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Wer kontrolliert Facebook


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 31.01.2019

Beim Durchgreifen gegen Fake-News, Neonazis und russische Trolle trifft der Social-Media-Gigant auch Unschuldige. Sich selbst zu regulieren gelingt dem Konzern nicht


James Reader wollte sich an sämtliche Spielregeln halten: keine FakeNews, keine schlampigen Recherchen, kein Spam. Der 54jährige Gewerkschafter aus San Diego hat aus seiner linken Gesinnung nie einen Hehl gemacht, wollte sich mit seinem politischen Engagement aber noch stärker einbringen als bisher. Vor ein paar Jahren gründete er einen Blog namens „The Everlasting GOP Stoppers“ – und bekam dafür auf Anhieb so viel Unterstützung, dass er ...

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... sich mit Freunden und Investoren zusammensetzte, um die Finanzierung für einen professionelleren Auftritt zu stemmen. Bei der komplett überarbeiteten Website, die Reader auf den Namen „Reverb Press“ taufte, „ging’s mir nie ums Geld. Es geht mir nur um die Zukunft unseres Landes.“

„Reverb“, seit 2014 im Netz, betrachtete Politik durch die linke Brille, legte aber gesteigerten Wert darauf, alle Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Die neutrale MedienWebsite „Media Bias/Fact Check“ attestierte „Reverb“ zwar radikaldemokratische Positionen, vergab aber auch Höchstnoten „for factual reporting, as all news is sourced to credible media outlets“.

Die Website fand großen Zuspruch, nicht zuletzt im amerikanischen Wahlkampf 2015/16. „Wir hatten 30 Journalisten, die uns zuarbeiteten“, erzählt Reader, „vier Vollzeitredakteure und einen IT-Experten. Zu unseren besten Zeiten hatten wir monatlich zwischen vier und fünf Millionen Unique Visitors.“ Reader schätzt, dass er über Facebook und andere Multiplikatoren wöchentlich sogar 13 Millionen Leser erreichte.

Zu einem Großteil arbeitete „Reverb“ als Aggregator schon veröffentlichter News oder stellte diese in einen neuen redaktionellen Kontext. „36 Scariest Quotes From The 2015 GOP Presidential Debates“ ist ein Beispiel dafür, wie Reader aus unterschiedlichen Quellen einen neuen Artikel bastelte. Eigene Reportagen waren eher selten, fanden aber auch durchaus ihr Echo. Ein Augenzeugenbericht über den Kindesmissbrauch durch katholische Priester in New Jersey etwa wurde von den etablierten US-Medien aufgegriffen.

Wie für die meisten unabhängigen Politplattformen war eine FacebookSeite für „Reverb“ unverzichtbar. Um den Traffic weiter anzukurbeln, griff Reader auf Tools zurück, die Facebook für diese Zwecke anbot. „Wir zahlten monatlich zwischen 2000 und 6000 Dollar an Facebook, um die Zahl der Zugriffe zu erhöhen“, erzählt er. „Wir versuchten alles, was sie uns empfahlen.“

Reader tat das, was auch andere Websitebetreiber taten: Wenn Facebook Hinweise darauf gab, dass man in Kürze den Algorithmus modifizieren werde (etwa weil VideoContent größeres Gewicht eingeräumt wurde), reagierte Reader und setzte verstärkt auf Videos. „Kleine Blogs können ohne Facebook nicht überleben“, sagt er. „Wobei man natürlich auch festhalten sollte, dass es die kleinen Blogs waren, die Facebook zu Beginn explosionsartiges Wachstum bescherten.“

Doch irgendwann kam der Punkt, an dem die fruchtbare Symbiose nicht mehr so reibungslos funktionierte wie zuvor. Zur Zeit der US-Präsidentschaftswahlen 2016 stellte Reader fest, dass von ihm gepostete Beiträge seltsamerweise in rechtsextremen extremen FacebookGruppen kursierten – deren Mitglieder die Postings erwartungsgemäß mit negativen Kommentaren niedermachten. Die genervten User, vermutet Reader, hätten die Beiträge dann bei Facebook als Spam gemeldet. Er räumt ein, dass er nicht nachvollziehen kann, ob die Aktion nun von republikanischen InternetSheriffs, ahnungslosen „Make America Great Again“KappenTrägern oder russischen Trollen initiiert wurde, ist sich aber sicher, dass „irgendjemand am Rädchen drehte“.

Zunächst ging’s mit dem Traffic bergab, dann auch mit der Anzahl der verkauften Anzeigen. Reader konnte es sich nicht mehr leisten, bei Facebook die Trafficsteigernden Tools zu kaufen – und wenn er es doch tat, blieben die Resultate stets hinter den Erwartungen zurück. „Ich hatte das Gefühl, es mit einem CrackDealer zu tun zu haben“, sagt Reader. „Die ersten Hits sind noch kostenlos, doch dann muss man immer größere Summen auf den Tisch legen, um noch die gleiche Wirkung zu erzeugen.“

Er wandte sich an Facebook, hatte aber Schwierigkeiten, überhaupt einen Ansprechpartner zu finden, der sich für das Problem zuständig fühlte. (Bei den Interviews, die ich für diese Geschichte führte, bestätigten mir viele Gesprächspartner, dass Versuche, Facebook zu kontaktieren, regelmäßig in einem kafkaesken Albtraum enden.) Doch nach mehrmonatigem Versuchen schien Reader endlich Glück zu haben: Er kontaktierte einen alten Bekannten, der inzwischen bei Facebook arbeitete – wurde jedoch erneut mit dem Rat abgespeist, ein entsprechendes Formular auszufüllen. „Sei realistisch, Alter!“, sagte sein Bekannter. „Du kannst doch nicht erwarten, dass der Schwanz mit dem Hund wedelt!“ Mit anderen Worten, in einer Organisation mit zwei Milliarden Mitgliedern darf ein Individuum nicht damit rechnen, individuell wahrgenommen zu werden.

Am 11. Oktober 2018 kam dann der endgültige Schocker. „Ich war in San Diego und fuhr gerade nach Hause, als ich mehrere Anrufe erhielt, die alle bestätigten, dass, Reverb’ bei Facebook nicht mehr erreichbar sei.“ Als er zu Hause war, schaltete er seinen Computer ein und wurde umgehend mit einer Schlagzeile der „Washington Post“ konfrontiert: „Facebook Purged over 800 Accounts and Pages for Pushing Political Spam.“ In der Story hieß es, die Sperrung sei Teil einer umfangreichen Maßnahme, um „gezielte und koordinierte Falschmeldungen“ zu unterbinden. Neben einer Handvoll anderer Kandidaten wurde als Beispiel auch „Reverb“ genannt. Das FacebookStatement erwähnte noch, dass die Säuberungsmaßnahme bewusst „vor den Zwischenwahlen“ Anfang November erfolgt sei – und erweckte den Eindruck, als hätte man die amerikanische Demokratie dadurch gerettet, dass man Publizisten wie James Reader den Saft abdrehte.

Der FacebookAktion, in alternativen Medienkreisen inzwischen nur noch „The Purge“ genannt, fielen mehrere Hundert Blogger zum Opfer. Nachdem schon im Sommer eine Handvoll zwielichtiger Accounts gelöscht worden war (die ihre Wurzeln nachweislich im Ausland hatten), eröffnete die Säuberungswelle am 11. Oktober eine gänzlich neue Dimension: Betroffen waren nun auch journalistisch sauber arbeitende US-Publizisten, die nur von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machten. Interessant war auch, dass viele Websites praktisch zeitgleich von Twitter entfernt wurden. „Mir kann niemand erzählen, dass das ein Zufall war“, sagt Reader. „Das war eine koordinierte Aktion.“

Wobei die betroffenen Websites politisch keinesfalls einen gemeinsamen Nenner hatten. „Nation in Distress“ etwa war eine beinharte TrumpBastion, die 2016 mit der Prognose von sich reden machte, dass, sollte Trump tatsächlich gewinnen, Obama umgehend das Kriegsrecht verhängen werde. Andere, wie „Reverb“ oder „Blue State Daily“, propagierten Positionen der Demokratischen Partei und hauten dabei auch gern Donald Trump in die Pfanne. Wieder andere, wie „The Free Thought Project“ oder „AntiMedia“, bezogen parteipolitisch überhaupt keine Position, sondern kämpfen generell gegen Krieg, gegen unverhältnismäßig harte Strafen wegen Drogenbesitzes oder gegen die grassierende Polizeigewalt.

Zu behaupten, dass gerade letztere Websites die Integrität der Wahlen bedroht hätten, ist haarsträubender Unsinn: Sie legten Wert darauf, parteipolitische Reizthemen wie Wahlen weiträumig zu umgehen. „Wenn wir uns überhaupt in irgendeine Richtung engagieren, suchen wir eher nach einem Konsens, der die politische Polarisierung hinter sich lässt“, sagt Jason Bassler, ein 37jähriger Aktivist, der das „Free Thought Project“ leitet.


„Ich hatte das Gefühl, es mit einem Crack-Dealer zu tun zu haben: Die ersten Hits sind kostenlos, doch dann muss man immer größere Summen hinlegen“


Reader versuchte noch einmal selbst, seine Websites via Facebook zu erreichen. Nicht nur die „Reverb“Seite war „unpublished“, sondern auch sein alter „Everlasting GOP Stoppers“Blog. Selbst bei einem jüngeren Sprössling, einer „America Against Trump“Site mit 225.000 Followern, hatte man den Stecker gezogen.

Schon dass man ihn in einem Atemzug mit russischen Trollen nannte, brachte Reader auf die Palme, doch Facebooks Begründung war für ihn der Gipfel der Frechheit: Bei den geblockten Websites handle es sich „überwiegend um USamerikanische Operateure, die mit Klicksgenerierenden Schlagzeilen und anderen SpamPraktiken User auf Websites lotsen, wo man sie gezielt mit Werbung beeinflussen kann“. Reader war empört, weil diese Beschreibung nicht auf seine, sondern genau auf Facebooks eigene Methoden zutraf: Man versucht User so lange wie möglich im FacebookBiotop zu halten, um sie dort nonstop mit individuell zugeschnittener Werbung zu beschießen. „Es geht ihnen nur ums Geld“, sagt er. „Wir haben es mit einem riesigen Konzern zu tun, der das Gebaren im Internet am liebsten komplett monopolisieren würde. Inhaltlich ist alles erlaubt – solange es nur bei Facebook stattfindet.“

Als Donald Trump 2016 ins Weiße Haus gewählt wurde, sahen sich Facebook und andere SiliconValleyGrößen in die Defensive gedrängt. „FakeNews“ war das Wort der Stunde – ob nun verbreitet durch russische Bots, mazedonische Trolle oder hausgemachte Verschwörungstheorien. (Hillary Clinton wurde beispielsweise mit einem PädophilenRing in Verbindung gebracht, der in einer Pizzeria in Washington sein Unwesen trieb.) JournalismusProfessoren meldeten sich zu Wort, Soziologen und frühere FacebookAngestellte – und alle hatten den Schuldigen schnell ausgemacht: Social Media. „NewsFeeds intensivieren das individuelle Engagement“, weiß der ehemalige FacebookD esigner Bobby Goodlatte. „Bullshit ist ansteckend.“

Politiker riefen nach Regulierung, doch Facebook lehnte es rundweg ab, für Trump oder andere Entgleisungen verantwortlich gemacht zu werden. Mehr noch, die Firma hatte – zumindest öffentlich – immer geschworen, die rote Karte nur denen zu zeigen, die Pornos, Enthauptungsvideos oder andere Scheußlichkeiten in Umlauf brachten. Man wolle Menschen zusammenbringen, hieß es immer wieder, nicht Inhalte zensieren. 2016, nach einer Audienz beim Papst, brachte FacebookGründer Mark Zuckerberg sein Mantra noch einmal auf den Punkt: „Wir sind eine TechCompany, kein Medienunternehmen.“

Hinter dieser Maxime verschanzte sich Facebook. Wenngleich Zuckerbergs WirsinddochallenurFreundePhilosophie bestimmt nicht nur geheuchelt war, so war sie doch immer auch ein willkommenes Feigenblatt, um die wahren Ambitionen zu kaschieren: Wir angeln uns so viele User wie möglich, bombardieren sie mit maßgeschneiderten Anzeigen und verdienen uns daran dumm und dämlich. Inhalte zu blockieren war kontraproduktiv, weil man dadurch nicht nur User, sondern automatisch auch Einkünfte verloren hätte.

Um sich regulationswütige Politiker vom Leib zu halten, griff Facebook auf das Pfund zurück, mit dem es ungeniert wuchern konnte: die eigene, bislang brachliegende politische Potenz. Im Jahr 2017 bezogen 45 Prozent aller Amerikaner ihre Nachrichten via Facebook. Der Internetgigant war inzwischen in der Position, nicht nur den USA, sondern auch anderen Ländern einen teuflischen Deal vorzuschlagen: Wir geben euch einen größeren Zugriff auf den Informationsfluss in unserem Netzwerk, wenn ihr uns im Gegenzug beim weiteren Ausbau unseres Geschäftsmodells nicht in die Quere kommt.

VERBANNT
James Reader, Verleger der News-Website „Reverb“, die Facebook im Oktober rauswarf, ohne ihm das zu begründen.


VERBANNT
Auch die radikalere Website von Jason Bassler wurde bei FB entfernt.


Nun könnte man dem FakeNewsProblem mit den unterschiedlichsten Ansätzen zu Leibe rücken. Man könnte es so machen wie Deutschland und andere europäische Staaten, die dem unersättlichen Datenhunger des Silicon Valley Schritt für Schritt einen Riegel vorschieben wollen. Man könnte Kartellrechtsverfahren einleiten, um die monopolistischen Fantasien der SocialMediaKonzerne zurechtzustutzen. Man könnte sich um die digitalen Vertriebsnetze wie Dienstleister und Energieversorger kümmern: Die öffentliche Hand nähme dann einerseits Einblicke in die Algorithmen von Googles Suchmaschine und Facebooks NewsFeed, legte im Gegenzug aber auch offen, wie und warum man die Firmen reguliert.

Doch stattdessen werden wir Zeuge, wie eine Krisensituation missbraucht wird, um im Zweifelsfall lieber die Machtkonzentration zu fördern, als die individuellen Rechte zu schützen. Obwohl ihnen eklatantes Versagen im Umgang mit dem digitalen Informationsfluss vorgeworfen wird, greift der Staat nicht korrigierend ein, sondern zieht es vor, sich mit den SocialMediaMächten zu arrangieren – ja, man ermutigt Facebook & Co. geradezu, selbst neue Steuerungsund Kontrollmechanismen einzuführen, um nach eigenem Gusto die Grenzen von freier Meinungsäußerung und Pressefreiheit zu definieren.

Immerhin hat der skandalöse Zustand bereits eine heftige Gegenreaktion ausgelöst: Eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Pew kam Ende 2018 zu dem Ergebnis, dass 44 Prozent aller US-User zwischen 18 und 29 Jahren die FacebookApp inzwischen vom Smartphone gelöscht hätten.

Und wenn der SocialMediaGigant erst einmal seine Rolle als offizieller Big Brother eingenommen hat, sollten FacebookGegner bald noch mehr Munition für ihren Unmut bekommen. In „Wired“ schrieb Antonio García Martínez, früher ProductManager bei Facebook, über einen der Gründe, die Trump 2016 zum Einzug ins Weiße Haus verholfen hätten: Bei der Versteigerung von FacebookAnzeigenplätzen habe das TrumpLager hervorragende Arbeit geleistet. „Facebook nutzt ein komplexes Modell, das sowohl den Dollarbetrag einer Offerte bewertet als auch die voraussichtliche Klickrate.“ Ein cleverer Marketingmann könne aus seinem Budget ein Mehrfaches herausholen, wenn die vermutete „clickbaitness“ einer Anzeige von Facebook als besonders hoch eingestuft werde. Das TrumpLager bekam also nicht nur die besten Anzeigenplätze, sondern konnte sie auch zu Sonderpreisen kaufen. (Bei Hillary war es genau umgekehrt.) Mehr noch, dieselbe Firma, die den marktschreierischsten Spots mit der höchsten „clickbaitness“ Sonderkonditionen einräumte, drehte nun NewsSeiten wie „Reverb Press“ den Saft ab, weil diese mit den gleichen Methoden operierten.

Reader fragt sich noch immer, warum es gerade seine Seite getroffen hat. Er räumt ein, dass er neben seinem offiziellen Benutzerprofil mehrere „Backups“ erstellt hatte – was aber nur eine formale Verletzung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen sei, die von Facebook gewöhnlich mit einer Mahnung quittiert werde. Wahrscheinlicher scheint ihm eine andere Theorie: Bereits 2016 waren Rechercheure des Blogs „Gizmodo“ zu der Einschätzung gekommen, dass Facebook vor allem konservative Stimmen unterdrücke. Vielleicht, so Reader, überkompensiere man den Vorwurf nun dadurch, dass man bewusst linke und liberale Seiten ins Visier nehme.

Tiffany Willis Clark, deren „Liberal America“Site am 2. November von Facebook gelöscht wurde, stellt sich ähnliche Fragen. Die „linke Christin“ möchte mit ihrer „Lifestyle“Seite (und 750.000 Followern) dafür sorgen, dass „unsere Kinder in einem Umfeld aufwachsen, das sie auch für das Leiden anderer Menschen empfänglich macht“. Sie ist sich sicher, nie die FacebookRegularien verletzt zu haben, und legt Wert darauf, nur auf Material etablierter NewsOrganisationen zu verlinken. Ein für sie typischer Artikel trägt etwa die Überschrift „87 Dinge, mit denen arme Kinder konfrontiert werden – und die Konservativen piepegal sind“ und beinhaltet deprimierende O-Töne wie „Zum Arzt gehen wir nur, wenn wir schon krank sind – und Mama kann sich noch nicht mal mehr das erlauben“.

Clark startete die Seite aus politischen und religiösen Überzeugungen und ist überzeugt, einfache Leute mit ihren Sorgen ernst zu nehmen und ihnen helfen zu können. „Ich kommuniziere mit Menschen, die deshalb schon ihre Parteizugehörigkeit gewechselt haben“, erklärt sie. „Ich mache das nicht wegen des Geldes – das war nur ein zufälliger Nebeneffekt.“

Als Clark die Website 2013 launchte, war sie von der Resonanz überwältigt. Sie investierte Geld in das Projekt, um aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Sie schätzt, dass sie seit 2014 ungefähr 150.000 Dollar an Facebook gezahlt hat, um ihren Traffiffiffic zu erhöhen. „Letztlich war es mein Sparschwein – und jetzt ist mein Erspartes weg.“ Wie viele andere Betroffene, die ich für diese Story interviewte, bereut sie heute, sich an eine Plattform gebunden zu haben, die ständig ihre inhaltlichen Kriterien verändere. „Sie machten diesen FakeNewsMist selbst groß, vereinnahmten dann sogar die wirren Verschwörungstheorien eines Alex Jones – um inzwischen alles auszusieben, was nicht wie MainstreamMedien aussieht.“

Die Befürchtung, dass Facebook inzwischen alle alternativen Stimmen zum Schweigen bringen will, wird auch durch Berichte genährt, nach denen sich FacebookV ertreter immer häufifififiger mit zweifelhaften US-Offiziellen treffen: mit der Foreign Influence Task Force beim FBI etwa, mit dem Department of Homeland Security oder mit dem Atlantic Council (einer NAT-Onahen Organisation, in deren Führungsgremium mindestens sechs ehemalige CIA-Bosse tätig sind). „Es war offensichtlich, dass man die alternativen Medien im Vorfeld der MidtermWahlen zurechtstutzen wollte“, meint Sean Conners von „Blue State Daily“. „Es geht ans Eingemachte“, glaubt auch der Journalist Bobby Rodrigo, der die SocialMediaAccounts von mehr als hundert Kleinpublizisten betreut. „Viele meiner Kunden spüren es bereits am eigenen Leib – und es gibt viel zu wenige Journalisten, die über diese Vorgänge berichten.“

VOR GERICHT
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im April 2018 vor dem Kongress, als er jede Einflussnahme auf die US-Wahl zurückwies: „Wir sind eine Tech-Company, kein Medienunternehmen.“


Sicher, das Internet war schon immer ein Tummelplatz halbseidener Figuren. Vor nicht allzu langer Zeit war es sogar diese Skurrilität, die wir am Internet schätzten. Man konnte hier alles finden, von Sex mit Ziegen bis zum unwiderlegbaren Beweis, dass Bigfoot tatsächlich existiert. Nichts wurde ernsthaft reguliert, niemand stellte hier die grundsätzliche Meinungsfreiheit infrage. Und es war ein Beweis dieser Freiheit, dass man auch die Existenz von FakeNews und wirren Verschwörungstheorien akzeptierte. (Ein Phänomen, das bekanntlich schon immer existierte: Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Hörern, die 1938 am Radio Orson Welles’ „War Of The Worlds“ verfolgten, glaubte tatsächlich, dass just in dieser Minute die Marsmenschen gelandet wären.) Drohende Verleumdungsklagen, die immanenten Kräfte der Finanzmärkte und sporadische Eingriffe der US-Behörde FCC waren in der jüngeren Vergangenheit ausreichend, um die delikate MeinungsfreiheitBalance aufrechtzuerhalten.

Natürlich hat niemand das gesetzlich verbriefte Recht auf einen Facebookoder TwitterAccount. „Wenn überhaupt jemand ein Recht hat“, meint MedienAnwalt Ben Wizner, „dann sind es eher die TechFirmen, die festlegen können, was oder was nicht auf ihren Seiten passiert.“ Doch die Tatsache, dass FacebookSeiten legal gelöscht werden können, macht die Gemengelage nur noch bedenklicher. Wenn eine Handvoll Firmen darüber entscheidet – vor allem in Abstimmung mit semioffiziellen Behörden –, welche Inhalte kommuniziert werden können und welche nicht, hat das dramatische Auswirkungen auf die Pressefreiheit allgemein.

Eric Goldman von der School of Law in Santa Clara nennt es „stille Zensur. Wir werden heute Zeuge, wie Inhalte verschwinden, die zwar nicht ungesetzlich sind, aber in den Augen der Obrigkeit unerwünscht. Es ist Zensur durch die Hintertür.“ Einst als revolutionäres Werkzeug der Demokratisierung umjubelt, erweist sich das Internet heute als heimtückischer Hebel, um die Freiheit des Einzelnen zu beschneiden.

Lassen sich Internetfirmen auf eine Allianz mit staatlichen Organisationen ein, gibt es grundsätzlich zwei Gefahrenquellen. Im ersten Fall missbraucht ein autoritäres Regime eine Internetplattform, um seine menschenverachtende Politik noch rigoroser umzusetzen. Das krasseste Beispiel dafür ist Myanmar. Unlängst kamen die UN zu der Einschätzung, dass Facebook beim staatlich angeordneten Pogrom gegen die Rohingya eine Schlüsselrolle gespielt habe. 700.000 Muslime wurden dabei aus dem Land vertrieben, Tausende kamen auf der Flucht ums Leben. Die Mörder gehörten der buddhistischen Mehrheit eines Landes an, dessen Regierung den Säuberungswellen tatenlos zusah. Gleichzeitig häuften sich bei Facebook die Posts, in denen von „Wanzen und Hunden“ die Rede war, die man „genauso ausrotten“ müsse „wie Hitler die Juden“.

Facebook hatte zu diesem Zeitpunkt nur wenige Mitarbeiter, die Burmesisch sprachen und theoretisch hätten einschreiten können. Da dem wuchernden Hass nicht Einhalt geboten wurde, sei die Plattform – so die UN – „zu einem Monster“ mutiert. Die Accounts führender Militärs, die das rassistische Treiben noch weiter befeuert hatten, wurden seitdem von Facebook gelöscht.

Wurde im Fall von Myanmar der Aufsichtspflicht zu wenig Rechnung getragen, so kann übergroße Nähe zu staatlichen Organisationen nicht minder problematisch sein. Im März 2018 löschte Facebook die palästinensische NewsSite SAFA, das OnlinePendant zur NewsAgentur WAFA, die von der palästinensischen Autonomiebehörde betrieben wird. (Berichte, wonach SAFA mit der Hamas sympathisiere, werden von den WebsiteMachern vehement dementiert.) „Sie schickten uns nicht einmal eine Vorwarnung“, klagt Anas Malek, SocialMediaKoordinator bei SAFA. „Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel!“

Die FacebookAktion fand allerdings zeitgleich mit einem Protestmarsch statt, der für den 30.März angesetzt war: Von den palästinensischen Veranstaltern als „March of the Great Return“ propagiert, sollte die Protestaktion den Anspruch derjenigen Palästinenser unterstreichen, die heute im Gazastreifen leben, aber noch immer Anspruch auf ihre Heimat in Israel anmelden. (De facto resultierte die Aktion allerdings in blutigen Kämpfen, die sechs Monate lang nicht abebben wollten.) Malek und seine Kollegen sind jedenfalls fest davon überzeugt, dass „Facebook dafür sorgte, dass ein wichtiges SocialMediaOrgan zu einem kritischen Zeitpunkt verstummte“.

Im Gegensatz zu den Palästinensern hat Israel ein ausgesprochen konstruktives Verhältnis zu Facebook. Das Justizministerium äußerte bereits 2016 seine Zufriedenheit damit, dass Facebook in „95 Prozent aller Fälle“ Israels Wünschen genüge, missliebige Inhalte zu tilgen. Das Ministerium machte sich sogar für ein „FacebookGesetz“ stark, das es dem Staat erlaubt hätte, in Eigeninitiative sämtliche Inhalte von Websites zu entfernen, die im weitesten Sinne als „volksverhetzend“ bezeichnet werden könnten.

Dieser Plan blieb zwar Wunschdenken. Dennoch hat die israelische Regierung keinen Anlass zur Sorge. Erst vor wenigen Wochen wurde wieder einmal klar, wie reibungslos die Absprachen mit Facebook über die Bühne gehen. Das israelische National Cyber Directorate verlautbarte im Oktober, dass Facebook „Tausende“ Accounts gelöscht habe, um so den ungestörten Vollzug anstehender Regionalwahlen gewährleisten zu können. Jordana Cutler, Chefin von Facebooks dortigem Planungsstab (und früher Beraterin von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu), ruderte auf Nachfragen vorsichtig zurück und erklärte, dass es nur „Empfehlungen“ seien, die von Regierungskreisen ausgesprochen würden. „Was keinesfalls bedeutet, dass wir ihnen auch folgen.“

Freunde der Meinungsfreiheit in aller Welt sollten die Ohren spitzen. Manchmal sei eine „Empfehlung“ eben mehr als nur eine Empfehlung, meint Professor Goldman. „Wenn es heißt, dass man ja nicht verpflichtet sei, diesen Empfehlungen zu folgen, sollten alle Alarmlämpchen aufleuchten.“

Der krasseste Fall von politischer Mauschelei aber dürfte die Beziehung zwischen Google und China sein. Die Firma, die sich einst die Maxime „Don’t be evil“ auf die Fahne schrieb, macht offensichtlich Ernst mit dem Plan, die zensurfreundliche Suchmaschine Dragonfly in Betrieb zu nehmen. Gibt man in China künftig Suchbegriffe wie „Menschenrechte“ oder „Nobelpreis“ ein, werden eine Milliarde Menschen auf einen leeren Bildschirm starren.

Das Desinteresse, mit dem westliche Medien Googles Pläne in China verfolgen, ist unbegreiflich. Hätte ein amerikanischer Konzern damals den Sowjets geholfen, eine öffentliche Zensur einzuführen, wäre der Aufschrei doch unüberhörbar gewesen.

Wenn Myanmar und Israel die beiden Extreme sind, so liefert Deutschland ein Modell, das irgendwo in der Mitte zwischen Laisserf aire und Zensur liegt. Das NetzDG (oder Netzwerkdurchsetzungsgesetz) wurde Ende 2017 verabschiedet und verdammt Firmen wie Facebook dazu, Inhalte zu entfernen, die mit deutschem Recht unvereinbar sind. (Dazu zählt die Aufwiegelung zu Verbrechen und Hass, aber auch die Verbreitung von verbotenen politischen Symbolen.) Facebook heuerte in Berlin und Essen 1000 „ContentModeratoren“ an, die angewiesen sind, Verstöße umgehend zu löschen. 2018 befand allerdings ein deutsches Gericht, dass diese Regelung nicht dazu führen dürfe, unbeabsichtigt auch legale Inhalte unsichtbar zu machen. Pikanterweise könnte Facebook durch das Urteil nunmehr praktisch gezwungen werden, auch Nacktfotos zu veröffentlichen. „Eines steht fest“, kommentierte ein TechExperte, der auf die juristischen Fallstricke von internationalen Internetkonzernen spezialisiert ist, „das wird alles noch hochinteressant werden.“

Doch während es in Deutschland diesbezüglich Restriktionen gibt, sind die USA noch immer das Mekka der (fast) unbegrenzten Meinungsfreiheit. Aber wie kann man einem Land, das das unveräußerliche Recht auf freie Meinungsäußerung in seiner Verfassung festgeschrieben hat, plötzlich die Notwendigkeit von Zensur schmackhaft machen?

Am 31. Oktober 2017 – die Empörung über FakeNews hatte gerade einen neuen Höhepunkt erreicht – bekamen die Amerikaner einen ersten Vorgeschmack. Eine Kommission des US-Senats leitete eine Untersuchung ein, in der Vertreter von Google, Facebook und Twitter in die Mangel genommen werden sollten. Das offizielle Thema der Runde lautete: „Extremist Content and Russian Disinformation Online: Working With Tech to Find Solutions.“ Die drei Anwälte, die von den TechFirmen vorgeschickt worden waren, machten während der Anhörungen den Eindruck, als würden sie sich gerade einer Darmspiegelung unterziehen. Dabei hatte Facebook im Vorfeld noch guten Willen gezeigt und 3000 bezahlte Anzeigen öffentlich gemacht, die von der russischen Internet Research Agency gebucht worden waren.

Auch wenn das primäre Ziel der Anhörung war, gemeinsam Ansätze zu erarbeiten, um US-Wahlen künftig vor externer Beeinflussung zu schützen, wurde doch schnell klar, dass die anwesenden Senatoren auch noch ihr eigenes Süppchen kochen wollten. Der Republikaner Chuck Grassley wollte mehr über die Anzeigenkampagnen erfahren, die mit ihrer überzogenen Darstellung polizeilicher Übergriffe die rassistisch aufgeheizte Atmosphäre nur noch weiter geschürt hätten; die demokratische Senatorin Mazie Hirono wiederum erwartete von den SiliconValleyEmissären eine „unterneh merische Vision“, wie man „der wachsenden Zwietracht“ würde „Einhalt gebieten“ können.

Wie der US-Senat die zögerlichen TechFirmen zu einer Kooperation zwingen wollte, kristallisierte sich im Juli 2018 heraus, als Senator Mark Warner einen Gesetzesentwurf vorlegte, mit dem er die Firmen an die Leine legen wollte. Die Auswertung persönlicher UserDaten sollte danach nur noch möglich sein, wenn der User dieser Nutzung explizit und unmissverständlich zustimmt. Da die meisten Internetfirmen primär vom Verkauf solcher Nutzerdaten leben, war der Vorschlag ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Um geschäftsschädigenden Regulierungen zu entgehen, hatten die angesprochenen Firmen bereits im Vorfeld der Anhörungen Änderungen ihrer allmächtigen Algorithmen auf den Weg gebracht. Unter dem Namen „Project Owl“ hatte Google am Finetuning der (nichtchinesischen) Suchmaschine gearbeitet, um die Verbreitung von FakeNews weiter einzudämmen. Websites von Holocaustleugnern beispielsweise sollten so bewertet werden, dass sie bei Suchergebnissen nur unter „ferner liefen“ auftauchen würden.

Doch obwohl immer wieder behauptet wird, dass im Kampf gegen FakeNews vor allem rechtsradikale Quellen eingedämmt werden, trat in Wirklichkeit eher das Gegenteil ein. Nachdem die Suchmaschine von Google modifiziert worden war, stellten verschiedene eher linke NewsPortale fest, dass ihr Traffic plötzlich einbrach. Zu den Betroffenen zählten etwa „Intercept“, „Common Dreams“ und Amy Goodmans „Democracy Now!“, aber auch die „World Socialist Web Site“ (WSWS). Laut „WSWS“Reporter Andre Damon hatte man umfangreiche Tests durchgeführt, um die Auswirkungen des neuen GoogleAlgorithmus zu quantifizieren. Man stellte fest, dass „WSWS“Storys früher ganz oben in den Suchergebnissen zu finden, inzwischen aber wie vom Erdboden verschwunden waren. „Als wir im April 2017 den Suchbegriff, social injustice’ eingaben, landete eine Story von uns auf dem zweiten Rang. Als wir den Test im August wiederholten, war sie nicht mal mehr unter den Top 100.“


„Wir werden heute Zeuge, wie Inhalte verschwinden, die zwar nicht ungesetzlich sind, aber von der Obrigkeit unerwünscht. Es ist eine Zensur durch die Hintertür“


Damon und seine „WSWS“Kollegen wollten der Sache auf den Grund gehen. Sie griffen auf die AnalyseTools von SEMrush und Google Webmaster zurück und nahmen ein Dutzend linksliberale Websites unter die Lupe. Sie stellten fest, dass der Traffic ihrer eigenen Website um 67 Prozent eingebrochen war, der von „AlterNet“ um geschätzte 63 und der von „WikiLeaks“ um 30 Prozent. Jede der untersuchten Seiten verzeichnete ein Minus von mindestens 19 Prozent. „Dafür“, so Damon, „dürfen wir uns alle bei Google bedanken.“ (Google weist auf Anfrage darauf hin, dass Fluktuationen im Traffic nicht ungewöhnlich seien, wenn die Algorithmen modifiziert werden. Man bestreite jedoch, einzelne Websites komplett auszusortieren.)

Bei Facebook hatte man ebenfalls schon kräftig am Algorithmus geschraubt – und damit nicht nur linksliberale Websites zur Weißglut gebracht. Kevin Roose von der „New York Times“ untersuchte den Fall der „Mad World News“, einer rechten Website aus Pennsylvania, die – genau wie James Reader – eine beträchtliche Summe an Facebook gezahlt hatte, um ihre Leserschaft zu optimieren (der Eigentümer beziffert diese auf eine halbe Million Dollar). Im Verlauf der beiden vergangenen Jahre aber war der Traffic von monatlich 20 Millionen Views mehr oder weniger auf null gesunken – vor allem nachdem Facebook seinen „Trusted Sources“Algorithmus eingeführt hatte, der lokalen Content höher bewertet als kommerzielle Megasites. „Wenn sie auch nur ein Fünkchen Ehre im Leib hätten“, schimpft der „Mad World News“Eigentümer und meint damit natürlich Facebook, „würden sie mir das Geld zurückgeben!“

Doch es dauerte nicht lange, bis Änderungen des Algorithmus allein die aufgebrachten Gemüter nicht mehr besänftigen konnten – Verbote mussten her. Am 21. August 2018 kündigte Facebook an, künftig mit dem Atlantic Council zu kooperieren. Die Organisation, von Kritikern gern als LobbyArm der NATO bespöttelt, ist eine illustre Runde, in der sich pensionierte Militärs, Neocons und ehemalige Spione ein Stelldichein geben. Finanziert wird der Council von Waffenherstellern wie Raytheon, Energieriesen wie ExxonMobil und Banken wie JPMorgan Chase. Er akzeptiert allerdings auch Zuwendungen von ausländischen Regierungen – darunter Länder, die nicht gerade für ihre Menschenrechte und Pressefreiheit gerühmt werden. (Einer der größten Spender sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die 2018 im World Press Freedom Index auf Platz 128 landeten.)

Auf die Frage des ROLLING STONE, wie es sich mit den Spendern verhalte und warum eine Institution wie der Atlantic Council glaube, Facebook bei der Lösung der FakeNewsKrise helfen zu können, erhielten wir folgende Antwort: „Der Atlantic Council akzeptiert Zuwendungen mit der strikten Auflage, dass unsere intellektuelle Integrität gewahrt bleibt – unabhängig davon, dass die Arbeit des Atlantic Council in Teilen oder in Gänze von Spenden finanziert wird.“ Zeitgleich mit der Ankündigung der Zusammenarbeit zwischen Facebook und dem Atlantic Council überwies der Internetkonzern selbst eine „Spende“, die zwischen 500.000 und 999.999 Dollar lag.

Blockiert wurden in der Folge aber vor allem Seiten, die eher wie krude Parodien auf AgitpropOrganisationen aussahen. „Black Elevation“ etwa zeigte ein klassisches Foto des militanten BlackPanthersGründers Huey Newton mit einem Speer – und bediente vordergründig ein Klischee, mit dem russische Trolle in den USA arbeiten. Die basisdemokratische EventSite „Shut It Down DC“ wurde geschlossen, als sie gerade zu einer Protestveranstaltung gegen einen NeonaziMarsch in Washington aufgerufen hatte. „Wir sind nicht Russland!“, empörte sich ihre Sprecherin, Michelle Styczynski. „Hier geht es um einen realen Protest, der in den Straßen von Washington stattfindet!“

Dass die FacebookZensoren hier offensichtlich Mist gebaut hatten, fiel jedoch kaum jemandem auf und blieb den etablierten Medien verborgen. „Facebook Pulls Fake Accounts That Mimic Russian Tactics Ahead of Election“, schrieb das „Wall Street Journal“ in staatstragendem Duktus; „Facebook Grapples with a Maturing Adversary in Election Meddling“, hieß es in der „New York Times“.

Waren die geblockten FacebookSites höchstens kleine Fische, wurde eine Woche später dann tatsächlich einer der zahlreichen rechten Hetzer aus dem Verkehr gezogen, die in den amerikanischen Medien ihr Unwesen treiben. Gleich vier TechRiesen: Apple, YouTube, Facebook und Spotify (Twitter schloss sich wenig später an), gaben bekannt, Alex Jones und „InfoWars“ den Saft abzudrehen. Jones, stets strammer TrumpUnterstützer, war ein nie versiegender Quell absurder Verschwörungstheorien. Unter anderem hatte er behauptet, der Massenmord an der SandyHookSchule in Connecticut sei FakeNews gewesen und habe nie stattgefunden. Als er sich dann auch noch über die Eltern der erschossenen Kinder lustig machte, hatte er es sich selbst auch mit den Wohlmeinendsten verscherzt. „Endlich!“, jubelte das OnlineMagazin „Slate“. „Es wurde auch Zeit!“, pflichtete „Media Matters for America“ bei. „Es gibt für Konservative keinen Grund, diesen Menschen zu verteidigen“, schrieb selbst der rechte „Weekly Standard“.

Unter all denen, die Beifall bekundeten, gab es nur wenige Beobachter, die sich die bange Frage stellten, welche Langzeitwirkungen die JonesEpisode wohl haben werde. „Niemand wird sich ernsthaft darüber beschweren, dass Alex Jones in der Versenkung verschwindet“, schrieb David Chavern in „News Media Alliance“. „Die Frage muss aber erlaubt sein: Gegen welche Gesetze genau hat er eigentlich verstoßen? Sind seine Meinungsäußerungen wirklich so grundlegend anders als das, was sonst im Internet kolportiert wird? Niemand scheint darauf eine Antwort zu haben.“

Hatte James Reader von „Reverb“ das Redeverbot für Alex Jones bejubelt, so waren es konservative Kommentatoren, die Facebooks Sperrung von „Reverb“ feierten. „Ich habe meine Lektion gelernt“, sagt Reader. „Ich möchte noch immer festhalten, dass wir nicht zu Gewalt aufrufen, dass wir nichts mit den Sachen zu tun haben, die dem kranken Hirn von Alex Jones entspringen. Aber mir ist inzwischen klar geworden, dass ich die gesamte politische Landschaft im Auge behalten muss. Und das gilt für uns alle.“

Das Wort „Zensur“ war mit einem Schlag ins öffentliche Bewusstsein getreten. Nach dem „InfoWars“ Boykott stellten sich Techund MediaExperten immer eindringlicher die Frage, wer eigentlich die Kriterien festlegt, nach denen im Netz zensiert wird. Wie soll man mit Leuten verfahren, die nicht zu Gewalt aufrufen und sich auch nicht anderweitig strafbar machen, sondern „nur“ Lügen verbreiten und Unruhe stiften? Im September 2018 meldete sich der Atlantic Council mit einer ersten Empfehlung zu Wort: Die Medien hätten eine „Verpflichtung“, die Verbreitung des „Virus der Fehlinformation“ zu stoppen. „Die Demokratisierung der Technologie hat individuellen Stimmen die Möglichkeit gegeben, auf Augenhöhe mit etablierten Konzernen zu spielen.“ Selbst dilettantisch handgestrickte Inhalte hätten heute das Potenzial, die gesellschaftliche „Souveränität“ zu zersetzen, wenn „der notwendige Kontext“ fehle oder „das Vertrauen in Institutionen“ unterminiert werde. Der Heilungsprozess könne beschleunigt werden, wenn die „Gatekeeper“ gewillt seien, ihre Inhalte „besser hinsichtlich ihrer Qualität zu filtern“. Dies müsse nicht unbedingt auf eine „staatliche Initiative zurückgehen“, hieß es weiter. „Besser wäre es sogar, wenn auf die Mitwirkung des Staates ganz verzichtet werden könnte.“ Die Frage ist nur: Wie sieht es konkret aus, wenn selbst ernannte Gatekeeper medialen Unfug „filtern“?

Jason Bassler vom „Free Thought Project“ hat damit bereits Erfahrungen gemacht. Bassler ist ein kontroverser Zeitgenosse. Man muss ihm hoch anrechnen, dass er polizeiliches Fehlverhalten in den USA erschöpfender dokumentiert hat als jeder andere. Sein Archiv ist im Prinzip eine gigantische Videothek, in der alle PolizeiÜbergriffe verewigt sind, die mit einer Kamera festgehalten wurden.

Andererseits aber befeuert Bassler auch gern jede Gerüchteküche. Wenn man beim „Free Thought Project“ durch die Headlines scrollt, stößt man ständig auf Warnungen vor den Gefahren, die uns durch böse Impfstoffe drohen oder durch mysteriöse Kondensstreifen am Himmel, die in Wahrheit künstlich erzeugte Giftwolken wären. Bassler schließt Löcher in der Berichterstattung traditioneller Medien, verliert sich aber auch schnell in Verschwörungstheorien, die keinem seriösen Faktencheck standhalten würden.


„Solange sie uns ihre Methodologie verheimlichen, können wir ihnen keinen Freibrief ausstellen. Irgendwann ist, Vertraut uns!’ nicht mehr gut genug“


Wie Reader hatte auch Bassler im Laufe der Jahre versucht, sich streng an alle FacebookVorgaben zu halten – schließlich hing sein Geschäft davon ab. „Ich habe kein Interesse daran, einen Kreis von Gleichgesinnten aufzubauen, die sich gegenseitig selbst bestätigen“, sagt Bassler. „Ich möchte mit meiner Arbeit etwas bewirken – und dazu brauche ich Facebook. Dort hängen die Normalos rum, wenn Sie verstehen, was ich meine. Auf Facebook kann ich diese Leute erreichen.“

Bereits 2016 hatte Facebook Barrieren errichtet, um Kleinstpublizisten vom Massenmarkt fernzuhalten. Schon vor der Zusammenarbeit mit dem Atlantic Council und ähnlichen Partnern hatte man MainstreamMedien eingeladen, sich am Faktencheck alternativer Websites zu beteiligen. Zu den Juroren zählten Associated Press (AP), „PolitiFact“, , „Snopes“, ja selbst der inzwischen eingestellte rechte „Weekly Standard“.

Bassler machte sich während dieses Prozesses keine Freunde. Vier seiner „Free Thought Project“Artikel wurden als faktisch unzureichend eingestuft, was zur Folge hatte, dass der Traffic einbrach, weil Facebook Basslers Website nun als „false news“ einordnete und algorithmisch abstrafte. In zwei der vier Fälle nahmen „PolitiFact“ und AP ihr Urteil zwar später wieder zurück, doch der Ruf der Website war bereits ruiniert.

Das Modell des Faktenabgleichs durch Dritte wirft Fragen auf. Wie kann es angehen, dass Facebook etablierte Medienunternehmen dafür bezahlt (die Rede ist von bis zu 100.000 Dollar pro Jahr), um sich indirekt kleinere und möglicherweise unliebsame Konkurrenz vom Leibe zu halten? Eine Analyse in der „Columbia Journalism Review“ zitiert Stimmen aus dem Lager der Factchecker, die sich kopfschüttelnd fragen, wer überhaupt und nach welchen Kriterien ausgesucht werde. Andere fragen sich, warum Material von MainstreamAnbietern wie Fox oder MSNBC von vornherein als unbedenklich eingestuft wurde. Wiederum andere wundern sich, warum nie die offensichtlich gekauften Inhalte überprüft werden, die Sponsoren in einem redaktionellen Umfeld platzieren.

Verschwörungstheorien sind nicht zwangsläufig falsch. Oft genug sind es sogar Leute mit dem entsprechenden Riecher, die den wahren Problemen als Erste auf die Spur kommen. (Erste Warnungen vor der globalen Wirtschaftskrise von 2008 konnte man beispielsweise auf der Website „Zero Hedge“ lesen, deren Meldungen von MainstreamÖkonomen nicht unbedingt für bare Münze genommen werden.) Wenn die Frage, ob diese Art von Journalismus legitim ist oder nicht, künftig nur noch von MainstreamMedienExperten beantwortet wird (die ihrerseits oft von den alternativen Publizisten kritisiert werden), wird es bald keinen Journalismus mehr geben, der allgemein akzeptierte Wahrheiten zu hinterfragen sucht.

Dieses Szenario ist umso absurder, als es schon oft genug etablierte Medien waren, die bei politischen Desinformationskampagnen zu willigen Helfern wurden. (Bei den „FakeNews“ über die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak spielte bekanntlich die „New York Times“ eine höchst unrühmliche Rolle.) Es ist jedenfalls hochgradig gefährlich, Medien nur deshalb aus dem Verkehr zu ziehen, weil sie den Status quo infrage stellen.

Basslers „Free Thought Project“ wurde Ende 2018 endgültig von Facebook verbannt. Wir können über die Gründe nur spekulieren, doch die undurchsichtigen Auswahlkriterien geben natürlich Spekulationen Auftrieb. „Solange sie uns ihre Methodologie verheimlichen, können wir ihnen auch keinen Freibrief ausstellen“, sagt David Chavern. „Irgendwann ist, Vertraut uns!’ nicht mehr gut genug.“


Illustration von MIKE MCQUADE

FOTOS: SANDY HUFFAKER, BIRCH STUDIO PHOTOGRAPHY

FOTO: JIM WATSON/AFP/GETTY IMAGES