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Wie begeistern wir Menschen wieder fürs Theater?


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 01.08.2022

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Carsten Brosda bei der Jahreshauptversammlung in Oldenburg

Liebe Mitglieder,

Claudia Roth hat eben (in ihrem digitalen Grußwort, Anm. d. Red.) pflichtschuldigst einen alten Kampagnenspruch des Bühnenvereins zitiert, den ich ja, muss ich gestehen, so gar nicht mag – um mich gleich mal beliebt zu machen bei all denjenigen, die damals dafür gestimmt haben, dass es den braucht. Aber ehrlicherweise: „Theater muss sein“? Lust auf Theater. Das Wollen. Spaß daran haben. Die Sehnsucht danach spüren, in einen Ort hineinzukommen, der mir Welten öffnen kann, die ich sonst nicht habe. Das alles ist Theater.

Aber das ist doch keine Frage des Müssens.

Und es ist erst recht keine Frage, zu deren Beantwortung ich normativ einen großen Überbau brauche, der erklären muss: Das ist jetzt so wie einen Dreisatz können oder ungefähr wissen, was die Relativitätstheorie ist. Darum geht es nicht. Es geht um etwas, das es uns ermöglicht, in aller Lust und aller Leidenschaft und ...

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... aller Liebe, die wir miteinander haben, ausprobieren zu können, was Menschsein heißt und was auch das Spielen als Mensch bedeutet.

Ehrlicherweise hoffe ich sehr, dass wir uns, wenn wir über die Frage „Wie holen wir Menschen ins Theater hinein?“ nachdenken, über diese emotionale, über diese lustvolle Kategorie des Theaters mehr Gedanken machen als darüber, wie wir Oberstufenschülerinnen oder Schülern der Sekundarstufe I erklären, warum es notwendig ist, die klassischen Dramenstoffe noch einmal in einer Regietheater-Bearbeitung auf einer Bühne sehen zu müssen, damit man kulturell irgendwie mit erweitertem Bewusstsein dann ins Leben hinausgelassen wird. Das wäre mir zu wenig.

Wir sind nicht bloß Schule, wir sind ganz was anderes. Aber dafür kann die Kulturstaatsministerin nichts. Das haben wir selbst jahrelang über uns behauptet. Insofern hat sie uns nur gespiegelt – so wie sie von uns gefordert hat, dass wir die Gesellschaft spiegeln sollen. Insofern tun wir das an der Stelle auch.

Wenn wir am Samstag hier den Dr. Otto Kasten-Preis verleihen, dann ist unter den Preisträgerinnen und Preisträgern auch die Inszenierung eines Stücks, das allein schon vom Titel auf die jetzige Situation passt: Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“, erstmalig 1942 in New Haven aufgeführt. Für all diejenigen, die das Stück noch nicht kennen oder nicht mehr erinnern: Es besteht aus drei Akten, und wir erleben, wie sich eine Familie über 5000 Jahre schleppt.

Im ersten Akt bewältigen sie die Eiszeit, weil sie irgendwie solidarisch zusammenarbeiten. Im zweiten Akt bewältigen sie die Sintflut, weil sie es gerade noch auf die Arche schaffen. Und im dritten Akt haben sie gerade einen Krieg überwunden, gehen sich dann aber trotzdem noch an die Gurgel, weil sie darüber uneins sind, was eigentlich Freiheit heißt. Der eine ist der Ansicht, Freiheit hieße, alles machen zu dürfen, auch wenn die Menschheit dabei umkäme. Dann werden sie aus ihren Rollen gerissen und stellen fest, was für einen Unfug sie anstellen, wenn sie jeder für sich in der jeweiligen Rolle versuchen, bis zum Ende durchzudenken, was ihnen Freiheit bedeutet. Sie stellen fest, dass es eben nicht den einen vorgefertigten Text gibt, der uns durch eine Katastrophe führt.

Dieses Werk von Thornton Wilder ist vielsagend. Es ist zum einen ein Lehrstück, wenn wir grundsätzlich über die Frage nachdenken, wie wir als Menschen miteinander umgehen. Und es ist zum anderen auch eine Parabel auf die Situation, in der wir uns gesellschaftlich aktuell befinden. Denn dieses „Wir sind noch einmal davongekommen“-Gefühl ist uns nicht fremd. Wenn ich an so manche Diskussionen zurückdenke, die wir gerade zu Beginn der Coronapandemie geführt haben, dann erinnere ich mich daran, dass sich nicht alle unter uns und nicht alle in der Kultur – insbesondere unter den freiberuflich Tätigen – sicher waren, ob sie „durchkämen“ und mit dem, was sie tun, „davonkommen“ würden. Und wir erleben auch, dass jetzt, wo die Häuser wieder allen offenstehen, mitnichten alle „unbeeinflusst“ und „unbeeindruckt“ von dem, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, durchgekommen oder davongekommen sind. Einige sind wiederum in dem Sinne davongekommen, als dass sie nicht mehr an den Häusern arbeiten. Und wir erleben die Schwierigkeiten, sie davon zu überzeugen, wieder an den Häusern anzufangen. Denn natürlich sind zum Beispiel die Arbeitsbedingungen außerhalb der Theater auch ganz attraktiv. Wer in einem technischen Beruf arbeitet und plötzlich nicht um ein Uhr nachts noch einen Nacht-Abbau machen muss, damit am nächsten Morgen die Probe wieder stattfinden kann, sondern einfach um 17 Uhr Feierabend hat und um 17:30 Uhr seine Familie sieht und das Gehalt das gleiche ist, der kehrt jetzt vielleicht auch nicht mehr ohne Weiteres zurück. Da braucht es Überzeugungsarbeit.

Das sind Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir über die Fragen sprechen, was es eigentlich heißt, davongekommen zu sein, und wie wir miteinander umgehen wollen.

Und ich glaube, dass die Fragen, die wir hier miteinander intensiv diskutieren – wie wir Theater als gute Arbeitgeber aufstellen wollen und, wie wir das Theater zu einem attraktiven Ort des künstlerischen

Wir erneuern das Theater, indem wir produzieren und es im Produktionsprozess besser machen – nicht, indem wir abstrakt überlegen, wie wir es besser machen könnten.

und kreativen Arbeitens machen wollen – dass diese Fragen ganz essenziell auch etwas mit unserer Fähigkeit zu tun haben, die Lust, die Leidenschaft und die Freude am Spielen im Theater zu ermöglichen.

Diese beiden Dinge sind, auch wenn wir sie häufig getrennt voneinander diskutieren, zwei Seiten der gleichen Medaille, und wir sollten beide Seiten betrachten.

Denn klar ist doch: Wir werden nicht in der Lage sein, das Theater als – wie es früher einmal so schön hieß – „moralische Instanz“ oder auch nur als den Raum des gemeinsamen gesellschaftlichen Nachdenkens und Spekulierens darüber, wie es sein könnte, aufrechtzuerhalten, wenn wir gleichzeitig erbitterte Debatten darüber zu führen haben, wie eigentlich die Verhältnisse in den Theatern sind. Damit konterkarieren wir sowohl unseren ethischen als auch unseren gesellschaftlichen Anspruch.

Am vermeintlichen Ende des Stücks „Wir sind noch mal davongekommen“ sagt die Figur Sabina, die die beiden Streithähne im dritten Akt aus der Rolle holt, der Schluss des Stücks sei noch nicht geschrieben. Das gilt auch für das Theater.

Der Schluss des Stücks ist überhaupt nicht geschrieben. Immer wenn wir glauben, wir hätten ein Kapitel, einen Akt durch oder eine Szene beendet, kommt die nächste. Und das wird auch so bleiben.

Deshalb werden wir das, was wir miteinander zu bearbeiten haben, als dauerhafte Aufgaben betrachten müssen.

Aktuell wird von Zeitenwenden gesprochen – nicht nur mit Blick auf einen Krieg, den Russland mitten in Europa gegen die Ukraine führt, sondern auch mit Blick auf die Bewältigung der Coronafolgen, mit Blick auf die gigantische Frage der Umsteuerung unserer gesamten gesellschaftlichen Ressourcen auf einen klimaschonenden Verbrauch und mit Blick auf die Frage, wie eigentlich Zusammenhang und Zusammenhalt unserer Gesellschaft künftig gelingen soll. Das sind alles Fragen, die auf der Agenda stehen und auf die wir Antworten brauchen oder die zumindest von uns verlangen, dass wir uns ihnen stellen. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Ventile und die Räume für das Publikum öffnen, sich diesen Themen einmal nicht stellen zu müssen. Auch das gehört dazu. Eine gesellschaftliche Fähigkeit zur Bearbeitung solcher Fragen kann auch gefördert werden, indem zwei Stunden kleine Alltagsfluchten möglich werden. Einfach mal durchatmen können und sich woanders hinträumen können, auch mal außerhalb dieser Schwierigkeiten und dieser Düsternis sein, von denen man manchmal das Gefühl hat, dass sie uns erdrücken. Das gehört auch dazu.

Das ist auch etwas, was die gesellschaftliche Aufgabe von Theater ausmacht, und wenn wir uns nicht mit aller Verve darum kümmern: Wer macht es dann?

Vor einem Jahr, bei der 175-Jahr-Feier des Bühnenvereins, stand ich mit Kathrin Mädler hier auf der Bühne, und wir haben in einer Art „Duett“ eine Rede vorgetragen. Dafür hatten wir einen Text gewählt, den Max Frisch auf der Dramaturgentagung in den 1950er-Jahren in Frankfurt gehalten hat. Und im Kern geht es darum: Der Theaterintendant sitzt vor seinem verschlossenen Haus, keiner weiß, wo der Schlüssel ist, die Tauben kacken aufs Dach, wie es so schön bei Max Frisch heißt. Aber noch schlimmer: Keiner in der Stadtgesellschaft, außer dem Intendanten, weiß noch, was eigentlich in dem Haus mal passiert ist. Und die Frage ist: Wie macht er denen das klar, was da mal passiert ist?

Und wie macht er denen klar, warum es das braucht, was dort mal passiert ist? Das ist eine Fragestellung, die uns jetzt noch einmal viel stärker ereilt als bereits vor einem Jahr: Wie kriegen wir Bürgerinnen und Bürger zurück, die zwar noch wissen, was das Theater ist, die sich aber manchmal durchaus Fragen stellen wie: „Muss ich denn da noch hin?“ Oder: „Was gibt mir das denn? Geschichten werden doch auch auf Netflix erzählt …“

Wenn ich lese, dass „50 Prozent Auslastung das neue ‚Ausverkauft‘ seien“, wie es letzte Woche in einem Feuilleton zu lesen war, dann wird mir angst und bange. Denn als Rechtsträgervertreter, der ich als Senator bin, kenne ich die Finanzierungslage der Theater und kann sagen:

Betriebswirtschaftlich ist 50 Prozent nicht das neue Ausverkauft – maximal vielleicht noch, solange es den Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen gibt. Der läuft aber zum 31. Dezember dieses Jahres aus. Spätestens dann ist es das nicht mehr. Insofern ist schon jetzt durchaus die Frage: Wie kriegen wir die Häuser wieder voll? Und das nicht nur betriebswirtschaftlich betrachtet, sondern auch, weil wir wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger sehen, was wir produzieren. Weil wir der Meinung sind, dass das einen Wert hat, was wir tun. Weil wir wollen, dass eine Gesellschaft sich damit auseinandersetzt. Weil wir fest davon überzeugt sind, dass sie, wenn sie es tut, schlauer und besser durch diese Zeit kommt. Dieses Selbstbewusstsein sollten wir an den Tag legen.

Genau um diese Fragen sollten wir dann auch miteinander kämpfen und uns darum kümmern, dass wir dieses Bewusstsein für den Wert unseres kulturellen Angebots tatsächlich auch zu unserem Publikum tragen können. Daran lohnt es immer wieder aufs Neue zu erinnern.

Max Frisch hat die Frage damals aufgelöst, indem er sagte, das Besondere am Theater sei, dass wir auf dieser Bühne spielerisch ergründen könnten, wie die Welt noch sein könnte. Und das stimmt. Durch dieses Spielen des Umstands, wie die Welt noch sein könnte, durch das Spekulieren, das Imaginieren, das kreative Ausloten von Alternativen, stellen wir auf einmal fest, dass die Welt tatsächlich veränderbar ist, weil das andere denkbar und spielbar ist. Und genau diese Fähigkeit brauchen wir als Gesellschaft heute vielleicht noch mal mehr als vor einem Jahr – die Fähigkeit, festzustellen, dass die Welt veränderbar ist, weil wir sie uns anders vorstellen und diese Vorstellung miteinander teilen können. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir verstehen, dass Theater eine öffentliche Angelegenheit ist. Manchmal, wenn ich bei Veranstaltungen bin, die im Theaterkontext stattfinden, und mir den ein oder anderen Vortrag anhöre, habe ich das Gefühl, dass manche es völlig okay fänden, wenn wir noch mal zwei Jahre alle Türen zumachten. Das Publikum draußen halten und nun intensiv nur im Betrieb miteinander darüber diskutierten, wie wir es noch machen könnten – das sei ein wünschenswerter Zustand. Denn dann sei das Theater so vollständig bei sich. Dem kann ich nur sagen: Das ist eine Fehlwahrnehmung.

Es ist unsere Aufgabe, öffentlich messbar besser zu werden.

Erstens haben wir das jetzt zwei Jahre lang gehabt, und wir waren nicht gerade nur erfolgreich in diesen Diskussionen. Das Zweite ist eine Einsicht aus der Politik.

Es gibt in der Politik auch immer diesen schönen Satz: „Diese Partei gehört mal in die Opposition, damit sie sich da erneuern kann.“ Machen Sie mal das Gedankenexperiment und finden Sie eine Partei, die sich in der Opposition erneuert hat. Parteien erneuern sich nicht in der Opposition. Parteien erneuern sich in der Regierung, wenn sie gefordert sind, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, und nicht in Programmen aufschreiben können, wie sie sich die Welt wünschen, sondern feststellen müssen, wie die Welt ist, und dann praktische politische Antworten darauf entwickeln müssen.

Und für das Theater gilt das Gleiche: Wir erneuern das Theater, indem wir produzieren und indem wir es im Produktionsprozess besser machen. Aber wir erneuern es nicht, indem wir abstrakt überlegen, wie wir es besser machen könnten, wenn wir denn irgendwann mal wieder anfangen würden, es zu tun.

Ich hoffe sehr, dass wir als Bühnenverein ein Ort werden, an dem wir auf dieses „Machen“ kommen und wir tatsächlich besser werden, Schritt für Schritt, Stück für Stück, nicht mit dem einen großen Aufschlag. Dafür müssen wir anerkennen, dass das, was wir tun, eine Angelegenheit von öffentlichem Belang ist, und uns in die Öffentlichkeit stellen, um so öffentlich besser zu werden. Das sollte unser aller Anspruch sein, und zwar auch in Hinblick auf unsere internen Belange: Es ist unsere Aufgabe, öffentlich messbar besser zu werden. Und wir wissen auch, dass wir die ein oder andere heftige Diskussion führen müssen. Aber das können wir auch, wenn wir selbst davon überzeugt sind, dass das, was wir tun, und das, was wir künstlerisch anzubieten haben, auch von öffentlicher Relevanz ist.

Und ich gehe davon aus und hoffe inständig, dass alle, die hier im Saal sind, von dieser Überzeugung bis zu den Haarspitzen gefüllt sind und diese Überzeugung weitertragen. Nur dann kann es uns gelingen, dass wir tatsächlich diese beiden Seiten – die öffentliche Relevanz in den inhaltlichen Positionierungen des Theaters und die innere Verfasstheit des Theaters als ein guter Arbeitgeber und ein Ort des guten künstlerischen und kreativen Produzierens – miteinander in Beziehung setzen und gemeinsam Schritte vorangehen können.

Dazu werden wir in den nächsten zwei Tagen sicherlich eine ganze Menge an wertvollen und wichtigen Punkten machen. Fragen wie: „Wie gehen wir mit dem Wertebasierten Verhaltenskodex oder auch mit dem Intendanz-Findungsmodell um?“ sind dabei nur zwei unter vielen.

Ich habe diese Rede mit dem Stück von Thornton Wilder begonnen, weil ich mich für den optimistischen Ausblick entschieden habe. Mir kam auch zwischenzeitlich in der Vorbereitung eine andere Familie in den Sinn, über die William Faulkner einmal geschrieben hat. Vielleicht kennen einige unter Ihnen das Buch „As I Lay Dying“. Darin geht es um eine Familie, die man heute, politisch unkorrekt, als „White Trash“ bezeichnen würde. Ende des 19. Jahrhunderts gab es diese Bezeichnung noch nicht. Aber es geht um weiße Parias am Rande eines Countys in Mississippi – in dem die meisten Geschichten Faulkners spielen.

Und die Handlung geht so: Die Mutter der Familie stirbt im Hochsommer, und die Familie hat ihr versprochen, sie in der 80 Meilen entfernten Hauptstadt des Countys zu beerdigen. Und dann machen sie sich auf den Weg. Die Mutter wird im Sarg auf den Planwagen gehievt und im Hochsommer bei entsprechenden Temperaturen in Mississippi eine Woche lang durch das County gezogen, bis die Familie in der Kreisstadt angekommen ist. Und zwischenzeitlich entblättert sich, dass das, was als die Imagination des großen familiären, solidarischen Aktes beginnt, eigentlich nur etwas damit zu tun hat, dass jeder den Vorwand braucht, um in der Kreisstadt dann etwas ganz anderes zu tun. Der

Vater braucht neue Zähne und will seine Geliebte heiraten. Die Tochter braucht eine Abtreibung, und die beiden Söhne wollen Unsinn machen. Das ist auch ein Bild einer Familie, die sich durch die Zeit schleppt. Und zwar einer, die nur noch so tut, als ob sie wisse, warum sie zusammen ist, während der Identifikationskern hinten auf dem Planwagen verrottet. So sollten wir nie werden.

Wir sollten alle Menschen einladen, diesen Moment neben der Wirklichkeit zu betreten.

Ich sage das, weil manche den Eindruck erwecken, wir seien schon so. Das stimmt nicht. Es ist an uns, diesen Eindruck zu zerstreuen. Wenn wir nur andere darüber reden lassen, wie die Theater vermeintlich sind, dann entsteht und verfestigt sich dieser Eindruck. Wenn wir aber selbst unsere Geschichte erzählen, in all der Vielgestaltigkeit, wenn wir selbst Vorschläge entwickeln, wie wir Theater weiterentwickeln und lebendig erhalten, und wenn wir selbst uns daran machen, deutlich zu machen, warum es unsere Arbeit braucht, dann haben die Geschichten der anderen keinen Resonanzraum. Es braucht in diesen Debatten unseren Beitrag. Den Bühnenverein sollten wir als einen Ort begreifen, an dem wir diese Geschichte – unsere Geschichte – erzählen können. Eine Geschichte, in der man es eben schafft, Menschen aus ihren Rollen herauszuzwingen, damit sie erkennen, was für einen Unsinn sie im Alltag machen. Denn das ist das Paradoxe an der Thornton-Wilder-Geschichte: In dem Moment, in dem wir aus der Rolle heraustreten, entdecken wir, was für einen Unsinn wir manchmal anstellen. Das Theater kann Menschen dazu zwingen, aus ihren gesellschaftlichen und sozialen Rollen herauszutreten, weil wir hier erkennen, dass wir uns in diesen Rollen bewegen, und weil wir erkennen, was für einen Unsinn wir in diesen Rollen momentan allerorten machen. Erst, wenn wir das erkennen, sind wir in der Lage, etwas zu verändern. Der Autor und Filmemacher Alexander Kluge hat einmal von der Fähigkeit der Kunst gesprochen, einen Moment neben der Wirklichkeit zu öffnen und diesen Moment betretbar zu machen.

Das kann auf den Bühnen passieren. Wir sollten rausgehen und alle Menschen in diesem Land und überall auf der Welt einladen, diesen Moment neben der Wirklichkeit zu betreten und sich in diesem Moment Gedanken zu machen, wie wir diese Welt insgesamt verbessern und verändern können. Dass das geht und dass das auch in gesellschaftlichen Krisensituationen geht, das zeigen uns die historischen Beispiele. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, aus Gelsenkirchen, und darf jetzt in Hamburg Kultursenator sein.

Wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt und in Hamburg Kultursenator ist, dann geht es relativ schnell um die Geschichte der Ruhrfestspiele. Das Ruhrgebiet produziert die Kohle, die Hamburger Theater fahren runter und nehmen die Kohle mit, damit sie in Hamburg heizen konnten. Sie bedanken sich später, indem sie dort Theater spielen. Das heißt: Schon Ende der 1940er-Jahre wurde wieder gespielt. Der Wunsch und Wille der Menschen, dass gespielt wurde, war so groß, dass das ging.

Warum soll das jetzt nicht gehen? Und warum glauben wir, dass wir Menschen nicht davon überzeugen können, sich für dieses Spiel zu interessieren?

Diese Herausforderung sollten wir alle miteinander annehmen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn wir das tun, wir noch zigmal werden sagen können: „Wir sind davongekommen.“ Und dann werden wir vielleicht auch noch zigmal sagen: „Es ist uns gelungen, diese Gesellschaft ein kleines Stück besser und vernünftiger zu machen. Und lustvoller.“

Daran miteinander zu arbeiten, darauf freue ich mich.