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Wider den Starrsinn


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 07.01.2022

KOGNITION

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 2/2022

UNSERE AUTORIN

Auf einen Blick: Wie viel Wendigkeit darf es sein?

1 Ändern sich die Lebensumstände, müssen wir unser Verhalten und unsere Einstellungen den neuen Bedingungen anpassen Doch das fällt nicht jedem gleich leicht.

2 Eine hohe kognitive Flexibilität hat zudem auch Nachteile Wer geistig sehr wendig ist, ist zugleich leichter ablenkbar und verliert seine Ziele schneller aus den Augen.

3 Möchte man langfristig anpassungsfähig bleiben, sollte man im Alltag häufiger die Aufgabe wechseln und sich viel bewegen Denn bestimmte Sportarten wirken dem Altersstarrsinn entgegen.

Wer als Kontinentaleuropäer die Autofähre im nordenglischen Hull verlässt, braucht neben einer guten Portion Draufgängertum eines ganz besonders: geistige Flexibilität. Denn kurz hinter der Hafenausfahrt rauscht man in einen riesigen, mehrspurigen Kreisverkehr, der die Automassen einer großen Fernstraße durchrührt – ...

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... linksherum, wohlgemerkt! Blitzschnell gilt es zu reagieren: Wo ordne ich mich ein? In welche Richtung muss ich blicken? Und wie um Himmels willen komme ich aus dem Strudel wieder heraus?

Ist man sein Leben lang immer auf der rechten Straßenseite gefahren, kann eine solche Situation erst einmal beängstigend sein. Aber bereits nach dem zweiten oder dritten Kreisel lässt die Anspannung in der Regel nach, und es stellt sich eine gewisse Routine ein.

Unser Gehirn ist nämlich anpassungsfähiger als gedacht. Das zeigt sich schön eindrücklich beim Wechsel vom Rechts- in den Linksverkehr (und natürlich umgekehrt). Allerdings gelingt es uns auch in unzähligen anderen Situationen, unser Verhalten sich ändernden Bedingungen anzupassen. Die Coronakrise ist so ein Beispiel. Immer wieder mussten wir unser Handeln und unsere Ansichten im Licht neuer Daten prüfen und häufig genug revidieren.

»Mich hat überrascht, wie gut das den meisten von uns gelungen ist«, sagt Gesine Dreisbach von der Universität Regensburg. »Wir haben etwa schnell verinnerlicht, dass wir uns zur Begrüßung nicht mehr die Hand geben und in den Arm nehmen.« Die Psychologin erforscht mit ihrem Team, welche Faktoren die kognitive Flexibilität von Menschen beeinflussen.

Doch was heißt es eigentlich, »geistig flexibel« zu sein? Kognitionsforschern zufolge trifft dieses Attribut auf Personen zu, die ihr Verhalten und ihre Denkmuster rasch ändern können, wenn es die äußeren Umstände verlangen. Wie Studien zeigen, sind sie im Schnitt erfolgreicher im Beruf und erbringen höhere akademische Leistungen als engstirnige Menschen.

Psychologen zählen die kognitive Flexibilität zu den so genannten Exekutivfunktionen. Das sind Prozesse, die es uns ermöglichen, uns zielgerichtet zu verhalten. Neben der Flexibilität – auch »mental set-shifting« oder kurz »shifting« genannt – gehört das Vermögen dazu, die Inhalte des Arbeitsgedächtnisses auf den neuesten Stand zu bringen (»updating«) und vorschnelle Reaktionen zu unterdrücken (»inhibition«).

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die geistige Wendigkeit einer Person zu erfassen (siehe »So misst man kognitive Flexibilität«). Eine davon ist der Wisconsin Card Sorting Test. Hierbei sollen die Probanden Spielkarten sortieren, wobei sie anfangs noch nicht wissen, nach welchem Kriterium. Nach jeder Aktion erhalten sie eine Rückmeldung. Zu Beginn legen sie zum Beispiel eine Pik-Fünf auf Pik-Acht, woraufhin der Versuchsleiter »falsch« ruft. Dann legen sie Karo-Fünf auf Pik-Fünf, was mit »richtig« quittiert wird. Schnell wird klar: Es kommt auf die Zahl an!

Erst hü, dann hott!

Liegen die Teilnehmer zehnmal nacheinander richtig, wechselt der Versuchsleiter das Sortierkriterium. Eine Herz-Fünf auf einer Karo-Fünf ist dann plötzlich falsch, Herz-Acht auf Herz-Fünf aber richtig. Die Probanden müssen so immer wieder ihre Strategie anpassen. Schwieriger wird es, wenn sich die Karten nach noch mehr Eigenschaften gruppieren lassen, etwa nach Farbe, Symbol und Zahl.

KURZ ERKLÄRT:

EXEKUTIVFUNKTIONEN ermöglichen es uns, uns zielgerichtet zu verhalten. Sie umfassen die kognitive Flexibilität (»mental set-shifting«) sowie das Vermögen, das Arbeitsgedächtnis zu aktualisieren (»updating«) und vorschnelle Reaktionen zu unterdrücken (»inhibition«).

FUNKTIONELLE KONNEKTIVITÄT ist ein Maß dafür, wie eng verschiedene Hirnareale zusammenarbeiten.

FRONTOSTRIATALE REGELKREISE steuern das Zusammenspiel von Gefühlen, Motivation, Kognition und Verhalten.

Menschen, deren Frontalhirn geschädigt ist – vor allem der dorsolaterale Präfrontalkortex –, tun sich mit dem Wisconsin Card Sorting Test besonders schwer. Haben sie erst einmal eine Strategie zum Sortieren verinnerlicht, gelingt es ihnen kaum, diese wieder zu ändern. Das Gleiche gilt für das so genannte Umkehrlernen, bei dem Versuchspersonen ebenfalls prompt auf wechselnde Aufgabenstellungen reagieren müssen.

Zugegeben, solche Laborübungen haben nicht viel mit den alltäglichen Tücken zu tun, die uns eine ganz andere Form der geistigen Wendigkeit abverlangen. Dennoch bieten sie Vorteile gegenüber Befragungen: Da sie standardisiert sind, kann man die Ergebnisse vergleichen, und die Übungen lassen sich in der engen Röhre eines Magnetresonanztomografen durchführen.

Ein weiteres Manko dieser Tests ist die fehlende Spezifität: Sie erfassen nicht nur die kognitive Flexibilität, sondern auch andere Exekutivfunktionen, etwa die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses. Denn um rasch zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herzuwechseln, muss man diese permanent im Hinterkopf behalten. Genauso wichtig ist es, vorschnelle Reaktionen zu unterdrücken, was der dritten Exekutivfunktion (»inhibition«) entspricht.

»Gewohnheiten machen unser Leben leichter«

So flexibel wir uns in vielen Situationen auch verhalten: Oft genug tun wir uns schwer damit, mit unseren Gewohnheiten zu brechen – der eine mehr, der andere weniger. Warum ist das so? »Gewohnheiten machen unser Leben leichter«, sagt Gesine Dreisbach. Man braucht nicht groß über das eigene Handeln nachzudenken, da es automatisiert abläuft. »Ich muss mir morgens nicht jedes Mal neu überlegen, was ich frühstücke, sondern ich esse einfach das, was ich jeden Morgen esse.«

Das wird jedoch immer dann zum Nachteil, wenn wir eine Gewohnheit ändern sollen, etwa weil sie sich als schädlich herausstellt oder jemand anderes das von uns verlangt. Versuchen Sie beispielsweise mal, einen ganzen Tag lang nicht auf Ihr Smartphone zu blicken! Wenn Sie das sonst sehr oft tun, werden Sie wahrscheinlich nur schwer gegen diesen Automatismus ankämpfen können.

Gewohnheiten bringen immer ein bestimmtes Verhalten mit sich – und unterscheiden sich damit von Einstellungen. Letztere können zwar unsere Handlungen mitbestimmen, tun das jedoch nicht unbedingt. Forscher nennen das die Einstellungs-Verhaltens-Diskrepanz. Viele von uns sind zum Beispiel von der Dramatik des Klimawandels überzeugt, fliegen aber trotzdem regelmäßig mit dem Flugzeug in den Urlaub.

Der Preis der Flexibilität

Eine hohe geistige Flexibilität hat allerdings ihren Preis. »Wenn ich sehr offen bin in meinem Aufmerksamkeitsfokus, kommen zugleich viele Informationen rein, die ich gerade nicht brauche«, erklärt Dreisbach. Wer besonders flexibel ist, ist gleichzeitig leichter ablenkbar. »Das ist das Dilemma, dem wir permanent ausgesetzt sind.« Denn wir brauchen beides: eine gewisse mentale Stabilität, um unsere Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, und die nötige Wendigkeit, um auf mögliche Veränderungen in der Umwelt zu reagieren.

Dem einen gelingt es besser, bei Bedarf zwischen diesen Zuständen hin- und herzuwechseln, der andere tut sich schwerer damit. »Versuche ich, ein Problem möglichst kreativ zu lösen, ist es gut, wenn ich ungewohnte Ideen zulasse. Habe ich aber eine konkrete Aufgabe vor mir, sollte ich mich von störenden Einflüssen abschirmen«, sagt die Regensburger Psychologin. Wird allerdings einer der beiden Gegenspieler zu dominant, wirkt sich das auf unser Verhalten und unsere Denkweise aus: Entweder werden wir ziemlich starrköpfig oder aber wankelmütig.

Dreisbach erforscht mit ihrem Team, welche Einflüsse das Pendel eher in die eine oder die andere Richtung lenken. Die Stimmung ist einer davon: »Bin ich gut gelaunt, bin ich tendenziell flexibler«, erklärt sie.

Die ersten Hinweise darauf, dass eine positive Stimmung die geistige Flexibilität steigert, fand die US-amerikanische Sozialpsychologin Alice Isen (1942–2012). In diversen Tests – etwa zum kreativen Problemlösen – schnitten fröhliche Probanden besser ab als missmutige. Wie Dreisbachs Team später feststellte, geschieht das jedoch immer auf Kosten der Stabilität: Wer vor guter Laune nur so strotzt, ist leichter ablenkbar und verliert seine Ziele schneller aus den Augen. Die Forscherinnen und Forscher erklären sich das damit, dass der Frohsinn die Schwelle herabsetzt, ab der sich das Arbeitsgedächtnis aktualisiert. So bekommt es schneller Zugang zu neuen Informationen, kann also zügiger auf unerwartete oder neue Situationen reagieren.

Was uns glücklich stimmt, ist zum Beispiel eine Belohnung. Sage ich zu jemandem etwas Nettes und ernte dafür ein Lächeln, macht mich das zufrieden – und damit offenbar vorübergehend geistig flexibler. Anders sieht es aus, wenn die Belohnung leistungsabhängig ist. Weiß ich, dass ich für das Erreichen eines ganz bestimmten Ziels einen Bonus erhalte, passiert nämlich das Gegenteil: Ich werde engstirniger, dafür aber fokussierter, wie Dreisbach und ihr Team in ihren Studien herausfanden.

Sollten sich Führungskräfte in kreativen Branchen bei der Belegschaft also möglichst unabhängig von deren Leistung erkenntlich zeigen? »Ich glaube tatsächlich, dass sie die Kreativität der Mitarbeiter stärker fördern, wenn sie zusätzlich zum regulären Lohn kleine Aufmerksamkeiten über Tombolas oder ähnliche Aktionen verteilen und eben nicht als Reaktion auf das beste Resultat«, meint die Psychologin. »Aber diesen speziellen Fall müsste man empirisch untersuchen, dazu gibt es noch zu wenig Daten.«

Nicht zu unterschätzen ist zudem der Einfluss des Kontextes. Bin ich beispielsweise wegen meines Jobs oder der Familiensituation dauerhaft dazu gezwungen, häufig die Aufgabe zu wechseln, komme ich in eine Art »flexiblen Modus«: Mir fällt es insgesamt leichter, mich auf neue Anforderungen einzustellen. Dieser Zustand aktiviert das Arbeitsgedächtnis, das die unterschiedlichen Aufgaben folglich länger präsent hält.

Wenn der Alltag zur Routine wird

Ein wichtiger Akteur im Gehirn, der das Gleichgewicht zwischen geistiger Flexibilität und Stabilität aufrechterhält, ist der Neurotransmitter Dopamin. Die Konzentration des Botenstoffs nimmt mit dem Alter ab, wodurch das Pendel im Lauf des Lebens eher in Richtung Rigidität ausschlägt. Tatsächlich folgt die kognitive Flexibilität über die Lebensspanne hinweg einer umgekehrten, lang gezogenen U-Form, die ihren Höhepunkt zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahrzehnt erreicht und danach wieder abnimmt.

Allgemein lassen im Alter die Exekutivfunktionen nach. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben der generellen Verlangsamung von Hirnprozessen könnte das laut Dreisbach auch daran liegen, dass unser Alltag mit der Zeit immer klareren Strukturen folgt. »Als junger Mensch ist man mobiler und damit zwangsläufig flexibler. Mit den Jahren verfestigen sich dann immer mehr Gewohnheiten, was eigentlich praktisch ist«, so die Psychologin. Doch die Routinen reduzieren automatisch die Flexibilität.

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Um die Ecke gedacht

Wer neue Ideen entwickeln will, sollte über eine gute Portion geistige Flexibilität verfügen. Denn diese ist neben der kognitiven Kontrolle und dem so genannten divergenten Denken eine wichtige Zutat für Kreativität. Wie Bildgebungsstudien zeigen, nutzen wir für die kreative Ideenfindung ähnliche Schaltkreise im Gehirn wie für die kognitive Flexibilität.

Sunavsky, A., Poppenk, J.: Neuroimaging predictors of creativity in healthy adults. Neuroimage 206, 2020

Seit einigen Jahren untersuchen Neurowissenschaftler, was im Gehirn passiert, wenn wir uns auf veränderte Anforderungen einstellen. Dazu lassen sie Probanden im Hirnscanner so genannte Task-switching-Übungen absolvieren, bei denen die Aufgabenstellung nach einer Weile wechselt. Das können etwa der Wisconsin Card Sorting Test oder Aufgaben zum Umkehrlernen sein.

Diverse Studien dieser Art offenbarten zwei zentrale Hirnnetzwerke, die die Exekutivfunktionen – und damit die kognitive Flexibilität – unterstützen (siehe »Zentren der Anpassungsfähigkeit«): Das so genannte laterale frontoparietale Netzwerk, das wegen seiner Rolle auch Exekutiv-Kontrollnetzwerk heißt, und das midzinguläre insuläre Netzwerk, in Forscherkreisen Salienz-Netzwerk genannt. Letzteres hilft dabei, die für die jeweilige Aufgabe relevanten Informationen aus der Fülle an Eindrücken herauszufiltern.

Wie Jason Nomi und seine Kollegen von der University of Miami in Florida 2017 feststellten, weist das Gehirn geistig wendiger Menschen eine variablere »funktionelle Konnektivität« auf als das Denkorgan von eher verstockten Personen. Das ist ein Maß dafür, wie eng verschiedene Hirnareale zusammenarbeiten. Wer flexibler handelt, dessen Hirnregionen gehen auch weniger starre Allianzen miteinander ein, fanden die Forscher.

So unterschiedlich flexibel wir alle sind – einige psychische und neurologische Erkrankungen gehen mit besonderen Einbußen in diesem Bereich einher (siehe »Wie psychische Erkrankungen die geistige Flexibilität beeinträchtigen«). Autismus-Spektrum-Störungen sind so ein Beispiel. Autisten zeigen häufig stereotype Verhaltensweisen, sie wiederholen bestimmte Bewegungen oder Tätigkeiten immer wieder und tun sich schwer damit, feste Routinen zu verändern. Manche beharren außerdem auf ihren Ansichten und sind kaum bereit, von ihren Überzeugungen abzurücken. Studien zufolge weisen das Exekutiv-Kontrollnetzwerk und das Salienz- Netzwerk bei den Betroffenen ein verändertes Aktivitätsmuster auf, wenn sie Aufgaben zur kognitiven Flexibilität bearbeiten.

Unflexibel = konservativ?

Forschern ist es gelungen, anhand der kognitiven Flexibilität einer Person vorherzusagen, ob sie für oder gegen den Brexit stimmen wird. Dazu nutzten sie unter anderem den Wisconsin Card Sorting Test (siehe »So misst man kognitive Flexibilität«, S. 15). Wer schlechter darin abschnitt, entschied sich später eher für den Brexit und unterstützte konservative, pronationalistische Einstellungen.

Zmigrod, L. et al.: Cognitive underpinnings of nationalistic ideology in the context of Brexit. PNAS 115, 2018

Während Autismus sich in der Regel schon früh in der Kindheit äußert, treten andere psychische Störungen oft erst im Lauf der Pubertät auf. In dieser Phase, in der etliche Umbaumaßnahmen im Gehirn stattfinden, wird das Leben bisweilen gehörig auf den Kopf gestellt: Der Körper verändert sich, die ersten Liebschaften keimen auf, und die Gefühlswelt wird von nie da gewesenen Turbulenzen heimgesucht. Kaum ein Lebensabschnitt erfordert mehr geistige Flexibilität.

Gefangen in Gedankenschleifen

Doch die Hirnschaltkreise für die Exekutivfunktionen sind zu der Zeit noch im Aufbau begriffen, wobei das limbische System – das unter anderem unsere Emotionen und das Triebverhalten steuert – schon einsatzbereit ist. Vielleicht sind wir gerade deshalb in der Zeit so anfällig für seelische Leiden wie Depressionen, Angstoder Zwangsstörungen. Erstere äußern sich unter anderem durch exzessives Grübeln: Die Betroffenen verlieren sich in Gedankenschleifen, die meist um negative Gefühle kreisen. Forschern zufolge ist das ein Ausdruck verminderter kognitiver Flexibilität. So belegten auch Bildgebungsstudien, dass das Exekutiv-Kontrollsystem bei Depressiven kaum in der Lage ist, ausufernde Gefühle im Zaum zu halten.

Zwangsstörungen gehen ebenfalls mit einer eingeschränkten Flexibilität einher. Hierbei treten bestimmte Impulse immer wieder auf und lassen sich nur schwer oder gar nicht unterdrücken. Im Hirnscanner zeigte sich, dass Patienten mit besonders festgefahrenen Verhaltensmustern eine erhöhte funktionelle Konnektivität innerhalb der so genannten frontostriatalen Regelkreise aufweisen. Das Striatum gehört zu den Basalganglien und steuert gemeinsam mit dem Frontallappen das Zusammenspiel von Motivation, Emotionen, Denkvermögen und Verhalten.

Wie wir inzwischen wissen, wird jeder im Alter ein wenig engstirniger. Aber einige neurologische Erkrankungen, die vor allem im höheren Alter auftreten, steigern den regulären Altersstarrsinn noch einmal deutlich, etwa Morbus Alzheimer und die Parkinsonkrankheit. Eine Demenz äußert sich meist durch verminderte Exekutivfunktionen verglichen mit Gleichaltrigen, wobei die geistige Flexibilität rapide nachlässt. Grund dafür ist der neurodegenerative Abbau von Hirngewebe im Frontalkortex, ohne den die rasche Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen kaum noch möglich ist.

Bei Parkinson fällt die kognitive Starrheit in der Regel etwas milder aus. Wie Neurowissenschaftler feststellten, geht sie zurück auf einen Mangel an Dopamin im frontostriatalen Netzwerk. Verabreicht man den Patienten eine Vorstufe des Neurotransmitters, L-Dopa genannt, werden sie wieder geistig wendiger und können besser zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herwechseln.

Eine zunehmende Sturheit muss allerdings nicht zwangsläufig schlecht sein. Denn wie wir wissen, kann das erforderliche Maß an Beweglichkeit je nach Kontext und Bedarf schwanken. Dennoch mangelt es nicht an Ratschlägen, wie man seine Flexibilität steigern oder die geistige Verstockung wenigstens verlangsamen kann. Aber helfen sie wirklich?

Wie veränderlich sind unsere Einstellungen?

Wie leicht wir unsere Meinung ändern, hängt davon ab, wie sicher wir uns damit fühlen. Wer an seinen eigenen Einstellungen und Vorlieben zweifelt, ändert sie schneller. Das fanden Andrea Reiter und ihre Kollegen vom University College London und von der Universität Würzburg heraus. Der Psychologin zufolge nimmt die eigene Sicherheit tendenziell mit dem Alter zu. So sind Jugendliche eher unsicher und lassen sich folglich leichter von anderen Meinungen überzeugen – vor allem von Gleichaltrigen. Ältere Menschen hingegen haben eine größere Standfestigkeit.

In einem Experiment sollten Probanden schätzen, wie viele Punkte sich auf einem Bildschirm in die eine und wie viele in die andere Richtung drehen. Es zeigte sich, dass Senioren hierbei im Schnitt schlechter abschnitten als jüngere Teilnehmer. Dennoch waren Erstere fester davon überzeugt, gut zu sein. Gleichzeitig tun sich betagte Menschen schwerer damit, ihre Einstellungen zu ändern. Selbst wenn sich in einem Experiment jemand ihnen gegenüber plötzlich sehr unfair verhält, passen sie ihre vorgefertigte Meinung über die gemeine Person kaum an.

Reiter, A. M. et al.: Preference uncertainty accounts for developmental effects on susceptibility to peer influence in adolescence. Nature Communications 12, 202;

Reiter, A. M. et al.: Human aging alters social inference about others’ changing intentions. Human Biology of Aging 103, 2021

Wie psychische Erkrankungen die geistige Flexibilität beeinträchtigen

Diverse Studien zeigen: Kognitive Trainings – etwa das klassische »Hirnjogging« auf Lernplattformen am Computer – können tatsächlich die Exekutivfunktionen stärken, wenn auch nur minimal. Allerdings hat man sich nach solchen Aufgaben meist nur in den soeben eingeübten Fähigkeiten verbessert und kann diesen Fortschritt kaum auf andere Bereiche übertragen.

Anders sieht das offenbar aus, wenn die Übungen alltagsnaher gestaltet sind – bei Kindern zum Beispiel in Form eines Spiels. Verena Johann und Julia Karbach von der Universität Koblenz-Landau entwickelten ein solches spielbasiertes Training für Grundschulkinder und stellten fest: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer steigerten dadurch auch andere, nicht trainierte Exekutivfunktionen – ein Effekt, der sogar nach drei Monaten noch anhielt.

Nachgewiesen ist zudem der positive Einfluss von Zwei- oder Mehrsprachigkeit auf die geistige Flexibilität. Wer bilingual aufwächst, trainiert permanent, mental wach zu bleiben. Beide Sprachen sind dauernd »abrufbereit«, und während man die eine nutzt, muss die andere zum Schweigen gebracht werden. Wie Bildgebungsstudien zeigen, aktiviert und stärkt dieser dauernde Wettstreit Hirnareale, die mit der reinen Sprachverarbeitung nicht viel zu tun haben: die Netzwerke für die Exekutivfunktionen.

Was unbestritten gegen den allgemeinen kognitiven Abbau hilft, ist regelmäßiger Sport. Der erhöhte Blutfluss und andere Faktoren wirken sich positiv auf die grauen Zellen aus und verlangsamen beispielsweise das Schrumpfen des Hippocampus, eines wichtigen Gedächtniszentrums. Jedoch fällt der Effekt von reinem Bewegungstraining auf die Flexibilität – wenn überhaupt – nur sehr schwach aus. Fordert uns die Disziplin auch geistig heraus, etwa bestimmte Kampfsportarten, kann sie aber durchaus die Exekutivfunktionen verbessern, wie Studien belegen.

»Im Grunde kommt es auf ein abwechslungsreiches Leben an«, fasst Gesine Dreisbach zusammen. »Keep flexible, keep switching!«, schreibt sie daher in einem ihrer Artikel. Wir sollten also immer wieder etwas Variation in den Alltag einbauen – zum Beispiel in Großbritannien Auto fahren. Damit beugen wir einem Zuviel an Starrsinn zumindest ein bisschen vor.

QUELLEN

Dreisbach, G., Fröber, K.: On how to be flexible (or not): Modulation of the stability-flexibility balance. Current Directions in Psychological Science 28, 2019

Hefer, C., Dreisbach, G.: How performance-contingent reward prospect modulates cognitive control: Increased cue maintenance at the cost of decreased flexibility. Journal of Experimental Psychology 43, 2017

Uddin, L. Q.: Cognitive and behavioral flexibility: Neural mechanisms and clinical considerations. Nature Reviews Neuroscience 22, 2021

Uddin, L. Q.: Brain mechanisms supporting flexible cognition and behavior in adolescents with autism spectrum disorder. Biological Psychiatry 89, 2021

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1957777