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Wenn: unsere Eltern: älter werden


Bio - natürlich gesund leben - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 05.02.2020

Irgendwann merken wir, dass unsere Eltern nicht mehr so können, wie sie wollen. Ihre Kräfte lassen nach und die alltäglichen Dinge gelingen immer weniger. Nicht selten kehrt sich das Eltern-Kind-Verhältnis um. Jetzt gilt es sich zu fragen, wie wir die Beziehung zu unseren Eltern neu ausrichten und sie im Alter gut begleiten können - für eine schöne, gemeinsam verlebte Zeit.


Artikelbild für den Artikel "Wenn: unsere Eltern: älter werden" aus der Ausgabe 1/2020 von Bio - natürlich gesund leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bio - natürlich gesund leben, Ausgabe 1/2020

PROF. DR. KATJA WERHEID

lehrt Klinische Neuropsychologie und Alterspsychotherapie an der Humboldt-Universität in Berlin. Außerdem arbeitet die Neuro- und Gerontopsychologin mit Schlaganfall- und Demenzpatienten sowie deren Angehörigen. ...

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Die Redakteurin Heike Langenberg ist froh, dass ihre Eltern den Weg zu ihr nach Berlin gefunden haben. Ihre Mutter ist jetzt 78, der Vater ein Jahr älter. Bis vor Kurzem haben die beiden in einem kleinen Dorf im Rheinland gelebt. „Es waren kleinere Begebenheiten, die mich vor einigen Jahren hellhörig gemacht haben“, sagt Heike Langenberg. „Die kleinen Blechschäden am Auto meiner Eltern häuften sich. Meine Mutter mochte auch nur noch die ganz kurzen und bekannten Wege fahren. Die vielen Treppen im Haus machten beiden zu schaffen und aus den Arztbesuchen meiner Eltern wurde ich nicht mehr so richtig schlau. Das war ungefähr der Zeitpunkt, wo mein Mann und ich um die Erkenntnis nicht mehr herumkamen: Meine Eltern werden langsam alt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sie es alleine nicht mehr schaffen, ihren Alltag zu bewältigen.“

Mit dieser Erkenntnis werden wir alle früher oder später konfrontiert: Die Kräfte unserer Eltern sind so endlich wie das Leben selbst. Auch wenn unsere gestiegene Lebenserwartung diesen Prozess mehr und mehr nach hinten verlagert. In den 1960er Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes bei 64,6 Jahren und die einer Frau bei 68,5 Jahren. Seitdem ist die durchschnittliche Lebenserwartung um mehr als 15 Jahre gestiegen. Viele von uns sind selbst schon der Rente nahe, wenn ihre Eltern gebrechlich werden, ihre Eigenständigkeit verlieren und wir uns schließlich ganz von ihnen verabschieden müssen. Aber wirklich darauf vorbereitet scheinen wir dennoch nicht zu sein. Das jedenfalls hat Prof. Dr. Katja Werheid beobachtet. Die Neuropsychologin, die an der Humboldt-Universität in Berlin arbeitet, schreibt in ihrem Buch „Nicht mehr wie immer“ von einem Gespenst, das unter den „Mittelalten“ umgeht. „Es schleicht sich ein, man merkt es anfangs kaum, versteckt hinter dem lauten Getöse von Midlife-Crisis, Pubertät der Sprösslinge, Bandscheibenvorfall und Menopause. Erst zeigt es sich nur ab und zu, ein rasches Huschen um Mitternacht kurz vor dem Einschlafen. Da können wir es noch ignorieren. Doch es kommt immer wieder - bei machen still und unheimlich, bei manchen als Poltergeist im Zuge einer plötzlichen, schlechten Nachricht. Das Gespenst geht nicht mehr weg. Sein Name? Die banale wie unumstößliche Einsicht: Unsere Eltern werden alt.“

Heike Langenberg (Mitte) hat ihre Eltern vom Rheinland nach Berlin geholt, wo sie sich gut eingelebt haben.


Wenn Mutter oder Vater ins Altersheim umziehen, ist es sinnvoll, ihnen lieb gewonnene Gegenstände oder Erinnerungsstücke wie Fotos mitzugeben.


ALLES WIE IMMER MACHT´S MANCHMAL NUR SCHLIMMER

Höchste Zeit, das Gespenst nicht nur bei seinem Namen zu nennen, sondern Vorkehrungen für sein Erscheinen zu treffen. Besonders dann, wenn man - wie Heike Langenberg, bevor ihre Eltern zu ihr zogen, - 600 Kilometer von den Eltern entfernt wohnt. In einem solchen Fall bekommt man die ersten Anzeichen elterlicher Gebrechlichkeit vielleicht erst mit, wenn die Eltern wirklich nicht mehr klarkommen. Denn nur zu oft schaffen es die um Selbstständigkeit bemühten Eltern, die Fassade bei den Besuchen ihrer Kinder noch lange aufrechtzuerhalten. Katja Werheid hat dafür ein gutes Beispiel parat: die Buttercremetorte. Einst von den Kindern geliebt und bis heute von der Mutter gebacken. Für das geliebte Zeremoniell strengt die alte Frau sich an, geht einkaufen und steht stundenlang in der Küche. Ohne zu ahnen, dass der erwachsenen Tochter die Buttercremetorte schon lange zum Halse heraushängt. Eine Freundin hätte die Tochter wahrscheinlich schon längst gebeten, zum Kaffeekränzchen einfach einen anderen Kuchen zu backen. Aber die Mutter verbindet mit dem süßen Backwerk immerhin vierzig Jahre Erinnerungen an fröhliche Familienfeste und ganz spezielle Mutter-Tochter-Gespräche. Da lässt sich die emotional aufgeladene Torte nicht so einfach mit einem gekauften Keksdose ersetzen.

Die erfahrene Neuropsychologin nennt diesen ersten Gegenspieler einer im Alter neu auszurichtenden Beziehung zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern ASWI oder der „Alles-wie-immer-Gegenspieler“ und erklärt: „Therapeuten verwenden einen sehr technischen Begriff, wenn es um das Phänomen geht, dass Gewohnheiten beginnen, uns ans Eingemachte zu gehen und zu zerstören, was uns am Wichtigsten ist: dysfunktional. Unser Tun erfüllt seine ursprüngliche Funktion nicht mehr, es hat sich verselbstständigt. Es bringt uns Ärger und Verdruss, aber wir halten daran fest, weil wir uns daran erinnern, dass es uns zumindest in der Vergangenheit ein wenig Glück, Zufriedenheit oder Sicherheit verschafft hat.“ Jetzt aber, im Alter der Eltern, heißt es familiäre Rituale überdenken, die noch vorhandene Bedeutung hinterfragen - und wenn möglich neue und sinnstiftende Rituale kreieren. Statt also die alt gewordene Mama weiterhin die aufwendige Buttecremetorte backen zu lassen, könnte das neue Ritual darin bestehen, dass Tochter und Mutter einmal im Monat lecker Essen gehen und dabei ganz bewusst das Gespräch suchen. Oder - ein ganz neues Ritual - regelmäßig gemeinsam Orte besuchen, die den Eltern etwas bedeuten, und sich die mit diesem Orte verbundenen Erinnerungen erzählen lassen.

NEUE ROLLENVERHÄLTNISSE UND DIE LEICHEN IM KELLER

Zwei weitere Gegenspieler gilt es laut der Expertin anzuschauen und unschädlich zu machen: Erstens die über viele Jahrzehnte gewachsenen Werte- und Rollenverständnisse innerhalb der Familie. Der eigenen und die der Eltern. Wenn Papa immer der Macher war, jetzt aber körperliche Probleme hat, sollte Papa eine neue Rolle verinnerlichen, weil er sich sonst nutzlos, wertlos oder sogar schuldig fühlt. Dabei können die erwachsenen Kinder durchaus helfen: etwa indem sie den Vater oder die Mutter an Hobbies erinnern, die sie in ihren jüngeren Jahren oft vernachlässigt haben. Oder indem sie die Eltern - wenn Körper und Geist noch mitmachen - zu ehrenamtlichen Engagements hinführen.

Zweitens gilt es, die berühmten „Leichen im Keller“ zu beachten, für Katja Werheid die „hartnäckigsten Gegenspieler von allen“. Denn sie werden selten wirklich thematisiert, wiegen aber schwer und treten besonders gerne in den letzten Lebensjahren zutage. „Leichen im Keller entstehen, wenn in der Vergangenheit das eigene Verhalten oder das einer nahestehenden Person einem eigentlich hochgeschätzten Wert ziemlich krass zuwidergelaufen ist“, schreibt die Expertin. Leichen im Keller einer Familie können sein: körperliche oder psychische Misshandlungen, ungerechte Bestrafungen, mangelnde Fürsorge, differierende Erinnerungen oder Selbstmorde in der Familie. Das nie Benannte gerade im letzten Lebensabschnitt der Eltern zu thematisieren, kann schwerwiegende Folgen für alle Beteiligten haben. Die Expertin warnt gerade in dem Bereich vor blindem Aktivismus nach dem Motto: Das ist jetzt die letzte Möglichkeit, noch zu erfahren, ob Mama damals tatsächlich was mit Onkel Heinrich hatte. Wer meint, den Eltern jetzt die letzten Geheimnisse entreißen oder Antworten auf nie gestellte Fragen bekommen zu müssen, beißt womöglich auf Granit oder belastet das Verhältnis unzumutbar. Denn natürlich besteht die häufige Reaktion auf solche „Überfalle“ zumeist darin, dass die Eltern entweder noch tiefer ins Schweigen gehen oder gleich zum Gegenangriff blasen. Ohnehin rät Katja Werheid zum vorsichtigen Abwägen: „Man muss nicht jede Leiche aus dem Keller ans Tageslicht zerren und manchmal sind wir selbst auch nicht die richtige Person, das zu tun. Aber es kann sehr hilfreich sein, zumindest ungefähr zu wissen, wo sie liegen, denn sie können im Alter ziemlich quälend werden.“ Erwachsenen Kindern, die sich dennoch Klarheit wünschen, rät sie zu den sogenannten W-Fragen: Warum haben die Eltern getan, was sie getan haben? Und wie haben sie sich dabei gefühlt? Dabei gelte es, den Eltern Zeit zu lassen und kein Geständnis und vor allem keine Entschuldigung einzufordern. „Denn die Vorstellung, sich bei seinen eigenen Kindern zu entschuldigen, ist von dem Wertesystem, das der Generation unserer Eltern einst vermittelt wurde, etwa so weit entfernt wie die Milchstraße von der Erde“, erklärt die Expertin.


„Veränderungen zu erzwingen, belastet die Beziehung zu den alten Eltern unnötig“


UNTERSTÜTZUNG HOLEN, WENN ES NICHT MEHR GEHT

Wer dagegen schon immer einen guten Draht zu den Eltern hatte, ist jetzt natürlich im Vorteil. Ebenso jene von uns, die mit kommunikativen Eltern gesegnet sind. In der aktuell alten Generation ist aber genau das oft nicht der Fall. Heike Langenberg hat in dieser Beziehung Glück: „Gute Gespräche mit meinen Eltern waren eigentlich immer möglich. Auch über eher unangenehme Themen wie Patientenverfügung, Pflegedienste oder Krankheiten. Und wenn es doch mal nicht weiterging, dann haben wir uns Unterstützung geholt: Die Generation unserer Eltern ist ja noch daran gewöhnt, die Meinungen von Experten nicht zu hinterfragen. Ein langjähriger Hausarzt als Unterstützung kann da manchmal Wunder wirken.“

Verlangen Sie nicht zu viel

Keiner spricht gern über Unangenehmes, doch irgendwann wird es notwendig sein, unsere Eltern auf Defizite anzusprechen, die sie noch gar nicht wahrnehmen wollen. Oder auf ihre finanzielle Situation, Vorsorgevollmachten oder wo die Eltern einmal leben wollen, wenn es zu Hause nicht mehr geht. Wer seine Eltern überrollt, erntet Widerstand, denn Entscheidungsdruck überfordert viele alte Menschen.

-Formulierungen wie „Du musst …“, „Du sollst …“ oder „Du kannst nicht mehr“

-fertige Lösungen

-die Forderung nach schnellen Entscheidungen

-mangelnde Wertschätzung

-Vorwürfe


Vermeiden Sie:


+Verleihen Sie Ihrer Sorge Ausdruck: „Ich fürchte, dass du von der Leiter fällst und dich verletzt.“

+Zeigen Sie Verständnis: „Das verstehe ich, das würde mir wohl genauso gehen.“

+Versetzen Sie sich in die Lage Ihrer Eltern.

+Lassen Sie ihnen Zeit.

+Fragen Sie nach eigenen Lösungsideen.

+Vertagen Sie das Gespräch, wenn die Emotionen zu hoch kochen.

+Benutzen Sie Türöffner wie „Erzähl mal“ oder „Wie siehst du das?


Beachten Sie stattdessen:


Ohnehin scheinen Heike Langenbergs Eltern noch immer in der Lage, ihre Entscheidungen an die Realität anzupassen. Auch das ist eine Fähigkeit, die Menschen im Alter oft verloren geht. „Von einem kleinen Dorf in die Bundeshauptstadt. Das war ein großer und ein mutiger Schritt, für den ich meine Eltern wirklich bewundere. Meine Eltern fühlen sich mittlerweile richtig wohl in ihrem Kiez. Die Wege sind kurz, das Einkaufszentrum liegt vor der Tür, ein kleines Naherholungsgebiet auch. Mit ihren Rollatoren ist das alles - noch - gut zu schaffen.“ So entscheidungsfreudig und willig zur Veränderung sind nicht alle alten Menschen und das aus guten Gründen: Das Vertraute - seien es Teppiche oder Bilder, Kommoden oder Puppen - bietet Sicherheit und knüpft an lieb gewordene Erinnerungen an. „Über solche Dinge sollte man mit seinen Eltern auch gar nicht diskutieren, sagt Heike Langenberg. Auch wenn Papas Fernsehsessel seine beste Zeit schon lange hinter sich hat und Mamas geliebter Esstisch eigentlich viel zu groß ist: Beide vermitteln ein bisschen Heimat und tun schon deshalb gut. Und das sollten wir nicht ver- gessen, auch wenn unsere Generation da vielleicht ein bisschen pragmatischer unterwegs ist.“

Worüber man allerdings schon mit den Eltern sprechen sollte, sind folgende Fragen: Ab wann müssen die Eltern ausziehen und ziehen sie zu den Kindern oder in ein Heim? Braucht es einen Pflegedienst? Zieht eines der Kinder gar ein paar Jahre zu den Eltern und muss dafür die Arbeit aufgeben?

DIE ELTERN ALS WEGGEFÄHRTEN ZU BETRACHTEN LERNEN

Generell gilt: Veränderungen erzwingen - das belastet die Beziehung zu den alten Eltern unnötig. Katja Werheid erklärt: „Wir sollten ihre Haltung akzeptieren und uns Vorwürfe ersparen. Auch wenn es auf den ersten Blick leichter erscheint, dagegen aufzubegehren, schließlich haben wir gute Argumente, warum sich etwas ändern sollte. Tatsächlich ist es jedoch hilfreicher, sich vom Kampfmodus zu verabschieden, wenn wir bei einer Sache auf Granit beißen.“ Das Beharren auf eigenen Vorstellungen, mögen sie auch noch so gut durchdacht sein, sorgt nur dafür, dass Eltern sich bedroht oder in die Enge getrieben fühlen. „Wenn wir hingegen unsere eigene Haltung ändern und uns vom Kämpfen verabschieden können, gibt es weder Sieger noch Verlierer“, fügt die Expertin an. „Es gibt dann nur noch Weggefährten. Vielleicht sind die Eltern noch nicht so weit, eine Entscheidung zu treffen, aber dann ist jedenfalls die Tür weiterhin offen.

Manchmal hilft es auch einfach, sich noch einmal bewusst anzusehen, an welche persönlichen Merkmale der Eltern sich argumentativ geschickt „andocken“ lässt. Oder wie Heike Langenberg formuliert: „Überlegen Sie, womit Sie Ihre Eltern kriegen können.“ Da ist zum Beispiel die Mutter, der das eigene Aussehen immer ein wichtiges Anliegen war. „In diesem Fall hilft der Hinweis: Mama, siehst Du heute wieder schick aus. Das kann dann ein hilfreicher Satz sein, wenn die vielleicht nur unter Protest ins Haus gelassene Pflegerin ihr gerade erst die Haare gewaschen hat“, sagt Langenberg.

FOTO: De Visu stock.adobe.com

Am besten können wir unsere Eltern im Alter unterstützen, wenn wir frühzeitig mit ihnen ins Gespräch kommen.


Die Berlinerin unterstreicht: „Manchmal werden Fremde als Helferinnen und Helfer aber noch eher akzeptiert als die eigenen Kinder.“ Sie selbst versucht jeden Tag neu im Spagat zwischen Beruf, Beziehung und Eltern eine eigene Balance zu finden. „Wenn es Dringendes gibt, dann stehen wir natürlich sofort auf der Matte. Ansonsten gilt: so viel Selbstverantwortung wie möglich erhalten und so viel Hilfestellung wie nötig anbieten.“

FRÜHZEITIG SOZIALE NETZE AUFBAUEN

Notfalls müssen es auch nicht immer die eigenen Kinder sein. Katja Werheid empfiehlt die frühzeitige Einbindung vorhandener sozialer Netzwerke - etwa Freunde, Bekannte, Nachbarn - oder die Schaffung von neuen. Und ansonsten empfiehlt die Expertin: Einfach mal „die Taschenlampe anzuknipsen und sich das Gespenst des Älterwerdens genauer anzuschauen. Vielleicht verliert es dann seinen Schrecken“.

Denn eines ist sicher: Hinschauen müssen wir. Nicht nur bei unseren alten Eltern. Sondern auch bei uns selbst. Denn auch wir werden hoffentlich eines nicht zu fernen Tages sein, was unsere Eltern heute schon sind: alt!

BUCHTIPPS

» NICHT MEHR WIE IMMER. WIE WIR UNSERE ELTERN IM ALTER BEGLEITEN KÖNNEN «

Katja Werheid, Piper 2019, 208 Seiten, 15 Euro

» WENN DIE ELTERN PLÖTZLICH ALT SIND. WIE WIR IHNEN HELFEN KÖNNEN, OHNE UNS SELBST ZU ÜBERFORDERN «

Birgit Lambers, Kösel 2016, 240 Seiten, 18 Euro


FOTO: Gabriele Rohde stock.adobe.com