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Wie Classic ist eigentlich Classic?


PC Games Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 30.10.2019

Die Classic-Server von World of Warcraft sind da – schaffen sie es, das Flair des vor knapp 15 Jahren gestarteten MMOs wieder einzufangen?


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Bildquelle: PC Games Magazin, Ausgabe 11/2019

Auf die Frage „Macht ihr einen Classic-Test?“ habe ich in den vergangenen Wochen nur mit den Schultern gezuckt. Wenn überhaupt, so stand für mich fest, dass es dann kein echter Test wird, sondern eher ein Revue-passieren-Lassen aktueller und damaliger Erfahrungen. Vielleicht ein Vergleich. „Keine Wertung“, gab ich schließlich zur Antwort. Denn wie soll man den Abenteuern, die sich aktuell auf den Classic-Servern von WoW erleben lassen, eine Wertung aufdrücken? Dass ...

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... WoW Classic heutzutage nicht mehr die bahnbrechenden 90er-Wertungen wie 2005 und 2006 einheimsen würde, das ist wohl jedem unter uns klar. Davon mal abgesehen ist Classic rein technisch gesehen nicht Classic, um damit schon einmal die Antwort auf die Eingangsfrage vorwegzunehmen. Und doch … ist es schon ein bisschen Classic. Verwirrend? Finde ich auch. So verwirrend, dass ich den Classic-Servern keine Wertung gebe, sondern mit diesem Text einfach nur als WoW-Spieler der ersten Stunde einen Vergleich ziehe – zum World of Warcraft von damals und zum World of Warcraft von heute.

Kaufen oder nicht? Skillränge können verdammt teuer werden. Heiler konservieren ihr Mana deswegen über Downranking.


Frankensteins Monster

Wie bereits erwähnt, ist das, was ihr auf den Classic-Servern erlebt, nicht das originale World of Warcraft, sondern eher davon inspiriert. Das kennt man schon von diversen filmischen Umsetzungen von Romanvorlagen, etwa Ein Lied von Eis und Feuer und Game of Thrones. Blizzards Entwickler haben sich die aktuelle WoW-Technik geschnappt und damit versucht, das originale WoW als Nachbau zu reanimieren. Herausgekommen ist dabei etwas, was zusammengestückelt, riesig und ein bisschen strange ist – eben wie Frankensteins Monster. An der Stelle lässt sich sagen: Die Classic-Macher haben dabei einen erstaunlich guten Job abgeliefert. Das, was ich auf dem Classic-Server vorfinde, ist sehr Classic und weckt Erinnerungen an WoW-Zeiten, als Minmaxing und Charakterboosting noch nicht das höchste aller Gefühle waren. Damals war WoW noch ein Marathon und nicht wie heute ein 100-Meter-Sprint. Bevor ich mich aber in absoluter Nostalgie ergehe – und ja, das werde ich tun –, gibt’s von einigen Unstimmigkeiten zu berichten.

Classic ist teilweise sehr modern. Zum einen lässt sich WoW Classic in der ollen Grafik von 2005 spielen oder aber in einer aufgehübschten Variante, in der sich Grasbüschel zur Seite biegen, wenn mein Charakter hindurchläuft, und Wasser extrem schick aussieht. Zum anderen lassen sich Add-ons besser managen als damals, da das Interface-Framework aus dem aktuellen Client übernommen wurde. Selbst Features wie das Drag&Drop-Verschieben der Charakterporträts, Gruppenanzeigen à la Grid und die Möglichkeit, alle Briefe im Postkasten auf einmal zu öffnen, wurden in das neue Classic eingebaut. Das ist natürlich komfortabel, schmälert aber vielleicht für einige Puristen die wahre Erfahrung.

Gestatten, die Gilde MMORE buffed in vollem Glanz!


Warpwarp!

Die Classic-Version von WoW ist wie die Live-Fassung nicht vor Bugs gefeit. Das ist kein Vorwurf, die Zeiten, in denen man einem MMO jeden noch so kleinen Bug vorhalten konnte, sind definitiv vorbei. Ob mein Druide nun Post vom Trainer bekommt und dabei als „$Gjunger Druide; junge Druidin;!“ bezeichnet wird, ein totes Wildtier beim Kürschnern mit „das Ziel ist angezapft“ angezeigt wird (was zum Geier soll das bedeuten?!) oder die Lochkarten in Gnomeregan irgendwie nicht das gewohnte Icon haben … wayne. Aber es gibt etwas, was vor allem Nahkämpfern negativ auffällt. Pullt der gerne auf Tuchfühlung mit dem Feind gehende Held einen NPC-Gegner und macht ein paar Schritte rückwärts, um zu verhindern, dass weitere Adds dem Todesreigen beiwohnen, dann warpen die gepullten Kontrahenten oft ohne entsprechende Animation an die Seite oder in den Rücken des eigenen Charakters. Wie gesagt, das sollte vor allem Melee-Helden auffallen, aber selbst Fernkämpfer sind vor diesem kuriosen Verhalten nicht gefeit und müssen mitunter ihre eigene Position nachjustieren. Das nervt natürlich, wenn der begonnene, drei Sekunden (gefühlt wie drei Stunden) in Anspruch nehmende Zauberspruch verpufft, weil der Gegner plötzlich woanders als erwartet steht.

Clusterfuck

Kritikpunkt Nummer 2 hinsichtlich des Gegnerverhaltens: Clusterspawns. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit der Layer-Technologie der Classic-Server zusammenhängt oder nicht (eine Erklärung dazu findet ihr im Extrakasten auf Seite 82). Doch es passiert häufig genug, dass ich mit einem meiner Recken etwa ein ganzes Lager von Furbolgs fein säuberlich und mit nahezu chirurgischer Präzision auseinandernehme. Ein Pull nach dem nächsten, ein Monster nach dem anderen, um mich nicht zu übernehmen beziehungsweise in Lebensgefahr zu bringen. Und gerade wenn ich den letzten Fiesling zu mir gezogen habe, spawnen die bereits getöteten Feinde nach. Nicht nach und nach, wie im originalen World of Warcraft. Nein, als Clusterspawn. Das bedeutet, dass ich mich plötzlich von fünf wütenden Furbolgs mit Schaum vorm Maul umzingelt sehe, die mich schneller umbringen, als ich „Welp“ sagen kann. Warpen und Clusterspawns, das sind beides Themen, an denen die Classic-Entwickler bitte sehr gerne arbeiten dürfen.

Hohe Auslastung auf den meisten englischen Servern. Auf den deutschen sieht’s ähnlich aus, auch einen Monat nach dem Start.


Anstrengend!

Abgesehen von diesen Nervigkeiten ist das, was mir als alter Hase auf den Classic-Servern geboten wird, genau das, von dem ich niemals erwartet hätte, dass es mich noch einmal packen würde. Ich bin nämlich ein Vertreter der Fraktion „Ich hatte das schon, ich brauch das nicht“. Umso erstaunlicher ist es für mich, dass mich Classic, das nie sonderlich viel Komfort und im heutigen Verständnis von MMO-Mechaniken sogar ziemlich sperrig ist, derartig fesselt. Mein Held ist ein Nichts, ein Niemand, der in die große weite Welt gespuckt wird und dann sehen muss, wie er zurechtkommt. Meistens eher schlecht denn recht. Weil mein Charakter nichts draufhat und schon abnibbelt, wenn ihn ein aus Versehen zweiter gepullter Mob nur anpustet. Vor allem die ersten Levels in Classic boxen vom Komfort-WoW auf den Live-Servern verwöhnte Fans in den Bauch und rammen sie ungespitzt in den Boden. Leveln ist echte, harte Arbeit. Mein Held ist nicht der alles könnende Titanenschlächter aus Battle for Azeroth, der die NPC-Feinde in Angst und Schrecken versetzt und mit einem Zauber umhustet. Nein, mein Held ist ein Fliegenschiss auf der Landkarte und alles, wirklich alles in der gesamten Spielwelt ist nur darauf aus, ihn umzubringen. Mehrfach und brutal. Und das ist eine Mordsgaudi.

Weil das den Ehrgeiz in mir weckt. Erst heute starb mein Druide fünf Heldentode, weil er für eine Quest ein Giftfläschchen von einem Tisch mopsen sollte. Die bösartigen Untoten, die um den Tisch herumstanden, waren drei bis vier Levels über dem meines Charakters. Das bedeutet, die Chance, dass die Feinde meinen Katzentatzenhieben ausweichen, ist exorbitant hoch. Nach vier erfolgreich umgenatzten Untoten ist natürlich noch dieser eine Stufe-30-Dude übrig, der so oft ausweicht, pariert und widersteht, dass meinem Charakter erst das Mana zu Heilung, dann das Mana zur Mauzverwandlung und abschließend die Lebenspunkte ausgehen. Das Spiel wiederholte sich über 45 Minuten satte fünfmal, bis ich doch entnervt aufgegeben habe. Aber ich habe mich so richtig schön dran festgebissen mit dem Gedanken, dass das doch machbar sein muss. Stellt sich heraus, dass das für meinen Recken auf der Stufe eben nicht ohne Weiteres möglich ist, und das finde ich toll. WoW bietet mir auch in der freien Spielwelt endlich wieder eine Herausforderung, die nicht einfach nur nervig ist, sondern knifflig und die ich aktuell nicht bestehen kann. Dann komme ich eben später wieder.

Widerstehen, Parieren, Ausweichen – die drei Worte, die ein Classic-Held überhaupt nicht gerne liest.


Hopping galore!

Apropos später: Mein Hauptcharakter seit Classic war und ist immer noch ein Nachtelf. Ich wusste nicht, was für eine polierte Level-Erfahrung den Elfen geboten wird, bis ich auf den Classic-Servern einen Zwerg gespielt habe. Nach Dun Morogh, das schon nicht wirklich mit einem Überangebot an Quests protzt, spielte ich in Loch Modan, in Westfall, wieder in Loch Modan, in Dunkelküste, in Ashenvale, im Steinkrallengebirge, im Sumpfland, wieder in Aschenvale, wieder im Sumpfland. Dieser Charakter hat noch nicht einmal die Hälfte des Levelwegs auf Stufe 60 geschafft und schon so viele Flugmeilen gesammelt, dass Flugmeister mich und meinen Geldbeutel mitleidig anschauen.

Und gerade das ist auch irgendwie erfrischend. Die Designer von World of Warcraft haben über die Jahre so einiges an Quest-Erfahrungen ausprobiert. Angefangen beim absoluten Classic-Wildwuchs bis hin zum komplett durchgeskripteten Cataclysm hat es schon alles gegeben. Aktuell ist es in Battle for Azeroth so, dass die schier unfassbare Menge an meist belanglosen Quests die Helden mit Scheuklappen durch die Lande hetzen lässt – auf der Jagd nach dem nächsten goldenen Ausrufezeichen. Bedeutsame Storys gehen im Einheitsbrei unter und Komfortfunktionen wie Questeinblendungen auf der Karte ersticken jegliches Entdeckertum im Keim. Ja, das ist krass formuliert und ganz so schlimm ist es für die meisten Spieler wahrscheinlich nicht. Wer aber in Classic auf Add-ons wie Classic Codex oder Questie verzichtet und nicht weiß, wo sich Quests finden lassen, der ist ein echter Abenteurer, der seine Entdeckerlust voll und ganz ausleben kann.

Gelayert wird vor allem in der freien Spielwelt, in den Hauptstädten nicht. Deswegen sind die Auktionshäuser auch voll.


Kein Fastfood

Das bringt mich zum nächsten Thema. Seine Entdeckerlust kann nur der Spieler ausleben, der sich auch die Zeit dazu nimmt. Und alter Falter, WoW Classic verschlingt extrem viel Zeit! Allein die Laufwege, die meine Helden durch teilweise noch nicht einmal von Nicht-Aggro-Monstern bevölkerte Gegenden zurücklegen müssen, sind jenseits von Gut und Böse. Gefühlt die Hälfte der Spielzeit auf den Classic-Servern geht fürs Laufen drauf. Wer in der offenen Welt oder in Dungeons von den Feinden umgeboxt wird, muss laufen. Wer einfach nur zum nächsten Flugpunkt will, muss laufen – denn es gibt nur eine Station pro Region. Das Questdesign sorgt dafür, dass Helden tiefe (eingebildete) Furchen in die Landschaften Azeroths trampeln, weil sie von A nach B nach A nach B nach A nach B nach A geschickt werden. Es ist die Hölle! Und es ist gleichzeitig toll! Da lerne ich erst mal meine 250-Mount-Sammlung und diverse Geschwindigkeitsbuffs meiner Klasse auf dem Live-Server zu schätzen. In Classic ist alles langsam: Die Lebenspunktregeneration, das Laufen, das Questen, das Reisen, das Zauberwirken, einfach alles.

Das nimmt mir gleichzeitig den Stress, dem ich mich in Battle for Azeroth ausgesetzt fühle. Im aktuellen WoW ist alles darauf ausgelegt, dass ich mit dem minimalsten Zeitaufwand das maximalste Ergebnis rausholen kann. Wie in einem Action-Rollenspiel oder Loot-Shooter werden mir mittlerweile vornehmlich wertlose Epics hinterhergeschmissen. Ich weiß jederzeit, was ich wo erledigen kann, um meinen Helden in kurzer Zeit noch ein bisschen weiter zu optimieren. Ständig werde ich von den ganzen „Achtung! Achtung!“- Plaketten der Spieldesigner erschlagen, die mir irgendwelche Aufgaben aufdrücken wollen, die ich ja doch jetzt bitte sofort und in nur 15 Minuten erledigen könnte. Battle for Azeroth ist inzwischen das Disneyland unter den Themepark-MMOs, während die Classic-Server wie ein verkommenes Wildtiergehege im Wald anmuten, in dem hungrige Bären auf uns lauern.

Verloren gegangene Werte neu entdecken

Das originale WoW wurde seinerzeit als ultimativ einsteigerfreundlich gefeiert – und das war es auch, verglichen mit den Online-Rollenspielen, die es zu dem Zeitpunkt gab. Nach 15 Jahren würde das niemand mehr behaupten, nicht einmal über die Live-Version des Spiels. Jeder von der BfA-Erfahrung gebauchpinselte und verwöhnte Fan des MMORPGs wird angesichts der Classic-Mechaniken die Augen verdrehen und sich fühlen, als würde ihm das Spiel höchstpersönlich immer und immer wieder in den Hintern treten. Classic ist in meinen Augen auch nicht für diejenigen gemacht, die erst sehr viel später zum WoW-Vergnügen gekommen sind, sondern vielmehr für diejenigen, die die (Tor)Tour auf Heldenlevel damals schon hinter sich gebracht haben. Das ist kein Problem, sind die Classic-Server doch ein erweitertes Angebot des normalen Abos. Jeder kann also das spielen, worauf er Bock hat.

Dass aber vornehmlich Veteranen auf den Servern unterwegs sind, auf denen es zur Rushhour auch einen Monat nach dem Start noch Warteschlangen gibt, zeigen mir die vielen Gespräche, die ich auf meinem Realm geführt habe. Viele der Leute sind alte Hasen und bereichern die Heldenreise um Werte, die WoW im Laufe der Jahre abhandengekommen sind, etwa ein Gefühl der Gemeinschaft, des Zusammenhalts und der gegenseitigen Unterstützung etwa. Das äußert sich schon allein darin, dass Buff-Klassen ihre Unterstützungszauber auf jeden anderen, zufällig in der Nähe befindlichen Charakter verteilen, bis das Mana leer ist. Dann setzen sie sich hin und nippen an ihren Getränken, um danach fleißig weiterbuffen zu können.

Für Classic-Feelings gibt’s die Grafikeinstellung auf Stufe 3. Wem das zu unschön ist …


… der stellt die Grafikoptionen auf Stufe 10 inklusive hübschem Wasser und Schatten.


Im Steinkrallengebirge traf mein Priester auf einen Magier, der an mir vorbeiwetzte, dann den Rückwärtsgang einlegte und mir ungefragt 40 seiner herbeigezauberten Getränke andrehen wollte. Ich hatte zwar keinen Platz in den Taschen, aber das hat mir imponiert. Die Bevölkerung auf den Classic-Servern ist, sagen wir mal zu 80 Prozent, extrem hilfsbereit. Leute bedanken sich für einen simplen Buff, als wäre ihnen gerade ein ganzes Königreich zu Füßen gelegt worden. Spieler finden sich zu Gruppen zusammen, weil Gegner nur für einen Helden getaggt werden und nicht wie in Battle for Azeroth für jeden Hans Franz, der wahllos auf einen Mob klöppelt. Sie kommunizieren miteinander, geben sich Hilfestellungen und leiden miteinander unter schlimmen Droprates von Quest-Items. Das geht weit über das hinaus, was ich inzwischen vom Live-Server gewohnt bin, auf dem das höchste der Gefühle das obligatorische Anal-Game im Handelschat ist. Und all die Freundlichkeit, die Hilfsbereitschaft und der Gemeinsinn färben ab. Am Abend etwa stellt sich mein lederverarbeitender Druide gerne in Westfall oder Ashenvale an den Briefkasten und verschenkt seine Waren.

Da war er noch ein netter, kleiner Bursche: König Anduin Wrynn von Sturm, Pardon, Stormwind. Seine Aufpasserin links …


… entpuppt sich im Rahmen der Questreihe für den Drachenhort in Marschen von Dustwallow allerdings als Onyxia.


Auf den Classic-Servern lassen sich wieder ikonische Szenen erleben, die mit Cataclysm verloren gegangen sind.


In der alten Welt gibt’s wieder wunderschöne und gruselige Szenen zu sehen.


Miau! Druiden-Eintracht in Ashenvale, zumindest solange der andere Spieler AFK ist.


Newmans Landeplatz an der Küste von Dun Morogh – niemand weiß, wofür er da ist. Aber er ist wieder da!


Ökonomie im freien Fall

Okay, gut, ich gebe zu, dass ich das nicht rein aus Gutmenschentum tue. Ich würde die Ledersachen wahrscheinlich sonst allerdings nur einem Händler in die Hand drücken und finde die Klamotten dafür ehrlich gesagt zu schade. Ich habe schließlich die ganzen Materialien gesammelt beziehungsweise gekauft. Ins Auktionshaus brauche ich das Zeug hingegen nicht zu bringen, denn die Wirtschaft ist derzeit absolut am Boden. Jeder Held mit ein bisschen Verstand wünscht sich freilich, dass er beim Erreichen von Stufe 40 gleich seinen reitbaren Untersatz shoppen kann. Insofern sind sehr viele Kräuterkundler und Kürschner unterwegs und überschwemmen den Markt mit ihren Ressourcen. Deswegen lässt sich mit Leder, Pflanzen und Erz derzeit nicht viel verdienen. Es geht aber auch andersherum.

Jeder Buff ein Hit: Helden, die Verstärkungen verteilen können, tun das ohne Unterlass.


Offenbar sind jede Menge der Spieler, die WoW als Wirtschaftssimulation betrachten, von den Live-Servern hinüber auf die klassischen Realms gekommen, um den noch jungfräulichen Markt zu dominieren. Jüngst bot ein Händler im Chat einen epischen Level-47-Frost-Magierring für stolze und völlig utopische 500 Gold an. Als ich meine allgemeine Erheiterung über diesen bodenlos unverschämten und eindeutig vom Live-Spiel inspirierten Preis kundtat, wurde ich gleich als ahnungsloser Bob beschimpft. Schließlich sei der Ring ja Best in Slot für einen Zauberer, in dessen Blutbahn Eiswürfel schwimmen. Ich war erleichtert, dass andere Spieler, die der Diskussion folgten, ebenfalls ihren Unmut über den völlig überzogenen und von den Live-Servern vererbten Charakter-Optimierungswahn äußerten. Am Ende wird es aber wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass sich diese Händler ihre überteuerten Waren gegenseitig zuschieben, ohne dass ein Spieler, der ganz bei Trost ist, jemals diese Unsummen dafür ausgibt, um im Endgame 0,01 Prozent mehr Schaden zu verursachen.

Classic ist das,was ihr draus macht

Als Fazit möchte ich den Classic-Machern ein Lob aussprechen. Sie haben es ziemlich gut hinbekommen, dem alten WoW wieder Leben einzuhauchen, auch wenn es nicht mehr ganz das ist, was es damals war. Ich schaue dennoch ganz verträumt, wenn ich im Licht der untergehenden Sonne durch das Sumpfland laufe und die Atmosphäre mich total verzückt. Oder wenn meine Katze in der Nacht durch Westfall streift und ich sie vorm Schwarz des Himmels bewundern kann. So wie damals schon. Und so wie damals renne ich immer noch gerne durch Ashenvale, das Steinkrallengebirge, selbst Desolace und Feralas, weil diese Gegenden schon vor so vielen Jahren die Heimat meines Helden waren und mit Cataclysm unwiderruflich verloren gegangen sind. Classic ist ein Kind seiner Zeit und wahrscheinlich werden nur die Veteranen wirklich zu schätzen wissen, was die WoW-Macher da in den vergangenen zwei Jahren auf die Beine gestellt haben.

Wer erst mit Pandaria, mit Draenor, mit Legion nach Azeroth gekommen ist, wird den Classic-Servern vermutlich sehr schnell wieder den Rücken kehren; zu langsam und zu unbequem ist das Spiel. Es braucht eine gewisse Leidensfähigkeit, sich durch den alten Kram zu schlagen. Viel Geduld. Viele virtuelle Tode. Wenn beispielsweise wieder ein Gruppenmitglied in Gnomeregan den halben Dungeon bodypullt und der nächste Wipe der Gruppe unausweichlich ist. Wenn die Hexer sich im Pechschwingenhort reihenweise selbst umbringen, weil sie unbedingt die Welpen im Supression Room bomben müssen und dem Rausch der gelben Schadenszahlen erliegen. Wenn der nächste Besuch beim Klassenlehrer unfassbar viel Kohle verschlingt und der nächste investierte Talentpunkt eigentlich nur kaum eine Auswirkung hat. Auf den Classic-Servern zu spielen ist wie eine Zeitreise zurück in die Ära der Gemütlichkeit – meine liebste Ära von WoW.

Wenn über dem Sumpfland die Sonne untergeht und ein eigenartiges Zwielicht herrscht, dann schwelgen Helden in Erinnerungen an damals.


SERVER – NUN GENUG?

Nachdem sich die WoW-Macher anfangs zierten, EU-Server mit unterschiedlichen Sprachen anzubieten, gibt’s inzwischen 42 Realms – und sogar einen spanischen!

Die Proteste der WoW-Community haben Wirkung gezeigt. Zuerst wollten die Entwickler überhaupt keine Server zur Verfügung stellen, auf denen sich etwa nur deutsche, französische oder russische Spieler tummeln – die Serversprache aller EU-Realms sollte Englisch sein. Nachdem die Community auf die Barrikaden gegangen ist, ließen sich die Classic-Macher erweichen und spendierten deutschen, russischen und französischen Spielern jeweils vier eigene Server. Nach dem Launch von Classic kamen stellenweise weitere hinzu, sodass es inzwischen neun deutsche Welten gibt. Für mehr scheint’s aktuell keinen Bedarf mehr zu geben, da sich die Warteschlangen nur noch auf die Abendstunden beschränken.

LAYERING – WAS IST DAS?

Wer sich gleich nach Classic-Start eingeloggt hat, könnte glauben, dass sich die ganze Welt in den Startgebieten versammelt hat. Dem ist nicht so, stattdessen wurden Layers der Zonen erstellt

Um die Horden an Spielern in einem Gebiet servertechnisch zu verarbeiten und trotzdem das Classic-Feeling beizubehalten, wurde von Blizzards Programmierern die Layering-Technologie entwickelt. Sharding versetzt Spieler in einer Zone in unterschiedliche Phasen des Gebiets. Je nachdem wie sich die Population in dieser Zone verschiebt, führt das ab und zu zu Phasing-Problemen, bei denen etwa Mobs vor euren Augen verschwinden. Im Gegensatz zum Sharding erstellt der Realm eine eigene Instanz von sich selbst. Ist der Spieler einmal in einem „Layer“, verlässt er diesen auch nicht mehr, selbst wenn er die Zonen wechselt. Spätestens zu Phase 2, wenn Kazzak und andere Weltbosse aktiv werden, sollte Layering allerdings nicht mehr benötigt werden.

UND WIE IST CLASSIC FÜR EINEN NICHT-VETERANEN?

Unser Volontär Matze spielt World of Warcraft erst, seitdem er in unsere Redaktion gekommen ist. Wie fühlt sich WoW Classic für einen gestandenen Fan von Guild Wars an?

Eine Plackerei. So sehe ich WoW Classic in den schlimmsten Momenten. Dabei mag ich es eigentlich. Aber als Spätzugang der WoW-Community fehlt mir etwas Elementares für den Spielspaß in Classic: Nostalgie. Wahrscheinlich greift jetzt manch einer zur Mistgabel. „Du bist doch einfach verwöhnt!“ – diesen Vorwurf kann ich wirklich nicht entkräften, denn ich weiß, dass es jede Menge Leute gibt, die gerne karge Areale ablaufen, um Monster ihrer Habseligkeiten zu berauben. Aber wer primär das Vergnügungspark-WoW von heute erlebt hat, für den ist der Museumsbesuch Classic eben eher Arbeit. Das alles sage ich, während ich dem Spiel bestimmte Stärken nicht absprechen kann. Die Welt ist nach wie vor zauberhaft, vollgepackt mit Charme und Atmosphäre. Das Erbeuten von Gegenständen ist ein großer Spaß, ein Ausflug in die Wildnis eine gefährliche Expedition. Classic ist noch ein echtes RPG, bei dem ich um mein digitales Leben fürchte. Umso mehr freue ich mich dann eben über hilfsbereite Spieler, von denen es weiterhin jede Menge gibt. Wer aber jammert, dass das moderne WoW zeitraubend ist, dem will ich in keiner Art und Weise Classic empfehlen. Denn in einer halben Stunde Retro-WoW schaffe ich es teilweise nicht einmal, eine einzelne Quest hinter mich zu bringen – und das liegt nicht an packenden Dialogen oder dem spannenden Abenteuer, sondern an miesen Dropraten. Und langen Wegen. Und geklauten Kills, von Leuten, die nicht in eine Gruppe wollen. Und meinem Charakter, der sich nach dem knallharten Kampf gegen zwei Murlocs erst mal erholen muss. Im Endeffekt schätze ich WoW Classic für zwei Dinge: Erstens gibt es denen, die sich zurücksehnen, einen Ort der Zuflucht. Und zweitens – für mich am wichtigsten – zeigt es mir, wie gut ich es eigentlich mit der Live-Version habe. Dort möchte ich mir inzwischen einen neuen Charakter erstellen und nur mit gefundenen Gegenständen ausrüsten. Für das gewisse Abenteuer-Flair, auf das ich durch Classic wieder Lust habe.

Gilden-Jüngling Matze mit seinem Classic-Hexer erlebt das alte Spiel zum ersten Mal.