücken Ball an linke Hand übergeben, zurück nach vorn bringen. 3- bis 5-mal täglich.

Augen-Training

Morgens im Bett Augen je 5- bis 10-mal rauf, runter, von links nach rechts, von rechts nach links rollen. Ausgestreckten Finger fixieren, in 20 cm Entfernung vor dem Gesicht hin und her bewegen. Von unten nach oben, wieder zurück. Kopf nicht bewegen. 15-mal.

Trippel-Drehung

Mit einem Meter Entfernung vor einen Spiegel stellen. Körper in vier kleinen Trippelschritten auf der Stelle nach rechts drehen. Solange es geht, Spiegelbild ansehen Zurück in die Ausgangsposition trippeln. 5-mal. Danach nach links.


Fotos: dpa Picture-Alliance, Getty Images; Illustration: iStock