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WIDERSETZLICHKEIT – Wenn das Pferd seine Not ausdrückt


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 34/2019 vom 12.04.2019

Unrittigkeit, aggressives Verhalten, Verweigern der Mitarbeit – widersetzliches Verhalten von Pferden kann die unterschiedlichsten Ursachen haben. Babette Teschen zeigt in diesem Artikel die wichtigsten Ursachen für widersetzliches Verhalten auf und wie ein pferdegerechter Umgang damit aussehen sollte.


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(Foto: Equinomedia)

Wir alle erleben mit unseren Pferden Situationen, in denen uns das Pferd die Mitarbeit, oder nennen wir es „den Gehorsam“, verweigert. Es widersetzt sich unserer Anordnung, etwa indem es an einer bestimmten Stelle nicht vorbeigeht oder unter dem Sattel nicht angaloppiert. Vielleicht ...

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... weigert es sich auch, mit mir einen Pferdeanhänger zu betreten. Die Gründe, warum ein Pferd sich uns widersetzt, sind vielfältig:

• Vielleicht tut ihm etwas weh?
• Vielleicht hat es Angst?
• Vielleicht versteht es nicht, was es tun soll?
• Vielleicht kann es das Geforderte körperlich nicht leisten?
• Vielleicht verbindet es eine schlechte Erfahrung mit dem, was ich gerade verlange?
Tatsache ist: Ein Pferd, das sich widersetzt, sagt – aus welchem Grund auch immer – „Nein“. Schauen wir uns die häufigsten möglichen Ursachen für Widersetzlichkeit an:

Körperliche Ursachen

Zeigt Ihr Pferd Widersetzlichkeit, sollten Sie zuallererst darüber nachdenken, ob es aufgrund von Schmerzen oder körperlichem Unvermögen widersetzlich ist. Pferde verfügen leider über keinen Schmerzlaut und zeigen Schmerzen oftmals so, dass viele Pferdemenschen das Verhalten ihres Pferdes fehlinterpretieren. Typisches Schmerzverhalten eines Pferdes beim Reiten sind u. a.
• Kopf hochreißen oder Kopfschlagen,
• gegen den Zügel gehen,
• buckeln,
• steigen,
• durchgehen,
• Rücken wegdrücken,
• wiederholtes Stolpern vorne und/oder hinten,
• ein Wegsacken der Hinterhand,
• auffällig häufiges Gähnen,
• Zungenspiele oder Aufreißen des Mauls,
• Unruhe, Nervosität und Stress,
• nicht vorwärts laufen wollen Zeigt ein Pferd so ein Verhalten, heißt es leider noch immer sehr häufig:
• „Der muss lernen, wer der Chef ist.“
• „Der ist doch nur stur.“
• „Der ist ,dominant‘.“
• „Der verarscht dich nur.“

Und dementsprechend sehen dann die Reaktion vieler Reiter aus:
• Um das Aufsperren des Mauls zu verhindern, wird der Sperrriemen eng verschnallt.
• Dem „Hans Guck-in-die-Luft“ wird der Kopf mit Hilfszügeln runtergeholt.
• Bei dem Pferd, welches nervös tänzelt, wird hart am Zügel geruckt.
• Dem Durchgänger wird ein schärferes Gebiss ins Maul geschoben.
• Dem Buckler wird die Gerte übergezogen.
• Das „faule“ Pferd wird nur noch mit Sporen geritten.

Für mich ist keine dieser Reaktionen auf widersetzliche Verhaltensweisen „pferdegerecht“! Machen Sie sich bewusst, dass kein Pferd der Welt den Menschen „veräppeln“ will. Was für uns oft als „widersetzlich“ empfunden wird, kann eine tiefliegende Ursache haben, die wir einfach nur nicht immer erkennen können. Ein Pferd mit körperlichen Problemen zeigt in vielen Fällen nicht nur beim Reiten widersetzliches Verhalten, sondern im gesamten Umgang kann das Pferd „schwierig“ werden. So kann die Ursache für Aggressionen, die das Pferd gegen den Menschen, aber manchmal auch gegenüber Artgenossen zeigt, z. B. in einer vereiterten Zahnwurzel oder einer sehr schmerzhaften Nervenentzündung liegen. Es gilt also beim Verdacht auf ein körperliches Problem das Pferd umfassend von einem Tierarzt untersuchen zu lassen. Dabei sollten Sie bedenken, dass nicht jeder Tierarzt jedes Problem richtig erkennt und es häufig zu Fehldiagnosen kommt. So bleibt leider in vielen Fällen das tatsächliche Leid des Pferdes unentdeckt. Bessert sich die Problematik, die Ihr Pferd zeigt, nicht, sollten Sie noch mindestens eine zweite Meinung einholen und wenn nötig das Pferd in einer Klinik gründlich durchchecken lassen. Trainer, Hufpfleger, Tierarzt, Sattler, Physiotherapeut und Co sollten für das Wohl des Pferdes eng zusammenarbeiten.

Die Haltung des Pferdes

Sehr häufig ist die Ursache für widersetzliches Verhalten bei Pferden in der Haltung zu finden. Häufig erfüllt diese die elementaren Grundbedürfnisse nach Futter, Wasser, Bewegung und Sozialkontakt nicht. Gerade in den Wintermonaten stehen viele Pferde etliche Stunden in Boxen, die, auch wenn sie mit einem kleinen Paddock ausgestattet sind, dem Pferd nicht die Bewegung ermöglichen, die es für eine ausgeglichene Psyche braucht. Auch Pferde, die in einer Herde leben, leiden oftmals unter massivem Stress. So kann ein sensibles Tier große Probleme mit Neuzugängen haben, oder ein rangniedriges Tier kommt nicht zum Schlafen oder zum entspannten Fressen, da es von anderen Pferden gemobbt wird.

Der Umgang

Wenn ich Menschen im Umgang mit Pferden beobachte, fällt mir oft Folgendes auf:
• Der Mensch verhält sich unsicher gegenüber dem Pferd,
• der Mensch ist angespannt,
• der Mensch verhält sich unberechenbar für das Pferd,
• der Mensch ist zu stark in seiner Hilfengebung,
• der Mensch ist ungeduldig,
• der Mensch reagiert auf Fehler, die das Pferd macht, viel zu scharf,
• der Mensch stellt zu hohe Anforderungen an sein Pferd,
• der Mensch geizt mit Lob, Freude und Anerkennung.

Das in meinen Augen viel zu harsche Auftreten, der oftmals viel zu laute Umgang, die viel zu scharfen Reaktionen auf falsches Verhalten von Pferden finden ihre Ursache meiner Meinung nach sehr häufig in der Angst der Menschen:.
• Angst vor Kontrollverlust,
• Angst, vor unseren Mitmenschen schlecht dazustehen,
• Angst vor Verletzungen,
• Angst davor, dass unser Pferd Schaden nimmt.

Diese Ängste sind nur natürlich und verständlich. Allerdings bewirkt dieser falsche Umgang mit der Angst, der zu lautem, grobem und strafendem Einwirken führt, immer das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich wünschen. Ein harmonisches Miteinander und gegenseitiges Vertrauen kann so nicht entstehen. Ebenso wie wir Menschen aus Angst oft viel zu grob mit Pferden umgehen, gehen Pferde aus Unsicherheit, Angespanntheit und Angst oftmals grob mit uns um. Viele Pferde, die Menschen über den Haufen rennen, werden als „dominant“ und „respektlos“ betitelt, sind in der Realität aber nur im höchsten Maße verunsichert und ängstlich. Diesen Pferden dann noch den Strick um die Ohren zu schlagen oder die Gerte vor die Brust zu hauen, hilft ihnen in keiner Weise, ihre Angst zu überwinden und Vertrauen zu uns zu entwickeln.

Fehlende Motivation

Ein Pferd, das tagein, tagaus denselben Kreis an der Longe laufen muss oder das jeden Tag in der Halle dasselbe Dressurprogramm absolviert, welches wenig Lob und Freude, aber viel Druck im Zusammensein mit uns erfährt, wird sehr wahrscheinlich irgendwann nur noch „Dienst nach Vorschrift“ leisten, vielleicht sogar irgendwann seine Mitarbeit komplett verweigern. Auch hier liegt es an uns, die Situation zu verbessern: So sollte es neben „Arbeit“ immer mindestens genauso viel „Freude“ geben. Im Idealfall sollte sogar die „Arbeit“ „Freude“ sein!

Die Zusammenarbeit soll nicht nur uns Menschen Freude machen!


(Foto: Horst Streitferdt)

Der Mensch

Wenn wir uns den Traum „Pferd“ und „Reiten“ erfüllen, haben wir wunderschöne Bilder und Ziele in unseren Köpfen. Vielleicht träumen wir davon, erfolgreich bei einem Dressurturnier zu sein, vor Publikum eine spektakuläre Zirkusshow vorzuführen oder nur mit einem Halsring als Ausrüstung den Strand entlang zu galoppieren. Wer träumt nicht davon, dass sein Pferd freudig von der Weide auf uns zugelaufen kommt, wenn man es ruft? Oder dass einem das eigene Pferd blind vertraut? Oder dass es mit Leichtigkeit und Kadenz unter uns piaffiert? Wer mit seinem Pferd Leistung zeigen kann, genießt in der Regel hohe Anerkennung und wird bewundert. Lob, Bewunderung und Anerkennung ist etwas Wunderbares, wir alle sehnen uns danach. Genauso wie uns die Zusammenarbeit mit einem Pferd diese „guten Gefühle“ schenken kann, so kann uns diese aber auch in ein großes Jammertal stürzen. Es kann sehr tief verletzen mitzuerleben, wie die Stallkollegen hinter unserem Rücken lästernd tuscheln, weil das Pferd sich auf der Weide nicht hat einfangen lassen oder man es auf dem Turnier gerade mal unter die letzten fünf geschafft hat. Auch gibt es sehr häufig großen Druck, der von außen auf uns ausgeübt wird. So sind es vielleicht die Eltern, die nun, nachdem sie viel Geld in ein qualitativ hochwertiges Pferd und in die Reitausbildung ihres Kindes investiert haben, endlich Erfolge sehen wollen, oder der Partner, der sich gerne lustig darüber macht, dass seine Frau noch immer neben dem Pferd herläuft, anstatt endlich „richtig zu reiten“. Ein Pferd zu unterhalten ist eine sehr kostspielige Angelegenheit, und so wollen wir natürlich auch etwas dafür „bekommen“. Verweigert uns unser Pferd diese Gegenleistung, so werden wir leicht ungerecht. Dabei dürfen wir aber niemals vergessen: Das Pferd schuldet uns nichts! Es ist nicht seine Aufgabe, uns Ruhm, Anerkennung und Glück zu verschaffen. Umgekehrt schaut die Sache allerdings anders aus: Es liegt in unserer Verantwortung, dass es unserem Pferd physisch und psychisch gut geht. Wenn wir unser Pferd lieben, sollten wir noch einen großen Schritt weiter gehen und dafür sorgen, dass unser Pferd glücklich sein kann. Dafür müssen wir oftmals lernen, andere Wege zu gehen als die herkömmlichen. Wir müssen häufig auch bereit sein, zu verzichten und unsere Träume loszulassen. Vielleicht bedeutet das, dass wir den teuren Kurs bei der bekannten Trainerin abbrechen, weil wir merken, dass diese nicht so mit dem Pferd umgeht, wie wir es für richtig halten, oder dass wir bei dem genannten Turnier nicht starten, wenn wir merken, dass unser Pferd überfordert ist. Wir müssen lernen zu unterscheiden, wessen Rat wir annehmen, auch wenn diese Person vielleicht schon viele Pokale gewonnen hat und bei allen Stallkollegen hoch angesehen ist. Wir müssen lernen, uns vor unsere Pferde zu stellen und unsere eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. Wenn wir dazu nicht bereit sind, wären wir bei einem anderen Hobby bzw. Sport, bei dem kein fühlendes Wesen im Mittelpunkt steht, besser aufgehoben.

Mit seinem Pferd „nur“ spazieren zu gehen wird oftmals von Stallkollegen belächelt.


(Foto: Horst Streitferdt)

Das Thema „Dominanz“

Einem widersetzlichen Pferd wird sehr schnell „Dominanz“ als Ursache für sein Verhalten unterstellt. In meinen Augen macht es sich der Mensch damit sehr einfach: Das Pferd ist schuld, und der Mensch erhält automatisch einen Freifahrtschein, rigoros das Pferd zu „disziplinieren“ und für „Respekt“ zu sorgen. So findet viel körperliche und psychische Gewalt unter dem Deckmantel der „Dominanz“ statt:
• Bestrafung,
• aggressives Verhalten dem Pferd gegenüber,
• Einschüchterung,
• Missbrauch.

Wissenschaftliche Studien haben mittlerweile die Dominanztheorie widerlegt. Das immer wieder als „natürliches Pferdeverhalten“ zitierte Dominanzgebaren ist Pferden fremd. Pferde sind auf soziales Miteinander angewiesen. Kommt es zum Streit um Ressourcen, findet dieser punktuell statt. Es konnte nicht beobachtet werden, dass es Pferden darum geht, ein anderes Pferd grundsätzlich zu beherrschen. Aggressivität und Gewalt lösen bei Pferden Angst aus. Natürlicherweise versuchen Pferde einem aggressiven, gewalttätigen Gegenüber auszuweichen und Begegnungen mit ihm zu vermeiden. Das heißt, dass nicht nur die Pferde unter der falschen Behandlung leiden, sondern auch die Beziehung zwischen Mensch und Pferd.

Die Dominanztheorie ist als Basis für eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Pferd ungeeignet. Mensch-Pferd-Beziehungen sollten immer auf dem Verständnis der natürlichen Verhaltensweisen von Pferden basieren und nicht auf menschlichen Interpretationen aus der eigenen Erfahrungswelt.

Mein Pferd ist widersetzlich – was tun?

Handeln Sie so, wie unsere Justiz handeln sollte: Im Zweifel immer für den Angeklagten! Zunächst sollte ein widersetzliches Pferd immer von einem kompetenten Tierarzt gründlichst untersucht werden. Diese Untersuchung sollte wortwörtlich von den Zähnen bis zu den Hufen stattfinden. Auch ein Blutbild sollte gemacht werden, denn oftmals hat das als faul verschriene Pferd in Wahrheit eine Stoffwechselerkrankung oder einen Mineralstoffmangel, hat vielleicht schlechte Leberwerte oder die schwierige Stute leidet unter einem gynäkologischen Problem. Neben dem Tierarzt sollte auch ein Physiotherapeut das Pferd untersuchen und behandeln, denn viele Pferde leiden unter schmerzhaften Verspannungen und Blockierungen. Wenn Sie sicher sind, dass es keine körperlichen Ursachen für die Widersetzlichkeit gibt, dann versuchen Sie einen Weg zu finden, das „Nein“ Ihres Pferdes in ein „freiwilliges Ja“ zu verwandeln, und zwar unabhängig davon, ob das „Nein“ durch Angst, Unverständnis oder Mangel an Motivation begründet ist. Widersetzlichkeiten unter dem Sattel sollten immer als Unvermögen des Pferdes gesehen werden. Dieses Unvermögen ist entweder in körperlichen Problemen, Nichtverstehen der Hilfengebung oder einem Nicht-umsetzen-Können des verlangten Bewegungsablaufes begründet. Reagiert ein Reiter hier mit Strafe und Erhöhung des Druckes, wird das Pferd immer mehr negative Emotionen mit dem Gerittenwerden verbinden, was wiederum zu stärkeren Verspannungen und größerem Widerwillen und somit zu Widerstand führen wird. Unsere Aufgabe ist es, alle Anforderungen an das Pferd so zu stellen, dass das Pferd diese erfüllen kann. Kann es das nicht und zeigt es das mit seinem Protest, müssen wir zunächst wieder zurückfinden zur Losgelassenheit und einem harmonischen Miteinander. Von hier aus dürfen wir vorsichtig versuchen, in kleinen, für das Pferd gut verständlich aufeinander aufbauenden Schritten den Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe zu erhöhen. Setzen Sie sich bitte mit der Haltung und Fütterung Ihres Pferdes kritisch auseinander und stellen Sie sicher, dass die Grundbedürfnisse Ihres Pferdes erfüllt sind und es sowohl ausreichend Bewegung und Sozialkontakt als auch Sicherheit, Ruhe und Raufutter bekommt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele sogenannte „Problempferde“ sich nach einer Verbesserung der Haltung sehr viel kooperativer zeigen und sich viele Widersetzlichkeiten in Luft auflösen. Finden Sie heraus, was das Pferd, mit dem Sie gerade zusammen sind, besonders gerne macht, und nutzen Sie dieses Wissen, um sich damit immer wieder seine Motivation zu sichern. Jedes Lebewesen braucht und liebt Anerkennung, Lob und Freude! Richten Sie Ihren Fokus auf jeden kleinen Fortschritt Ihres Pferdes, würdigen Sie jedes Bemühen. Freuen Sie sich dabei aus tiefstem Herzen und zeigen Sie Ihrem Pferd diese Freude. Pferdeaugen fangen bei echtem Lob an zu leuchten. Bringen Sie die Augen Ihres Pferdes zum Strahlen! Wenn Ihnen das gelingt, wird Widersetzlichkeit aufgrund fehlender Motivation bei Ihnen kein Thema mehr sein. Der für mich schönste Weg im Umgang mit Pferden ist der Weg der positiven Verstärkung. Hier hat sich das Clickertraining besonders bewährt.

Dankbar sein für „Probleme“

Machen wir uns bewusst: Das Verhalten des Pferdes, welches wir als „Problem“ empfinden, ist nur die Mitteilung an uns, dass unser Pferd ein Problem hat. Eigentlich sollten wir dankbar sein für derartige „Probleme“, denn sie sind die einzige Möglichkeit des Pferdes, uns mitzuteilen, dass es nicht zufrieden oder sogar sehr unglücklich ist und leidet. Es teilt uns mit, dass es ein Problem mit uns hat bzw. mit den Entscheidungen, die wir für das Pferd getroffen haben. Denn wir entscheiden über die Lebensumstände und stellen Anforderungen, die für das Pferd in vielen Fällen nicht natürlich sind. Wir bestimmen, wie oft, wann und wie wir das Pferd reiten, wählen die Ausrüstung, den Umgang und die Haltung. Und wenn wir den Pferden erlauben, sich uns mitzuteilen, haben wir die Chance, diesen sensiblen und fühlenden Tieren ein Mitspracherecht einzuräumen.

Widersetzlichkeit ist ein Ausdruck der Not!

In meinen Augen ist fast jede auftretende Widersetzlichkeit aus oben genannten Gründen ein sichtbares Symptom für die Not meines Pferdes. Diese kann entweder auf der körperlichen oder auf der seelischen Ebene auftreten – oft auch auf beiden. Wenn mein Pferd in Not ist, möchte ich das wissen. Ich möchte, dass sich mein Pferd mir mitteilt. Reagiere ich auf Widersetzlichkeit mit Strafe, wird mein Pferd lernen, seine Not nicht mehr zu zeigen. Das ist für uns vielleicht angenehm, immerhin „funktioniert“ unser Pferd ja wieder brav, geht aber zulasten des Tieres, denn die Not ist immer noch da. Ich möchte, dass es meinen Pferden gut geht, sowohl körperlich als auch psychisch. Ich möchte keinesfalls Probleme, Leid oder Schmerzen meines Pferdes überhören oder übersehen. Deswegen „erlaube“ ich meinen Pferden, sich mir mitzuteilen, damit ich sofort merke, wann ich etwas verändern muss oder sich etwas in die falsche Richtung entwickelt. Ich bin überzeugt, dass ein Pferd keinen Grund für Widersetzlichkeit hat, wenn es ihm gut geht, es keine Schmerzen hat, es versteht, was ich von ihm möchte und es die „Arbeit“ mit mir als abwechslungsreiche Bereicherung in seinem Leben schätzt. Wichtig für ein harmonisches Verhältnis sind also echtes Verständnis für Pferde und ein ruhiger, klarer, achtsamer und beständiger Umgang.

INDEM ICH MEINEM PFERD EIN MITSPRACHERECHT EINRÄUME …

… kann ich immer wieder reflektieren:

• ob meine Energie / meine Ausstrahlung für mein Pferd passt,

• ob meine Art, mit dem Pferd umzugehen, zu einem harmonischen Miteinander führt,

• ob mein Pferd mit der Wahl seiner Ausrüstung zufrieden ist (Überprüfung des Sattels, Kopfstücks usw.),

• wie mein Pferd auf meine Hilfengebung reagiert,

• ob mein Pferd mit seinen Lebensbedingungen glücklich ist,

• ob der körperliche und seelische Zustand meines Pferdes gut ist.

BABETTE TESCHEN

… arbeitet seit 1999 als Pferdetrainerin und hat sich ganz auf die gesundheitsfördernde Bodenarbeit und das Longieren spezialisiert. Sie weiß genau, worauf es zu achten gilt, wenn die Laufmanier eines Pferdes beurteilt werden soll und wie sich diese effektiv an der Longe verbessern lässt. In den Selbstlernkursen „Der neue Longenkurs“, „Sehen lernen“ u. a. teilt sie ihr Wissen aus fast zwanzig Jahren Praxis. Gemeinsam mit Tania Konnerth betreibt sie die Internetseite:

www.wege-zum-pferd.de

BUCHTIPP:

Babette Teschen und Tania Konnerth
Praxiskurs Bodenarbeit

Kosmos Verlag
ISBN 978-3440-1339-03-5, 26,99 €