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Wie die Marienverehrung entsteht: „Königin der Welt!“


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 22.10.2019

Ohne Maria keine Inkarnation, ergo keine Erlösung! Ab dem 5. Jh. entwickelt sich rasant aus dieser Haltung heraus die Marienverehrung in Bildern und Worten, zuerst und besonders im christlichen Osten. Maria wird als wirkmächtigen Fürsprecherin dargestellt. Ihre Bilder und Reliquien werden sogar selbst wirk-mächtig – bis ihre Bilder zerstört werden.


„O Maria, unsere Fürbitterin“

„Überaus schöne Amphore, die das Manna des Himmels enthält“

„O Unbefleckte und Jungfräuliche Muttergottes“

„Hoffnung der Verlassenen“

„Allerhöchste, ruhmreichste Herrscherin, die du weit über allen anderen Geschöpfen stehst“

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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 4/2019

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Abb. 1


Die Jungfrau mit dem Kind, Malerei aus dem Rabbula-Evangeliar (mit insgesamt 292 Folios), Syrien, 6. Jh. Ein frühes Ganzfigurenporträt unter einer Arkade aus geschmückten Säulen, die von Pfauen gekrönt ist. Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz.

Um die Mitte des 5. Jh. wird die Gestalt Marias fest in der christlichen Frömmigkeit und Liturgie verankert: Die Konzilien von Ephesus (431) und Chalzedon (451) hatten Marias entscheidende Rolle bei der Inkarnation des Messias formuliert, sie trug nun für die Christenheit den Titeltheotókos , „Gottesgebärerin“ (s. Spalte rechts). Relativ spät also entsteht die Marienverehrung, zumindest im Vergleich mit der Verehrung vieler Heiliger, die sich um deren Reliquien schon im 4. Jh. im ganzen christlichen Orient bildet. Doch speist sich die Marienverehrung auch aus älteren Schriften und schon bestehenden Ritualen und Verehrungspraktiken.

Da wäre zunächst dasProtevangelium desJakobus (Protevangelium = „Vorevangelium“), ein griechischer Text aus der 2. Hälfte des 2. Jh. Der Titel sagt nichts über den Inhalt aus, denn die Schrift schildert hauptsächlich das Leben der Maria von ihrer eigenen Geburt bis zur Geburt Christi. Diese erste Marienvita, die sehr beredt das Schweigen der Evangelien über Leben und Sterben der Maria auffüllt, steht am Ursprung der Marienfrömmigkeit und hat zahlreichen liturgischen, hagiografischen und auch apokryphen Schriften, die in der Folge Maria gewidmet wurden, als Grundlage gedient.

Ein weiterer Text aus der 2. Hälfte des 3. Jh. stammt aus Ägypten und ist ein Gebet an dieMaria theotókos („die Gottesgebärerin“, die Muttergottes) mit dem Titel „Unter deinem Schutze“. Dieser Text, in dem Maria als Beschützerin angerufen wird, wurde 1917 in der bedeutenden Papyrussammlung der John Rylands Library in Manchester entdeckt. Der Titel einertheotókos , den die Konzilien von Ephesus und Chalzedon im 5. Jh. für Maria bestätigen und der eine so große Wirkungsgeschichte hat, stammt also mindestens schon aus dieser Zeit, aus dem 3. Jh. Im 4. Jh. ist er jedenfalls schon üblich. Die kappadokischen Kirchenväter Basilios von Cäsarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa erwähnen Maria alstheotókos in ihren Schriften zur göttlichen und menschlichen Doppelnatur Christi. Einen Widerhall finden wir auch bei Kaiser Julian Apostata (regierte 361–363 und wollte die heidnischen Götterkulte wieder flächendeckend durchsetzen), der sich darüber beklagt, dass seine Zeitgenossen Maria hartnäckig alstheotókos bezeichnen.

Gesungene Poesie

Ein wenig weiter östlich entsteht zur selben Zeit das Werk des großen Theologen und Hymnendichters Ephräm der Syrer (ca. 306 in Nisibis im heutigen Irak geboren und 373 in Edessa, heute Şanlıurfa im Südosten der Türkei, gestorben). Ephräm schreibt in syrischer Sprache; zu seinen Dichtungen zählen auch zahlreiche Gebete an Maria. In ihnen verleiht er ihr jene Beinamen, die durch die ostkirchliche Liturgie bis heute weitergegeben werden:

„O Maria, unsere Fürbitterin“, „O Unbefleckte und Jungfräuliche Muttergottes“, „Königin der Welt“, „Hoffnung der Verlassenen“ – und viele weitere (s. links).

In unzähligen Variationen bilden diese Lobpreisungen Marias Stoff für das Gewebe der Marienhymnen und sind ein Grund dafür, dass die heilige Jungfrau Maria zunehmend als mächtige Fürsprecherin gilt, die man in Not zur Erlangung des Seelenheils anrufen kann. Zusätzlich gewinnen die Orte, an denen Marias irdisches Leben lokalisiert wird an Bedeutung: Es wird Teil des Marienkults, diese nun heiligen Orte auf Pilgerfahrten zu besuchen und dort liturgische Gedächtnisfeiern abzuhalten.

Abb. 2


Der Gürtel der Jungfrau wird in einem Schrein ausgesetzt, Malerei aus einem Menologium (einer Sammlung von Heiligenviten in der Ordnung des Festkalenders), 10–11. Jh. Nationalbiliothek, Paris.
Die Reliquie wurde in Konstantinopel in der Kirche vonChalkopatreia aufbewahrt, die schon im 5. Jh. erbaut worden war – zur Ehre der Maria.


Da alle sterblichen Überreste fehlten, verehrte man Kleidungsstücke als Marienreliquien


Jerusalem: Heilige Stätten und Marienliturgien

Jerusalem und seine Umgebung sind der Mittelpunkt dieser Entwicklung. Die ersten Kirchen, die Ereignissen aus dem Leben der Jungfrau Maria gewidmet sind, werden Ende des 4. und Anfang des 5. Jh. hier errichtet. Hier finden auch die ersten Gedächtnisfeiern für Maria statt. Das armenische Lektionar vom Anfang des 5. Jh. nennt etwa ein „Fest des Andenkens der Heiligen Jungfrau“ am 15. August, das am OrtKathisma (dem „Sitz“) zwischen Jerusalem und Betlehem gefeiert wurde:Kathisma bezeichnet einen Stein, auf dem sich die Jungfrau erschöpft am Weg von Nazaret nach Betlehem niedergelassen haben soll, um zu rasten. Hier wurde nach dem Konzil von Chalzedon eine oktogonale Kirche erbaut, deren Grundmauern heute direkt an der Straße von Jerusalem nach Betlehem liegen(Abb. 3) .

Das Fest „Mariä Geburt“ wurde in der Kirche von Betesda zu Jerusalem gefeiert, die neben dem Ort gebaut wurde, der als Geburtshaus Mariens galt, wo also ihre Eltern Joachim und Anna gewohnt haben sollen (heute die Krypta der kreuzfahrerzeitlichen St.-Anna-Kirche an der Via Dolorosa). Das Fest der „Entschlafung Mariens“ wurde in der Kirche über dem Mariengrab zu Getsemani im Kidrontal begangen, wo das leere Grab der Gottesmutter und Jungfrau verehrt wurde (S. 34); denn den alten Glauben, Maria sei nicht im Grab geblieben, hatte das Konzil von Chalzedon ebenfalls abgesegnet.

Konstantinopel: Marienreliquien als Feldzeichen

Ein weiteres wichtiges Zentrum für die Herausbildung des Marienkults ist die oströmische Hauptstadt Konstantinopel. Da alle sterblichen Überreste fehlten, verehrte man hier Kleidungsstücke als Marienreliquien. Nach alter Tradition soll Kaiserin Pulcheria (385–386), die Schwester Theodosios’ II., veranlasst haben, diese Reliquien aus Jerusalem in die Stadt zu bringen. Die Quellen, die allerdings sämtlich aus späterer Zeit stammen, schreiben ihr auch den Bau dreier Kirchen als Heimat der Reliquien zu. Theodoros Anagnostes berichtet in seinerHistoria ecclesiastica , dass „Pulcheria […] zahlreiche Gebetshäuser begründete: jenes inBlachernae , jenes vonChalkoprateia und jenes derHodegetria […].“ Was weiß man von diesen drei Kirchen?

• Die Marienkirche vonBlachernae (Blachernen-Kirche) lag in einem Gebiet außerhalb der Stadtmauern am Goldenen Horn. Sie beherbergte den Schleier, dasmaphórion , der Heiligen Jungfrau.

• In der Kirche vonChalkopatreia , die ihren Namen vom Quartier der Kupferschmiede hatte, wurde Marias Gürtel aufbewahrt(Abb. 2) . Justinian schreibt den Bau dieser Kirche allerdings der Verina zu (432–484), der Gattin des Kaisers Leo I., anstatt der Pulcheria, was heutige Historiker bestätigen.

• Die dritte Kirche, die derHodegetria , bewahrte einen anderen, nicht weniger verehrten Reliquientyp der Heiligen Jungfrau auf, nämlich das berühmte Ikonenporträt Mariens, das angeblich vom Evangelisten Lukas selbst stammt – eine Tradition, deren Echo sich noch bei Theodoros Anagnostes (ca. 500–550) findet, der dazu schreibt: „Eudoxia brachte der Pulcheria aus Jerusalem das Bild der Muttergottes mit, das der Evangelist Lukas gemalt hat.“ Dieser berühmte Ikonen-Bildtyus zeigt dieHodegetria , „die Wegweiserin“: Die Heilige Jungfrau zeigt mit der Rechten auf ihren Sohn und weist so den rechten Weg. Hodegetria-Ikonen sind in Rom, auf dem Balkan, in Russland und quer über den Nahen Osten bis nach Äthiopien verbreitet.

Abb. 3


Ruinen der Kathisma-Kirche
aus dem 5. Jh. Nach den Ausgrabungen sind sie heute von Unkraut bewachsen, die Mosaiken zum Schutz mit Sand und Erde bedeckt. In der Mitte befand sich der Felsblock, den die Pilger als Marias Rastplatz ansahen.

Plan der Maria-Gedächtniskirche über dem Fels (gelb), auf dem Maria gesessen haben soll.


Einer der unscheinbarsten und zugleich wichtigsten Marienverehrungsorte des Heiligen Landes: die Kathisma-Kirche. Auf den Stein in der Mitte soll sich Maria hochschwanger zum Ausruhen gesetzt haben, als sie mit Josef auf dem Weg nach Betlehem hier vorbeikam.
Über dem Felsbrocken wurde 456 nC eine der größten byzantinischen Kirchen im Heiligen Land erbaut, die heute aber nahezu unbekannt und unbesucht ist. Damals war sie neben der Grabeskirche, den Ölbergkirchen und Betlehem Teil der Pilgerroute, heute erscheint sie in keinem Reiseführer. Allerdings wurde die Kirche auch erst 1995 beim Bau der Straße entdeckt und nicht zum Besuch hergerichtet.
Vermutlich war sie sogar Inspiration für Omaijadenkalif Abd al-Malik und Vorbild für seinen oktogonalen Felsendom. Die Kathisma-Kirche erhielt unter Abd al-Malik 637 eine Gebetsnische (Michrab) und diente fortan als muslimisch-christliches Heiligtum, in dem die Gebetszeiten aufgeteilt waren. Eine Mosaikfläche zeigt eine Dattelpalme. Nach dem apokryphen Pseudo-Matthäusevangelium aus dem 5. Jh. beugte sich eine Dattelpalme auf wundersame Weise herab, um Maria bei ihrer Rast Schatten und Früchte zu geben – und diese Geschichte fand auch ihren Weg in den Koran (Sure Maryam 19,22-26).
Heute gehört das Gelände dem griechischorthodoxen Patriarchat von Jerusalem.

Abb. 4


Maria mit dem Kind, flankiert vom heiligen Georg und dem heiligen Theodoros sowie zwei Engeln, Ikone aus dem 6. Jh., 68,5 x 48 cm, Katharinenkloster, Sinai. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen „enkaustischen“ Ikonen, bei denen eine spezielle Maltechnik zum Einsatz kam: Die Farbpigmente sind in Wachs aufgetragen.

Abb. 5


Die Gottesmutter mit dem Kind inmitten der Apostel. Fresko aus dem Apolloskloster von Bawit (Ägypten, mehr zu Bawit s. WUB 2/11, S. 30f), 6. Jh. Koptisches Museum Kairo.

Dasmaphórion wurde – wie die dem Evangelisten Lukas zugeschriebene Hodegetria-Ikone – bei Belagerungen alspalladium , als schützendes kultisches Feldzeichen, in der Stadt aufgestellt.

Die antiken Darstellungen der Gottesmutter

Durch das Aufkommen der Marienfrömmigkeit finden sich ab dem 4. Jh. Mariendarstellungen im christlichen ikonografischen Repertoire: in Manuskripten ebenso wie auf Ikonen, auf Mosaiken oder Schmuckstücken wie in Gewandstickereien. Zu den frühesten gehört das syrische Rabbula-Evangeliar, ein Manuskript aus dem 6. Jh., das in der Biblioteca Medicea Laurenziana zu Florenz aufbewahrt wird. Es enthält mehrere Mariendarstellungen, darunter ein großartiges Ganzfigurenporträt der Jungfrau mit dem Kind unter einer Arkade aus aufwendig geschmückten Säulen, die von Pfauen gekrönt sind(Abb. 1) .

Im Katharinenkloster auf dem Sinai wird eine Ikone aus derselben Epoche gezeigt, auf der die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf den Knien auf einem Thron sitzt, flankiert von den Heiligen Georg und Theodor mit zwei Engeln(Abb. 4) .

Das Koptische Museum in Kairo bewahrt ein Fresko des Abbas-Apollos-Klosters in Bawit auf, das Christus als Weltenherrscher zeigt, darunter die Jungfrau Maria mit den Aposteln, umgeben von den Erzengeln(Abb. 5) . Im selben Museum ist eine Altarnische des Abbas-Jeremias-Klosters mit einem Bild der stillenden Maria aufgebaut. Diese wenigen Beispiele sollen genügen, um die reiche Vielfalt an solchen Darstellungen in der Spätantike zu belegen.

Das Zweite Konzil von Nicäa und der Bildersturm

Als im 8./9. Jh. die Krise um die Ikonenverehrung, der sogenannte „Byzantinische Bilderstreit“, ausbricht, sind Ikonen und andere Bilder der Gottesmutter im Osten also bereits weitverbreitet. Der Bilderstreit führte zur Zerstörung von Heiligenbildern – auf die Anordnung mehrerer Kaiser des 8. und 9. Jh. hin, die der Bilder-und Reliquienverehrung ablehnend gegenüberstanden. In ihren Augen war Bilderverehrung ein Götzendienst an Kultbildern, wie ihn schon das Alte Testament untersagt hatte (Ex 20,4: „Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas …“). Die orthodoxe Kirche wehrte sich jedoch gegen diese Haltung im Zweiten Konzil von Nicäa 787, auf dem sie verkündete:

„Verehrungswürdige heilige Bilder sind darzubieten, sowohl mit Farben gemalt als auch als Mosaiken wie aus jedem anderen passenden Material, in den heiligen Kirchen Gottes auf heiligen Gefäßen und Gewändern an Wänden und auf Tafeln, als nämlich das Bild unseres Herrn und Gottes und Heilands Jesus Christus wie auch unserer unbefleckten Herrin, der heiligen Gottesgebärerin (theotokós ), und der verehrungswürdigen Engel und aller heiligen und segenbringenden Männer.


Unzählige Ikonen sind den verschiedenen Lebensphasen Mariens gewidmet – ihrer Geburt, der Verkündigung, ihrem Tod …


Diese Erklärung nimmt eine Bildertheologie auf, die Kirchenväter wie Johannes von Damaskus (8. Jh.) im Verlauf der Krise ausgearbeitet hatten. Der Bilderstreit flammte noch einmal auf, wurde dann aber 843 durch die Wiedereinführung der Bilderverehrung endgültig beigelegt, was bis heute durch ein eigenes Kirchenfest gefeiert wird, den „Triumph der Orthodoxie“. Zu diesem Fest gehört ein Ikonentyp gleichen Namens. Darauf sieht man einen Altar mit der Ikone der JungfrauHodegetria , wie sie von Kaiserin Theodora II., die die Wiedereinführung der Bilderverehrung initiiert hat, in Begleitung mehrerer Kirchenfürsten verehrt wird(Abb. 6). Dass es gerade eine Ikone der Heiligen Jungfrau ist, die diesen Sieg symbolisiert, zeigt, wie stark ihre Darstellungen die Bilderverehrung bestimmten!

Die Ausbreitung der Marienikonen

Seit dem Ende des Mittelalters nehmen die Darstellungen der Muttergottes mit Kind einen herausragenden Platz im christlichen Repertoire ein. Sie variieren je nach den verschiedenen Beinamen der Muttergottes in der Hymnendichtung. So gibt es neben der JungfrauHodegetria auch Ikonen der

• JungfrauPanhagia (der „Überaus-Heiligen/ Allerheiligsten“),

• derGlykophilousa (der „Süß-Küssenden/ Süß-Liebenden“),

• derEleousa (der „Erbarmerin/Liebevollen“),

• derPlatytera („die weiter denn der Himmel ist“),

• derPsychosostria („Seelentrösterin“),

• derPelagonitissa (Maria mit dem spielenden Jesuskind) und anderer mehr.

Einige Ikonen der Gottesmutter werden zum Symbol eines ganzen Landes, wie etwa die berühmteJungfrau von Vladimir (Abb. 7 ), das Urbild der russischen Ikone. Es handelt sich dabei um eine byzantinische Darstellung, angefertigt in Konstantinopel, die 1155 nach Kiew kam. 1395 wurde sie nach Moskau gebracht, um die Stadt vor dem Angriff der Mongolenhorden Tamerlans zu schützen. Sie ist eine Eleousa-Ikone: Das Jesuskind drückt seine Wange an die der Mutter und umarmt zärtlich ihren Hals. Diese Ikone genießt heute einen Sonderstatus, weil sie nicht nur Kunstwerk, sondern nach wie vor heiliges Kultbild ist. Sie steht zwar unter Verantwortung der Tretjakow-Galerie in Moskau, die für ihre Erhaltung und Pflege sorgt, wird aber zur Anbetung durch die Gläubigen in der Kapelle St. Nikolaj neben dem Museum ausgestellt.

Das Repertoire an Ikonen der Heiligen Maria ist im Lauf der Zeit noch erweitert worden; so gibt es unzählige Ikonen, die den verschiedenen Lebensphasen Mariens gewidmet sind – ihrer Geburt oder ihrem Tod, der in den Ikonen von der Entschlafung Mariens dargestellt wird, oder auch der Verkündigung. Dazu kommen weniger bekannte Ikonentypen in einer überraschenden ikonografischen Vielfalt, als Illustration von Marienhymnen, etwa desAkathistos-Hymnus (der so heißt, weil er im Stehen gesungen wird) oder des Hymnus „Über dich freut sich die ganze Schöpfung“ des Johannes von Damaskus. Diese Ikone, die ganz der Glorifizierung der Gottesmutter gewidmet ist, stellt Maria thronend mit dem Jesuskind auf den Knien in einem zentralen Medaillon dar, umgeben von konzentrischen Kreisen aus der Wurzel Jesse und einem Engelschor (Abb. 8 ). Das himmlische Jerusalem überwölbt dieses Andachtsbild, während zu Füßen Mariens alle Heiligen des Alten und Neuen Testaments versammelt sind, um sie zu verehren. Die Schöpfungsgeschichte, als Text in den Vignetten an den senkrechten Rändern der Ikone rezitiert, nimmt auf den Titel der Hymne Bezug und gemahnt an den Plan Gottes vom Anbeginn bis zum Ende der Zeit, wenn die Heilige Jungfrau und ihr Sohn über die Welt herrschen werden. Es besteht kein Zweifel, dass die Jungfrau Maria unter all den dargestellten heiligen Gestalten den ersten Platz einnimmt – denn von ihnen allen wird sie am meisten verehrt.

Dr. Raphaëlle Ziadé Religionshistorikerin une Expertin für östliches Christentum. Sie ist verantwortlich für die byzantinische Abteilung desPetit Palais, des städtischen Museums der Bildenden Kunst. Sie hat zahlreiche Ausstellungen kuratiert, u. a. 2013„Icônes du Petit Palais“ , und umfassende Kataloge zu den Ikonen des Petit Palais erstellt.

Abb. 6


Die MarienikoneHodegetria , die als Bild im Bild gezeigt wird, istdas Symbol der ostkirchlichen Bilderverehrung. Der Evangelist Lukas soll das Urporträt persönlich gemalt haben. Kaiserin Theodora II. steht links, der Patriarch von Konstantinopel rechts des Bildes. Ikone zum Fest „Triumph der Orthodoxie“, das die Wiedereinführung der Bilderverehrung im 9. Jh. feiert. 14./15. Jh. British Museum, London.

Abb. 7


Ikone der Gottesmutter von Vladimir („Vladimirskaja “), eine der wichtigsten Ikonen der russischorthodoxen Kirche. Der Legende nach soll der Evangelist Lukas das Porträt gemalt haben. Es ist eine Darstellung der Elousa („Erbarmerin“, „Barmherzige“); das Jesuskind schmiegt sich an die Wange der Mutter. 12. Jh., 104 x 69 cm, Moskau, Tretjakow-Galerie.

Abb. 8


Ikone zum Hymnus „Über dich freut sich die ganze Schöpfung“, Geschaffen von Franghias Kavertzas (aktiv 1615–1648), Kreta, 58 x 54 cm. Die Hymne war im 8. Jh. von Johannes von Damaskus zum Lobpreis Mariens gedichtet worden. Musèe des Beaux-Arts, Paris, Petit Palais.

Maria wird verbindlich als Gottesgebärerin,theotókos, bestimmt

…auf demKonzil von Ephesus (431): „Wer nicht bekennt, dass der Emmanuel in Wahrheit Gott und die heilige Jungfrau deshalb Gottesgebärerin ist, weil sie das fleischgewordene, aus Gott entstammte Wort aus dem Fleische nach geboren hat, der sei ausgeschlossen.“

…und auf demKonzil von Chalzedon (451): „Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater gezeugt seiner Gottheit nach, in den letzten Tagen aber wurde derselbe für uns und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau, der Gottesgebärerin, der Menschheit geboren.“


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©Petit Palais/Roger-Viollet