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WETTLAUF GEGEN DIE FLUT


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Runners World - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022
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Trockenen Fußes kommen hier nur die wenigsten Läufer durchs Rennen ? aber im Grunde will das auch gar keiner

Der Wattranger steht mitten im Meer und beobachtet aufmerksam den Gois. Die Passage du Gois ist eine sogenannte Route submersible – frei übersetzt „Unterwasserstraße“. Eine vier Kilometer lange straßenbauliche Kuriosität, welche die französische Insel Noirmoutier in der Vendée mit Festlandfrankreich verbindet, das hier simpel „Le Continent“ genannt wird. Als Teil der Départementstraße D 948 ist sie eine nur bei Ebbe frei liegende und befahrbare Straße, die jährlich von Hunderttausenden Auto- und Radfahrern sowie Fußgängern genutzt wird. Bei Hochwasser steht das Meer bis zu vier Meter hoch über der Fahrbahn.

Heute ist der Gois (so nennt man im lokalen Dialekt eine Furt) gesperrt, denn einmal im Jahr wird die Passage zur Wettkampfarena. Sobald die Fahrbahn von der ersten Welle komplett überspült wird, sendet der Ranger per Funk ein Signal an den Startchef auf der Insel, wo schon 30 eingeladene ...

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... Eliteathleten und -athletinnen nervös mit den Hufen scharren. Sie sind die Gladiatoren im Course contre la mer – dem Rennen gegen das Meer –, einem auf der Welt einmaligen Spektakel an der Nahtstelle zwischen den Elementen.

Zuerst sprinten die elf Frauen im Feld los, die Männer folgen zwei Minuten später. Verfolgt werden sie von Kameradrohnen, die im Tiefflug über das Watt rauschen, um Livebilder zu liefern. Überwacht von Journalisten, Sanitätern, Fotografen, Schiedsrichtern, Kameraleuten und Rettungstauchern in Fischerkähnen, die neben der Strecke schippern. Und erwartet von mehreren Tausend Schlachtenbummlern, die in Feierlaune auf der anderen Seite, in „Le Continent“, ihre Helden empfangen. Die Schlacht hat begonnen! Den Kampf gegen die Flut kann zwar keiner gewinnen, aber am Ende werden doch alle zu Siegern.

In der Baie de Bourgneuf, einer Bucht zwischen der Île de Noirmoutier und Beauvoirsur-Mer auf dem Festland, schichteten im Lauf der Jahrtausende zwei Meeresströmungen im Zusammenspiel mit Ebbe und Flut Sand und Gestein zu einem natürlichen Damm auf, der jahrhundertelang bei Ebbe als Transportweg zur Insel genutzt wurde. Im 18. Jahrhundert wurden erstmals Fundamente gelegt und der Gois mit Pflastersteinen befestigt, um die Bewegungen der Sandbänke zu verhindern. Dies bildete die Grundlage für den späteren Fahrbahndamm. Heute ist dieser mit Platten belegt und teils asphaltiert. Alle 200 Meter gibt es Rettungsinseln, drei davon mit einer Art Mastkorb, in dem bis zu 20 Personen auf Rettung oder die nächste Ebbe warten können. Sobald bei Ebbe der Meeresboden frei liegt, gehen Hunderte Menschen in den Schlick, um Muscheln, Krebse, Schnecken sowie andere Meeresfrüchte zu sammeln. Viele fahren mit dem Auto raus, parken am Gois und stiefeln, bewaffnet mit Eimern, Harken und Schaufeln, kilometerweit ins Watt. Und so mancher Jäger der Meeresfrüchte endet, wenn er vor lauter Buddelei im Schlick die Zeit vergessen hat, schon mal auf einer der Rettungsinseln …

Doch einmal im Jahr haben Muscheln und Krabben Schonzeit. Dann findet, an einem Sonntag im Mai oder Juni (abhängig von den Gezeiten), der Les Foulées du Gois statt, am 19. Juni dieses Jahr bereits zum 34. Mal. Erfinder des Rennens ist Joseph Cesbron, den alle nur Jo nennen. Er erhoffte sich dadurch eine Wiederbelebung der Passage von Gois: 1971 wurde eine Brückenverbindung zum Festland gebaut, die Pont de Noirmoutier. Daraufhin nahm die Zahl der Fahrten über die Passage, die bis 1970 fast eine Million erreicht hatte, rapide ab. Jo organisierte einen Testlauf und ließ darüber einen professionell gestalteten Film produzieren. Zuerst wollte er die Presse überzeugen und reiste nach Paris, um seinen Film „Das Rennen gegen das Meer“ im Studio des Fernsehsenders TF1 zu präsentieren – mit Erfolg. Dann nahm er den „Kampf “ mit den Behörden auf, entwickelte ein Sicherheitskonzept und begann mit der Suche nach freiwilligen Helfern. Voilà – 1987 kam es zur Premiere des Wettlaufs gegen die Gezeiten. Der amphibische Circus Maximus war ein Volltreffer und schon bald konnte Jo sich vor Anfragen aus aller Welt kaum noch retten.

Heute ist der Foulées du Gois neben der zwei Jahre später gegründeten Vendée Globe, einer legendären Regatta, bei der die weltbesten Einhandsegler nonstop die Welt umrunden, das wichtigste sportliche Aushängeschild der Vendée. Das 400 Kilometer südwestlich von Paris gelegene Département, welches vor 35 Jahren noch völlig vergessen vor sich hin schlummerte, ist mit seiner 250 Kilometer langen Atlantikküste und 140 Kilometern Sandstränden heute eine der beliebtesten Tourismusregionen Frankreichs, was sicher auch daran liegt, dass der Gois schon bald von den Organisatoren der Tour de France entdeckt wurde. In Erinnerung blieb der Massensturz von 1999 auf der nassen, rutschigen Passage. 2011 startete die erste Etappe der Tour auf der Passage du Gois. 2018 fand der Start ebenfalls auf der Île de Noirmoutier statt, doch diesmal fuhr der Peloton über die Brücke.

15:53 Uhr – Niedrigwasser. Die Volksläufe sind in vollem Gange. 764 Männer und 506 Frauen laufen in getrennten Startgruppen auf dem Gois hin und zurück, insgesamt acht Kilometer. Zuvor waren schon die Kinder und Jugendlichen mit Strecken über 900 beziehungsweise 2400 Meter dran, dazwischen gab es noch ein 8-Kilometer-Rennen für Behinderte, darunter sechs Joëlettes – Einrad-Geländerollstühle, in denen behinderte Kinder von mehreren Läufern transportiert werden – und zwei Handbiker. Den Auftakt bildete um 13 Uhr das Einladungsrennen, bei dem die lokale Elite mit je 15 Athletinnen und Athleten ins ablaufende Wasser gejagt wurde. Vier Kilometer im noch knietiefen Meer bis zur Insel sorgen für die ersten spektakulären Szenen des Tages. Nach dem Wendepunkt ist das Wasser dann schon fast vollständig abgelaufen, sodass wieder Speed aufgenommen werden kann und noch immer passable Siegerzeiten von 30:48 Minuten (erster Mann) beziehungsweise 37:35 Minuten (erste Frau) für die acht Kilometer erreicht werden.

„Die Passage du Gois ist straßenbaulich irre, denn bei Flut liegt die Furt mindestens einen Meter unter Wasser“

Nach diesen sechs Rennen folgt der Höhepunkt des Tages: der Lauf der Asse. 19 Männer und elf Frauen machen sich bereit,darunter Champions aus Frankreich, Äthiopien, Algerien, Kenia, Marokko, Belgien und Spanien. Während die Gladiatoren die vier Kilometer zum Aufwärmen zur Insel joggen, wo der Start erfolgt, bringen sich die Zuschauermassen in Stellung. Es gilt, einen guten Platz mit Blick auf die Großbildleinwand zu ergattern, auf welche die Schlacht per Drohnen live aus dem Watt übertragen wird. Viele nehmen auf den atriumförmig angelegten Wellenbrechern Platz.

Den Streckenrekord hält mit 12:08 Minuten seit 1990 der Franzose Dominique Chauvelier. In jenem Jahr war der Wasserstand aufgrund einer Nipptide besonders niedrig. Erst zum zweiten Mal ist in diesem Jahr beim Elitelauf auch ein Frauenfeld am Start. Zwar wurde bereits 1994 eine schnelle Russin im Feld der Eliteläufer zugelassen, doch sie musste nach der Hälfte der 4-Kilometer-Strecke aufgeben, da das Wasser für sie einfach zu hoch war. Gemäß dem Motto „keine unnötigen Experimente“ ließ die Gleichberechtigung am Gois dann noch ein Vierteljahrhundert auf sich warten.

2019, bei der letzten Austragung (2020 und 2021 fiel das Rennen pandemiebedingt aus) geschah dann etwas Unerhörtes: Erstmals wurde ein dreiköpfiges Frauenteam vor den Männern ins Wasser geschickt. Drei Minuten später begann die Hetzjagd und nach der Hälfte waren die Ladys eingeholt und überholt. Nur die Ukrainerin Tetyana Vernihor sprintete scheinbar uneinholbar mit kraftvollem Schritt vornweg und rettete sich tatsächlich vor allen Männern ins Ziel! La sensation! Erstmals in der mehr als drei Jahrzehnte langen Geschichte des Foulées du Gois erreichte eine Frau beim Eliterennen das Ziel – und das auch noch als Erste! Mon dieu! Tetyanas Handicapsieg von 14 Minuten und 30 Sekunden bedeutete damals den 18. Gesamtplatz im Klassement.

18:23 Uhr – zweieinhalb Stunden nach Niedrigwasser. Die Flut kommt unaufhörlich – jede halbe Minute lässt sich in Zentimetern messen. Die schnellen Ladys sind seit zwei Minuten unterwegs, als die Hetzjagd der männlichen Eliteläufer beginnt. Angeblich wegen einer Springtide werden den Frauen dieses Jahr nur zwei Minuten Vorsprung gewährt. Es wird gemunkelt, dass dies auch andere Gründe haben könnte. Wollen da vielleicht ein paar „alte weiße Männer“ verhindern, dass schon wieder eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts zuerst ins Ziel kommt?

Anfangs platscht das Wasser noch bei jedem Schritt, doch schon bald wird es knöchel- bis wadentief – der Gois senkt sich ein wenig zur Mitte hin. Die Szenerie wirkt bizarr: Wie Jesus scheinen die Athleten übers Wasser zu laufen. Ein halbes Dutzend Drohnen wirbelt über das nasse Schlachtfeld. Im Mittelfeld torkelt eine Gruppe Schwarzafrikaner durch das tiefe Wasser, der Kenianer Isaac Koech verliert sogar seinen Schuh und hält ihn fortan wie eine Trophäe in der Hand. Ausnahmsweise sind die schnellen Läufer aus den Hochebenen Ostafrikas hier einmal nicht die Favoriten. In den Anfangsjahren konnten sie mit diesem Rennen ohnehin nichts anfangen, denn sie hatten Angst vor dem Meer und konnten großenteils auch nicht schwimmen. Doch die Startprämien nahmen ihnen die Angst vor der Flut.

Am Horizont ein Raunen, Applaus, Jubelschreie. Die Französin Agate Violleau erreicht fünf Sekunden vor dem ersten Mann das Ziel! Das verstärkte Frauenfeld hat bewiesen, dass es auch mit verschärftem Handicap die Männer bezwingen kann. Das Ergebnis des Wasserkrimis: Agate Violleau erreicht mit 15:41 Minuten den 12. Gesamtplatz, der Sieger Jonathan Billaud erzielt eine Zeit von 13:46 Minuten. Doch auch die Afrikaner freunden sich immer mehr mit dem nassen Element an und holen sich diesmal die zweiten Plätze: Amina Bettiche aus Algerien erreicht mit 15:42 Minuten ebenfalls noch vier Sekunden vor dem ersten Mann das Ziel, und der Kenianer Shadrack Kipyegon wird Vizemeister im Course contre la mer in 13:52 Minuten. In Le Continent ist die Hölle los. Die Schlachtenbummler feiern ihre Helden, als hätten sie gerade eben den Atlantik zu Fuß überquert. Einige Fans stehen im Wasser. Heute gibt es keine Verluste, alle kommen an. Als finale Siegerin Redeat Kasse aus Äthiopien, in 27:34 Minuten. Gleich darauf ist Siegerehrung und kurz nach 19 Uhr geht ein weiteres episches Spektakel in der Vendée zu Ende. Auf geht’s, zum 35. Rennen gegen das Meer.

Île de Noirmoutier

Die 49 Quadratkilometer große Atlantikinsel Noirmoutier ist an ihrer schmalsten Stelle nur ein paar Hundert Meter breit. Ein Großteil ihrer Fläche liegt unter dem Meeresspiegel, der Ozean durchtränkt die Sümpfe und Polder. Tourismus bildet mit rund 120 000 Gästen pro Jahr die wirtschaftliche Grundlage für die knapp 10 000 Einwohner.

Die Austern von Noirmoutier sind berühmt für ihre Zartheit und den jodhaltigen Geschmack. Sie werden nach drei Jahren von den Zuchttischen in den Austernparks geerntet. An Land liefern die Salzgärten das berühmte Salz von Noirmoutier, das auch „das weiße Gold der Sümpfe“ genannt wird.

Der große Star der Insel ist aber die Bonotte:

Sie gilt als die teuerste Kartoffel der Welt, wird rund zehn Tage lang Anfang Mai ausschließlich auf der Insel geerntet und ist wegen ihrer Empfindlichkeit nur für den sofortigen Verzehr geeignet.

Anreise

Es gibt Direktflüge mit Lufthansa von Frankfurt nach Nantes. Vom Aéroport Nantes Atlantique aus sind es 60 Kilometer mit dem Auto bis nach Beauvoir-sur-Mer, wo die 4150 Meter lange Passage du Gois zweimal täglich bei Ebbe für die Dauer von drei Stunden passierbar ist. Zwölf kilometer südwestlich, bei La Barre-de-Monts, ist das Eiland über die 600 Meter lange Brücke Pont de Noirmoutier jederzeit erreichbar.

Unterkunft

In Saint-Jean-de-Monts, 15 Kilometer südlich des Gois, bietet sich das Hôtel Valdys Thalasso & Spa als komfortable Unterkunft an. Sauna, Dampfbad, Schwimmbad sind kostenlos und die riesige Badewanne des Atlantiks mit kilometerlangen Sandstränden liegt direkt vor der Tür. Der Thalassobereich bietet viele Behandlungen, auch die bei Sportlern immer populärere Kryotherapie. Entlang der Küste und durch die Pinienwälder gibt es in der gesamten Region unzählige markierte Routen in allen Schwierigkeitsgraden für Trailläufer sowie hervorragend ausgebaute Radwege. Man kann auch direkt an der

Passage du Gois logieren. Das Relais du Gois ist ein Restaurant mit Gästezimmern direkt an der Wasserkante, dort wo die Unterwasserstraße beginnt. Es bietet eine tolle Küche, gute Stimmung und die Möglichkeit zu langen Wattwanderungen.

Sportliche Events

In der Region gibt es im Juni noch zwei weitere attraktive Events: den triathlon International in Saint Jean de Monts(www.triathlon-vendee.com)und einen Traillauf auf der 20 Kilometer vor der Stadt gelegenen Insel Yeu (www.trail-yeu.fr).