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WIE AM SCHNÜRCHEN


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 38/2019 vom 06.12.2019

Verspannungen des Reitpferdes können durch einen unausbalancierten Sitz des Reiters, falsches Training oder einen unpassenden Sattel verursacht werden. Oft haben sie aber auch mit dem Sattelgurt zu tun. Pferde-Physiotherapeutin Nina Wühle suchte deshalb nach einer Alternative und entdeckte den Schnurgurt neu.


Viele Reiter und Pferdebesitzer, die für ihr Pferd nach einer passenden Gurtalternative suchen, kommen wieder auf den Schnurgurt zurück. Oftmals im Glauben, er sei ein Novum. Dabei hat diese Erfindung schon einige Jahre auf dem Buckel, und mehrere Generationen von Pferden profitierten in der ...

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Bildquelle: Feine Hilfen, Ausgabe 38/2019

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... Vergangenheit von seinem Konstruktionsprinzip. Zu Unrecht jahrelang aus den Sattelkammern verbannt, haben Schnurgurte viele Vorteile für das Pferd. Warum sie jetzt zu Recht ein Comeback feiern, möchte ich in diesem Artikel gerne erklären.

Geschichte des Schnurgurtes

Schon zu Militärzeiten wurden Schnurgurte und leicht abgewandelte Versionen aus Hanf- oder Leinenseilen verwendet. In alten Reitlehren (zum Beispiel „Neue Reitschule – Klassische Grundausbildung bis zur Turnierreife“ von Heinz Kiemann), in denen noch Anatomie und Sattelkunde Teil der Ausbildung für den Reiter waren, findet man sie immer noch in der Abbildung des Sattels. In der englischen Reitweise in den vergangenen Jahrzehnten verpönt, blieb der Schnurgurt aus Mohair mit teils auffälligen, bunten Webmustern in der traditionellen Westernreiterei als fester Bestandteil der klassischen Ausrüstung aktuell. In vielen Teilen der Welt, wie USA und Mexiko, werden heute noch Schnurgurte von Hand gewebt und genutzt. Sicher geschieht dies nicht ohne Grund: Schnurgurte sind langlebig, vor allem aber sind sie durch ihre spezielle Webart für nahezu jede Gurtlage verwendbar.

Konstruktion und Vorteile des Schnurgurtes

Schnurgurte, Schnurengurte oder auch Strippengurte sind Sattelgurte, die aus längsgewebten Schnüren bestehen, die durch Querwebungen stabilisiert, aber nicht festgenäht werden. Das garantiert eine Beweglichkeit der Längsschnüre, die sich flexibel jeder Gegebenheit anpassen können. Diese Konstruktion bringt unschlagbare Vorteile mit sich. Sie ist einfach und genial zugleich: Die einzelnen Schnüre passen sich dem Pferdekörper flexibel an, zusätzlich folgen sie der Bewegung des Pferdes, ohne zu stören. Somit ist eine optimale Druckverteilung dauerhaft gewährleistet. Die einzeln gewebten Schnüre haben einen weiteren Vorteil: Sie ermöglichen der Gurtlage ausreichend Luftzirkulation. Dadurch kann sich kein Schweiß unter dem Gurt stauen. Das schützt die Haut vor Reizungen und Pilzbildung.

Ideale Lage eines Schnurgurtes.


Auch bei schwierigen Gurtlagen kann der Schnurgurt punkten. Die anatomische Lage des Ellenbogens ist oft für Aufreiben und offene Stellen verantwortlich, denn nicht bei jedem Pferd liegen die Ellenbogenhöcker parallel zum Brustkorb. Eine Winkelung nach außen ist meist unproblematisch. Verläuft die Winkelung jedoch nach innen, verringert sich der Platz für den Sattelgurt. Gut gemeinte, dicke Lammfellschoner und andere dick auftragende Gurte sind dann eher kontraproduktiv und verschlimmern die offenen Stellen noch. Schnurgurte sind sehr flach (ca. 8 mm) und haben gleichzeitig eine breite Auflagefläche. Sie ermöglichen auch nach innen gestellten Ellenbogenhöckern genügend Bewegungsfreiheit, ohne zu stören.

Material der Schnurgurte

Schnurgurte können aus unterschiedlichen Materialien hergestellt werden. Ein Gurt aus unflexibler Chemiefaser (z. B. Polyester) reibt allerdings unangenehm auf der Haut und schränkt nicht nur die Aufdehnung des Brustkorbes, sondern auch die Atmung der Haut und somit den Schweißtransport sehr stark ein. Ein Schnurgurt aus Naturmaterial dagegen ist bei korrekter Gurtung elastisch und geht vollständig mit der Atmungsbewegung des Pferdes mit. Das Aufdehnen des Brustkorbes ist nämlich nur möglich, wenn der Gurt nachgibt. Andernfalls können sich die Pferde durch den starken Gegendruck nicht genügend öffnen und verspannen oder atmen nur flach. Dies hat Auswirkungen auf die Konzentration, Leistungsfähigkeit und kann auch psychischen Stress zur Folge haben. Um dem Pferd einen angenehmem Tragekomfort zu ermöglichen, empfehle ich, nur Naturmaterialien zu nutzen. Baumwolle und Mohair bieten ideale Voraussetzungen für den Einsatz direkt auf der Pferdehaut.
Der Umstieg auf einen Baumwollschnurgurt bietet sich für viele Reiter preislich wie qualitativ an. Baumwolle wird aus den Samenhaaren der Baumwollpflanze gewonnen. Sie ist sehr saugfähig und kann bis zu 65 Prozent ihres Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen. Als Material für Schnurgurte ist sie außerdem interessant, da sie nicht kratzt und ein geringes Allergiepotenzial hat. Sie ist dehnfähig, gleichzeitig sehr widerstandsfähig und auch bei langer und starker Benutzung (mit korrekter Pflege) sehr langlebig.
Mohair ist das glänzende Haar der Angoraziege und wird oft als „Diamantfaser“ bezeichnet. Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften ist sie auch eine sehr begehrte Faser. Vor der Entwicklung von Kunststoffen war Mohair die Faser der Wahl für Pferdezubehör. Aufgrund gestiegener Nachfrage nach Qualitätsprodukten haben die heutigen Sattler und Reiter die Vorzüge von Mohair wiederentdeckt: Mohair nimmt bis zu 30 Prozent seines Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, ohne dass man merkt, dass es tatsächlich feucht ist! Es wirkt im Winter wärmend und im Sommer kühlend. Die antibakterielle Wirkung, aufgrund des trockenen „Trageklimas“, macht Mohair-Produkte ideal, um Pilzbildung zu vermeiden. Das weiche Produkt wird daher gerne für empfindliche oder junge Pferde im Wachstum verwendet.

Sitzt, passt, wackelt und hat Luft

Ein Gurt kann aus noch so gutem Material hergestellt sein: Wenn er die falsche Länge und Lage hat, verursacht er eher Probleme. Daher gibt es bei der Auswahl der Gurtlänge ein paar Dinge zu beachten: Der Sattelgurt sollte (egal ob Kurz- oder Langgurt!) immer gleichmäßig auf beiden Seiten im gleichen Loch der Gurtstrippen enden. Andernfalls zieht der Gurt einseitig am Sattel, und der Zug wirkt schief auf den Pferdekörper ein. Das kann eine Störung im Gang und der Balance auslösen. Zum Langgurt ist hinzuzufügen, dass er fertig gegurtet in etwa der Mitte der Gurtstrippen geschnallt werden sollte.
Beim Kurzgurt ist es enorm wichtig, eine Handbreit über dem Ellenbogenhöcker und etwa eine Handbreit vom Sattel entfernt zu gurten. Bei geringer Fläche zwischen Ellenbogenhöcker und Sattel kann der Abstand zum Sattel jedoch vernachlässigt werden. Der Abstand zum Ellenbogenhöcker hat Priorität, da dieser auf keinen Fall mit den Schnallen in Berührung kommen darf. Offene Ellenbogen und Schmerzen durch Streifen bei der Bewegung wären sonst das Resultat für die Pferde! Am besten ist es hier tatsächlich, den Knochen zu erfühlen, eine gute Handbreit in der Höhe dazuzugeben und dann mit einem flexiblen Maßband auf gleicher Höhe zu messen.
Bei einem Kurzgurt ist ein Schnallenschutz unbedingt erforderlich. Unter der Pferdehaut liegt im Bereich der Kurzgurtschnallen ein empfindliches Nervengeflecht, das bei direktem Kontakt mit den Schnallen unangenehmem Druck ausgesetzt wird. Die Verwendung eines Kurzgurtes ist daher NUR mit einem hochwertigen Schnallenschutz möglich! Da auch dieser direkt auf der Haut aufliegt, empfehle ich ausschließlich die Nutzung von Naturmaterialien.
Leder oder Wollfilz eignen sich dafür besonders gut. Wichtig ist hier, auf die Qualität zu achten: Beim Leder sowie beim Wollfilz gibt es sehr große qualitative Unterschiede. Zudem sollte der Schnallenschutz eine ausreichende Polsterung aufweisen. Ein zu dünnes Stück Leder oder Filz kann dem Pferd nicht den benötigten Schutz gewährleisten. Bei sehr empfindlichen Pferden habe ich gute Erfahrungen mit einer zusätzlichen Unterpolsterung mit Lammfell gemacht. Sie erhalten im Handel auch Schnallenschutz aus Neopren oder Polyester, diese sind keineswegs zu empfehlen. Sie reiben auf der Haut und ihre Polsterwirkung ist zu gering.

Kurz- oder Langgurt?

Aus meiner Sicht ist ein Kurzgurt immer die schlechtere Wahl, jedoch ist letztlich die Gurtlage des Pferdes entscheidend. Um einen Langgurt verwenden zu können, lassen sich viele Sättel, wenn notwendig, von einem Sattler auf kurze Strippen umrüsten.

Empfehlung zur Anwendung und Pflege

Bei der Nutzung eines Schnurgurtes aus Naturmaterialien sollte unbedingt auch das Gurten selbst beachtet werden! Durch die Dehnfähigkeit dieser Gurte darf keinesfalls „auf Anschlag“ gegurtet werden. Messen Sie den Gurt am besten zu zweit mit einem flexiblen Maßband von der einen zur anderen Seite unter dem Bauch durch. Dieses Maß ist entscheidend, und in diese Löcher muss auch gegurtet werden. Gurten Sie den Schnurgurt zu fest, fällt der Vorteil der Elastizität weg, und Ihr Pferd spürt einen anhaltenden und unangenehmen Druck. Deshalb sollten Sie sich immer an das gemessene Maß halten. Gurte aus Naturmaterialien sollten nicht gewaschen werden, damit die Faser ihre positiven Eigenschaften nicht verliert. Gründliches Trocknen und vorsichtiges Ausbürsten reicht in aller Regel aus. Sollte Waschen unumgänglich sein, waschen Sie den Gurt von Hand in leichter Seifenlauge und lassen ihn schonend und ausreichend trocknen.

INFO

Nina verwendet für ihren Schnallenschutz 100 % unkarbonisierten Wollfilz. Er enthält natürliches Wollfett und ist damit schmutzabweisend und atmungsaktiv. Der Schnallenschutz entstand in Zusammenarbeit mit ihrer Mutter, die sich mit ihrer Firma SattelTraum (www.SattelTraum.com) auf die Herstellung von baumlosen Filzsätteln und Maßschabracken spezialisiert hat.

NINA WÜHLE

… kennt als ausgebildete Pferdephysiotherapeutin die Probleme rund um den Sattelgurt bestens. Bei der Umsetzung und Entwicklung der Schnurgurte kam ihr ihr erster Lehrberuf als Raumausstatterin zugute. Ninas Schnurgute aus Baumwolle und Mohair sind in ihrem Onlineshop erhältlich.

Weitere Infos: www.reiten-wie-am-schnuerchen.de


(Foto: Nina Wühle)

(Foto: Nina Wühle)