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Wer AMERIKA wirklich ENTDECKTE


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 22/2019 vom 24.05.2019

Wie schafften es dieWikinger, 500 Jahre vor Kolumbus die Neue Welt zu erreichen? Forscher sind dabei, das Rätsel zu lösen


Artikelbild für den Artikel "Wer AMERIKA wirklich ENTDECKTE" aus der Ausgabe 22/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 22/2019

Es war eine kleine Sensation: Die Meldung, Archäologen hätten vermutlich eine zweite Wikingersiedlung in Nordamerika gefunden, sorgte 2016 für großes Aufsehen. Sarah Parcak, Expertin für Weltraumarchäologie, und ihr Team von der University of Alabama werten Infrarot-Wärmebilder des Satelliten „WorldView-3“ aus, der in rund 600 Kilometern Höhe um die Erde kreist. Auf Point Rosee, einer schmalen Halbinsel an der südwestlichen Spitze von Neufundland, fielen ihnen verschiedene ...

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... Bodenmuster auf. Vor allem ein Rechteck von 22 mal sieben Metern erinnerte das Team an ein Langhaus ähnlicher Größe in der neufundländischen Wikingersiedlung L’Anse aux Meadows, die etwa 500 Kilometer nördlich liegt.

Diese Siedlung war in den 1960er-Jahren vom Ehepaar Anne-Stine und Helge Ingstad entdeckt worden und galt bislang als einziger Beweis, dass tatsächlich geschehen war, was zwei isländische Sagen aus dem 13. Jahrhundert über die Wikinger um Leif Eriksson erzählten: Die Seefahrer sollen von Grönland aus um das Jahr 1000 neues Land entdeckt und erkundet haben. Die Kolonie in L’Anse aux Meadows hatte etwa 30 bis 50 Jahre Bestand. „Warum die Nordmänner nicht länger blieben, kann nur vermutet werden“, sagt Dr. Natascha Mehler, Archäologin am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, die sich mit Funden aus der Wikingerzeit in Grönland und Island beschäftigt hat. „Es war aber sicher ein Zusammenspiel verschiedener Gründe. Etwa fehlender Support aus der Mutterkolonie Grönland, aus der weder Nachschub noch neue Siedler kamen, sowie Probleme mit der lokalen eingeborenen Bevölkerungsgruppe.“

NAVIGATION
Um auf Kurs zu bleiben, haben die Wikinger womöglich einen Sonnenkompass benutzt


Die Satellitenbilder von Point Rosee hatten eine Testgrabung zur Folge – mit enttäuschendem Ergebnis: Parcak und ihr Mann Gregory Mumford gaben Ende 2017 bekannt, dass sie keine Beweise für eine nordische Präsenz oder menschliche Aktivität aus der Zeit vor 1800 gefunden hätten.

DREI WOCHEN AUF SEE

Bisher ist also nur gesichert, dass Wikinger in L’Anse aux Meadows siedelten. Forscher versuchen noch immer zu ergründen, wie es ihnen gelingen konnte, 500 Jahre vor Kolumbus die Ostküste des nordamerikanischen Kontinents zu erreichen. In offenen Schiffen und ohne moderne Navigationshilfen waren sie westwärts über den eisigen, rauen Nordatlantik gesegelt.

Nach Ansicht des ungarischen Physikprofessors Gábor Horváth könnten sie Kristalle genutzt haben. Mineralien wie Doppelspat können die Polarisation, also die Schwingungsrichtung des Sonnenlichts, aufzeigen, die entsteht, nachdem das Licht die Erdatmosphäre durchdrungen hat. Das menschliche Auge kann dagegen polarisiertes nicht von normalem Licht unterscheiden. 2018 berichtete Horváth in einem Fachartikel, dass Wikinger zumindest auf dem Weg von Nordnorwegen nach Grönland wohl mit solchen sogenannten Sonnensteinen und einem hölzernen Sonnenkompass navigierten.

Ein Sonnenkompass soll als Fragment einer sieben Zentimeter großen Lochscheibe aus Holz erhalten sein, die 1948 in einem grönländischen Kloster gefunden wurde. Diese sogenannte Uunartoq-Scheibe mit dreieckigen Kerben sowie geraden und geschwungenen Markierungen soll es den Nordmännern unter Verwendung eines Schattenstabs ermöglicht haben, bei Sonnenschein die Nordrichtung bis auf vier Grad genau zu bestimmen. In seiner Arbeit von 2018 berechnete Horváth, dass die Überfahrt damals rund drei Wochen gedauert haben muss, denn im Frühling konnten die Wikinger bei gut zwölf Stunden Helligkeit segeln, im Hochsommer bei 17 Stunden. Wenn sie alle drei Stunden mit Sonnenstein und -kompass den Norden bestimmten, hätten sie mit 92-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Weg nach Neufundland und zurück gefunden, so Horváth. Mit diesen Hilfsmitteln war es laut Horváth sogar bei Nebel und in der Dämmerung möglich, den Sonnenstand zu bestimmen. In der Nacht sollen sie ihr Segel eingeholt und sich treiben lassen haben.

Entgegen vielen populären Darstellungen haben die Wikinger die Überquerung des Nordatlantiks weder in langen und flachen Schiffen noch ausschließlich mit Ruderkraft unternommen. Vielmehr war ein Schiffsytp, der in historischen Quellen Knörr genannt wird, hochseetüchtig und auch für Handelsfahrten geeignet. Als bestes Beispiel gilt „Skuldelev 1“, ein Boot, das Ende der 1960er-Jahre im dänischen Roskildefjord ausgegraben wurde. Es ist ein 16 Meter langes, bauchiges Schiff mit hohen Bordwänden, einem Mast und einem Rahsegel. In der Mitte hat es einen großen offenen Lastraum. Von Halbdecks an den Schiffsenden konnten das Segel und das Ruder bedient werden. Auch zum Schlafen waren sie geeignet. „Tagelang konnte eine große Last von wenigen Menschen, zum Beispiel acht Mann, nonstop bewegt werden, auch bei Starkwind“, sagt Dr. Anton Englert, der zwölf Jahre lang die Forschung am Museum in Roskilde leitete, wo „Skuldelev I“ heute ausgestellt ist. „Eine kleine Besatzung kann auf ihm sogar wochenlang reisen, weil es keine Platzprobleme mit dem Proviant und den Wasservorräten gibt. Bei langschmalen, stark bemannten Kriegsschiffen ist so wenig Platz dafür, dass eigentlich nur ein Inselspringen möglich ist, mehrtägige Fahrten ohne Landgang sind dann selten und entbehrungsreich. Das haben jedenfalls die Versuche am Wikingerschiffsmuseum ergeben.“

NEUFUNDLAND
Nachbildung einer Wikingerwohnung mit Dachboden in L’Anse aux Meadows


NORDISCH
Rekonstruierter Innenraum eines Langhauses in der neufundländischen Siedlung


WAS KOLUMBUS WUSSTE

Im Gegensatz zu den Wikingern soll der als Entdecker Amerikas geltende Christoph Kolumbus keineswegs ins Ungewisse gefahren sein, als er einen transatlantischen Seeweg nach Indien suchte und 1492 auf den Bahamas anlandete. Das berichtet eine neue Terra-X-Doku (siehe TV-Tipp). „Kolumbus hatte sich lange auf seine Reise vorbereitet und alles über das geografische Wissen seiner Zeit gesammelt, nachzulesen in der umfangreichen Bibliothek seines Sohnes Hernando, der Institución Colombina in Sevilla“, sagt Filmemacherin Gisela Graichen. Kolumbus hatte also einen klaren Startvorteil – was die Leistung der Wikinger ein halbes Jahrtausend vor seiner Zeit noch beeindruckender erscheinen lässt.


Die Decks waren auch zum Schlafen geeignet.“
Dr. Anton Englert, Wikingerexperte


FOTOS: S. 14-15: NEJRON/SHUTTERSTOCK, YALE UNIVERSITY PRESS; S. 16-17: HERNITSCHEK/ZDF, MULROONEY/DDP IMAGES, CHIASSON/DPA PICTURE-ALLIANCE (2); ILLUSTRATION: BAPTISTA/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE