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„WER SICH SELBST UND ANDERE KENNT, WIRD AUCH HIER ERKENNEN: ORIENT UND OKZIDENT SIND NICHT MEHR ZU TRENNEN.”: ARABISCHE LYRIK IM WANDEL DER ZEIT


DiscoverME - epaper ⋅ Ausgabe 76/2019 vom 10.09.2019

So beschreibt JOHANN WOLFGANG VON GOETHE in seiner Gedichtsammlung West-östlicher Divan (1819) die Beziehung zwischen West und Ost ,Abend- und Morgenland .Goethes Gedichte in den zwölf Büchern des „Divansind eine Würdigung von Dichtkunst ,Dichtern und Kultur des Orients ,was schon der Name „Divanwiderspiegelt ,der im Arabischen und Persischen „Gedichtsammlungbedeutet .

In den deutschen Ländern des 18. und 19. Jahrhundert fand eine bemerkenswert intensive Beschäftigung mit dem „Orient” statt; „orientalische” Motive fanden Eingang in literarische Werke der Zeit. Viele berühmte ...

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... arabische und persische Texte kamen als Übersetzungen ins Land, so zum Beispiel die „Märchen aus 1001 Nacht”, die bereits im 17. Jahrhundert ins Französische übertragen worden waren und im 18. Jahrhundert in verschiedenen deutschen Fassungen erschienen. 1616 erschien die erste deutsche Koranübersetzung, darauf folgten weitere bis zu der sehr bekannten Übersetzung durch den Orientalisten FRIEDRICH RÜCKERT 1888, die bis heute als einzigartig gilt.

Zu den größten klassischen arabischen Dichtern, die damals auch in Europa Berühmtheit erlangten, zählen vor allem AL MUTANABY und IMRU AL QAIS. ABU AL TAYB AHMED IBN AL HUSSEIN, genannt Al-Mutanaby, wurde 915 oder 917 in Kufa, einer Kleinstadt nahe Bagdad, geboren. Den Jahrestag seiner Geburt, der Geburt des „Sultans der arabischen Lyrik”, feiert man in arabischen Ländern bis heute. Al-Mutanaby diente unter anderem als Lobdichter in Syrien und in Kairo; sein „Divan” wurde 1824 zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt.

Über Imru Al Qais gibt es wenig gesicherte Daten. Geboren um 501 im heutigen Saudi-Arabien oder im heutigen Jemen, war er wohl der Sohn des dortigen Königs. Seine „Qasida” steht an erster Stelle der ältesten und berühmtesten Gedichtsammlung aus vorislamischer Zeit, den “Mu`allaqat”, den „hängenden Gedichten”, angeblich so benannt, weil sie in der vorislamischen Zeit an der Kaaba, die auch vor Einzug des Islam eine heilige Stätte war, hingen (die Forschung diskutiert aber auch andere Erklärungen). Teile dieses Gedichts von Imru Al Qais hat Goethe sich aus einer englischen Fassung ins Deutsche übersetzt; es ist belegt, dass er 1815 daraus am Weimarer Hof vorlas. Bezüge sind auch in seinen „West-östlichen Divan” eingeflossen.

Dichtung spielt seit Jahrhunderten eine sehr wichtige Rolle in der arabischen Kultur. Viele der berühmtesten klassischen Gedichte entstanden in vorislamischer Zeit („Dschahiliya” oder „Zeit der Unwissenheit”) von etwa 500 bis 622 n. Chr. Gedichte wurden in der des Lesens größtenteils unkundigen Bevölkerung mündlich überliefert, durch Personen, die diese Texte auswendig lernten, und hatten die Funktion, Geschichte, Wissen, Ereignisse, Heldentaten weiterzugeben. Das hohe Sprachniveau und die Kunstfertigkeit der frühen arabischen Gedichte lassen vermuten, dass es bereits vor dem 5. Jahrhundert literarische Versuche gegeben hat, aber es existieren keine Überlieferungen, die dies belegen.

Gattungen der arabischen Lyrik

Charakteristisch für vorislamische Dichtung waren verschiedene Genres. In Beschreibungsgedichten (Alwasf) wurden bestimmte Situationen oder Szenen poetisch dargestellt, beispielsweise die Schönheit der Geliebten oder die Schönheit eines Ortes. Lobgedichte (Madh) priesen gute Eigenschaften oder herausragende Taten eines Gelobten (Mamdouh). Lobdichter konnten fest am Hof eines Regenten angestellt sein und veröffentlichen Lobgedichte zu wichtigen Anlässen. Ihnen gegenüber standen Spottoder Schmähgedichte (Higaa), welche sich über die Hässlichkeit und negativen Charakterzüge einer Person lustig machten.

Liebesgedichte (Ghazal) waren selbstverständlich weit verbreitet. Noch heute sehr bekannt ist die orientalische Version von Romeo und Julia, die unglückliche Liebe von Laila und Madschnun (wörtl.: „der (von Laila) Besessene”), die nicht zusammen sein konnten, weil sie verfeindeten Stämmen angehörten.

Zu erwähnen wären noch Merk- bzw. Lehrgedichte und lyrische Nachrufe. Lehrgedichte sollten beim Erlernen von Regeln helfen. Ein gutes Beispiel dafür sind IBN MALIKs Tausend Verse (Alfiyat Ibn Malik), ein Gedicht, das aus 1.000 Versen besteht und die wichtigsten Grammatikregeln der arabischen Sprache zusammenfasst. In Nachrufgedichten (Alritaa) wurden die Tugenden eines Verstorbenen erwähnt, vor allem eines Verstorbenen mit hohem sozialem Status wie dem eines Herrschers, Militärführers und Scheichs.

Textaufbau in arabischen Gedichten

Wie sehen arabische Gedichte aus? Klassische arabische Gedichte besitzen wie deutsche ein Versmaß (Metrum) und einen Endreim, wobei letzterer eine etwas andere Form haben kann: Wenn der letzte Buchstabe eines Reims beispielsweise der Buchstabe Mim (=m) ist, müssen alle anderen Reime des Gedichts ebenfalls auf den Buchstaben Mim enden. Klassische arabische Gedichte stehen außerdem im klassischen Standardarabisch, in „fushá t-turāth”, das für das Gros der Bevölkerung in den arabischen Ländern nur noch schwer verständlich ist.

Die Zukunft der arabischen Dichtkunst

Dennoch schreiben auch zeitgenössische arabische Lyriker in der Standardsprache, allerdings in ihrer modernisierten Form „fushá l-ʻasr”. Der Palästinenser MAHMOUD DARWISH (1941 - 2008) gilt als einer der meistgelesenen Dichter der modernen arabischen Literatur und als Nationaldichter Palästinas. Ein prominenter, aber umstrittener Dichter ist ALI AHMAD SAID ESBER (geb. 1930), ein syrisch-libanesischer Lyriker und Intellektueller, der zurzeit in Paris lebt und unter dem Künstlernamen „Adonis” veröffentlicht. Mit viel Kreativität geht er über den traditionellen Gebrauch der Sprache hinaus, ohne dabei von den klassischen arabischen Sprach- und Grammatikstandards abzuweichen. Adonis wurde mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet, darunter auch in Deutschland: Im Jahr 2001 mit der Goethe- Medaille, 2011 mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main und 2013 mit dem Petrarca-Preis für Literatur. Mehrere seiner. Werke wurden ins Deutsche übersetzt

Leider ist die Begeisterung für Lyrik in ihrer klassischen Form und komplizierten Sprache in den letzten Jahrzehnten wesentlich zurückgegangen, auch wenn in allen arabischen Ländern noch Gedichtsammlungen gedruckt, Lesungen und Lyrikabende veranstaltet werden. Die junge Generation interessiert sich mehr für digitale Medien mit ihren schnell zugänglichen Informationen über knappe Texte, Bilder und Videoclips; ein langes Gedicht in schwieriger Sprache fordert den Leser sehr viel stärker.

Ihren Platz im sprachlichen Alltag behauptet klassische arabische Dichtung eher in versteckter Form. Viele standardsprachliche Gedichte sind von namhaften Komponisten vertont und von prominenten Sängern vorgeführt worden und haben in Liedform eine viel größere Zuhörerschaft erreicht, als in geschriebener Fassung je möglich gewesen “wäre. Sehr bekannt ist „Gib mir die Flöte gesungen von der,))أعطني الناي weltberühmten libanesischen Sängerin FAYROUZ, dessen Text aus Auszügen aus al- المواكب (“dem Gedicht „der Reigen Mawākib, erschienen 1919) des libanesischen Dichters KHALIL GIBRAN (1883-1931).besteht

Gesungen von der ägyptischen Ikone UMM KULTHUM (1898-1975) wurden Verse des ägyptischen Dichters IBRAHIM NAGI (1898–1953) aus zwei Gedichten, „Die und „Der) الأطلال Ruinen” (al-Atlal weit bekannt.)الوداع ‘Abschied” (al-wadaa Das Lied trägt den Namen „Die Ruinen” (al- الأطلال(. Atlal

Ich sehe deine zurückgehaltenen Tränen”„ أراك عصي الدمع (, ‘(araka asseya ad-damaa wieder gesungen von Umm Kulthum, beruht auf einem klassischen Gedicht aus dem zehnten Jahrhundert von ABU FIRAS AL HAMDANI, einem Prinzen aus der Hamadaniden-Familie, die im heutigen.Nordsyrien und Nordirak herrschte

Auch zahlreiche Gedichte des syrischen Dichters NIZAR QABBANI (1923-1998) wurden vertont und von arabischen Sängern gesungen. Eins der bekanntesten ist das Lied „Leserin der Kaffeetasse” (qari’at algesungen von,) قارئة الفنجان findschan einem der beliebtesten ägyptischen Sängern aller Zeiten - ABDEL HALIM HAFEZ (1929-1977). In ihm deutet eine Wahrsagerin einem jungen Mann sein Schicksal aus: Kaffeesatz. Hier einige Zeilen

Sie saß mit Angst in ihren Augen Betrachtete meine umgedrehte Tasse Sie sagte „Sei nicht traurig, mein Sohn Du bist dazu bestimmt, dich zu verlieben”
[…]
* Ich habe schon lange wahrgesagt Aber ich habe noch nie eine Tasse wie deine gelesen
Ich habe schon lange wahrgesagt Aber ich habe noch nie Leid wie deines gesehen
Es ist dein Schicksal, für immer zu segeln Segellos auf dem Meer der Liebe
[…]
*
Aber trotz aller ihrer Brände
[…]
Bleibt die Liebe, mein Sohn, das schönste Schicksal.
[…]
Anstatt zu Liedern sind viele Gedichtzitate zu stehenden Wendungen geworden, so z. B. dieses im alltäglichen Umgang sehr geläufige aus einem Gedicht von Al- Mutanaby:

ما كل ما يتمنى المرء يدركه … تجري الرياح بما لا تشتهي السفنُ

„Man kann nicht alles realisieren was man sich wünscht…der Wind weht manchmal gegen den Wunsch der Schiffe.”

Sehr bekannt auch folgender Vers aus einem Gedicht von IMAM AL SHAFI’I (767–820), einem der vier Imams des Islam, den man zitiert, um Schüler zum Lernen aufzufordern oder um generell jemanden zu motivieren, fleißiger zu sein:

من طلب العلا سهر الليالي „
Wer Großes erlangt, bleibt die Nächte auf.”

Mundartdichtung und Poesie in der Golfregion

Im Gegensatz zu hochsprachlichen Gedichten ist Dichtung in Mundart oder Umgangssprache in den arabischen Ländern ein wichtiger Teil des Lebens, vor allem hier am Golf. Das auf der arabischen Halbinsel verbreitete Lyrikgenre ist die Nabati-Poesie (auch „Volkspoesie” oder „Beduinenpoesie”), die in Themen, Reimen und Metren der klassischen arabischen Lyrik stark ähnelt. Viele bekannte Persönlichkeiten dichten. SEINE HOHEIT SCHEICH ZAYED BIN SULTAN AL NAHYAN, der Gründungsvater der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), war bekannt für seine Dichtkunst. SEINE HOHEIT SCHEICH MOHAMMED BIN RASHID AL MAKTOUM, Herrscher von Dubai und Vizepräsident der VAE, dichtet seit seiner Kindheit, hat bereits einen Gedichtband herausgegeben und präsentiert seine Nabati-Gedichte auf einer eigenen Website. Auch sein Sohn, KRONPRINZ HAMDAN BIN MOHAMMED BIN RASHID AL MAKTOUM, schreibt unter dem Dichternamen „Fazza” Poesie.

Seit 2006 organisiert das Cultural Programs and Heritage Festivals Commitee Abu Dhabi den Fernsehwettbewerb „Der Millionen-Dichter” zur Förderung und Erhaltung der Nabati-Poesie. Der Wettbewerb ist eine Art Reality-TVShow; der erste Preis beträgt 5 Mio. und der fünfte 1 Mio. Dirham. Die Live-Shows werden auf den Sendern „Emirates TV” und „Baynouna TV” übertragen und haben eine hohe Zuschaueranzahl und ein großes Publikum.

Lyrik auf Hocharabisch wird seit 2007 in einem zweiten Wettbewerb, „Der Prinz der Dichter”, gefeiert, wieder organisiert vom Cultural Programs and Heritage Festivals Commitee Abu Dhabi. An diesem Wettwerb nehmen junge Dichter aus der ganzen arabischen Welt teil. Die Gewinner können jedoch nur maximal 1 Mio.bis 100.000 Dirham gewinnen.

Den zweiten Preis dieses Wettbewerbs auf Hocharabisch gewann 2011 ein Dichter, der normalerweise nicht in der Hochsprache dichtet: der Ägypter HISHAM EL GAKH (geb. 1978) hat mehr als 55 Gedichte veröffentlicht, die meisten davon in der ägyptischen Umgangssprache. Alle seine umgangssprachlichen Gedichte sind nicht geschrieben, sondern gesprochen. Er ist auch bekannt durch seine „Poesie- Konzerte”, auf denen er seine Gedichte mit Musik und Bewegung auf der Bühne vorträgt. Trotz seines Erfolgs weigert sich der Dichter, seine Gedichtsammlungen in gedruckter Form herauszugeben und folgt damit einem aktuellen Trend: Immer mehr junge Dichter auch außerhalb der Golfstaaten dichten in ihrer regionalen Mundart. Diese „Mundart-Dichtung” erfährt Kritik von Seiten derer, die arabische Lyrik nur in der klassischen Standardsprache anerkennen wollen, wird jedoch beim breiten Publikum immer beliebter – bei den Lesern, Zuschauern und auch den Zuhörern, da diese Gedichte im Internet, auf Youtube und Facebook mehr gesehen und gehört als gelesen werden. Da die Dichter auch politische Themen und Alltagsprobleme in ihrer Lyrik ansprechen, erreichen sie durch den Gebrauch der gesprochenen Sprache Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen.