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Werden Sie zum Glucksschmied


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 10/2023 vom 09.12.2022

TITELSTORY

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 10/2023

Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn Pferde uns die ehrliche Liebe widerspiegeln, die wir ihnen entgegenbringen

Jeder ist seines eigenes Glückes Schmied, und wir tragen Verantwortung dafür, dass es unseren Pferden gutgeht und dass sie glücklich sind. Unsere Vierbeiner wollen uns verstehen, sie sind bemüht, alles richtig zu machen, ihren Menschen zu gefallen, und auch sie brauchen Anerkennung und Lob. Wenn Pferde uns die Emotionen und die Liebe widerspiegeln, die wir ihnen entgegenbringen, ist das ein unbeschreibliches Gefühl und eine starke Grundlage für die gemeinsame Arbeit. Dabei ist Kommunikation alles. Doch die Menschen und Tiere kommunizieren auf unterschiedliche Art und Weise.

Räumliches Kommunizieren

„Wir Menschen haben die Sprache, Worte als Synonyme. Ein verschlüsseltes System, das wie eine Geheimsprache auf die Tiere wirken muss“, gibt Anne Krüger-Degener zu bedenken. Die von ihr entwickelte HarmoniLogie-Methode ist ein einzigartiges Konzept zum vertrauensvollen Umgang mit Pferden. Als ...

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... Autorin des Buches „Glücksschmiede für Pferde“ zeigt sie, wie Kommunikation gelingt. Beobachten Sie in verschiedenen Situationen, wie Sie selbst kommunizieren. Als Menschen sind wir in der Lage, Dinge, Emotionen und Eindrücke zu beschreiben. Wir können sogar Eigenschaften, Farben, Töne oder Träume beschreiben. Pferde können das nicht. Sie kommunizieren überwiegend räumlich. „Das bedeutet, dass sie Raum und Zeit exakt bedienen können“, erklärt unsere Expertin. „Sie wissen genau, wie viel Abstand sie zu einem anderen Pferd halten müssen, wann es klug ist, den Kopf zu senken oder die Schulter zu präsentieren, was Abkauen oder Platz machen bedeutet.“

Unsere Vierbeiner haben also stets einen guten Überblick über den Raum, der ihnen zur Verfügung steht, was vielen Menschen meistens eher schwer fällt. Lange bevor wir eine Bewegung ausführen, erkennt unser Pferd schon unsere Bewegungsabsicht. Es ist uns sozusagen mehr als einen Schritt voraus, denn so kann es in Sekundenschnelle den Fluchtweg und die Laufgeschwindigkeit bestimmen oder die Möglichkeit der offensiven Verteidigung in Betracht ziehen. Menschen sind Meister im Diskutieren und können ewig um eine Sache herumreden. Pferde benutzen keine Worte und erst recht keine Synonyme. Das kann zu erheblichen Missverständnissen führen.

Gelingt die Kommunikation, können Pferd und Reiter über sich hinauswachsen und die Freude am Miteinander spüren

Sinnvoll und fair

Nur wenn wir uns auf den Sprachgebrauch des Pferdes einlassen, können wir lernen, mit ihm zu kommunizieren und zu einem Team zusammenzuwachsen. Unabhängig vom Alter oder Ausbildungsstand des Pferdes sind die Naturgesetze der Sprache immer gleich. Wenn Sie selbst zum Glücksschmied werden, lernen Sie also, die Kommunikationswege anzuwenden, eindeutig zu sein und das Ausdrucksverhalten Ihres Pferdes einzuordnen. „Dann ergibt Kommunikation Sinn und führt über den fairen Austausch an Informationen in manifeste Lösungen und tiefes Vertrauen“, betont Anne Krüger-Degener. Wiederum führt vor allem unzureichendes Zuhören zu den häufigsten und größten Problemen in den Partnerschaften zwischen Mensch und Pferd. „Lesen bedeutet beobachten mit allen Sinnen, alle Signale wertfrei aufnehmen und offen sein für die Antworten der Tiere. Lesen bedeutet, das Ausdrucksverhalten des ganzen Pferdes zu erfassen, ohne es zu bewerten oder mit der eigenen Wirklichkeit zu füllen“, so unsere Expertin. Dabei definiert sich gutes Lesen nicht über Geschwindigkeit, sondern über Gründlichkeit. Bleiben Sie ruhig, achtsam und gehen Sie sorgfältig vor. Ein gewisser Abstand ist wichtig, Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit Freunden in einem Restaurant: Es wird Ihnen leichter fallen, die vorbeigehenden Menschen oder ein Paar an einem anderen Tisch zu beobachten als Ihre Freunde. Pferde lesen ist eine großartige Beschäftigung und wie das Lernen einer Fremdsprache. Bei dieser Sprache gehe es laut Anne Krüger-Degener um mehr Raum, um Dominanzen, um Zuneigung, um Spur und Sicherheit. Es gehe um Überlebensprinzipien und klare Grenzen, auch innere Grenzen. „Ein Pferd redet niemals an einer Sache vorbei. Es sagt seine Meinung, es beschreibt seinen Zustand, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was es damit auslösen oder auch anrichten kann. Ein Pferd ist immer bei sich. Und es kommuniziert ausschließlich mit den Möglichkeiten, die ein Pferd hat. Es spricht unverblümt nur eine Sprache und ist bewundernswert ehrlich dabei“, sagt unsere Expertin.

Im Hier und Jetzt sein

Sie wollen zu einem guten Glücksschmied werden? Dann führen Sie den Dialog mit Ihrem Pferd sachlich im Hier und Jetzt. Durch das Beobachten und Beschäftigen mit dem Ausdrucksverhalten Ihres Vierbeiners haben Sie eine gute Basis, um Verständnis zu entwickeln. Tiefe Bindung entsteht, indem Sie sich aufeinander einlassen und Vertrauen nicht nur erzeugen, sondern auch erleben. „Warum das Bindungssystem so wichtig ist, wie Sie es aufbauen oder reparieren können, das müssen Sie als Glücksschmied wissen“, sagt Anne Krüger-Degener. Im Folgenden stellen wir Ihnen die HarmoniLogie-Methode genauer vor.

Das Haus der HarmoniLogie

Die vier Säulen der Kommunikation und die drei Aspekte der Antwort

Die Ansprechbarkeit

Wenn Sie einen Menschen mit dem Namen ansprechen, erwarten Sie eine Form von Aufmerksamkeit und Zugewandtheit. Bei Ihrem Pferd sollte es nicht anders sein. Das heißt, wir wünschen uns Aufmerksamkeit, wenn wir unseren Vierbeiner mit seinem Namen ansprechen. Das ist wichtig, „um das Pferd räumlich und emotional zu orientieren, es zu uns zu rufen, seine Konzentration auf uns zu fokussieren“, erklärt Anne Krüger-Degener. „Wir brauchen sie in der Freiarbeit, um das Pferd zu wenden und die innere Hilfe zu stabilisieren; beim Führen, um den Fokus auf uns zu richten; beim Reiten, um Außenreize zu minimieren, indem wir den inneren Reiz größer werden lassen.“ Stellen Sie sich die Ansprechbarkeit wie die Handynummer Ihres Pferdes vor: Ist sie gut geschult, wird Ihr Vierbeiner immer „ans Handy“ gehen – dann gibt es kein Funkloch und keinen leeren Akku. Viele Menschen sagen zwar den Namen des Pferdes, haben allerdings keinerlei Erwartung an eine verbindliche Reaktion. „Das Pferd hört also seinen Namen, hat aber schon lange begriffen, dass es gar nicht gemeint ist. Um das zu vermeiden, sollte der Mensch lernen, die Verbindlichkeit, die er erwartet, auch selbst zu leisten“, betont unsere Expertin.

Die Ampel

Um Fehler möglichst zu vermeiden, arbeiten Sie über das Ampelprinzip. Eine Ampel hat nicht nur drei Farben, sondern auch vier Phasen:

1. Grün: Sie Sprechen den Namen Ihres Pferdes freundlich aus, sind entspannt und Ihrem Vierbeiner zugewandt. Das freundliche Aussprechen des Namens, entspannt und zugewandt.

2. Orange: Ihr Pferd reagiert nicht richtig? Dann führen Sie ein Störsignal wie „Na, na“ ein.

3. Rot: Folgt immer noch keine gewünschte Reaktion, dann werden Sie aktiv, zum Beispiel indem Sie Körperspannung aufbauen, am Strick oder an Ihrer Jacke schütteln.

4. Grün: In der vierten Phase wollen Sie zurück zur Harmonie. Sprechen Sie den Namen wiederholt freundlich aus und artikulieren Sie ihn auch als Lobwort.

So geht’s:

• Lernen Sie den Namen Ihres Pferdes nur auszusprechen, wenn Sie wirklich in Kontakt mit ihm treten möchten und bereit sind, diesen auch einzufordern.

• Beginnen Sie das Training in einer reizarmen, dem Pferd bekannten Umgebung, zum Beispiel in der Box, am Putzplatz oder auf dem gewohnten Paddock.

• Ihr Pferd trägt ein Halfter und Sie stehen auf Schulterhöhe, dem Pferd zugewandt.

• Sagen Sie freundlich den Namen Ihres Pferdes.

• Reagiert das Pferd, wendet es ein Ohr zu Ihnen und nimmt es Sie mit dem zugewandten Auge in den Fokus, dann wird gelobt und gekrault.

• Reagiert Ihr Pferd nicht, dann bleiben Sie ruhig. Womöglich weiß es noch nicht, was es tun soll beziehungsweise wie es heißt. In diesem Fall beginnen Sie mit der Störbarkeit, die wir Ihnen im Folgenden erklären.

• Nimmt das Pferd Sie schließlich wahr, dann sagen Sie leise und freundlich seinen Namen und beginnen zu loben.

• Die Reizlage können Sie mit zunehmendem Erfolg steigern. Ihr Pferd darf Umweltreize wahrnehmen, sollte jedoch auf seinen Namen reagieren.

• Schaffen Sie es nicht, die Aufmerksamkeit Ihres Pferdes zu bekommen, dann überprüfen Sie zunächst, ob die Reizlage zu hoch ist und ob die Übung dafür schon gefestigt genug ist. Meist ist es sinnvoll, das Ganze an einem reizärmeren Ort zu wiederholen.

• Reagiert Ihr Pferd auch hier nicht wie gewünscht, dann ist es wahrscheinlich überfordert. Gehen Sie innerhalb der Ausbildung noch einmal zurück.

Die Störbarkeit

„Aufwecken, unterbrechen, orientieren – mehr soll ein Stören nicht sein“, so Anne Krüger-Degener. Bereits ein Schnalzen, ein Klopfen oder eine leichte Spannung im Oberkörper könne eine Störung sein. Ebenso auch ein Lob, ein Ansprechen oder ein Außenreiz. So ist das Verlagern, beziehungsweise manchmal auch das Verlieren des Gleichgewichtes beim Reiten eine deutliche Störung. Unter Störbarkeit wird die Fähigkeit des Pferdes verstanden, sich in seinem Denken und Handeln unterbrechen zu lassen. Sie legt den Grundstein für die Durchlässigkeit. „Störbarkeit ist die Möglichkeit, das Pferd zu begrenzen, erst räumlich, dann leiblich und später auch akustisch“, erklärt unsere Expertin. „Ich kann ein Pferd, das zum Beispiel nicht auf die Ansprechbarkeit reagiert, über die Störbarkeit verändern, aufwecken, achtsam machen – so, dass es wieder bereit ist, auf die Ansprechbarkeit zu reagieren.“ Somit verschafft die Störbarkeit Ihnen eine Form von Respekt, den Sie brauchen, um wichtiger zu sein als ein Außenreiz. So können Sie die Akzeptanz der Hilfen verbessern und sogar Kontrollverlust vorbeugen. Störbarkeit sichert sozusagen das Vertrauen auf Grund des gegenseitigen Respektes. Bei dieser Übung geht es nicht um ein Strafen oder Einschüchtern. Vielmehr kann das Pferd lernen, wie es einen Reiz abstellen und sich dadurch schneller in einer Komfortzone wiederfinden kann.

So geht’s:

• Auch die Störbarkeit schulen Sie in einer sicheren und reizarmen Umgebung.

• Entwickeln Sie eine grundsätzlich wohlwollende Haltung Ihrem Pferd gegenüber.

• Konzentrieren Sie sich gut und arbeiten Sie korrekt nach dem System der Ampel.

• Sie möchten erreichen, dass die Orange-Phase Ihrer Ampel ausreicht, damit Sie Ihr Pferd zur Abgrenzung auf keinen Fall berühren müssen. Dazu benutzen Sie zwei Störlaute:

• Das „Na“: Dieser Störlaut dient der Ankündigung einer körperlichen Berührung. Es heißt so viel wie: Aufgepasst, gleich berühre ich dich. Dadurch überfallen Sie Ihr Pferd nicht, wenn es plötzlich berührt wird, sondern es lernt, sich einzulassen.

• Situationen können zum Beispiel sein: Sie möchten Ihr Pferd mit der Gerte anregen, die Hinterbeine zu bewegen; Sie möchten, dass Ihr Pferd den Kopf senkt, dann sagen Sie „Na“ genau in dem Moment, bevor Daumen und Zeigefinger das Nackenband berühren. Ebenso bevor der Zeigefinger das Röhrbein berührt, damit das Pferd den Huf gibt.

• Das zweite Störsignal ist das „Nein, nein, nein“, was als Melodie gesprochen und vor allem in der Freiarbeit angewandt wird. Dem Pferd wird dadurch signalisiert: Vorsicht, du bist auf dem falschen Weg. Bitte mache mir ein aktives Angebot und wende dich mir zu. „Es ist die Ankündigung, dass im nächsten Moment eine Tür vor dem Pferd geschlossen wird. Die differenzierte Störung hilft dem Pferd, sich gut zu orientieren. Es ist nur an uns Menschen, diesen Vorgang zu verinnerlichen“, erläutert unsere Expertin.

• Ihr Pferd ist aufgehalftert und Sie halten den Führstrick. Stellen Sie sich neben Ihr Pferd und sagen Sie aus dem Zusammenhang heraus das Störsignal: „Nein, nein, nein“.

• Reagiert Ihr Pferd nicht wach und konzentriert auf Sie, dann bauen Sie Körperspannung auf und beginnen, etwas impulsiver einzuwirken, genau so viel, wie es braucht, damit Ihr Pferd Sie wahrnimmt.

• Dann können Sie die Impulsivität sofort in Harmonie wandeln und Ihrem Pferd Raum geben. Loben Sie es aktiv für seine Reaktion.

• Reagiert Ihr Pferd nicht auf die Störung, dann versuchen Sie herauszufinden, auf welchen Reiz Ihr Pferd schon einmal reagiert hat. Vielleicht war es ein Kreiseln mit dem Führstrick, ein Klatschen oder ein Aufstampfen.

• Nun geht es darum, dem Pferd über das Störsignal „Nein, nein, nein“ anzuwarnen und sozusagen einen Reiz wie das Klatschen anzukündigen. So geben Sie Ihrem Pferd eine faire Chance, den Reiz abzustellen, bevor er erscheint. Also zu reagieren, bevor Sie klatschen müssen.

Die Lobbarkeit

Ein angemessenes Lob ist wichtig, damit das Pferd das Lob auch annehmen kann. Darunter verstehen wir die „Lobbarkeit“. Ein Pferd, dass Lob nicht annimmt, kann nicht entsprechend belohnt werden. Dabei sollte die Intensität des Lobes ein Feedback erwirken, das eindeutig, intensiv und losgelassen ist. „Ich brauche die gut gearbeitete Lobbarkeit, um dem Tier Komfortzonen zu bieten, ihm den Erfolg zu kennzeichnen – vor allem aber, um ihm das Gefühl von Zuhause zu geben, denn dann aktiviere ich das Bindungssystem“, sagt Anne Krüger-Degener. Dabei muss ein Pferd nicht sofort die richtige Lösung finden, es kann auch dafür belohnt werden, dass es sich bemüht, eben genau die richtige Lösung zu finden. Lobbarkeit ist für unsere Expertin das wichtigste Werkzeug im Umgang mit dem Pferd. Manche Pferde müssen erst lernen, den Menschen als Komfortzone wahrzunehmen und sich auf diese Art der sozialen Fellpflege einzulassen. Die Lobbarkeit ist ein wichtiger Schritt, um überhaupt mit der Ausbildung fortzufahren.

So geht’s:

• Wählen Sie eine reizarme Umgebung, in der sich das Pferd sicher fühlt.

• Sie brauchen nur ein Halfter. Dann beginnen Sie, Ihr Pferd zu berühren. Beobachten Sie dessen Reaktionen und suchen Sie die Stelle, an der es am liebsten gekrault wird.

• Hören Sie erst dann auf, wenn Sie eine Stelle finden, an der Ihr Pferd eindeutig mit innerer Losgelassenheit reagiert.

• Achten Sie sorgsam auf Anzeichen wie das Langziehen der Oberlippe, den Lidschlag, das Recken und Strecken des Halses oder das Anheben der Schweifrübe.

• Es kann sein, dass diese Art des Bindungstrainings nicht sofort klappt. Nehmen Sie sich Zeit und beschäftigen Sie sich intensiv mit der Lobbarkeit. So kann das Beziehungssystem zu Ihrem Pferd tiefer, stabiler, kritikfähiger und belastbarer werden.

• Wenn Ihr Pferd schon bei der ersten Berührung wegzuckt, geben Sie nicht sofort auf, sondern beginnen Sie, es langsam zu streicheln oder leicht zu massieren. „Je weniger es wegdrängt, je mehr es loslässt, umso intensiver wird meine Berührung“, rät unsere Expertin.

• Solange keine offensive Abwehr stattfindet, sondern das Pferd nur ausweicht oder sich anspannt, können Sie weiter behutsam nach einer Körperstelle zum Kraulen suchen. Ihr Pferd kann sich so besser auf Sie einlassen.

• Beobachten Sie auch jetzt die Mimik und Gestik Ihres Pferdes. Es kann einen Moment dauern, bis es die Berührung annimmt und weich wird.

• Gehen Sie eine Pferdelänge geradeaus, halte Sie wieder an und beginnen Sie von Neuem. Das Motto lautet: Loben, bis das Lob wirkt.

• Wenn Ihr Pferd Sie während der Übung nicht wahrnimmt, überprüfen Sie, ob die Umgebung auch wirklich reizarm genug ist.

Die Abgrenzbarkeit

„Die Abgrenzbarkeit ist die Basis der räumlichen Sprache. Wir üben sie wie alle anderen Werkzeuge auch aus dem Zusammenhang heraus“, sagt Anne Krüger-Degener. „Raum erkennen, Raum halten, Raum geben und Raum fordern, das bedeutet räumlich denken, räumlich sprechen – und das alles freundlich und bewusst.“ Pferde mit einer gut geschulten Abgrenzbarkeit sind in der Lage, das Fordern von Raum durch den Menschen leicht und ohne großen Aufwand zu beantworten. Es gibt den Raum entspannt und unaufgeregt, ohne dabei devot oder instabil zu werden. Ihr Pferd unterwirft sich also nicht, sondern gibt den geforderten Raum gerne. Kommunizieren findet auf Augenhöhe statt. „Die Abgrenzbarkeit benötigen wir, um die Tanzbereiche zu definieren, um Spur zu halten, auch um Spur darzustellen, um sich gegenseitiges Einverständnis zu holen, um friedschaffend Räume zu regulieren, vielleicht auch Dominanzen zu klären“, betont unsere Expertin. Durch die räumliche Sprache kann sich das Pferd orientieren und mit uns einigen. Das Raumfordern sollte das Pferd nicht bedrohen, sondern nur aktivieren. Es geht also nicht darum, das Pferd anzugreifen oder ihm zu nahe zu kommen, sondern der Vierbeiner soll einen Abstand zum Menschen aufbauen und sich räumlich regulieren lassen. So sind Sie in der Lage, Ihr Pferd in jede Himmelsrichtung zu drehen und zu wenden, um ihm die Spur vorzugeben. Lassen Sie Ruhe und Freundlichkeit den Ton im Umgang mit dem Pferd bestimmen und vermeiden Sie jede Form von Eskalation. Bleiben Sie fröhlich und klar. Dazu gehört auch mal nachzugeben, wenn es sinnvoll und angebracht ist. Ein guter Führungsstil zeichnet sich eben auch durch die Symbiose aus Dominanz und Kompromissbereitschaft aus.

So geht’s:

• Wenn Sie Ihr Pferd am Halfter führen und Raum fordern, soll Ihr Pferd Ihnen diesen Raum auch geben.

• Stehen Sie an der Schulter Ihres Pferdes und halten Sie den Strick mit der dem Pferd zugewandten Hand.

• Nun bewegen Sie sich mit der dem Pferd fernen Schulter auf Ihren Vierbeiner zu. Ihr Brustbein ist Richtung Buggelenk des Pferdes gerichtet und die äußere Hand führt die Gerte.

• Geben Sie ein akustisches Signal wie „Und an“, denn im Grunde genommen fordern Sie eine Vorwärtsbewegung, wobei die Füße in die Fußstapfen der Vorderhufe treten wollen.

• Wiederum gleicht die Ausweichbewegung des Pferdes einer Rückwärtsseitwärts-Bewegung.

• Weicht Ihr Pferd nicht aus, dann sagen Sie freundlich und ruhig „Na“. Damit kündigen Sie einen leicht klopfenden Impuls am Atlas an. Das ist der erste Halswirbel hinter dem Kopf.

• Geben Sie den Impuls so lange und so intensiv, bis das Pferd bereit ist, auszuweichen.

• Anschließend sagen Sie erneut freundlich und ruhig „Und an“.

• Bereits nach einem Schritt können Sie aufhören, Raum zu fordern, und Ihr Pferd ausgiebig loben.

• Wenn Ihr Pferd rückwärts ausweicht und nicht seitwärts gehen möchte, dann erhöhen Sie Ihre Bewegungsintention durch das Pferd hindurch etwas und arbeiten Sie deutlich langsamer.

• Will sich Ihr Pferd nicht von der Stelle bewegen, dann erhöhen Sie den Impuls am Atlas kurzfristig so, dass Ihr Pferd zumindest ein kleines bisschen ausweichen möchte. Dann folgt sofort das Lob, um die Übung anschließend zu wiederholen.

Leseschule pfend

Die Ohren Sind sie in eine Richtung gerichtet, gespitzt oder angelegt? Beweglich oder in einer Position wie festgehalten?

Die Augen Sind sie ruhig und klar oder bewegen sie sich (schnell oder langsam)? Sind sie eher geschlossen oder aufgerissen? Ist das Weiße sichtbar? Können Sie einen Lidschlag beobachten? Wie sehen die Augenbrauen aus, sind sie glatt oder zu einem Wulst gewölbt?

Der Kopf Trägt das Pferd ihn hoch oder tief, gerade oder schräg? Ist er ruhig oder in Bewegung? Wie bewegt er sich?

Der Hals Trägt das Pferd ihn hoch oder tief ? Ist er entspannt, angespannt, beweglich oder hält es ihn fest?

Der Rumpf Ist die Rumpfpartie entspannt, angespannt, aufgewölbt oder weggedrückt? Wie ist die Muskelspannung?

Die Nüstern: Sind die Nüstern entspannt, normal oder weit geöffnet oder eher eng gezogen? Wie bewegen sie sich während der Atmung?

Das Maul Ist es geöffnet oder geschlossen? Kaut das Pferd, schmatzt es, oder zeigt es keine Maulaktivität? Sind die Lippen angespannt oder locker?

Die Bewegung Beobachten Sie das Gangbild des Pferdes. Bewegt es sich ruhig, aktiv, hoch, rhythmisch oder nicht rhythmisch? Sind die Bewegungen in den einzelnen Gangarten taktklar oder nehmen Sie Verschiebungen wahr?

Lautäußerungen Welche Geräusche nehmen Sie wahr? Von Schnauben bis Prusten oder sogar Quietschen, Grunzen beziehungsweise Wiehern?

Die Bewegungsintention Bewegt sich das Pferd bevorzugt in eine Richtung? Eher zum Menschen hin oder von ihm weg, frontal oder seitlich? Gibt es dabei Raum oder fordert es welchen?

Die Oberfäche Erscheint sie eher fest und angespannt oder ruhig? Ist sie beweglich, elastisch, zuckend, kühl, warm oder schwitzend? Welche Eigenschaften nehmen Sie wahr?

Der Schweif Ist er ruhig oder unruhig? Pendelt er (wenn ja in welche Richtungen)? Ist er beweglich, fest, eingeklemmt, hoch oder tief getragen?

Unarten Zeigt das Pferd Unarten oder Widersetzlichkeiten wie Steigen, Buckeln oder Losrennen?

Das vegetative Nervensystem Wie atmet Ihr Pferd – ruhig und gleichmäßig oder unruhig? Neigt es zum Luftanhalten oder Luft einziehen beziehungsweise zu einer starken Atmung? Ist die Herzfrequenz normal oder schnell? Äppelt Ihr Pferd häufig?

BUCHTIPP

Mit der HarmoniLogie ®-Methode hat Anne Krüger-Degener ein einzigartiges Konzept zum vertrauensvollen Umgang mit Pferden entwickelt. In Ihrem Buch „Glücksschmiede für Pferde“ zeigt sie, wie Kommunikation wirklich gelingt. Dazu gehört auch, die körpersprachlichen Signale des Pferdes richtig zu lesen, wobei es auf die Fähigkeit zum Beobachten und das Einfühlungsvermögen ankommt, nicht auf die Interpretation. Lehrfilme via QR-Code ergänzen das Konzept.

Kosmos, 200 Seiten, 32 Euro, ISBN: 9783440171882

Ubung

Studieren mal anders

Wenn Sie ein Team mit Ihrem Pferd bilden möchten, müssen Sie es kennen und lesen lernen. Nehmen Sie sich Zeit und studieren Sie Ihren Vierbeiner, zum Beispiel indem Sie sich an die Weide, den Paddock oder die Box setzen. Dabei können Sie sich Stichworte notieren und so Protokoll führen.

Beginnen Sie am Kopf des Pferdes – genauer am Maul. Von da aus lassen Sie Ihren Blick über die Zunge, die Lippen, die Nüstern bis zu den Augen wandern. Auch das Ohrenspiel verrät viel über den Vierbeiner, seine Stimmung und seine Absichten. Schauen Sie sich den Kopf als Gesamtes an und beobachten Sie dann die Rückenlinie bis hin zum Schweif. Anschließend sind die Beine bis zu den Hufen dran. Sie lernen nicht nur im Stand, sondern auch in der Bewegung einiges über Ihr Pferd. Nutzen Sie dazu alle Sinne. So können Sie neben der Atmung auch die Körpertemperatur, die Oberflächenspannung und die Herzfrequenz wahrnehmen. Ein gutes Hilfsmittel für das Studieren des Pferdes sind Videoaufnahmen. Diese können Sie sich anschließend in Slow Motion ansehen. „Das Pferd zu lesen bedeutet, es von vorn bis hinten wahrzunehmen, zu erkennen, wie es sich bewegt, wie es Raum und Zeit bedient. Es bedeutet, offen zu sein für seine Antworten, um ihm nicht die eigene Wirklichkeit überzustülpen“, betont Anne Krüger-Degener. Das sei der erste und wichtigste Schritt, um den Dialog auf eine vertrauensvolle Basis zu stellen. Sie lesen Ihr Pferd, ohne zu werten. Orientieren Sie sich an den Punkten, die wir für Sie in der Übersicht zusammengefasst haben. Während ein einzelnes Signal noch nicht aussagekräftig ist, ergeben alle diese Signale das Ausdrucksverhalten des Pferdes.

UNSERE EXPERTIN

ANNE KRÜGER-DEGENER bildet Pferde und Hunde aus. Zudem ist sie mehrfache deutsche Meisterin bei Hütewettbewerben und verzaubert ein großes Publikum mit ihrem Showprogramm. Auf dem Degener-Hof in Melle bietet sie Kurse und Seminare an und bringt anderen Menschen ihre HarmoniLogie-Methode bei.

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