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Wer ist mein Vater?


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 12.01.2022

Artikelbild für den Artikel "Wer ist mein Vater?" aus der Ausgabe 2/2022 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Es ist bereits dunkel, die Kinder schlafen, ihr Mann ist beim Badminton, da entscheidet sie sich, dass sie ihm schreiben wird. Sie setzt sich vor ihren Computer und erstellt sich ein Profil auf Facebook. Sie gibt seinen Namen ein. Dass sie ihren Vater suche, schreibt sie, der aus Algerien stamme und denselben Namen trage wie er, Zoheir Deneche. Ihre Mutter habe er in den 70er- Jahren in Prag getroffen, viel mehr wisse sie nicht. Sie schreibt, dass es sie Mut koste, ihm eine Nachricht zu senden. Schlaflos seien die Nächte gewesen, in denen sie an sein Profil gedacht habe. Sie beendet die Mail mit freundlichen Grüßen. Ihr Herz schlägt heftig, ihre Finger zittern. Kann sein, dass er nicht antwortet, denkt sie. Dass er antwortet: „Weiß nicht, wer du bist“, sie abwimmelt. Vielleicht schreibt er: „Ich bin zwar dein Bruder, aber nicht an dir interessiert.“ Oder, und das wünscht sie sich so sehr, sie ...

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... liest, dass er tatsächlich ihr Bruder sei oder ihr Cousin, überglücklich, ein Lebenszeichen von ihr zu bekommen. Sie klickt auf „Senden“.

Als ihre Welt noch keine Risse hat, wird sie Wuschelkopf genannt, weil sie dunkle Locken hat. Esther Kurfürst- Mantei wächst zusammen mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Jens in Weimar auf, in der ehemaligen DDR. Die Eltern führen eine Täschnerei. Sie sind als Selbstständige schwer beschäftigt. Esther schreibt gute Noten, lernt Flöte und Schlagzeug spielen, macht Sport. Sie ist das Mädchen, dem alles gelingt, das keine Probleme macht. Trotzdem kommt es ihr so vor, als bekäme ihr Bruder Jens mehr Aufmerksamkeit als sie. Ihr Verhältnis ist kein gutes, sie streiten oft. „Sei nicht so eifersüchtig“, weist ihre Mutter sie zurecht.

Esther Kurfürst-Mantei ist 13 Jahre alt, als ein Klassenkamerad beim Spielen am Weiher hinterm Haus fragt: „Du weißt schon, dass dein Vater nicht dein Vater ist?“ Die Worte hat er aufgeschnappt, als ihre Mutter mit seiner Oma redete, erklärt er. „Quatsch“, sagt Esther. Sie läuft nach Hause, findet ihre Mutter in der Küche, fragt, ob es wahr sei. Ihre Mutter, die sie liebt, mit der sie alles bespricht, was sie im Leben beschäftigt, reagiert hölzern. Sagt nicht: „So ein Quatsch!“, wie es sich Esther gewünscht hat, sondern antwortet knapp: „Und was, wenn es so wäre?“ Die Welt beginnt, sich um Esther Kurfürst-Mantei zu drehen, sie f lüchtet wieder in den Garten. Ihre Gedanken jagen einander. Wer ist ihr Vater? Wo ist er? Ob er sie sucht? „Du bist nicht mein Vater“, schleudert sie dem Mann entgegen, der es bis eben war und den sie in der Garage überrascht, „du hast mir gar nichts zu sagen.“ Auch er reagiert überfordert und antwortet, dass es leicht sei, ein Kind zu zeugen, und schwer, eines aufzuziehen. Das kann sie nicht trösten.

Die Mutter reagiert kühl. Ihr Vater habe sie nicht gewollt, sagt sie nur

Sie erinnert sich daran, wie herzlich die Großeltern mütterlicherseits mit ihr umgehen. Wie seltsam ungeliebt sie sich bei den Eltern ihres Vaters fühlt. Sie wird gemocht, aber gehört nicht recht dazu. Ihre Cousinen und Cousins bekommen mehr Geschenke als sie, und jetzt versteht sie, warum. Nach Tagen des Rückzugs fragt sie ihre Mutter, wer ihr Vater ist. Sie erfährt, dass er aus Algerien stamme. Sie nicht gewollt habe. Mehr will ihre Mutter nicht erzählen, die sie schon mit 18 Jahren bekommen hat und doch eigentlich eine junge, coole Mutter ist, eine Freundin. Esther Kurfürst-Mantei versucht, sich ihren leiblichen Vater vorzustellen. Er scheint nun allgegenwärtig zu sein, und trotzdem halten ihre Eltern an einer Realität fest, die für die 13-Jährige nicht mehr funktioniert. Immer öfter unterhält sie sich mit ihrem leiblichen Vater, besonders nachdem ihr die Mutter ein Passfoto von ihm überlässt, als sie sich einmal mehr traut, nach ihm zu fragen. Ihre Mutter ist kurz angebunden. Esther Kurfürst-Mantei fühlt sich einsam und unverstanden. Sie sehnt sich nach Antworten.

In der Familie wird das Thema jahrelang totgeschwiegen. Der Kontakt bricht ab

Noch mehr als zuvor strengt sie sich an zu gefallen. Sie will dazugehören zur Familie, jetzt, da ihr das nicht mehr selbstverständlich scheint. Ihren Ziehvater nennt sie weiterhin Vater. Er hat Ähnliches erlebt wie Esther Kurfürst-Mantei. Sein Vater verschwand spurlos, als er vier Jahre alt war. Die Leerstelle könnte sie verbinden, wenn er sich ihr zuwenden würde. Das Gespräch suchen. Doch beim Essen wird nur über Alltägliches geplaudert, und so teilt sich Esther Kurfürst- Mantei vor allem ihrem Fantasievater mit. Ihm erzählt sie, was sie wirklich beschäftigt. Sie versucht, sich vorzustellen, wie er ihrer Mutter begegnet als Student in Prag. Eine Nacht nur hätten sie miteinander geteilt, hat ihre Mutter gesagt. Später hat er die Vaterschaft geleugnet – warum? Ist ihr Vater vielleicht ein schlechter Mensch? Ein Krimineller, ein Terrorist? Algerien hat eine bewegte Geschichte, das weiß sie aus dem Buch, das sie sich in der Bücherei ausgeliehen hat. Sie liest über den Islam, der in Algerien Staatsreligion ist. Fremd, aber schillernd erscheint ihr die Heimat ihres leiblichen Vaters.

Die Mauer fällt, wieder wird ihre Welt erschüttert. Die Gegenwart lenkt Esther Kurfürst-Mantei ab. Vier Jahre später macht sie Abitur, studiert Jura in Jena, bricht das Studium ab und macht eine Ausbildung. Sie zieht nach Düsseldorf, arbeitet in der Grafikabteilung eines Unternehmens. Jede ihrer Entscheidungen hat sie mit ihm besprochen; ihr Fantasievater fehlt ihr besonders, als sie 2006 heiratet. Noch einmal mehr, als sie ein Mädchen und einen Jungen bekommt, sie sind heute elf und acht Jahre alt. Einmal loggt sich ihre Freundin bei Facebook ein, und Esther Kurfürst-Mantei gibt seinen Namen ein. Nichts. Monate später ergibt die Suche einen Treffer. Zoheir Deneche. „Schreib ihm“, sagt die Freundin, aber Esther ist unsicher. Der Mann auf dem Profil ist zu jung, außerdem lebt er in Stockholm. In dem Moment, in dem sie ihrem leiblichen Vater vielleicht so nah ist wie nie zuvor, verlässt sie der Mut. Zehn Jahre sollen vergehen, bis sie ihn tatsächlich anschreibt.

Auf einer Kur setzt sie sich zum ersten Mal mit sich selbst auseinander. Sie lernt, sich nicht mehr zu rechtfertigen. Für eigene Bedürfnisse einzustehen. Sie erfährt, dass die ungestillte Sehnsucht nach Antworten Spuren hinterlassen hat, die ihr jetzt zu schaffen machen. Sie schläft schlecht, ist unkonzentriert, hat Ängste, auch: Wut. Warum nur erkennen ihre Eltern nicht, wie das Unwissen sie quält? Was hält sie davon ab, einer erwachsenen Frau dabei zu helfen, ihre Wurzeln zu finden? „Wir wollen dich schützen“, behaupten ihre Eltern, und Esther Kurfürst-Mantei weiß bis heute nicht, wovor. Eine Therapeutin erklärt das Verhalten ihrer Mutter so: Für die Mutter sei die Lüge wichtig, für die Tochter die Wahrheit, und daraus resultiere ein tiefer Mutter- Tochter-Konf likt. Das Recht der Selbstbestimmung kollidiere mit dem Recht, seine Wurzeln zu kennen. Esther Kurfürst-Mantei und ihre Eltern werden sich fremd, der Kontakt bricht ab.

Die Frau, die an einem Abend im September 2019 auf eine Antwort von Zoheir Deneche wartet, ist eine selbstbewusste. Eine, die nun anders auf ihr Leben blickt, entschlossen, es anzunehmen. Kaum eine halbe Stunde ist vergangen, da erhält sie eine Nachricht von dem Mann, der den Namen ihres Vaters trägt. Er schreibt, er sei ihr Bruder. Esther Kurfürst-Mantei kann es kaum fassen, ihre Hände f liegen über die Tastatur. Zehn Monate jünger ist er als sie. Er lädt Bilder hoch, sie erkennt den Mann wieder, von dem sie ein Passfoto besaß. Er sei bereits 1994 gestorben, erfährt sie, ihren Vater wird sie also nicht mehr kennenlernen können. Sie ist glücklich und traurig zugleich, weint, zittert und lacht, als ihr Mann vom Badminton zurückkehrt.

In den vergangenen drei Stunden hat sie zwei Halbschwestern bekommen, sie sind 31 und 51 Jahre alt, ein weiterer Halbbruder ist als Teenager verunglückt. Zoheir beantwortet jede ihrer Fragen. Warum lebt er in Stockholm? Hier hat er Arbeit gefunden. Wie war ihr Vater? Gütig und hilfsbereit. Hat er von ihr gesprochen? Ja, das hat er. Wie sie wohl aussehe, habe er sich gefragt. Sie begreift, dass ihr Vater sie nicht ablehnte, aber bereits Frau und Kinder hatte, als er ihre Mutter schwängerte. Er musste seiner Verantwortung nachkommen in einer Gesellschaft, die Trennungen nicht akzeptierte. Überwältigt von der herzlichen Reaktion ihrer Halbgeschwister taumelt Esther Kurfürst-Mantei durch die nächsten Tage. Sie hadert damit, nicht früher geschrieben zu haben, und ist gleichzeitig dankbar, dass sie ihre Familie vervollständigt hat. Sechs Wochen später fliegt sie zu Zoheir Deneche und seiner Familie nach Stockholm. Gemeinsam schließen sie einen Plan: Sie werden zusammen nach Constantine reisen, in die Heimat ihres Vaters.

Ein Plan, der sich anfühlt wie Frieden.

Die Autorin

Esther Kurfürst-Mantei (Bild links) lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. Ihre Geschichte aufzuschreiben habe ihr geholfen, inneren Frieden zu finden (Lübbe, 11 Euro).