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Wer kauert da hinter dem Grabstein?


Land & Berge - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 11.12.2019

Ein Friedhof kann ein Ort der Inspiration sein – so sieht es jedenfalls Robert Spannagel, der seine Arbeit als mobiler Schrifthauer inmitten von Grabsteinen sehr mag. Wir treff en ihn auf dem Friedhof der oberbayerischen Gemeinde Maisach


Artikelbild für den Artikel "Wer kauert da hinter dem Grabstein?" aus der Ausgabe 1/2020 von Land & Berge. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Land & Berge, Ausgabe 1/2020

Wenn der Grabstein nicht zum Schrifthauer kommt, kommt der Schrifthauer zum Grabstein: Robert Spannagel fügt den Namen einer jüngst Verstorbenen vor Ort hinzu


Das Werkzeug des Schrifthauers: Die Holzkiste für seine Utensilien hat sich Robert Spannagel passgenau selbst geschreinert


Der Goldschatz steckt in einem unscheinbaren Umschlag: In hauchdünnen Schichten ist das ...

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... Blattgold auf Trägerpapier aufgebracht


Rund um die Kirche im oberbayerischen Maisach gibt es für Robert Spannagel immer etwas zu tun


Beim Sandstrahlen wird es laut und staubig, aber das ist nur ein kurzes Intermezzo in der ansonsten stillen Arbeit


Eins sei gleich einmal vorweggenommen: Diese Geschichte spielt auf dem Friedhof, aber traurig ist sie keineswegs. Im Gegenteil, das vielleicht beste Mittel gegen Niedergeschlagenheit ist ein Tag mit Robert Spannagel inmitten von Grabsteinen. Der Mann strahlt dermaßen viel Lebensfreude aus, dass jegliche Tristesse im Nu verflogen sein sollte.

Handwerk war schon immer „sein Ding” und sein beruflicher Weg begann mit einer Schreinerlehre. Dann lernte er seine spätere Frau kennen, deren Familie einen Steinmetzbetrieb hatte, und sattelte um. „Ich habe da alles gemacht: in der Werkstatt, auf der Baustelle, auf dem Friedhof, Küchenplatten verlegt und so weiter.”

Diffizile Arbeit ist sein Steckenpferd

Irgendwann wollte er dann nicht mehr nur der Mitarbeiter sein und besuchte die Meisterschule für Steinmetz- und Steinbildhauermeister in Freiburg. Damit war der Weg frei für die Selbstständigkeit. Und er spezialisierte sich auf Schrift en, ein ähnlich diffiziles Arbeiten wie beim Schreinern, das scheint ihm einfach zu liegen. Er mag die Ruhe bei der Arbeit, dann kann er nebenbei Ideen spinnen und über Kunstprojekte nachdenken, „für die ich keine Zeit habe, sie umzusetzen”, kommentiert er lachend. Die Bildhauerei ist nämlich die andere Schiene der Steinarbeit, auf der er unterwegs ist, und manches seiner Werke ziert einen öff entlichen Platz. „Aber da will ich frei arbeiten und mich nicht an Vorgaben von anderen halten müssen.” Also verdient er sein Geld in erster Linie damit, die Namen von Verstorbenen auf Grabsteinen zu verewigen – die vielleicht letzte Spur zu setzen, die ein Mensch auf Erden hinterlässt. Als Erstes muss er sich den Arbeitsplatz einrichten.

„Manchmal bin ich auch der Gärtner”, kommentiert er, während er einen Busch ausgräbt, der im Weg ist und den er am Ende natürlich wieder einpflanzen muss. Im nächsten Schritt kopiert er mit dem Bleistift vorhandene Buchstaben, die er für den neuen Namen braucht, vom Grabstein auf Pauspapier und ergänzt die fehlenden, um dann eine Schablone anzufertigen. Dafür muss er die Grundlagen der Schrift kunst und die gängigen Schrift formen kennen, im aktuellen Fall hat er es mit einer Variante der „Unzialis” zu tun. Das lernt man in der Ausbildung, aber man muss auch gestalterisches Gespür mitbringen. Wenn es auf dem Grabstein schon eine Schrift gibt, gilt es auch, die Handschrift des Vorgängers nachzuempfinden, denn wie beim Schreiben auf Papier hat auch jeder Steinmetz einen eigenen Duktus.

Beim Schrifthauen ist Konzentration gefragt: Auch Fehler sind „in Stein gemeißelt” und lassen sich nicht mehr ausbügeln


Am Grabstein werden nun die Buchstaben und Zahlen mittels Schablone und Sandstrahler angezeichnet, die Schrift ist damit schon gleichmäßig in den schwarzen Impalagranit eingraviert. Das ist ein gern genommener Stein für Grabsteine, „weil vergoldete Schrift en darauf besonders gut zur Geltung kommen und gut zu bearbeiten ist er auch”, erklärt Robert Spannagel das Material.

Der Friedhof ist eine Tratschbörse

Bei Grabsteinen werden meist keine modischen Experimente gemacht, sie sind eine Familieninvestition, eine teure Anschaff ung für Generationen. Mit keilförmigen Meißeln in verschiedenen Breiten arbeitet Robert Spannagel nun jeden einzelnen Buchstaben nach. Dabei vertieft er die Schrift schräg von beiden Seiten, sodass in der Mitte eine Kante entsteht, sauber werden die Formen verfeinert und die Arbeit bekommt einen handwerklichen Charakter. Zum Vergolden werden die Buchstaben mit Anlegeöl eingestrichen. „Da hat jeder sein eigenes Rezept. Wichtig ist, den richtigen Trocknungsgrad abzuwarten.” Zum Abstreifen des Pinsels dienen ihm seine Jeans, die schon ein interessantes Design aufweisen – Jackson Pollock lässt grüßen!

Vogelschwärme kreisen lärmend über den Friedhof, Schritte knirschen über den Kies, die Kirchturmuhr schlägt elf Mal, Fetzen einer gedämpft en Unterhaltung eine Grabreihe weiter dringen herüber – keineswegs Totenstille, eher eine friedliche Atmosphäre. Robert Spannagel erzählt amüsiert, dass ihn die Leute manchmal nicht sehen, wenn er beim Arbeiten hinter einem Grabstein kauert und er mithören kann, wenn sie andere „ausrichten” (lästern). Wenn sie ihn dann bemerken, ziehen sie peinlich berührt schnell von dannen. „Der Friedhof ist auch ein Treff punkt und eine Tratschbörse”, weiß er zu berichten. Manche Bekanntschaft hat sich da auch für ihn schon ergeben. „Und auf d’letzt machst ihnen dann noch die Schrift hin.”

Die Kunst des schönen Schreibens

Zur Ausbildung des Steinmetzes gehört auch die Kalligrafie. Ausgeübt wird diese meist mit Feder oder Pinsel und Tinte auf Papier und fand ihre ersten Anwendungen bei Bibelabschriften. So entwickelten sich vor allem Klöster zu Zentren der Buch- und Schriftkunst. Heute kommt die Kalligrafie in erster Linie noch für Urkunden zum Einsatz, aber weltweit gibt es auch Schriftkünstler, die Kalligrafie als freie Kunstform pflegen und zeitgemäß weiterentwickeln. Steinmetze müssen vor allem die traditionellen Formen beherrschen: Antiqua, Unzialis, Fraktur sowie Groteskschriften. Kurse für Einsteiger und Fortgeschrittene gibt’s zum Beispiel an Volkshochschulen.

Eine Hose wie ein Kunstwerk. In jedem Fall eine praktische Art, überschüssiges Anlegemittel abzustreifen


Unterwegs zum nächsten Grabstein: Robert Spannagel hat auf dem Friedhof Zeit, darüber nachzudenken, was im Leben zählt


Fotos: Gabriele Zelisko

Über die Arbeit auf dem Friedhof kam er in Kontakt mit Bestattern, für einen arbeitet er inzwischen auch. Verstorbene abholen, Sarg tragen, ablassen, zuschaufeln. Durch die Arbeit hat er einen anderen Zugang zum Tod bekommen – und zum Leben. „Die Todesfälle beschäft igen mich während der Arbeit schon – vor allem wenn ein Kind gestorben ist. Bei einem alten Menschen weißt du, der hat sein Leben gelebt. Aber die Geschichten nehme ich nicht mit nach Hause, dazu lebe ich zu gern.” Viel entscheidender ist, wie sich das Nachdenken über das Leben ändert: „Deine Prioritäten verschieben sich, dir ist viel bewusster, dass dein Leben im Hier und Jetzt stattfinden muss, du weißt nicht, wann es dich erwischt. Ich lasse mich heute nicht mehr so von Konventionen bestimmen, wie ich das früher gemacht habe.”

Abends haftet ihm Goldstaub an

Seinen eigenen Grabstein hat er auch schon, es ist sein Meisterstück: eine Bildhauerarbeit, die einen Leguan darstellt. „Da muss noch ein guter Spruch drauf mit möglichst vielen Buchstaben, damit der Schrift - hauer auch gut daran verdient”, fügt er an und lacht.

Inzwischen ist der Untergrund für die Vergoldung ausreichend getrocknet. Robert Spannagel deckt sein Arbeitsfeld mit einem alten Bettlaken ab, das als Windschutz dient, und holt das Briefchen mit dem Blattgold hervor. Das hauchdünne Gold würde schon der leiseste Windhauch fortwehen. Mit dem Anschießpinsel nimmt er das Gold vom Trägerpapier ab und legt es an den vorbereiteten Buchstaben an. Im nächsten Gang poliert er mit dem Pinsel darüber. „Ja, glänzt schön”, so sein zufriedenes Fazit. Trotz des Schutzes schweben kleine Goldpartikelchen durch die Luft und tragen ein bisschen Poesie in die Gräberreihen.

Manchmal haft et auch Robert Spannagel nach Feierabend noch ein wenig Goldstaub an. Am Grabstein werden noch vorhandene Überschüsse ganz unpoetisch mit einem kräft igen Guss aus einer Gießkanne und Sepiastein abgewaschen. Denn in der nächsten Gräberreihe wartet die nächste Aufgabe. Gabriele Zelisko

INFO Während seiner Arbeit kam Robert Spannagel auf die Idee, einen Gießkannenwagen zu bauen, der es den vor allem älteren Menschen erleichtert, die gefüllten Kannen zu transportieren. Eine Reihe von Friedhöfen sind schon damit ausgestattet, das Gerät eignet sich aber auch für die Gartenarbeit zu Hause und kann bei ihm bestellt werden. Auskünfte und Kontakt:www.spannagel-bildhauer.de


Fotos: Gabriele Zelisko