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WHAT THE TRUCK?


Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 29/2021 vom 22.07.2021

TEST & TECHNIK

DIE REVOLUTION kommt in klassischem Gewand. Niemand bemerkt sie so richtig, hier auf dem State Highway 12, der achtspurigen Schnellstraße, die von Dearborn nach Detroit führt. Links und rechts von mir, vor uns und im Rückspiegel: Pick-up-Trucks, die alle auf den ersten Blick so aussehen wie der, in dem ich gerade sitze. Und doch ist der Prototyp dieser Ford F-150, in dem ich heute als erster Europäer mitfahren darf und der 2022 auf den Markt kommt, der Beginn einer neuen Ära. Der Ära der rein elektrischen Pick-ups.

Linda Zhang, die Technik-Chefin des F-150 Lightning (s. Seite 53), beschleunigt den Truck in drei Sekunden von Tempo 60 auf 115 km/h und fragt rhetorisch: „Und, wie fühlt sich das an?“ Und ich denke: Ja, ich kenne die Beschleunigung, dieses Drehmoment, von vielen anderen E-Autos. Aber das hier ist ...

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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 29/2021

Ist das noch der Arbeitsplatz eines Bauern oder Handwerkers? Blick ins Cockpit der Basisversion Lightning Pro mit dem etwas kleineren, horizontalen Touchscreen
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... anders, neu. In den Sitz eines Trucks gedrückt zu werden, das kenne ich noch nicht. Sechs Meter lang ist dieser Pick-up, drei Tonnen schwer – und dann diese Leichtigkeit, diese gefühlte Schwerelosigkeit. Der Prototyp der Topversion, in dem ich sitze, hat 563 PS und über 1000 Nm. Und null lokale Emissionen. Linda tritt das Pedal weiter durch, und ich denke nur: What the truck?

Denn der Arbeitsplatz der neuen „Öko-Bauern“ ist Hightech der neuesten Generation. Fahrassistenten bis zum Abwinken, ein riesiger Berührbildschirm, auf dem der Fahrer nicht nur die Ladung per Kamera kontrollieren kann, sondern auch ihr Gewicht aufs Kilo genau messen. Vier Fahrmodi sind ebenso Standard wie die umklappbare Mittelkonsole, die Platz für einen Laptop bietet. Eines der wichtigsten Verkaufsargumente ist aber das bidirektionale Laden (siehe Kasten Seite 52).

Womit wir beim Aufladen des Akkus wären – und damit dem tiefsten Schlagloch auf dem Weg, traditionelle Pick-up-Fahrer zum Umstieg auf das Batterie-Modell zu bewegen. Wird der F-150 Lightning nicht an einen Schnelllader geklemmt (wovon es in den USA noch viel zu wenige gibt), muss er viele Stunden ans Netz, um den Akku wieder für eine Reichweite zwischen 368 und 480 Kilometern zu füllen. Hier auf dem Highway spüre ich die Schlaglöcher weniger als sonst. Die Topversion hat Einzelradaufhängung statt Starrachse und federt die Unebenheiten so sanft weg, dass ich nicht glaube, in einem Nutzfahrzeug zu sitzen. Und dann sind da ja noch die 400 Liter Stauraum unter der riesigen Haube.

Ford F-150 Lightning (2022)

Motor je ein E-Motor vorn/hinten Leistung 318 kW (426 PS) bis 420 kW (563 PS) • max. Drehmoment 1050 Nm • Antrieb Allrad • Akkukapazität k. A. • Reichweite 368 -480 km Ladezeit 8 -10 Std. (15 auf 100 %); Schnellladen 44 min. (15 auf 80 %) L/B/H 5911/2030/2004 mm • Leergewicht 2950 kg • Nutzlast 816 bis 907 kg • Anhängelast 3,5 bis 4,5 t Ladevolumen 1895 l + 400 l • 0–100 km/h 4,5 s • Preis von 39 974 bis 90 474 USD

Ford F-150 Lightning

Der elektrische F-150 ist für Ford Vorteil und Bürde zugleich. Das riesige Vertrauen und das Ansehen können schnell enttäuscht werden. Da hat es die neue Konkurrenz leichter: Tesla kommt mit dem Cybertruck, Rivian mit dem R1T. Dazu wird auch Hummer von GM eine reine E-Marke. Ford sieht das gelassen. Der Tesla sei zu groß, der Hummer zu teuer und Rivian zu unerfahren.

WENN DER TRUCK ZUM STROM- VERSORGER IN DER NOT WIRD

Als ein wichtiges Kaufargument haben die Ford-Manager das bidirektionale Laden des Elektro-Trucks ausgemacht. So kann der F-150 Lightning mit der großen Batterie ein Einfamilienhaus bis zu drei Tage lang mit Strom versorgen, sollte es zu Versorgungsausfällen etwa durch Naturkatastrophen oder Netzüberlastungen kommen (was in den USA häufig geschieht). Auch Handwerker und andere Gewerbetreibende können unterwegs ihren Truck als Stromquelle nutzen, um so elektrische Geräte zu versorgen. Eine intelligente Ladesteuerung soll die jeweils günstigsten Tarife für das wechselseitige Laden sicherstellen.

Vom F-150 Lightning seien schon mehr als 100 000 Stück mit Anzahlung bestellt. Der Einstiegspreis entspricht nach Abzug der Förderung dem eines Verbrenner-F-150. Der Preis der Topversion etwa dem des Tesla Model S.

Komplett scheint Ford seinen alten Kunden die Revolution aber nicht zumuten zu wollen. Linda Zhang verrät, dass es in der Serien-version ein zuschaltbares künstliches Geräusch geben wird. Den Sound eines guten alten V8.

FAZIT

HAUKE SCHRIEBER

Die Mitfahrt war eine ganz neue E-Erfahrung. Schwer beeindruckend. Dieser Truck kann ein großer Schub für die E-Mobilität werden – in Amerika. Bei uns nur ein bisschen.