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Wie Anton zu Nyanatiloka wurde


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 26.11.2018

Um die Jahrhundertwende kam derBuddhismus in Deutschland in Mode. Auch ein junger Musiker aus Frankfurt brach mit seinem alten Leben und verschrieb sich der fernöstlichen Lehre.


Auf der kleinen Insel im Ratgama-See sah es schlimm aus: Urwaldgestrüpp überwucherte alle Wege, die Hütten waren mutwillig niedergebrannt worden, Schlangen und wilde Hunde machten das Terrain unsicher. Konnte man hier noch wohnen? Das fragten sich die beiden buddhistischen Mönche, die im Mai 1926 mit dem Boot anlegten.

Zwölf lange Jahre war es her, dass Nyanatiloka und sein Begleiter Vappo die grüne Abgeschiedenheit nahe der ...

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... Südwestküste von Sri Lanka, das damals noch Ceylon hieß, hatten verlassen müssen, weil der Erste Weltkrieg auch ihr Idyll nicht verschont hatte. Nun hatten die friedlichen Asketen eine Exil-Odyssee hinter sich, waren mehrfach interniert gewesen, hatten Hunger, Kälte, Krankheiten und viele andere Strapazen ertragen müssen. Aber immer war ihnen die Sehnsucht geblieben, auf ihr paradiesisches Eiland zurückzukehren. Hier war ihr Zuhause, hier wollten sie beten, heilige Texte studieren, lehren und nach den Regeln des Buddha leben, wie sie das seit 1911 getan hatten.

Klostergründer
In Sri Lanka, damals noch Ceylon, wurde aus Anton Gueth der Mönch Nyanatiloka mit einem eigenen Kloster. 1909 reiste er in die Nähe von Lugano in der Schweiz, um dort mit Mitstreitern das erste buddhistische Kloster in Europa zu gründen. Das Bild zeigt die Mönche 1907 in Rangun, Nyanatiloka ist ganz rechts zu sehen.


Ein preußischer Oberpräsidialrat verkündete markig, der Buddhismus sei Europas »Religion der Zukunft«.


Die beiden Männer in gelben Gewändern unterschieden sich von den anderen Mönchen Südund Ostasiens. In Nyanatilokas Geburtsurkunde stand der Name Anton Walther Florus Gueth und das Jahr 1878. Genau wie der treue Vappo, der ursprünglich Ludwig Stolz hieß und aus Elberfeld stammte, war Nyanatiloka deutscher Staatsbürger – und zugleich ein Pionier: der erste echte buddhistische Mönch europäischer Herkunft.

Er selbst hat seinen Lebensweg immer als vorbestimmt gesehen. »Schon vor meinem 10. Lebensjahr regte sich in mir das Verlangen, mich einmal ganz dem reli giö sen Leben zu widmen«, schrieb er später in autobiografischen Notizen. »Mein ganzes Streben richtete sich darauf, als Einsiedler oder Mönch zu leben.«

Schon vor der Jahrhundertwende wandte er sich ab von der katholischen Tradition, die in seinem Elternhaus gepflegt wurde. Mit 17 Jahren wurde er Vegetarier – begünstigt durch eine »Vorliebe für Haferbrei« – und begann in philosophischen Büchern nach Weisheit und tieferem Lebenssinn zu suchen. Er las Platon und Kant, aber »vor allem studierte ich mit äußerster Gründlichkeit die gesammelten Werke Schopenhauers in sechs Bänden«.

Viele waren damals in ähnlicher Weise auf der Suche. Die Autorität der Kirchen zerfiel rapide; auch akademische Philosophen lieferten kaum noch geistigen Rückhalt. Und echte Sinnangebote fanden sich auch in den blühenden Naturwissenschaften nicht. Also suchte man anderswo – etwa in den glänzend geschriebenen Büchern von Arthur Schopenhauer.

Von hier war der Weg zum Bud dhis mus nicht mehr weit: Schopenhauer, dessen pessimistische Weltanschauung sich seit etwa 1850 in bürgerlichen Kreisen stark ausbreitete, hatte selbst in der von ihm propagierten Willensverneinung buddhistische Züge erblickt. Wer mehr wissen wollte, konnte beispielsweise Hermann Oldenbergs Werk »Bud dha« (1881) studieren. Oldenbergs Schüler Karl Eugen Neumann übersetzte dann zwischen 1891 und 1912 große Teile der Originalschriften des Pali-Kanons ins Deutsche und erreichte damit ein großes Publikum.

»Angesichts des Versagens christlich-euro - päischer Werte schien der Rückgriff auf religiösphilosophische Systeme aus Persien, Indien und China eine kulturelle Erneuerung und intellektuelle Sinngebung zu gewährleisten, so glaubten ihre Interpreten und Vermittler«, skizziert Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern, den Trend. Anregend wirkten dabei auch deutsche Tochtergruppen der »Theosophischen Gesellschaft«, einer 1875 in New York gegründeten Esoteriker-Vereinigung, die binnen weniger Jahre etliche Elemente des Buddhismus übernommen hatte.

In den Kreisen religiös heimatlos Gewordener – meist aus mittleren bis gehobenen Schichten, oft mit Nähe zu den Lebensreform-Bewegungen der Jahrhundertwende – stieß das Angebot aus der Ferne also auf wohlwollendes Interesse. War der Buddhismus gar, wie ein preußischer Oberpräsidialrat namens Theodor Schultze 1893 markig verkündete, Europas »Religion der Zukunft«?

So weit dachte der junge Anton Gueth offenbar gar nicht. Er strebte eine Laufbahn als Konzert-geiger an, studierte in Frankfurt Musik. Doch dann entschied sich für ihn die Sache rasch und konsequent. »Nach einem im vegetarischen Speisehaus ›Coros‹ gehaltenen Vortrag über Buddhismus von dem bekannten Theosophenredner Edwin Böhme wurde ich ein begeisterter Anhänger des Buddhismus. « Schon am nächsten Tag bekam er von seinem Geigenlehrer, der das Asketentum heimlich bewunderte, einen seit 1888 recht verbreiteten »Buddhistischen Katechismus« geschenkt – mit der Ermahnung, nicht etwa verrückt zu werden und als Eremit zu enden.

Einsiedler In seinem Kloster, der »Island Hermi - tage« in Sri Lanka, übersetzte Nyanatiloka buddhistische Schriften, bevor ihn die Weltkriege ins Exil trieben. Erst 1946 kehrte er zurück. Das Bild unten links zeigt ihn in der Mitte auf einem Kongress in Birma 1929. Das Bild oben entstand etwa 1956. Nyanatiloka ist der Mönch im weißen Gewand.

Abgeschiedenheit
Nyanatilokas »Island Hermitage« auf der Insel Polgasduwa liegt in der Nähe der Ortschaft Dodanduwa in Sri Lanka. Bis heute ist das Kloster ein Treffpunkt für Buddhismus-Interessierte, vor allem aus dem Westen.


Genau danach freilich sehnte sich der junge Geiger: nach einem Mönchsleben im Osten. Über seine persönlichen Beweggründe, seine Gedanken oder auch möglichen Zweifel notierte Gueth nichts, allein sein Lebensweg gibt Hinweise darüber, wie ernst es ihm mit seinem Anliegen war, wie tief ihn der Buddhismus beeindruckt zu haben scheint.

Auf verschiedenen Orchesterstellen arbeitete er sich ab 1902 immer weiter in Richtung Orient vor, bis er sich das Geld zur Überfahrt nach Bombay erspielt hatte; im Juli 1903 betrat er zum ersten Mal die Insel Ceylon. In Rangun, der Metropole von Birma (dem heutigen Myanmar), wurde er Novize und schon bald darauf zum Vollmönch (Bhikkhu) ordiniert. Bei Matara an der Südspitze Ceylons bezogen er und ein paar Mitbrüder ihre erste Insel-Einsiedelei, »wo wir dann in kleinen Kokosblätterhütten wohnten«.

Emsig studierte der junge Mann Pali, die Sprache der buddhistischen Schriften, um möglichst tief in die geistige Sphäre der Lehre einzudringen. Sein neuer Name Nyanatiloka wies ihn als »Kenner der drei Welten« aus – der sinnlichen, formhaften und formfreien.

Aber auch ganz praktisch bewegte sich der Aussteiger aus Europa virtuos zwischen geistigen Welten: Für deutsche Leser stellte er ein Einführungsbuch mit dem Titel »Das Wort des Buddha« zusammen, und er begann das »Anguttara-Pitaka«, die Reden des Buddha, ins Deutsche zu übersetzen. Die Verbreitung der Lehre war sein Lebensziel geworden.

Obwohl sich in seinem Kloster gerade die ersten Novizen zum Studium eingefunden hatten, reiste er deshalb nach Europa, um mit Spendengeldern ein buddhistisches Kloster in der Südschweiz zu errichten. Den Winter 1909 verbrachte er in einer primitiven Sennhütte auf 800 Meter Höhe in der Nähe von Lugano. Er fror erbärmlich, obendrein zerschlugen sich die Klosterpläne. Dennoch »arbeitete ich auch, im Schnee sitzend, an meiner Paligrammatik «.

Nach Ceylon zurückgekehrt, gründete er mit einigen Mönchen und Novizen auf der winzigen Insel Polgasduwa (Kokosinsel) im Ratgawa-See nahe der Küstenstadt Matara seine »Island Hermitage « – anfangs nicht mehr als »fünf primitive Holzhütten«, später kleine Häuschen aus sonnengetrockneten Ziegeln und Kalkmörtel mit Fliesenboden. Dort hätte er bleiben mögen, meditierend und übersetzend, gelegentlich zu frommen Reisen und Begegnungen aufbrechend. Doch der Erste Weltkrieg zerstörte diesen Plan. Schon im August 1914 internierten die britischen Kolonialbehörden die deutschen Mönche als »feindliche Ausländer«. Nach Irrfahrten über Australien bis Honolulu strandete Nyanatiloka in China.

Doch auch jetzt arbeitete er weiter, wenngleich unter widrigen Umständen. In Tschunking am Jangtsekiang brachte er »meine sechsbändige Übersetzung des Anguttara-Nikaya im Unreinen zu Ende, die ich dann nach unserer Rückkehr nach Hankow (Wuhan) mit der vom Konsulat geliehenen Schreibmaschine ins Reine übertrug … Die Kopie habe ich auf gelbem Abortpapier hergestellt. – Hier wurde ich häufig von drei Deutschen besucht, mit denen ich vierstimmige Lieder und Chöre einstudierte. Auch habe ich hier Goethes ›Wanderers Nachtlied‹ für vierstimmigen Chor komponiert und hier zusammen gesungen«.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden alle Ausländer von den Briten »repatriiert«. Ein Jahr verbrachte der Mönch auf diese Weise in Deutschland, bevor er 1920 in Tokio Fuß fassen konnte. Erst 1926 kehrte er mit seinen treuen Weggefährten nach Polgasduwa zurück. Zwar war das Kloster zerstört worden, doch der Wiederaufbau schien möglich.

Tatkräftig stellten die gelehrten Mönche den früheren Zustand der Insel wieder her, neue Novizen trafen ein, und bald war, wie Gästebücher beweisen, die »Island Hermitage« sogar für europäische Buddhisten ein Pilgerziel. 1936 ordinierte Nyanatiloka seinen späteren Lieblingsschüler und wissenschaftlichen Erben Siegmund Feniger unter dem Namen Nya na ponika.

Doch der Zweite Weltkrieg brachte einen weiteren Rückschlag: Wieder wurden die ausländischen Eremiten der Kolonie interniert. Wieder trug der alternde Nya na ti loka ergeben sein Schicksal; 1941 vollendete er als Gefangener nördlich von Delhi ein deutsches »Buddhistisches Wörterbuch «. Es erschien im Herbst 1946, als die Mönche gerade erst nach Ceylon zurückkehren durften.

Diesmal wurden sie mit Verehrung empfangen; ihr Kloster bekam sogar die ungefähr ebenso große, über einen Fußsteg erreichbare Nachbarinsel geschenkt. Als aus Ceylon im April 1950 der unabhängige Staat Sri Lanka wurde, nahm Nyanatiloka stolz dessen Bürgerrecht an.

Mittlerweile hatten Reisen, Krankheiten und Strapazen den zähen Gelehrten mürbegemacht. Ein Hexenschuss zwang ihn zum Umzug in ein Kloster im Zentrum Sri Lankas. Noch zweimal nahm er an großen buddhistischen Kongressen in Rangun teil. Als er 69-jährig in Colombo starb, wurde er mit einem Staatsbegräbnis geehrt.

Seine Übersetzungen genießen bis heute auch in Fachkreisen Respekt. Einen wichtigen Grund dafür hat sein Schüler Nyanaponika genannt: »Seine Art zu schreiben spiegelte seine Lebenshaltung und seinen Charakter. Er war kein Freund von Ausschmückungen und Wortreichtum, sei es im Druck oder im Gespräch. Er bevorzugte Klarheit der Gedanken und der Sprache und liebte nicht Verschwommenheit und Vieldeutigkeit.«

»SIDDHARTHA« – EIN BUDDHISTISCHER BESTSELLER?

Wie buddhistisch ist Hermann Hesses »Siddhartha«, der Erzählband von 1922, der sich im Lauf des 20. Jahrhunderts zum Weltbestseller mit zweistelliger Millionenauflage entwickelte? Zwar spielt die Handlung zu Lebzeiten des Buddha, ja der Erleuchtete tritt sogar auf. Aber Siddhartha, der nach Lebenssinn suchende Titelheld, wird nicht dessen Jünger, er wendet sich sogar vom Buddha ab. Erlösung und Erleuchtung, so merkt er, sind weder willentlich zu erreichen noch durch bloße Lehre. Siddhartha durchläuft einen Weg der Laster, ist kurz davor, sich zu ertränken, als eine Vision ihn bekehrt. Im einfachen, anspruchslosen Leben als Gehilfe eines Fährmanns kommt er langsam zur Erkenntnis, dass es darauf ankommt, »jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit zu denken«. Seine Geschichte vom Weg zu universeller Frömmigkeit hat Hesse, Sohn eines christlichen Missionars, nach einer Indien - reise 1911 und einer Analyse bei dem Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung so subtil und schlicht in asiatisches Ambiente versetzt, dass das Werk bis heute einen festen Platz in der spirituellen Weltliteratur behauptet.