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White Privilege


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 13.11.2019

Weißsein gilt immer noch als gesellschaftliche Norm – und bringt viele Vorteile mit sich. Über verborgene Privilegien und versteckten Rassismus


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 12/2019

Der Journalist und Buchautor Mohamed Amjahid ist marokkanischer Staatsbürger, lebt in Berlin und hat in Deutschland studiert. Er schreibt auf Deutsch für deutsche Medien. 2015 fuhr er zum Münchner Hauptbahnhof, um nach der Ankunft von Gef lüchteten über die deutsche Willkommenskultur zu berichten. Dort begegnete Amjahid einer Helferin, die er fragen wollte, warum sie helfe. Doch bevor er zu Wort kam, bedeutete sie ihm mit einer Handbewegung, er solle kurz warten. ...

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... Sogleich holte sie aus ihrer Umhängetasche eine kleine Seife in einer blauen Plastikverpackung heraus und hielt sie ihm vor die Nase: „Soaaap is goood“, erklärte sie dem Journalisten aus Berlin, der sich darauf als solcher vorstellte und die Seife dankend ablehnte. Kurz darauf traf Amjahid auf eine andere Helferin, die auf seine auf Deutsch gestellten Fragen in einer Art „Pidgin-Englisch“ antwortete und ihm ein Käsebrötchen hinhielt. Amjahid schreibt, er sei in München zum Geflüchteten geworden, weil „ich so aussehe, wie ich aussehe“.

In seinem BuchUnter Weißen , in dem Amjahid diese Szene schildert, kommt er zu dem Schluss, dass diesem Verhalten eine häufige Sichtweise zugrunde liege: Nichtweißen müsse man die Welt erklären und ihnen unter die Arme greifen. Im Kern heißt das: Weiße scheinen sich noch immer Menschen mit anderer Hautfarbe überlegen zu fühlen. Was ist da los? Denken viele tatsächlich so herablassend, wie es das sicherlich gut gemeinte Verhalten dieser Helferinnen nahelegt?

Sozialwissenschaftler und Psychologen beschäftigen sich seit ein paar Jahren verstärkt mit dieser Frage und kommen zu dem Schluss, dass es wohl so ist. Anscheinend reicht es nicht, offenen Rassismus zu thematisieren, es gibt auch einen verborgenen. Im Zentrum steht dabei ein Gefühl, das so grundlegend für viele ist, dass es nicht auffällt: Nur wer weiß ist, gilt als ein „normaler Mensch“. Die US-amerikanische Soziologin Robin diAngelo erklärt in ihrem BuchWhite Fragility. Why It’s So Hard for White People to Talk About Racism: Diese Idee weißer Überlegenheit gibt es überall auf der Welt.

DiAngelo hält in US-Firmen Workshops zum Thema Gleichheit und erzählt davon, wie Weiße reagieren, wenn sie mit dem Thema konfrontiert werden: ablehnend, weil sie sich angegriffen fühlten und weil sie die Vorstellung hätten, nur offenkundiger Rassismus sei wirklicher Rassismus, bei dem Nichtweiße benachteiligt, ausgeschlossen und diskreditiert werden. Über gereizte Reaktionen ihrer weißen Bekannten und Freunde auf ihre Erzählungen berichtet auch die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge in ihrem vielbeachteten BuchWarum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche. Wie Eddo- Lodge schreibt, sei es ihr mittlerweile lieber, offen rassistisch angefeindet zu werden, als mit dem versteckten Rassismus von weißen und netten Liberalen konfrontiert zu sein.

Eine aktuelle US-amerikanische psychologische Studie unterstützt die Vermutung eines versteckten Rassismus. Die Forscherinnen – die bekannte Sozialpsychologin Susan T. Fiske von der Universität Princeton und ihre Kollegin Cydney Dupree von der Universität Yale – hatten versucht, die unbewussten Überzeugungen in ihren Versuchsteilnehmern anzutriggern und diese dann in Situationen zu bringen, in denen sich ihre Ansichten bemerkbar machten, ohne dass die Probanden es merkten. Die Psychologinnen ließen konservative und liberale weiße Probanden fiktive Szenarios lesen und erteilten ihnen dann die Aufgabe, einem weißen oder schwarzen Interaktionspartner eine fiktive E-Mail-Anfrage zu schicken oder ein kurzes Selbstprofil, in dem sie sich vorstellen sollten. Ob die Interaktionspartner schwarz oder weiß waren, wurde nur durch einen häufigen weißen oder schwarzen Vornamen suggeriert wie Emily und Jake oder Tamara und Darnell. Anschließend analysierten die Forscherinnen die Begriffe, die in den Texten verwendet wurden. Darüber hinaus verglichen die Wissenschaftlerinnen in einer der fünf Studien Wahlkampfreden von liberalen und konservativen weißen Präsidentschaftskandidaten, die sich entweder an ein weißes oder an ein Publikum auspeople of color gerichtet hatten.

In allen Studien fanden die Psychologinnen heraus: Gegenüber Nichtweißen präsentierten sich die liberalen Weißen als weniger kompetent als gegenüber weißen Interaktionspartnern, etwa durch eine einfachere Sprache, weil sie offenbar vermuteten, die schwarzen Partner würden komplexe Sprache nicht verstehen. Konservative Probanden machten das auch, aber hier war der Effekt nicht signifikant, also unbedeutend. Warum war das so? Dupree und Fiske nehmen an, dass weiße Liberale aufpeople of color zugehen möchten, um zu demonstrieren, dass sie nicht rassistisch denken oder, im Falle von Politikern, weil sie sympathisch und vertrauenswürdig wirken möchten, aber zugleich ihr womöglich unbewusstes Überlegenheitsgefühl verbergen. Indem sie sich selbst weniger kompetent präsentieren, vermitteln sie dieses Gefühl indirekt aber doch. Diese Art der Selbstdarstellung scheint den Zweck zu haben, sich mit den Angehörigen der Minderheit auf „eine Stufe“ zu stellen.

Die richtige Farbe

Neben solchen latenten Vorstellungen und Vorurteilen gibt es noch etwas, das oft verborgen bleibt: die Vorteile der Weißen, die ihnen seit Jahrhunderten in die Wiege gelegt werden. In der Wissenschaft hat sich dafür der Begriffwhite privilege eingebürgert: Weiße US-Amerikaner haben beispielsweise bis heute einen besseren Zugang zu guter Bildung, zu besseren Wohnungen oder Häusern. Es gibt Ungleichheit in der Justiz und auf dem Arbeitsmarkt und bis heute verdienen die ärmsten Weißen in den USA mehr als die ärmstenpeople of color . Der Autor Mohamed Amjahid konstatiert in seinem Buch, Weiße hätten nicht nur die richtige Hautfarbe, sondern auch einen Pass in der richtigen Farbe, der ihnen Reisefreiheit gewähre: „Nicht alle Besitzer eines EU-Passes sind weiß. Wenn man aber weiß ist, besitzt man mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtige Passfarbe.“ Weiße haben darüber hinaus auch in Europa besseren Zugang zu einer guten Bildung, zu ihrem Wunschberuf, zu guter medizinischer Versorgung oder einer Wohnung als Menschen mit nichtweißer Hautfarbe.

Von einem weiteren Privileg des Weißseins in Deutschland berichtet die weiße US-amerikanische Autorin und Übersetzerin Millay Hyatt, die in Deutschland aufwuchs. Es besteht darin, dass sie als Ausländerin mit ihrer Fremdheit „auftrumpfen“ konnte – weil sie weiß ist: Sie ging in Baden-Württemberg zur Schule, dort war sie in einer Klasse für Ausländer. Doch „weder meine Mitschüler noch die weiße Lehrerin behandelten mich als Ausländerin – im Unterschied zu den türkischen Kindern in der Klasse“. Ganz im Gegenteil, ihre Mitschüler bezweifelten sogar einmal, dass Hyatt Amerikanerin war – sie brachte als Beweis dafür ihren amerikanischen Pass mit in die Schule. „Mein Privileg ist es seit meiner Kindheit gewesen, mit meiner Fremdheit aufzutrumpfen, wenn es mir positive Aufmerksamkeit brachte, sie dann aber wieder verschwinden zu lassen, wenn ich einfach nur dazugehören wollte.“ Hyatt ist überzeugt: Sie konnte dies nur tun, weil sie eine weiße Hautfarbe hat.

Diese weißen Privilegien haben nach Meinung der beiden US-Psychologen L. Taylor Phillips und ihres Kollege Brian S. Lowery in der psychologischen Forschung bislang relativ wenig Beachtung gefunden. Deshalb stellen Phillips und Lowery sie in den Mittelpunkt ihrer Studien. Wie die beiden Psychologen in einem Überblicksartikel im JournalCurrent Directions in Psychological Science schreiben, trage jeder Weiße zur Aufrechterhaltung der Privilegien bei, auch dann, wenn sie im Einzelfall wenig bewirkten. Jeder einzelne profitiere zudem davon, dass die anderen sie aufrechterhielten. Die Forschungen der beiden Psychologen zielen darauf ab, herauszufinden, welche psychologischen Mechanismen bei der Aufrechthaltung der unsichtbaren Privilegien eine Rolle spielen.

In den Experimenten ließen die beiden Psychologen einen Teil der Probanden einen Text über bis heute existierende Ungleichheiten zwischen Weißen undpeople of color in den USA lesen. Anschließend füllten alle Teilnehmer – überwiegend Studenten von Eliteuniversitäten – diverse Fragebögen aus, in denen es um die Privilegien der Weißen ging, aber auch um Fragen zu den Lebensbedingungen der Probanden. Es zeigte sich: Diejenigen, die den Text gelesen hatten, stritten eher ab, dass sie persönlich von dem weißen Privileg profitierten. Um es kleinzureden, berichteten sie stattdessen von persönlichen Härten und schwierigen Umständen in ihrem Leben. Darüber hinaus, erzählen die Forscher, fühlten sich die Teilnehmer in ihrer Überzeugung erschüttert, ihren Erfolg selbst erarbeitet zu haben, sobald man sie mit ihren unverdienten Vorteilen konfrontierte. Es bedrohte also ihr Gefühl, dass sie selbst gute und verdienstvolle Menschen seien, wenn sie auf ihre Privilegien aufmerksam gemacht wurden. Sie räumten ein, dass Weißeim Durchschnitt privilegiert sind, stritten aber ab, dass sie persönlich es seien.


Weiße wollen oft nicht sehen, dass sie von Privilegien profitieren – stattdessen berichten sie von Härten in ihrem Leben


Schuldlos?

Zwei zentrale, aber meist unbewusste Motive hielten dieses „weiße Selbst“ permanent aufrecht, schreiben Phillips und Lowery: Das eine sei der Wunsch jedes Menschen, schuldlos und unschädlich zu sein und gut über sich selbst zu denken. Indem wir frei von Schuld sein wollen, entstehe bei Weißen ein innerer Konflikt mit dem zweiten wichtigen Motiv, nämlich dem Wunsch, die eigenen Privilegien zu behalten. Das setze Weiße unter Druck, ihre Privilegien vor sich selbst verbergen zu müssen und deren Illegitimität zu verleugnen. Weil sie ihre Privilegien erhalten wollen, sind sie außerdem darauf angewiesen, dass das System, das die Ungleichheit hinnimmt und ihre Privilegien sichert, auch stabil bleibt. Das wiederum erzeuge dann Druck, die Vorteile und ihre fehlende Legitimität nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor anderen zu verstecken – und somit auch etwaige Schuldgefühle zu verbergen. Auf diese Weise würden die Privilegien der Weißen unsichtbar. Dabei reiche es aus, so die Autoren, wenn nur ein Teil der Privilegierten diese in Anspruch nähme. Indem alle sie verleugnen und verbergen, wirken Privilegien quasi im Untergrund des kollektiven Bewusstseins der Weißen.

Die Unsichtbarkeit der Privilegien und deren Wirkung vergleichen die Autoren mit einer Impfung. Wenn eine ausreichende Zahl an Personen geimpft ist, sind auch andere, nicht geimpfte vor der Erkrankung geschützt. Wenn Weiße ihre Privilegien leugnen, habe dies Konsequenzen, so die Autoren: Würden beispielsweise individuelle Geschichten von persönlichen Härten und schwierigen Umständen erzählt, zögen Weiße schnell den Schluss, dass diese persönlichen Härten ein Zeichen dafür seien, dass hier gar kein Privileg im Spiel war. Wir legen Wert darauf, dass unsere eigenen Leistungen als solche anerkannt werden, und möchten nicht hören, dass diese auch aufgrund von guten Bedingungen und günstigen Umständen zustande gekommen sein könnten, die andere nicht haben. Einzugestehen, dass man von Privilegien profitiert haben könnte, geht ans Selbstwertgefühl – und das vermeiden wir möglichst.

Unser Wunsch, Privilegien zu behalten, vor allem aber unsere Neigung, schuldlos sein zu wollen und die eigene Selbstachtung zu schützen, erschwerten es, weiße Privilegien und ihre Folgen in vollem Ausmaß anzuerkennen, argumentieren Phillips und Lowery. Damit ließen Weiße aber die Tatsache außer Acht, dass dieser Wunsch nach Schuldlosigkeit in einer Welt, in der es Schuld gibt, seinen Preis habe. Und diesen Preis bezahlten die Minderheiten.

In ihren Forschungsergebnissen sehen Phillips und Lowery einen Anlass, auch die bislang weiß geprägte akademische Psychologie neu zu definieren. Weißsein als Situation und Erfahrung müsse in künftiger Forschung einen neuen Platz bekommen, was etwa bedeute, dass weiße Versuchsteilnehmer als privilegiert und nicht wie bisher als Norm betrachtet werden sollten. Viele psychologische Theorien könnten entsprechend erweitert werden. Als Beispiel nennen die Psychologen das Konzept derattributional ambiguity. Darunter versteht man, dass Menschen, die unter einem Stigma leiden, dazu neigen, sich bei negativem Feedback unsicher zu fühlen: Entspringt dieses einem Vorurteil gegen sie oder zielt es nur auf ihr Verhalten ab? Weiße könnten sich bei negativem Feedback sicherer fühlen, weil ihr Weißsein nie infrage gestellt werde – wiederum ein Privileg. Autor Mohamed Amjahid schlägt seinen weißen Lesern am Ende seines Buches vor, sich seinem „ultimativen Selbsttest“ zu unterziehen. Wer richtig antworte, dem sei auch bewusst, dass es Menschen mit nichtweißer Hautfarbe in Deutschland, in Europa und global aufgrund historisch gewachsener Ungerechtigkeiten schwerer im Leben hätten – ohne deswegen gleich als Opfer bezeichnet werden zu müssen. PH

ZUM WEITERLESEN

Robin diAngelo: White fragility. Why it’s so hard for white people to talk about racism. Beacon Press, Boston 2018 Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche. Tropen, Stuttgart 2019 Mohamed Amjahid: Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein. Hanser, München 2017 Ashley Jardina: White identity politics. Cambridge University Press, Cambridge 2019

ÜBER „RASSEN“ UND RASSISMUS

Das weiße Überlegenheitsgefühl hat eine lange Geschichte. Eine historische Wurzel ist der Kolonialismus. Die europäischen Kolonialmächte gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Kultur der Weißen der der „Naturvölker“, wie sie es nannten, in den kolonialisierten Ländern überlegen war. Dass sie das taten, ging auch auf die Idee zurück, es gebe vom Wesen her unterschiedliche „Menschenrassen“. Das Konzept war in der Biologie und der Anthropologie des 18. und 19. Jahrhunderts populär. Der heutige Begriff Rassismus leitet sich aus diesem damals definierten Rassebegriff ab. Wissenschaftler versuchten, aufgrund der Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild, wie etwa der Hautfarbe, auf Unterschiede im Charakter oder in den Fähigkeiten zu schließen.

Der wissenschaftliche Nachweis weißer Überlegenheit gelang nie – doch wurde der Rassebegriff enorm einflussreich. Das vermeintliche Bessersein der Weißen diente als Rechtfertigung für Verbrechen wie Versklavung, Ausbeutung und Völkermord an Menschen, die als „rassisch minderwertig“ definiert worden waren. Die Nationalsozialisten erfanden die weiße „Rasse“ der Arier. Sie nutzten die Idee unterschiedlich wertvoller „Rassen“ in ihrer „Eugenik“ genannten Rassenlehre als Rechtfertigung dafür, Menschen zu töten, die sie zuvor selbst als minderwertig erklärt hatten. Nach dem Ende des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs setzte die UNESCO ein Komitee von Anthropologen und Soziologen aus verschiedenen Ländern ein. Es erarbeitete eine Erklärung zur Rassenproblematik. Darin ist festgehalten, dass eskeine Belege für genetische Unterschiede zwischen Populationen (etwa schwarzen und weißen) in der Intelligenz oder dem Temperament gibt, auch nicht für genetische Unterschiede in kultureller oder sozialer Hinsicht. Erst jüngst, im September 2019, stellten Wissenschaftler die sogenannte Jenaer Erklärung vor. Darin sandten vier Professoren – die Zoologen Martin Fischer und Stefan Richter, der Genetiker Johannes Krause sowie der Wissenschaftshistoriker Uwe Hoßfeld – die klare Botschaft:Rassen gibt es nicht. Die Forscher schreiben in der Erklärung: „Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt. Es gibt – um es explizit zu sagen – somit nicht nur kein einziges Gen, welches ,rassische‘ Unterschiede begründet, sondern noch nicht mal ein einziges Basenpaar.“ Oder wie es die Überschrift des Papiers ausdrückt:„Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“ SAC


ILLUSTRATIONEN: RICHARD KLIPPFELD