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Wie die WAHL WIRLICH entschieden WIRD


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 36/2021 vom 03.09.2021

REPORT

Kanzler-TRIELL im TV

Es ist ein rasantes Auf und Ab: Wer gewinnt das Rennen im Bundestagswahlkampf? Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hat keiner der Kanzlerkandidaten einen Amtsbonus. Die Folge: Personen rücken viel stärker in den Fokus als Themen. Nahezu jeder Schritt von Annalena Baerbock (Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) wird begleitet, beschrieben, bewertet. Diese Woche liegt ein ganz besonderes Augenmerk auf den drei Kontrahenten: Sie treffen sich zum zweiten Triell – diesmal zu Gast bei ARD und ZDF (siehe TV-Tipp Seite 20). Wie sehr entscheiden solche Auftritte die Wahl? Welche Rolle spielen soziale Medien und Fotos in der Presse? In HÖRZU gibt eine ausgewiesene Expertin Antwort auf diese Fragen: Prof. Margreth Lünenborg.

„Für Wahlkampfplaner und Strategen ist es viel komplizierter geworden: Es gibt viel mehr Unwägbarkeiten. Weder Facebook noch das ...

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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 36/2021

IMAGEGEWINN ?Der neue James Bond??, fragen viele Medien beim Foto von Olaf Scholz im Schnellboot beim G20-Gipfel in Venedig
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... Fernsehen entscheidet allein die Wahl. Auch die Tageszeitung nicht. Es ist eine Interaktion zwischen den verschiedenen Medien“, so Lünenborg, die an der Freien Universität Berlin Medienwissenschaft lehrt. „In Deutschland haben wir eine politische Mitte, in der sich viele drängeln und die Unterscheidung an scharfen inhaltlichen Positionen nur begrenzt möglich ist. Die Grünen haben sich auch verstärkt in die Mitte bewegt, soda ss es viel inhaltliche Nähe gibt. Damit richtet sich der Blick noch stärker auf die Personen.“ Wer ist eigentlich der Mensch, der uns regieren möchte? Wirkt er kompetent? Mag ich ihn oder sie?

Themen rücken stärker in den Hintergrund. „Wenn wir uns etwa klarmachen, welche gigantische Staatsverschuldung im Kontext von Corona stattgefunden hat, müssen wir uns eigentlich fragen: Was bedeutet das? Was wird sich der Staat noch leisten können? Das sind gigantische Fragen, über die erschütternd wenig gesprochen wird“, sagt Prof. Lünenborg. Stattdessen wird Annalena Baerbocks Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ se-ziert oder Armin Laschet ins Visier genommen, weil er während der Flutkatastrophe beim Besuch im Krisengebiet an unpassender Stelle lacht.

Die Macht der Bilder

Die falsche Geste, die richtige Kulisse: Bilder können ungeheure Wucht entwickeln. Besonders bei Annalena Baerbock und Armin Laschet, von denen es bisher nur ein vages öffentliches Bild gab. Scholz hingegen war als Vizekanzler präsenter, wirkte zwar nie sehr aufregend, aber stets solide. Beim Besuch in Washington stieg er etwa nicht im Anzug aus dem Flieger, sondern im Freizeitlook. Ein Bild mit Botschaft: Hier ist einer, der sich mehr auf die Arbeit konzentriert als auf den Auftritt. Eine bewusste Inszenierung.

Gefährlich sind für Politiker vor allem Schnappschüsse. „Dadurch, dass immer irgendwo Bilder erzeugt werden, hat das Ausmaß von Momentaufnahmen zugenommen“, sagt Prof. Margreth Lünenborg. „Es gibt keinen unbeobachteten Moment mehr. Da ist etwa dieses Lachen in diesem Augenblick.“ Armin Laschets unpassende Reaktion im Angesicht der Flutkatastrophe hat im Wahlkampf unrühmlich Karriere gemacht – und wird ihn prägen. Zumal es ein weiteres, ähnlich desaströses Foto von Laschet gibt (siehe oben): Der Kanzlerkandidat spricht im Krisengebiet im Regen mit einem Betroffenen. Ein Personenschützer hält einen Schirm über Laschet, das Flutopfer hingegen wird nass. Wer kommt bei dieser Momentaufnahme nicht auf den Satz: „Laschet lässt die Anwohner im Regen stehen“? Man muss das Video, also die gesamte Szene sehen, um zu erkennen, dass auch dem Flutopfer kurz nach Beginn des Gesprächs ein Schirm gereicht wird. Bilder werden oft genutzt, um positive Eindrücke zu untermauern, die Inszenierung der Kandidaten zu stützen. Aber sie können auch zur Munition für den politischen Gegner werden und Futter für eine Negativkampagne liefern. Deshalb gilt: Wer die Kontrolle über die eigenen Bilder verliert, droht auch die Kontrolle über seinen Wahlkampf zu verlieren.

Der Blick ist heute stärker auf die Personen als auf Inhalte gerichtet.“

Prof. Margreth Lünenborg, Freie Universität Berlin

Politiker haben keinen unbeobachteten Moment mehr.“

Prof. Margreth Lünenborg, Medienwissenschaftlerin

Angst vor Fehltritten

Medienwissenschaftlerin Lünenborg hat in der Flutkatastrophe eine weitere Beobachtung gemacht: „Bemerkenswert war, dass die Grünen extrem zögerlich damit waren, dieses Momentum der für alle sichtbaren Klimakrise bei den Überflutungen in den Wahlkampf zu tragen. Offensichtlich hatten sie Angst davor, dass ihnen das als üble Trittbrettfahrerei an gekreidet wird. Das finde ich interessant, denn in dieser Naturkatastrophe hat Deutschland gesehen: Die Klimakrise kommt nicht irgendwann und auch nicht irgendwo. Sie ist hier, jetzt, bei uns. Dass eine Partei, für die Klimakrise ein zentrales Thema ist, in so einem Moment so taktisch und zögerlich reagiert, zeigt, wie wenig Inhalte den Diskurs bestimmen und wie viel Bedeutung Inszenierungen und Rhetorik haben.“

Sind Auftritte in den Talkshow von Maybrit Illner, Markus Lanz, Frank Plasberg und Anne Will das Benzin im Wahlkampfmotor? „Ein bestimmtes Maß an Sichtbarkeit ist essenziell. Wahlentscheidungen finden medienbasiert statt“, weiß Lünenborg. „Talkshows nützen, um ein bisschen menschelnder zu erscheinen. Aber solche Auftritte können natürlich auch unangenehm enden, wenn Politiker kalt erwischt werden und man dann in ihren Unpässlichkeiten und Fehlern herumstochert. Das haben wir in den vergangenen Wochen sehr intensiv erlebt.“ Lünenborg übt deshalb auch Kritik an der Berichterstattung: Die falsche Wahl von Schuhen an einem bestimmten Ort sei ähnlich intensiv diskutiert worden wie Korruptionsfälle in einer Partei. „Das Ausmaß an gesellschaftlicher Aufregung und medialer Empörung rich­ tet sich überhaupt nicht nach einer gesellschaftspolitischen Relevanz, sondern erst mal schlicht nach der Währung Aufmerksamkeit. Hier fehlt es an journalistischer Verantwortung.“

Wie heiß wird der Endspurt?

Den Einfluss der sozialen Medien schätzt Lünenborg nicht übermäßig hoch ein. Hier würden sich die Menschen in dem Maß und in der Richtung informieren, wie sie es auch offline täten, meint die Professorin. Außerdem gebe es bisher keine profunden Hinweise auf Manipulationen, etwa aus Russland. Welche Medien welche Wichtigkeit bei der Wahlentscheidung haben? Eine genaue Antwort gibt es nicht. Erschwerend kommt 2021 hinzu, dass der Anteil an Briefwählern durch Corona weiter ansteigen wird (siehe Grafik unten links). Medienwissenschaftlerin Lünenborg weiß eines allerdings genau: „Die Gruppe der großen Stammwähler ist längst in Auflösung begriffen.“ Das bedeutet: Es wird bis zum Schluss spannend bleiben.

MIRJA HALBIG

SO 12.9. TV-TIPP

20.15

ARD ZDF

DAS TRIELL TALK Baerbock, Laschet und Scholz im Gespräch mit Tina Hassel und Theo Koll