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Wider den Eurozentrismus


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 01.06.2022

INTERNATIONALES THEATER

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Monika Gintersdorfer (l.) in ?La pute de la joie? von Gintersdorfer/Klaßen, entstanden 2020 in Zusammenarbeit mit Kampnagel Hamburg

Im Rahmen von Gintersdorfer/Klaßen arbeiten Sie seit vielen Jahren mit einem transnationalen Team zusammen, ebenso bei La Fleur. Für die Produktionen beider Gruppen kommen Künstler:innen aus mehreren Ländern zusammen, sowohl in Deutschland als auch für internationale Aufführungen. Wie haben sich in den letzten zwei Jahren die Arbeitsbeziehungen zu Ihren internationalen Kolleg:innen verändert?

MONIKA GINTERSDORFER Bestimmte Phänomene innerhalb beider Teams haben sich vehement verstärkt. Obwohl wir an denselben Produktionen arbeiten, sind die Möglichkeiten für die einzelnen Mitglieder der Teams noch nie gleich gewesen. Da gab es immer Asymmetrien.Diejenigen, die in Europa beziehungsweise Deutschland ansässig sind, hatten immer die allerwenigsten Probleme, weil sie in den Sozialversicherungssystemen sind, ihre Adresse haben etc. Dann gibt es diejenigen, die einen ...

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... Aufenthaltsstatus haben, der immer wieder verlängert werden muss. Das war früher schon ein schwieriges Prozedere, aber zu Beginn der Pandemie waren die zuständigen Behörden teilweise gar nicht mehr erreichbar. Selbst auf E-Mails kam teilweise monatelang keine Antwort.

Zu welchen Problemen hat das im Einzelfall geführt?

MONIKA GINTERSDORFER Einer unserer Darsteller aus der Côte d’Ivoire konnte im März 2020 pandemiebedingt nicht mehr anreisen. Seine Papiere sind daraufhin verfallen. Monate später kam von den deutschen Behörden ein Schreiben, man würde den Status verlängern, doch die Unterlagen kamen niemals in der Botschaft an. Das war ein Fall, wo ein guter Wille bestand, ungewöhnliche Lösungen zu finden. Wie willkürlich diese Vorgänge ablaufen, je nachdem, auf welche Sachbearbeiter:innen man trifft, sieht man auch daran, dass bei einem anderen Darsteller die Papiere nicht im geforderten Zeitraum bearbeitet wurden und er bis heute darum kämpft, eine neue Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Er war damals gerade in Deutschland. Es kam also auch zu unbeabsichtigten Zwangsaufenthalten, vielleicht ohne Arbeit und Einkommen, getrennt von der Familie. Insgesamt haben sich die Anstrengungen vervielfältigt, der Ausschluss ist größer geworden und Planung deutlicher komplizierter.

„Ich denke, dass wir dieses Konzept von Nationen, das unser Leben so zutiefst durchdringt in allem, versuchen sollten stärker aufzulösen.“

Monika Gintersdorfer

Welche praktischen Lösungen haben Sie gefunden?

MONIKA GINTERSDORFER Als nach Monaten das Reisen wieder möglich wurde, kamen die ersten Teammitglieder aus Frankreich. Die Arbeiten, die anfangs geplant waren, konnten alle zunächst nicht gemacht werden. Auch „Woyzeck“ ist so eine Produktion, die von damals aufgeschoben wurde. Andere Arbeiten traten an diese Stelle. In diesem Zusammenhang haben die neu ins Leben gerufenen Programme wie Neustart Kultur oder Reload sowie die Arbeit und der Einsatz des Fonds Darstellende Künste sehr viel verändert. Es ging nicht mehr darum, Aufführungen zu zeigen, dafür haben Recherche und Residenzen einen neuen Stellenwert bekommen. Das wird über die Pandemie hinausreichen.

Wie verändern sich dadurch die Bedingungen für die freie Szene?

MONIKA GINTERSDORFER Die Arbeit in der freien Szene beruht viel auf Förderung. Früher waren die Grundsätze immer „innovativ“ oder „hat es noch nie gegeben“ – was zur Folge hatte, dass man Projekte nicht weiterführen, dass man Stücke nicht aktualisieren konnte. Wir haben immer schon sehr langfristige Interessen gehabt, sowohl bei den Arbeitsbeziehungen zu den Teammitgliedern als auch bei den Themen – manche verfolgen wir schon über zehn oder zwanzig Jahre, wie die politischen Entwicklungen in der Côte d’Ivoire beispielsweise. Unsere Bemühungen bestehen also, entgegen dieser alten Fördergrundsätze, dauerhaft darin, Kontinuität herzustellen. Seit ein paar Jahren ist Nachhaltigkeit – künstlerisch und ökologisch – in der Debatte, vorher war jedoch das Gegenteil der Fall. Nur, wie gelingt denn das immer Neue? Indem man von Thema zu Thema springt, Teammitglieder austauscht, die Bühne jedes Mal anders aussieht. Wir haben das stets anders gemacht, Knut Klaßen hat zum Beispiel Büh­nenmaterialien wiederverwendet. Wir ver­suchen dadurch flexibel zu bleiben, für das Reisen und ästhetisch.

Welche Rolle können denn Klimaschutz und Nachhaltigkeit bei einem transnational arbeitenden Team überhaupt spielen?

MONIKA GINTERSDORFER Wir denken, dass es Vorschläge geben müsste, die verschiedene Faktoren berücksichtigen. Eine vereinheitlichende Regelung für alle hätte für manche Gruppen kaum Auswirkungen, andere jedoch würden damit faktisch abgeschafft. Eine transnationale Gruppe, die auf vier verschiedenen Kontinenten lebt, kann nicht mit dem Zug reisen. Kürzlich wurde die Einführung einer rein mathematischen Flugformel ins Gespräch gebracht: 100 Flugkilometer gleich eine Woche Aufenthaltsdauer. Für solche Forderungen müsste erst einmal eine Infrastruktur geschaffen werden. Wir als Künstler:innen würden oft gerne länger bleiben – und zwar in beide Richtungen. Deutschland ist ja nicht immer das Zentrum der Dinge. Sonst wäre es ja so, dass die einen Mitglieder der Gruppe immer nur Gastarbeiter:innen wären und immer nur für das Publikum im Gastarbeiterland spielen, während in ihren eigenen Heimatländern ihre Arbeit niemals ankommt und gesehen wird. Wir versuchen uns also abzuwechseln, wer bei wem zu Gast ist. Doch die Aufführungsdaten bei den verschiedenen Institutionen liegen oft weit auseinander. Wenn man möchte, dass sich Aufenthaltszeiten verlängern und sinnvoller genutzt werden, müsste es dahingehend viel mehr Koordination und Zusammenarbeit geben, außerdem mehr Residenzen und Wohnungen. Dadurch ließe sich die Zahl der Flüge maßgeblich reduzieren, und es wäre effektiv für die künstlerische Anbindung, die Gesundheit der Künstler:innen und für das Klima.

Mit dem Theater Bremen gab es seit einigen Jahren immer wieder Kooperationen. Ist die Verbindung zu lokalen Ensembles durch die Pandemie wichtiger geworden?

MONIKA GINTERSDORFER Wir haben sehr lang andauernde Arbeitsbeziehungen sowohl zu den Mitgliedern der Teams als auch zu bestimmten Theatern. Am Theater Bremen hat es sich über die Jahre entwickelt, dass wir mit bestimmten Ensemblemitgliedern immer wieder arbeiten. Wir sind nur Gäste, aber während der Pandemie hat man gemerkt: Gerade bei den Stücken, die nicht stattfinden konnten, waren es die langjährigen Partner wie das HAU, Kampnagel oder das Theater Bremen, die mit uns überlegt haben, was stattdessen möglich ist. Wir haben zum Beispiel Stücke in Außenräumen gemacht. Für manche Formate haben wir Texte derjenigen, die nicht anreisen konnten, auf Kleider gedruckt, in anderen Fällen haben wir über Videoschalten versucht, eine Verbindung zwischen den Stimmen der Abwesenden und den Körpern der Anwesenden herzustellen. Doch dafür braucht es eine stabile Internetverbindung, was in manchen Ländern nicht problemlos möglich war.

Sie haben, wie viele Theaterschaffende, während der Pandemie mehr digitale Stücke produziert, zum Beispiel den Dokumentarspielfilm „2020“ gedreht oder den Tanzfilm „Sturmtief O’Hara“ in Kooperation mit dem Theater Oberhausen. Werden digitale Formate Sie auch zukünftig intensiver begleiten?

MONIKA GINTERSDORFER Filme haben wir schon länger gern gemacht, weil sie verschiedene Orte oder Geschichten zusammenbringen können. Dabei versuchen wir, dass die Filme einen Grad der Performance haben oder dass Liveperformance und Film gleichzeitig stattfinden. Das ist sicher etwas für die Zukunft. Gerade wenn es darum geht, wie man eine gleichmäßigere Teilhabe schaffen kann, ist die Technik natürlich hilfreich. Foto: Monika Gintersdorfer

Gab es durch weniger Reisen in den letzten beiden Jahren für Sie auch finanzielle Einsparungsmöglichkeiten, oder war diese Zeit eher existenziell bedrohlich?

MONIKA GINTERSDORFER Für bestimmte Produktionen, die ausgefallen sind, wurden Ausfallhonorare gezahlt, was uns geholfen hat. Hinzu kam die andere Art der Förderung. Wir sind immer schon sehr schmal gewesen in bestimmter Hinsicht, reisen ohne Techniker:innen, ohne Assistent:innen, nur im Kernteam. Da ist nicht viel einzusparen. Innerhalb unseres Teams ist die Notwendigkeit zu reisen natürlich unterschiedlich hoch. Da sind diejenigen, die es immer schon schwer hatten, sich zu bewegen. Gerade im Zusammenhang mit der Klimadebatte ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Menschen ihr Leben lang unter der Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit und einer Chancenungleichheit gelitten haben. Gerade sie sollten beim Reisen nicht eingeschränkt werden, weil es existenziell ist, um ihren Beruf ausüben zu können. Andere sind sehr klimabewusst und verzichten sogar gerne. Der Austausch zwischen verschiedenen Kulturen ist gesellschaftspolitisch in den letzten Jahrzehnten immer bedeutsamer geworden. Während die Pandemie diese Entwicklung vorübergehend ausgebremst hat, scheint der Ukrainekrieg die Bedeutung einer internationalen Ausrichtung des Theaters wieder zu verstärken.

Welcher Effekt wiegt Ihrer Ansicht nach stärker?

MONIKA GINTERSDORFER Ich gebe Ihnen recht, das passiert beides zugleich. Einerseits gibt es diese Forderungen nach Lokalität und die Infragestellung von Reisen. Manche dieser Vorschläge bergen einen großen Eurozentrismus in sich, sind sehr pathetisch-moralisch. Künstler:in zu sein bedeutet nicht unbedingt, dass man zu den moralisch am höchsten stehenden Menschen gehört, es gibt da sehr unterschiedliche Antriebsfedern. Es sollte mehr um kon- „100 Flugkilometer gleich eine Woche Aufenthaltsdauer. Für solche Forderungen müsste erst einmal eine Infrastruktur geschaffen werden.“ Monika Gintersdorfer krete Lösungen gehen als um symbolische. Internationaler ist es aber auch während der Pandemie geworden, durch die Streamings, weil Aufführungen an sehr vielen Orten rezipiert werden konnten, sowie durch den Ausbau von Übersetzungstools.

Gab es über die Jahre auch interkulturelle Hürden bei der Zusammenarbeit, zum Beispiel durch unterschiedliche Mentalitäten, Missverständnisse, Theatertraditionen oder Rassismuserfahrungen von Beteiligten?

MONIKA GINTERSDORFER Jede Probe ist ein Versuch: Wie gut laufen die Übersetzungsprozesse, wie zirkuliert alles, welche Fähigkeiten eignet man sich an, wie stark unterstützt man sich, zum Beispiel bei Behördengängen? Insgesamt haben wir Mechanismen und ein Bewusstsein entwickelt, gab es all die Jahre ein großes Vertrauen. Schwierig wurde es nur in Einzelfällen, wenn wir als Gäste zu einem Team kamen, das wir nicht kannten, wo es dieses Vertrauen nicht gab.

Mit „Woyzeck“ haben Sie gerade am Theater Bremen einen deutschen Klassiker inszeniert. Braucht es hierzulande aus Ihrer Sicht mehr transnationale künstlerische Themen?

MONIKA GINTERSDORFER Ja, aber dafür gibt es auch ein Bewusstsein. Wir haben vor Jahren „Othello c’est qui“ gemacht, das ging von uns selber aus. Dieses Stück wurde viel stärker rezipiert als alle anderen. Die Vermutung, dass unsere Leistung erst gesehen oder vergleichbar wird, wenn es etwas aus dem Kanon ist, hat sich damals bestätigt. Wenn wir Klassiker bearbeiten, sind das meist Anfragen von den Theatern. Wir fragen uns manchmal, wie oft wir das noch machen möchten, weil das letztlich immer eine Bestätigung und Aufwertung des Kanons ist, auch wenn es eine kritische Rezeption ist.

Sind die Theater im Repertoire zu unbeweglich?

MONIKA GINTERSDORFER Die Spielpläne verändern sich, allerdings sehr zäh. Da ist dieser Glaube, dass die Klassiker immer die richtigen Antworten für die jeweilige Situation bereithalten. Man spricht von kultureller Appropriation, aber es gibt doch auch so etwas wie eine historische Appropriation: dass man sich Werke aus einer anderen Zeit nimmt, der gegenüber man vielleicht gar nicht so sensibel ist, und sich ihr unkenntnisreich annähert, um sie dann für die eigenen Belange zu verwenden.

Wie kann das deutsche Theater vom ausländischen profitieren, was kann es von ihm lernen?

MONIKA GINTERSDORFER Ich denke, dass wir dieses Konzept von Nationen, das unser Leben so zutiefst durchdringt in allem, versuchen sollten stärker aufzulösen. Was ist das „deutsche“ Theater? Wir sollten nicht annehmen, dass das, was einem geografisch nahe ist, immer das Naheliegendste ist.