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Werden, wer ich bin


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 12.06.2019

Erst gibt es unendlich viele Möglichkeiten: Welche Ausbildung, welcher Partner, wo will ich leben? Und dann, ganz plötzlich, gibt es unendlich viele Sachzwänge: die Kinder, der Hauskredit, die SUVs. Dazwischen stehen wir und fragen uns: Lebe ich so, wie es meinem Selbst entspricht und mich glücklich macht?


Grace führte das Leben, das man von ihr erwartete. Sie arbeitete in der Bankverwaltung, obwohl sie diese Aufgabe innerlich nicht ausfüllte. Sie hielt ihrem Ehemann 50 Jahre lang die Treue, obwohl er sie tyrannisierte. Sie zog zu Hause geduldig die Kinder groß, obwohl sie gerne die Welt bereist hätte. ...

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 7/2019

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Grace führte das Leben, das man von ihr erwartete. Sie arbeitete in der Bankverwaltung, obwohl sie diese Aufgabe innerlich nicht ausfüllte. Sie hielt ihrem Ehemann 50 Jahre lang die Treue, obwohl er sie tyrannisierte. Sie zog zu Hause geduldig die Kinder groß, obwohl sie gerne die Welt bereist hätte. Die ganze Zeit ahnte sie, dass irgendwo noch mehr auf sie warten könnte. Doch den Mut, danach zu suchen, hatte sie nie: „Ich bin ein guter Mensch, ich wollte niemandem wehtun.“ Mit über 80, am Ende ihres Lebens, hadert Grace mit ihrem Zaudern, ihrer Unentschlossenheit, ihren Zweifeln – das berichtet Bronnie Ware in ihrem Buch5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Als Palliativpflegerin begegneten ihr viele Menschen wie Grace. Patienten, die voll Reue auf ihr Leben blickten. „Von allem, was ich an den Sterbebetten hörte und lernte“, schreibt die Australierin, „von allem, was die Sterbenden rückblickend am meisten bereuten – dies war die häufigste Aussage: Sie bedauerten, sich bei der Gestaltung ihres Lebens nicht selbst treu gewesen zu sein.“ Sie hatten eines versäumt: So zu sein, wie sie sind



Sich selbst treu zu sein meint nicht rigorose Selbstverwirklichung. Sondern eine Form der Selbsterfahrung, die im Kontakt mit anderen entsteht


Herzlicher, charismatischer, zufriedener

Authentizität – allein den Begriff auszusprechen fällt schon schwer. Danach zu leben oft noch schwerer. Nicht umsonst haben große Denker und Philosophen über die Jahrtausende hinweg gegrübelt, was es bedeutet, sein Leben nach dem „wahren Selbst“ auszurichten. Und auch die Psychologie beschäftigt sich immer stärker damit, wie es gelingen kann, authentisch zu leben. Denn: „Nicht man selbst sein zu können im Leben ist quälend“, schreibt Stephen Joseph, Professor an der Universität von Nottingham, in seinem BuchAuthentizität. Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben . „Häufig liegt genau da die Wurzel der Probleme, denen Psychotherapeuten und Psychiater in ihren Kliniken begegnen. Dabei ist die Sehnsucht nach Authentizität nicht nur hilfesuchenden Menschen zu eigen.“ Nach jahrelanger Forschung als einer der führenden Vertreter der positiven Psychologie stellt Joseph fest: „Authentizität ist für uns alle eine wesentliche Antriebskraft.“

Aus gutem Grund: Eine Vielzahl von Studien der letzten Jahre hat belegt, dass sie uns verschiedenste positive Effekte beschert. Menschen, die ihr Leben als sinnvoll und authentisch bewerten, haben einen stabileren Selbstwert, ein höheres Wohlbefinden, eine größere Lebenszufriedenheit, erfüllendere Beziehungen, außerdem weniger Angst, weniger Aggressionen und weniger depressive Symptome. Und auch körperlich profitieren Menschen von einem selbstbestimmten, sinnhaften Leben: Sie werden älter, bleiben gesünder und leiden an weniger Krankheitssymptomen. Erleben wir hingegen eine Diskrepanz zwischen dem, was wir sagen und tun, und dem, was wir denken und fühlen, erzeuge das innerseelische Spannung und Stress, so Joseph. „Wenn wir Tag für Tag unauthentisch leben, fordert dies emotional einen hohen Tribut. Wenn wir versuchen, ein Leben zu führen, in dem unser Selbstgefühl nicht im Einklang mit der Realität steht, büßen wir unser Wohlbefinden ein, ja riskieren Depressionen und Angstzustände.“

Doch was meint das überhaupt: authentisch sein? Die beiden US-amerikanischen Wissenschaftler Brian Goldman und Michael Kernis verstehen darunter das „uneingeschränkte Wirken des wahren oder zentralen Selbst im täglichen Leben“. Zu sich selbst stehen, die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen, Position beziehen, echt sein – das klingt erstrebenswert und befreiend, kann jedoch auch eine Kehrseite haben, wie die Sozialpsychologin Stephanie Draschil herausgefunden hat. So werden Menschen, die als authentisch gelten, als herzlicher, charismatischer, sympathischer und zufriedener wahrgenommen – gleichzeitig kann es aber auch passieren, dass ihr Verhalten auf andere egoistisch und wenig sozialverträglich wirkt.

Im Gegensatz zu unserem Alltagsbegriff von Authentizität erweiterten Vordenker wie Viktor Frankl, Psychiater und Gründer der Logotherapie sowie der Existenzanalyse, das Verständnis deshalb um eine soziale Dimension: „Das Ich wird Ich erst am Du.“ Das „eigentliche Ich“ zu leben meint also nicht die rigorose Selbstverwirklichung. Sondern vielmehr eine Selbsterfahrung, die im Kontakt mit anderen Menschen entsteht und durch Interaktion wachsen kann. Das bestätigten auch Untersuchungen der Sozialpsychologen Brian Goldman und Michael Kernis. Vier Aspekte sind nach ihren Ergebnissen entscheidend für ein authentisches Leben: ein Bewusstsein (für eigene Motive, Gefühle und Wünsche), eine unverzerrte Verarbeitung (von selbstrelevanten Informationen wie Stärken oder Schwächen), ein selbstbestimmtes Verhalten (im Einklang mit den eigenen Werten, Vorlieben und Bedürfnissen) – und eben auch eine Beziehungsorientierung (als aktiver Prozess der Selbstoffenbarung und der Entwicklung von gegenseitigem Vertrauen).

Passend dazu sah der Psychoanalytiker Erich Fromm (siehe Kasten Seite 24) Authentizität in engem Zusammenhang mit offener Kommunikation und Transzendenz: als ein „Hinausgehen über das nur mit sich selbst beschäftigte Ich, die Befreiung unserer selbst aus dem Gefängnis unseres Egoismus“.

Auch Shakespeare hat das verstanden. So lässt er die Figur Polonius zu seinem Sohn nicht nur sagen: „Sei dir selber treu“, sondern auch: „Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“ Ob moderne Väter Ähnliches von ihrem Nachwuchs fordern würden? Zwar zählt Authentizität noch immer zu den zentralen menschlichen Stärken. Doch ist echt (und nicht falsch) sein kein leichtes Ziel in einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern so viele Wege eröffnet wie nie zuvor und Selbstdarstellung zugleich zum zentralen Wert erhebt.

Das Dilemma der Freiheit

Magdalena Schmitz (Name geändert ) hat dieses Dilemma erlebt. Schon als Kind war ihr klar: Wenn sie einmal groß wäre, würde sie helfen, die Welt zu retten. Als Jugendliche engagierte sie sich in der Flüchtlingshilfe, als Studentin immatrikulierte sie sich im Fach Umweltwissenschaften, als Erwachsene kamen ihr erste Zweifel: „Ich stand stundenlang im Labor und forschte an kleinteiligsten Themen. Das ging so lange gut, wie ich mich nicht gefragt habe, welchen Beitrag meine Arbeit eigentlich leistet.“ Sie sattelte um, wurde Journalistin und merkte nach drei Jahren, dass investigative Berichte über unhaltbare Missstände nicht ihr tägliches Brot sein würden. Sie beschloss einen radikalen Schnitt und begann eine Ausbildung zur Rettungsassistentin. „Irgendwann stand ich zwischen diesen ganzen Menschen in Uniform und habe gespürt: Das bin nicht ich, das ist nicht meines.“ Magdalena Schmitz brach ab – und zweifelte an sich selbst. „Bin ich sprunghaft? Habe ich unrealistische Vorstellungen? Kann ich mich mit nichts zufriedengeben?“

Sie ist nicht die Einzige, die um ihren Platz ringt angesichts unzähliger Möglichkeiten. Ohne feste Rollen, in die uns eine enge Gemeinschaft ver-weist. Ohne bindende Moralvorstellungen, die uns eine Religion verordnet. „Familienleben, Beruf, Politik und Kirche folgten früher einem einheitlichen Weltentwurf. Wer in dieses System integriert war, lebte kohärent und stimmig“, schreibt Professorin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck in ihrem BuchPsychologie des Lebenssinns „Heute sind westliche Gesellschaften in weiten Teilen durch Superdiversität und funktionale Differenzierung geprägt. Gesellschaftliches Handeln folgt keinem übergeordneten Konzept.“ Daraus folgt: Jeder Einzelne muss sich selbst in diesem Räderwerk verorten, sich mit seinen Optionen auseinandersetzen – und erst einmal herausfinden, was ihm entspricht.

Werkzeug des Selbst

Zwei Konstrukte mit langer philosophischer Tradition können bei dieser Suche helfen: Lebenssinn und Werte. Konstrukte, die mittlerweile auch die Psychologie für sich entdeckt hat. Aus der Sicht von Tatjana Schnell beruht Sinnerfüllung auf einem „selbstbestimmten und verantwortungsvollen Ausleben persönlicher Begabungen“. Sie wird verwirklicht, indem „persönlich relevante Lebensbedeutungen in die Tat umgesetzt werden“. In ihren Studien hat die Psychologin zusammen mit Kollegen vier Dimensionen von Lebensbedeutungen herausgearbeitet, an denen sich ein authentisches Leben ausrichten kann. Erstens: Selbsttranszendenz, dazu zählen etwa Spiritualität, Naturverbundenheit, soziales Engagement und Selbsterkenntnis. Zweitens: Selbstverwirklichung, die sich zum Beispiel in Wissen, Kreativität, Leistung oder Freiheit ausdrücken kann. Drittens: Ordnung, wozu unter anderem Tradition, Bodenständigkeit, Moral und Vernunft zählen. Viertens: ein Wirund Wohlgefühl, wie es als Liebe, Gemeinschaft, Fürsorge oder Harmonie erlebt wird. Die Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns betrachtet die Psychologieprofessorin als „förderlich und manchmal notwendig für ein gelingendes Leben“. Sie mache den Unterschied aus zwischen einer flachen, oberflächlichen Existenz und einem engagierten, authentischen Leben.

Auf dem Weg zum unverstellten Ich können außerdem persönliche Werte als Kompass dienen. „Eine ihrer wichtigsten Funktionen ist die der Entscheidungshilfe“, sagt Georg Eifert, Professor an derChapman University und einer der wichtigsten Vertreter deracceptance and commitment therapy (ACT), die wertebasiertes Handeln als zentralen Prozess begreift. Denn: „Werte sind wie ein Wegweiser an einer Kreuzung. Sie geben die Richtung vor und bewahren uns vor Umund Abwegen.“ Weil sie unserem Selbst sehr nahe, aber doch ein greifbares Werkzeug sind, helfen Werte dabei, unser authentisches Ich in konkretes Handeln zu übersetzen. Ein weiterer Vorteil: „Sie nehmen den Fokus weg von Problemen oder Symptomen und lenken ihn auf Ziele“, so Eifert.

Beide Konstrukte eint: Sie geben Orientierung, ermöglichen eine Haltung und schaffen einen Bezugsrahmen für Entscheidungen. „Indem sie uns daran erinnern, was wichtig ist, und verhindern, dass wir uns in Kleinkram verzetteln“, meint Georg Eifert. Auch wenn persönliche Werte, Sinn und Lebensbedeutungen in der traditionellen Psychotherapie lange ein Schattendasein fristeten, haben einige Ansätze dieses Potenzial erkannt: die Akzeptanz- und Commitmenttherapie beispielsweise, unterschiedliche Formen der Lebensrückblicktherapie, die Selbstmanagementtherapie sowie die existenzielle Psychotherapie (siehe Interview auf Seite 26). Sie alle unterstützen die Hilfesuchenden dabei herauszufinden, was ein „echtes Leben“ für sie bedeuten kann. Und diese Erkenntnisse auch umzusetzen.


Das Leben ist heute freier, ohne enge Wertevorgaben . Jeder muss selbst herausfinden, was ihm entspricht


„Der erste Schritt ist die Selbsterforschung“, sagt Tatjana Schnell. „Ich muss mich mit Fragen auseinandersetzen, die in die Tiefe gehen: Was gibt meinem Leben Bedeutung? Was macht mich aus? Das ist keine kognitive Suche nach Ideen, sondern ein Erspüren. Was ist schon in mir angelegt? Welche Kompetenzen und Interessen bringe ich mit?“ Dieser Prozess erfordere eine große Portion Ehrlichkeit und Offenheit: „Ich brauche gute Antennen dafür, was in mir vorgeht. Viktor Frankl hat einmal gesagt: Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Aber diese Fragen muss ich auch hören.“ Allzu groß ist die Versuchung, die Ohren zu verschließen, sobald es unbequem wird. Denn die Auseinandersetzung mit dem „wahren Selbst“ ist anstrengend – und manchmal schmerzhaft. „Im Allgemeinen versuchen wir, sie zu vermeiden – wer ist schon bereit dazu, den Boden des Schiffes, mit dem man unterwegs ist, mitten auf dem Meer auseinanderzunehmen? Morsche Planken zu entsorgen, passende neue zu finden und sie mit den übrigen schlüssig zu verbinden, während alle Anforderungen weiter bestehen: Leistung im Beruf erbringen, Kinder erziehen, sich um Angehörige kümmern, Beziehungen pflegen, selbst gesund bleiben“, schreibt Schnell in ihrem Buch. Doch auch die Verleugnung hat ihren Preis: „Wer Reflexion vermeidet, wird oft den Weg des geringsten Widerstands gehen, wird Optionen wählen, die sich anbieten. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass der so eingeschlagene Weg der Person tatsächlich entspricht.“

Den eigenen Grabstein visualisieren

Das erlebt auch Georg Eifert bei seinen Klienten. Um sie wachzurütteln, führt er ihnen den eigenen unausweichlichen Tod vor Augen. „Die meisten Menschen tun so, als würden sie ewig leben“, sagt der Psychologe. „Aber das ist ein Irrtum.“ Er rechnet mit seinen Klienten deren statistische Lebensdauer aus und überlegt mit ihnen, wie sie die verbleibende Zeit ausfüllen wollen. Bei der Frage nach dem Wie hilft ihm eine weitere Übung, die den Tod ins Leben holt. „Es ist sehr wertvoll, den eigenen Grabstein zu visualisieren und zu überlegen, was dort als Quintessenz des Lebens stehen soll“, erzählt Eifert. „Bezeichnenderweise schreibt sich niemand Symptomfreiheit auf den Stein: Er hatte keine Angst mehr. Sie konnte gut einschlafen.“ Die Überlegungen, was das eigene Leben ausmachen soll, reichen tiefer. „Oft steht im Zentrum, anderen zu helfen, soziale Kontakte zu pflegen und Zeit für die Familie zu haben“, sagt Georg Eifert.

Zu dieser Antwort kam auch Bernd Ziegler (Name geändert ). Nach einer Burnoutdiagnose begann er eine Therapie – und damit, sein Leben zu hinterfragen. „Es war immer klar: Ich muss fleißig sein, Erfolg ist wichtig. Ich habe nie überlegt, woher ich diese Leitsätze habe.“ Als klar ist, dass ein „Weiter so“ keine Option mehr ist, steht Ziegler vor einem großen Fragezeichen. „Ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich mit mir anfangen sollte. Nicht mal abstrakt. Ich konnte mir alles vorstellen und nichts.“ Sein Therapeut spielt mit ihm gedanklich verschiedene positive Zukunftsszenarien durch. Gemeinsam überlegen sie dann, was diese Bilder verbindet. „Ich habe gemerkt, dass meine Familie in jeder dieser Visionen eine extrem wichtige Rolle spielt. Das gab mir zwar noch keinen konkreten Plan an die Hand, aber eine Idee, woran ich ihn ausrichten könnte“, erzählt Bernd Ziegler.



„Sie konnte stets gut einschlafen.“ Ist es das, was als Resümee am Ende unseres Lebens stehen soll?


Seine Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen zahlreicher Umfragen und internationaler Studien. Das Gefühl der Zugehörigkeit und der Verbundenheit scheint zentral für uns Menschen zu sein. Auch Tatjana Schnell fand heraus, dass die relevanteste Lebensbedeutung eine soziale ist: Generativität. „In allen unseren Stichproben – jeden Alters, verschiedenster Länder, bei Vorliegen und Nichtvorliegen psychischer Störungen – wies sie den größten Zusammenhang zur Sinnerfüllung auf“, schreibt die Psychologin. Die Verantwortung für die Menschen anderer Generationen, das Bedürfnis, ihnen etwas von bleibendem Wert zu hinterlassen, kann nach ihren Ergebnissen eine starke Antriebsfeder sein.

Wie entscheidend zwischenmenschliche Kontakte für unser Leben sind, wissen wir offenbar selbst. So fragte das Institut für Demoskopie Allensbach Deutsche über 14 Jahren danach, was sie in ihrem Leben besonders wichtig und erstrebenswert fänden. Die Topdrei der Antworten: „gute Freunde und enge Beziehungen“, „für die Familie da zu sein“, „eine glückliche Partnerschaft“. „Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass die Menschen wissen, was es für ein gelingendes Leben braucht“, stellen auch die Psychologinnen Laura King und Christie Scollon in einer Untersuchung fest. „Das Spannende ist, dass wir uns trotzdem verhalten, als wüssten wir es nicht.“

Warum nur fällt es uns so schwer, unserem Ich mehr Raum zu geben? Endlich öfter zu sein, wie wir eigentlich sind? „Weil wir Zeugen einer sich rasant entwickelnden Technologie, großer Veränderungen in der Wirtschafts- und Arbeitswelt, eines umfassenden gesellschaftlichen Wandels und einer Internationalisierung des Lebens sind“, sagt der Psychotherapeut Professor Uwe Böschemeyer. „Zugleich ist das Angebot an Weltanschauungen unüberblickbar groß.“ In einer schnelllebigen Multioptionsgesellschaft ist kein Lebensweg mehr selbstverständlich, an jeder Ecke tun sich neue Entscheidungen auf. Wir erleben eine Freiheit, die uns oft überfordert und stresst.

„Durch Marketing- und Medienbotschaften wird ein großer Druck zur Selbstverwirklichung erzeugt“, sagt Tatjana Schnell. „Sie vermitteln uns: Glück ist machbar – durch Konsum, Attraktivität, Leistung oder Lifestyle. Wer trotz dieser vielen Möglichkeiten nicht glücklich ist, trägt selbst die Verantwortung dafür.“ Wer sie ausschöpft, wird ebenfalls enttäuscht, indem er in die „Wohlfühlfalle tappt“, wie es die Psychologieprofessorin formuliert: „Kurzfristige Befriedigung führt zu langfristiger Abhängigkeit und Frustration.“ Denn: Nach positiven Erlebnissen pendelt sich unser Wohlbefinden schnell wieder auf dem Ausgangsniveau ein. Der stimmungsaufhellende Effekt eines genussvollen Essens, einer lustvollen Nacht oder einer vergnüglichen Shoppingtour ist schnell verpufft. Wer sich damit nicht zufriedengeben will, muss die Dosis steigern – oder nach anderen Wegen zur Zufriedenheit suchen.

Ein Rumoren im Hinterkopf

Eine weitere Bremse für wirkliche Veränderung ist unser Umfeld. Aus Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen, ignorieren wir unsere Gefühle und Bedürfnisse. Wagen wir doch den Ausbruch, sabotieren Bedenkenträger jede Veränderung und füttern Zweifler die eigenen Ängste. Und das in einer Situation, in der wir ohnehin verletzlich sind. „Wer die rosarote Brille der Wohlstandsgesellschaft absetzt und den Komfort der Ignoranz verlässt, sieht vieles, das nicht sinnvoll ist. Diese Einsicht kann sehr schmerzhaft und lähmend sein“, sagt Tatjana Schnell. „Zugleich laufen wir Gefahr zu scheitern, wenn wir unser Leben neu ausrichten. Auch dieses Wissen macht uns verwundbar und erfordert Mut.“

Mut – und Anstrengung. Denn: Nur ein Prozent der Arbeit sei Inspiration, 99 Prozent dagegen Transpiration, meint Professor Alexander Noyon von der Hochschule Mannheim (siehe Interview auf Seite 26). „Erkenntnis ist meistens der leichtere Teil. Der Transfer in den Alltag ist oft der schwere“, sagt der Psychologe. „Viele scheuen das Risiko und die Entbehrungen, die eine Veränderung vielleicht erst einmal mitbringt. Sie hätten gerne Garantien und Sicherheiten, aber die gibt es nicht.“ Bei vielen Menschen falle das Leben nicht plötzlich krachend auseinander. Meistens laufe es ja ganz okay: Der Job lohnt sich, das Haus ist finanziert, und das Auto glänzt in der Garage. In diesem angenehmen Trott flüstere die eingebaute Bequemlichkeit beständig:Never change a running system . „Und trotzdem rumort etwas im Hinterkopf. Man spürt ganz subtil: Mein Leben fühlt sich nicht so kraftvoll, stimmig und authentisch an, wie es vielleicht könnte.“

Manchmal braucht es deshalb erst eine Krise, die die Lethargie durchbricht und Bewegung erzwingt. Die uns durchlässiger, sensibler und berührbarer macht. „Die Frage nach Sinn und Werten wird vor allem dann gestellt, wenn Sinn und Werte infrage stehen“, sagt Uwe Böschemeyer. „In schweren Krankheiten, bei einem irreversiblem Schicksalsschlag, nach dem Verlust geliebter Menschen oder bei Arbeitslosigkeit.“ Diese Ereignisse konfrontierten uns damit, wo wir stehen oder stehengeblieben sind. Und eröffneten die Chance, in all dem Schmerz den bisherigen Horizont zu erweitern.

So wie bei Angelika Rupp (Name geändert ). Der frühe Tod ihres Mannes stellte ihr ganzes Dasein infrage. Das zukünftige, aber auch das vergangene. „Es war klar: Aus der Trauer gehe ich nicht als die Alte hervor“, erzählt die 41-Jährige. „Vieles von dem, was mich ausgemacht hat, passte nicht mehr: dieses Kreisen um teure Designermöbel, spannende Fernreisen, besonderes Essen. Das ganze Hipsterleben war nicht mehr meines.“ Bis sich die Lücke mit neuen Bedeutungen füllte, dauerte es lange und brauchte es viele Versuche. „Ich musste erst mühsam herausfinden: Was macht mich aus? Was hat Bestand, was kommt neu?“ Heute hat Angelika Rupp klar vor Augen, was sie braucht, um sich selbst nicht zu verlieren, um sich wohl mit sich zu fühlen: „Ruhe, Natur, enge Freunde, meine Katze, mein Ehrenamt. Und hin und wieder eine geistige Herausforderung.“

Betrachtet man die Ergebnisse psychologischer Studien, ist Angelika Rupp mit diesem Strauß an Prioritäten gut aufgestellt. So hat etwa Tatjana Schnell herausgefunden, dass es erfüllender ist, mehrere Lebensbedeutungen zu verwirklichen – und zwar möglichst unterschiedliche. Nicht alles auf eine Karte zu setzen helfe dabei, „dass sich eine Person in verschiedener Hinsicht als lebendig, beteiligt und involviert erlebt. Sie hat unterschiedliche Quellen, aus denen sie persönlichen Sinn schöpft und die sie in kritischen Zeiten tragen.“ Welche Quellen das sind, das kann ganz verschieden sein. Denn „wie man wird, was man ist“, dafür gibt es keine allgemeingültige Strategie. „Das ist nun mein Weg, wo ist der eure?“, lässt Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra fragen. „Den Weg nämlich – den gibt es nicht.“

Georg Eifert empfiehlt abmarschbereiten Klienten, sich auf das zu konzentrieren, was sie in der Hand haben. „Viele Leute wollen ihre Gefühle und Gedanken kontrollieren, aber darauf haben sie wenig Einfluss“, sagt er. „Das, was sie beeinflussen können, ist ihr Tun und Handeln.“ Wer anfange, diese Kontrolle auszuüben und das ewige „Ja, aber …“ aufzugeben, könne seinen Lebensraum expandieren. „Ich rate dazu, mit kleinen Schritten anzufangen und die Konsequenzen gut zu überlegen“, sagt Eifert. „Es muss nicht immer der ganz radikale große Wurf sein.“

Und nicht immer die Entscheidung für die nächsten drei Jahrzehnte. Denn ein authentisches Leben zu führen, das ist ein nie endender Prozess, darin sind sich alles Psychologen einig. Ihre Untersuchungen zeigen deutlich, dass sich Lebensbedeutungen mit dem Alter und den Umständen wandeln. Nur wer versteht, dass es nicht den einen fertigen Entwurf gibt, nur wer Veränderungen und Fragen zulässt, kann dauerhaft leben, anstatt gelebt zu werden. „Wir müssen uns immer wieder neu bewusstmachen, wer wir sind“, sagt Tatjana Schnell. „Sonst landen wir schnell in der Falle, das zu machen, was man eben so macht. Gesellschaftliche Sozialisierungen wollen immer wieder hinterfragt werden.“

Die Frage ist die Antwort

Weil wir nie fertig werden, so zu sein, wie wir eigentlich sind, müssen wir dauerhaft die Verantwortung für uns übernehmen. Uns als aktive Gestalter unseres eigenen Lebens betrachten, anstatt uns durch eben dieses Leben treiben zu lassen. Denn: „Der authentische Mensch ist ein Homo faber, ein Lebewesen, das etwas fabriziert. Er muss sich selbst erzeugen und der Urheber seiner Geschichte sein“, schreibt Erich Fromm. „Entwicklung bedeutet nicht lediglich die passive Aufnahme von Antworten, die man für sich übernimmt und hinnimmt. Es sind die Fragen, die das Wesen eines Menschen ausmachen.“ Erst diese Fragen führten dazu, dass der Mensch im Laufe seines Lebens richtungsweisende Antworten finde. „Je mehr der Mensch hinterfragt, desto authentischer ist beziehungsweise wird er.“

Dass es erst einmal reicht, die richtigen Fragen zu stellen, dieser Gedanke erleichtert Magdalena Schmitz ebenso wie Bernd Ziegler und Angelika Rupp. Sie alle haben zwar eine Idee, wer sie „eigentlich“ sind. Aber noch keine, wie ein Leben aussehen muss, das diesem „eigentlichen Selbst“ gerecht wird. Doch vielleicht müssen wir auch nicht gleich Antworten finden. Vielleicht können wir darauf vertrauen, dass sich der eigene Weg auftun wird – wenn wir es nicht machen wie Grace und zu spät anfangen, danach zu suchen.

ZUM WEITERLESEN
Tatjana Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer 2016 Erich Fromm: Authentisch leben. Herder 2017
Stephen Joseph: Authentizität. Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben. Kailash 2017

VORAUSSETZUNGEN FÜR EIN AUTHENTISCHES LEBEN

Laut dem Psychoanalytiker Erich Fromm brauchen wir dazu folgende Eigenschaften

Die Fähigkeit des Staunens: Verblüfft, neugierig, überrascht, offen – so erleben Kinder die Welt. Ihr Staunen erlaubt es ihnen, kreative Antworten auf die Erfahrungen zu finden. Die meisten Erwachsenen haben diese Fähigkeit verloren. „Sie meinen, dass sie eigentlich alles wissen müssten und dass Staunen ein Indiz ihrer Unbildung sein würde. Die Welt hört auf, voller Wunder zu sein – man nimmt sie als selbstverständlich hin“, schreibt Fromm. Wer den staunenden Blick neu erlernt, bereichert das eigene Leben und hinterfragt, warum die Dinge so sind, wie sie sind.
Die Kraft, sich zu konzentrieren: Den Begriff Multitasking kannte Fromm vermutlich noch nicht – wohl aber das Phänomen: „Wir sind immer beschäftigt, jedoch ohne Konzentration“, kritisiert er. „Wir tun fünf Dinge gleichzeitig, und wir tun nichts richtig.“ Wenn wir hingegen fokussiert an eine Sache herangehen, gibt es nichts Wichtigeres als das Hier und Jetzt. Vergangenheit und Zukunft sind für Fromm keine realen Erfahrungen. Darum gilt es, die Wahrnehmung zu schärfen für den Moment – für das, „was man jetzt im Augenblick tut, sieht und fühlt“.
Die Fähigkeit zur Selbsterfahrung: „Man kann die Angst und diesen Zwang, sich anzupassen, nur dadurch überwinden, dass man ein ‚Selbst‘-Gefühl entwickelt, in dem ich mich schöpferisch als Urheber meiner Taten erlebe“, meint Fromm. Das bedeute allerdings nicht, egoistisch oder narzisstisch zu werden. Ganz im Gegenteil: Man kann sich „nur im Prozess des Bezogenseins auf andere als ‚Ich‘ erleben“.
Konflikte und Spannungen akzeptieren: Eine weitere Voraussetzung für ein authentisches Leben ist die Fähigkeit, Polaritäten, Spannungen und Konflikte auszuhalten – und sie sogar als „Quelle des Staunens, der Entwicklung der eigenen Kraft“ zu verstehen. Wer Konflikte vermeidet, läuft laut Fromm Gefahr, zu einer „reibungslos laufenden Maschine zu werden“, bei der alle Gefühle verflachen.
Die Bereitschaft, täglich neu geboren zu werden: Für ein authentisches Leben braucht es auch die Bereitschaft, alle Sicherheiten aufzugeben – was Fromm als „Bereitschaft, geboren zu werden“ beschreibt. Dazu brauche es den Mut, sich von anderen zu unterscheiden und der Realität des eigenen Erlebens zu vertrauen: dem eigenen Denken, Fühlen, Wollen, Wünschen und Handeln. Das dürfen wir als individuelle Wahrheit verstehen.

Quelle: tinyurl.com/PH-Authentisch-sein


ILLUSTRATIONEN: FRAUKE DITTING