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Wer bin ich noch?


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 08.01.2020

Irgendwann entscheiden wir uns für ein Leben und eine Identität. Zum Leid der vielen anderen Existenzen, die wir hätten führen können. Dabei sind wir weit mehr als diese eine Rolle. Wie wir unterdrückte Seiten, vergessene Wünsche und verborgene Potenziale entfalten


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 2/2020

ILLUSTRATIONEN: FRAUKE DITTING


Ödnis und Langeweile zeigen, dass wir an etwas vorbeileben: einem Interesse, einer Sehnsucht, einer Begabung


In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und ...

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... Möglichkeiten. […] der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende Zwiebel, ein aus vielen Fäden bestehendes Gewebe. So beschrieb Hermann Hesse im Steppenwolf das Spannungsfeld, in dem wir uns befinden. Einerseits brauchen wir eine gewisse Klarheit darüber, wer wir sind und was uns ausmacht: Wer bin ich? Was sind meine Wurzeln? Was hat mich geprägt? Worauf kann ich mich verlassen? Wir brauchen Antworten auf diese Grundsatzfragen, sonst taumeln wir richtungslos durch unseren Alltag.

Andererseits kann ein zu enges Identitätskorsett uns so sehr einschnüren, dass das Leben öde wird und sich wie eine Sackgasse anfühlt, die uns zuruft: „Hier geht’s nicht weiter. Bitte wenden.“ „Identität ist permanent in Entwicklung“, schreibt die Psychoanalytikerin Verena Kast in ihrem Buch Immer wieder mit sich selber eins werden. Immer wieder werkeln und basteln wir an unserem Lebensentwurf und am Selbstbild, misten aus, reißen ab, bauen an, entscheiden uns für einen neuen Anstrich. Wir tun gut daran, uns nicht über die Dauerbaustelle zu ärgern, sondern sie als Atelier zu betrachten, in dem Altes wieder lebendig werden und Neues entstehen kann, sobald die Zeit dafür reif ist.

„Wenn sich nichts mehr bewegt und wir innerlich stillstehen, reagiert unsere Psyche meist mit einer milden Depression“, sagt Verena Kast. Alles wird langweilig, freudlos und banal. Wir stehen morgens auf, funktionieren, spulen unser Programm ab, aber die Neugier, die wir normalerweise auf das Leben und uns selbst und andere haben, ist weg. Dieser unangenehme Zustand muss nicht unbedingt Ausdruck einer existenziellen Krise sein, aber er ist ein Zeichen dafür, dass wir einseitig leben und wichtige Facetten unserer Persönlichkeit zu lange eingesperrt haben. Wenn sich Sitzung an Sitzung reiht, bekommt die innere Abenteurerin Beklemmungen.

Wer stets den unermüdlichen energiegeladenen Organisator und Motivator geben muss, unterdrückt seinen heimlichen Faulpelz. Wenn es fünfzig Stunden in der Woche nur noch um Paragrafen und Vorschriften geht, kommt die innere Künstlerin zu kurz. Lebenskunst heißt zuzulassen, dass sich die Zwiebel immer wieder häutet und so neue Schalen zum Vorschein kommen. „Wenn wir uns zu sehr anpassen an das, was die Außenwelt von uns will, und zu wenig auf unsere Innenwelt achten, wenn wir sehr stark im Müssen gefangen sind, erleben wir eine Irritation“, erläutert Verena Kast.

Ein Traum, der sie aufweckte

Die Irritation kann sich als Missbehagen ausdrücken, als milde Depression oder als dicke Krise. In jedem Fall ist das Gefühl von Langeweile, Ödnis und Stillstand ein Anzeichen dafür, dass wir an etwas vorbeileben, was in uns nach Verwirklichung ruft – einem Interesse, einer Begabung, einer Sehnsucht, einem Teil unserer Persönlichkeit, der im gegenwärtigen Alltag zu wenig Raum bekommt. Kast erinnert sich an eine Frau, die mit Anfang fünfzig gelangweilt war von ihrer Arbeit und sich unwohl fühlte. Die Kinder waren ausgezogen, endlich hatte sie mehr Raum und Zeit, um im Job Gas zu geben. Die Rahmenbedingungen waren gut, sie wollte ihre Arbeit nicht aufgeben, aber sie fühlte sich eingerostet und wenig angeregt. Etwas fehlte.

Durch einen Traum erinnerte sie sich daran, dass sie als Jugendliche nächtelang exzessiv getanzt hatte. Wie eine Verrückte habe sie damals getanzt und sich dabei selbst vergessen – ein köstlicher Zustand, den der Traum ihr wieder ins Gedächtnis rief. Zwischen Arbeit, Haushalt und Kindererziehung war die alte Tanzleidenschaft, die immer noch in ihr schlummerte, verschüttgegangen. Der Traum rüttelte sie im Wortsinn wach und brachte sie in Bewegung. Sie fing wieder an zu tanzen, suchte nach Tanzorten und stellte fest, dass es für Frauen und Männer in ihrem Alter kaum Angebote gab. Sie reduzierte ihre Arbeitszeit, baute dann eine Tanzschule für Senioren auf und fühlte sich wieder lebendig und kreativ. So wurde aus einem Traumimpuls, den sie ernst nahm, eine Vitalkur, die ihr Leben wieder rund machte.

Dieses Beispiel zeigt für Verena Kast, wie wichtig der Kontakt mit der Innenwelt ist. „Wenn wir uns keine Zeit nehmen, zu spüren, wie es uns geht, und unsere Fantasien zu erkunden, erleben wir uns als festgefahren und unkreativ.“ Oft gehe es gar nicht darum, einen Job, der langweilig geworden ist, zu kündigen, oder um andere große Veränderungen, sondern um einen nächsten Schritt und die Frage: Was ist jetzt gerade wichtig für mich? Wo geht mein Interesse, mein Spürsinn hin? In einer Zeit, in der die meisten vollgepackte Terminkalender haben und unter dem Druck von zu vielen To-dos und ständiger Erreichbarkeit leiden, brauchen wir eine geradezu heroische Entschlossenheit, Freiräume zu verteidigen. Zeiten, in denen wir mit uns allein sind, spazieren gehen, unsere Gefühlswelt erkunden, nichts tun, Tagträumen nachhängen, Romane lesen, die Gedanken fließen lassen.

„Innenwelt braucht Zeit, diese Zeit nehmen sich viele nicht mehr und wundern sich, wenn sie unzufrieden werden“, meint Verena Kast. Wenn wir uns auf uns selbst konzentrieren und eine ruhige Gelassenheit spüren, ist alles im Lot. Werden wir aber ärgerlich, bedeutet das, dass wir irgendwo das Bedürfnis haben, stopp zu sagen, und herausfinden sollten, wo und wem wir stopp sagen wollen. „Identitätsfindung ist eine Gratwanderung zwischen Selbstbeständigkeit und permanenter Veränderung“, schreibt der Psychologieprofessor Eric Lippmann in seinem Buch Identität im Zeitalter des Chamäleons. Genau genommen müssten wir uns nicht „Wer bin ich?“ fragen, sondern „Wer bin ich im Verhältnis zu anderen oder im Vergleich zu früheren Zeiten?“. Bei Identität geht es laut Lipmann um eine Passung zwischen dem Individuum, dem „Innen“, und der Gesellschaft, dem „Außen“.


Identität bildet sich zwischen dem Innen und Außen. Das Verhältnis wird immer wieder neu verhandelt


Wenn wir älter werden und uns nicht mehr so fit und leistungsfähig fühlen wie mit Mitte dreißig, der Arbeitgeber und die Kollegen jedoch weiterhin jungdynamisches Verhalten erwarten, geraten wir in einen Konflikt. Das innere Erleben und äußere Erwartungen passen nicht mehr zusammen. Oder umgekehrt: Wir fühlen uns noch hochmotiviert und neuen Aufgaben gewachsen, werden aber von anderen in die Schublade „Altes Eisen“ gesteckt und fühlen uns unterfordert. Es entstehen immer wieder Irritationen. Das Leben fordert uns gewissermaßen auf, unser Selbstbild zu überprüfen und unser inneres Erleben mit den äußeren Anforderungen und Erwartungen zusammenzubringen. So stellt sich die Frage „Wer bin ich?“ immer wieder neu.

Besonders drängend wird sie in Übergangsphasen, bei runden Geburtstagen und in der Mitte des Lebens. In Forscherkreisen wird kontrovers darüber diskutiert, ob es die klassische Midlife-Crisis wirklich gibt. Zweifellos ziehen die meisten Menschen früher oder später eine Zwischenbilanz. „Die Bilanz, die wir in der Lebensmitte ziehen, fällt grundsätzlicher aus als die kurzen Bilanzen, die wir fortwährend ziehen, wenn wir uns für einen Berufsweg oder eine Arbeitsstelle entschieden haben und uns fragen, ob wir noch im richtigen Job sind“, beobachtet der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs.

In Vorträgen und Aufsätzen ist er der Frage nachgegangen, wie das ungelebte Leben uns beeinflusst. Jeder trägt mehrere mögliche Leben in sich. Doch in der begrenzten Lebenszeit lässt sich nicht alles realisieren. „Die Fülle des nicht Gelebten übertrifft in ungeheurem Maße das kleine Reich des Möglichen. Unvermeidlich bleiben wir auch immer hinter unseren Möglichkeiten zurück“, schreibt Thomas Fuchs in einem Essay. Wenn die Kluft zwischen unseren Lebenswünschen und dem, wie wir tatsächlich leben, zu groß wird, werden wir unzufrieden. Wenn gefühlt die Hälfte des Lebens vorbei ist und die Vergangenheit mehr Gewicht bekommt als die Zukunft, wenn die Endlichkeit ins Bewusstsein rückt, bricht die Frage nach dem Verwirklichten und Nichtverwirklichten auf. Für Thomas Fuchs hat diese Frage einen existenziellen und drängenden Charakter. „Sie fragt nach dem Sinn und danach, was das eigene Leben bedeutungsvoll macht, und geht tiefer als die eher spielerische, experimentelle Frage ,Was könnte ich alles noch machen?‘.“

Was will noch gelebt werden?

Der Psychoanalytiker C. G. Jung ging davon aus, dass Menschen depressiv werden, wenn sie zu lange wichtige mögliche Selbstentwürfe aussparen. Das Wort „Entwurf“ weist darauf hin, dass wir uns in unserem Leben nicht nur treiben lassen, sondern Pläne machen, Wünsche und Vorstellungen entwickeln, wo wir einmal ankommen möchten. In Jungs Verständnis hat die Krise in der Lebensmitte, die oft mit der Frage „War das jetzt alles?“ verbunden ist, einen tieferen Sinn. Sie ist eine Aufforderung, in sich zu gehen: Was könnte jetzt noch wichtig sein? Was will jetzt noch gelebt werden? In der ersten Lebenshälfte sind wir laut Jung im Hamsterrad von Beruf und Familie gefangen. In der zweiten können wir uns mehr der Innenwelt zuwenden und werden, wer wir sind (Nietzsche, Ecce homo) oder noch nie waren. Jung ging davon aus, dass wir uns bis zum Tod weiterentwickeln und dass Stillstand zu Krankheit führt.

Die Idee, dass hinter einer Depression Leben steckt, das auch gelebt werden könnte oder sogar müsste, findet Verena Kast immer noch aktuell und hilfreich. „Viele Menschen leben in der ersten Lebenshälfte ganz stark in der äußeren Welt, konzentrieren sich auf den beruflichen Erfolg, machen Karriere und holen sich die Bestätigung vor allem von außen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn jemand aber gleichzeitig noch eine romantische, introvertierte Seite in sich hat, muss die auch irgendwann zum Zug kommen dürfen.“ Ein Manager kommt auf einem Schweigeseminar in Kontakt mit seiner zarten Seite. Auf dem Meditationskissen sitzend, laufen ihm Tränen über die Wangen. Er braucht eine Zeitlang, bis er versteht, dass die Tränen Ausdruck seiner Sehnsucht sind, Zeit zu haben für sich und sein Innenleben. Die Spaziergänge im Wald im Schweigen erinnern ihn daran, dass er früher gerne Gedichte gelesen hat und es eine romantische Ader in ihm gibt, die im Wald plötzlich zum Leben erwacht. Er ist tief berührt von den Farben des Herbstlaubs, vom Geruch des Waldbodens und vom Ruf des Kuckucks. Spontan entstehen in seinem Kopf erste Gedichtzeilen.

Er nimmt sich eine Auszeit, beschließt, nur noch vier Tage die Woche zu arbeiten, und reserviert sich den fünften Tag für ausgedehnte Waldspaziergänge und zum Gedichteschreiben. Mit einem gutbezahlten Job kann er sich diesen Luxus – im Gegensatz zur Kassiererin im Supermarkt – leisten. Und doch ist dieses Beispiel ermutigend, weil es uns zeigt, dass eine vergleichsweise kleine Kurskorrektur viel bewirken kann. Identität ist ein Balanceakt. „Es geht darum, neue Impulse zuzulassen und flexibel zu bleiben, ohne mich ständig grundsätzlich infrage zu stellen. Es sei denn, ich stelle fest, dass etwas Wesentliches an mir vorbeigelaufen ist und ich etwas sehr Wichtiges nicht verwirklicht habe“, meint Thomas Fuchs.

Der Sozialpsychologe Neal Roese hat in zahlreichen Studien mit tausenden Versuchspersonen herausgefunden, was Menschen rückblickend am häufigsten bereuen. Rund ein Drittel beklagt versäumte oder unzureichend genutzte Chancen in Schule und Ausbildung. 22 Prozent bereuen unglückliche Entscheidungen bei der Berufswahl oder dass sie zu viel Zeit und Energie in die Karriere investiert und Familie und Freunde vernachlässigt haben. 15 Prozent empfinden Reue, weil sie das Gefühl haben, in Liebesdingen irgendetwas verpasst zu haben. 11 Prozent bedauern, dass sie ihre Rolle als Eltern schlecht oder gar nicht ausgefüllt haben. Es empfiehlt sich also, immer wieder zu überprüfen, ob wir an wichtigen Werten und Wünschen vorbeileben (siehe dazu Psychologie Heute 5/2017).

Die Frage „Wer bin ich?“ ist vermutlich eine universelle Frage, die sich Menschen kultur-und zeitübergreifend ein ums andere Mal stellen. Gleichzeitig ist die Frage „Wer bin ich noch?“ mit der Betonung auf dem noch auch ein Zeitgeistphänomen. In der postmodernen Gesellschaft können wir uns theoretisch ständig neu erfinden und kaleidoskopartig wechselnde Identitäten und Rollen annehmen. Wir sind nicht mehr lebenslang an unseren Geburtsort gebunden und nicht mehr dazu verpflichtet, den Beruf der Eltern weiterzuführen und ihre Lebensform und ihren Glauben zu übernehmen.

Stattdessen können wir auf einem anderen Kontinent ein völlig anderes Leben beginnen, uns im spirituellen Supermarkt bedienen und eine neue Geschlechtsidentität annehmen oder uns als nichtbinär, weder Mann noch Frau definieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Der Psychologe Heiner Keupp spricht von Patchwork-Identitäten. Das klingt lustig, bunt und vielfältig, nach kreativen Verknüpfungen und originellen Kombinationen. Doch aus der gewonnenen Freiheit, uns neu erproben und unseren eigenen Quilt weben zu können, ist mittlerweile ein Druck geworden. Der meistverwandte Slogan des Coachingmarkts lautet „ Potenziale heben und entfalten“. Die Frage „Wer bist Du noch?“ kann zur Aufforderung werden, immer neu in sich zu graben, und zu einer atemlosen Suche nach verborgenen Wünschen und Talenten verführen, die keine Erfüllung bringt. Soziologen nennen das „biografischen Gestaltungsdruck“. Wer nicht alle Möglichkeiten ausschöpft, gilt als gescheitert.

Mit der Frage „Wer bin ich noch?“ wird die Phase des Erprobens und Ausprobierens in das Erwachsenenalter hinein verlängert. „Wenn sich das Ausprobieren zu einer Grundhaltung entwickelt – ich möchte mir alle Möglichkeiten offenhalten und nichts verpassen –, entsteht die Gefahr, dass ich in einer Unverbindlichkeit steckenbleibe und mich weder auf eine Arbeit noch auf einen Partner noch auf einen Ort wirklich einlasse“, gibt Thomas Fuchs zu bedenken. „Wenn es uns nicht gelingt, uns zu etwas zu verpflichten – zu einer Aufgabe, einer Beziehung, einer Umgebung –, verlieren wir die Fähigkeit zur Hingabe. Damit tun wir uns keinen Gefallen.“ Die Sucht nach immer neuen Möglichkeiten kann zu einer tragischen Form des ungelebten Lebens werden.


Die proteische Persönlichkeit wandelt sich immerfort, doch sie findet nie sich selbst


Jean-Claude Kaufmann, ein französischer Soziologe, spricht sogar von einem neuen menschlichen Archetypus, der „proteischen Persönlichkeit“. Proteus war der Meergott in der griechischen Mythologie. Er konnte jederzeit seine Gestalt spielerisch verändern. Zu einem hohen Preis: Nie fand er sich selbst. Der proteische Lebensstil zeichnet sich aus durch ein fortschreitendes spielerisches Fließen des Wesens. Die Suche nach Spiel und Vergnügen ist der Hauptmotor dieses neuen Lebensstils, der auch durch die zahlreichen Möglichkeiten befeuert wird, sich im Internet neue und wechselnde Identitäten zuzulegen.

Schon Goethe hatte große Probleme, mit den vielen Möglichkeiten zurechtzukommen, die ihm seine vielfältigen Begabungen boten. Bis zu seiner Italienreise wusste er nicht, ob er Maler oder Schriftsteller sein wollte, und fühlte sich zerrissen. Er kam zu dem Schluss, dass wahre Meisterschaft nur in der Begrenzung möglich sei, und entschied sich, das Schreiben weiter zu vervollkommnen. Manchem ist es jedoch möglich, mehrere Begabungen zu leben, die sich gegenseitig ergänzen. Die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie ist ein gutes Beispiel dafür: Sie glänzt in beiden Disziplinen. Am Ende einer Überlegung, welchem seiner Talente man folgen soll, kann also ein Sowohl-als-auch stehen – auch dies ist eine Entscheidung. Jede getroffene Wahl stärkt die Willensfähigkeit und das Selbstvertrauen. Im proteischen Lebensstil werden Entscheidungen jedoch möglichst vermieden.

Doch worüber reden wir denn, wenn wir die Frage stellen „Wer bin ich?“ oder „Wer bin ich noch?“. Ist die Frage überhaupt richtig gestellt oder in sich schon illusionär, weil sie suggeriert, es gäbe ein Ich oder Selbst, das sich ergründen und entdecken lässt? Identität, so viel steht fest, ist ein Konstrukt. Vieles spricht dafür, dass es das vielbeschworene Selbst gar nicht gibt. Für den Philosophen Thomas Metzinger existiert kein reales Selbst an sich. Wir stellen uns unser Ich oder Selbst gern als einen Kern vor, den wir schon immer hatten oder der wir im Innersten sind, und hoffen, glücklich zu werden, wenn wir endlich zu ihm vorgestoßen sind. Das ist die Grundidee von Selbstverwirklichung. Doch genau das, meint Metzinger, sei eine Fiktion, weil es kein eigentliches oder wahres Selbst gebe.

Das Selbst als Einbildung

In seinem Buch Der Ego-Tunnel entwickelt Metzinger die These, dass das bewusst erlebte Ich von unserem Gehirn erzeugt wird. „Was wir wahrnehmen, ist nichts als ein virtuelles Bild in einer virtuellen Realität.“ Als Beleg liefert er eine Vielzahl von Beispielen und Beobachtungen aus den Neuro-und Kognitionswissenschaften. So haben manche Menschen, denen von Geburt an ein Arm oder ein Bein fehlt, oft dennoch die Empfindung, diese Gliedmaßen tatsächlich zu besitzen.

Eric Lippmann schlägt vor, zumindest so zu tun, als ob wir ein Kernselbst oder Zentral-Ich hätten, um handlungs-und entscheidungsfähig zu sein – „denn irgendetwas soll ja in unserem Werden für eine gewisse Konstanz und Integration der Teilselbste sorgen“. Thomas Fuchs hält hingegen nichts von der Theorie eines illusionären Selbst. Unser Selbsterleben sei vielmehr höchst real. „Wir brauchen nicht so zu tun, als ob wir ein Kernselbst hätten, denn wir sind es immer schon – sonst wären wir auch nicht handlungs-und entscheidungsfähig. Allerdings formt sich unsere persönliche Identität erst in der Auseinandersetzung mit der Welt und anderen und bleibt immer offen für Zukünftiges.“ Ein zu offenes und verschwommenes Ich-Gefühl macht es schwer, sich für einen Lebensentwurf zu entscheiden. Eine zu rigide und enge Identität hingegen kann krank machen.

Spannungen entstehen dadurch, dass das übernommene oder angenommene Rollen-Ich dem spontanen, werdenden Selbst fremd wird. „Das Rollenkleid passt nicht mehr und muss neu angepasst oder neu geschneidert werden“, so formuliert Thomas Fuchs den Balanceakt, den wir immer wieder vollbringen müssen. Wer die Rollenerwartung der Eltern hundertprozentig erfüllt, sehr gewissenhaft ist, sich immer an Gesetzen und Vorschriften orientiert und von sich selbst immer Perfektion erwartet, gerät schnell in eine Überforderung oder sogar in eine Krise, wenn sich etwas Einschneidendes ändert. Dann stellt sich die Frage „Wer bin ich noch?“ ganz existenziell. Sie bedeutet dann, zu erkunden: Gibt es in mir neben dem rigiden, angepassten, gesetzestreuen auch noch einen rebellischen Teil, der auch mal auf den Tisch hauen oder Vorschriften missachten möchte und bisher keine Chance hatte? Und, wenn ja, wie kann ich diesen Teil sozialverträglich integrieren?

Verena Kast schildert in ihrem Buch das Beispiel eines 46-jährigen Mannes, der ungefragt den Satz der Eltern übernommen hatte: „Man muss arbeiten bis zum Umfallen, erst dann ist man ein guter Mensch.“ Nach dem dritten Herzinfarkt fing er an, den Satz zu hinterfragen. Er beschäftigte sich in der Therapie mit der Frage: Was bedeutet es für mich persönlich, ein guter Mensch zu sein und das Leben gut zu leben? Und er fand andere Antworten, als die Familie sie vorgegeben hatte.

Die Frage „Wer bin ich noch?“ hat für Verena Kast nichts mit Selbstoptimierung zu tun. Der häufig benutzte Satz „Mach mehr aus deinem Leben“ sollte besser heißen: „Mach aus deinem Leben, was auch noch ansteht.“ Das Wort „mehr“ suggeriere, es müsse immer um eine Steigerung gehen. Häufig gehe es bei Lebensübergängen jedoch eher darum, etwas wegzulassen: nicht mehr ständig danach zu schielen, was andere machen, und mit ihnen zu rivalisieren, nicht mehr nur den Erwartungen von anderen zu genügen, sondern das bereits Gelungene und Stimmige zu würdigen und sich auf die eigenen Interessen und Wünsche zu konzentrieren. Dem gesellschaftlichen Druck zu widerstehen, sich ständig neu erfinden zu müssen. „Wenn es mir gelingt, etwas Neues in mein Leben einzubinden, ist das eine Neuerfindung, aber ich bin immer noch dieselbe“, sagt Verena Kast. „Nur mein Haus hat einen neuen Anbau bekommen. Dadurch kann ich auch die anderen Zimmer neu und anders benutzen.“

ZUM WEITERLESEN

Verena Kast: Immer wieder mit sich selber eins werden. Identität und Selbstwert entwickeln in einer komplexen Welt. Patmos, Ostfildern 2018

Andrea Landschof: Das bin ich!? Verborgene Talente entdecken und Veränderungen gestalten. Junfermann, Paderborn 2018 Eric Lippmann: Identität im Zeitalter des Chamäleons. Flexibel sein und Farbe bekennen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018