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Wie die Welt Theater macht – trotz Pandemie und Krieg


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 01.06.2022

INTERNATIONALES THEATER

Artikelbild für den Artikel "Wie die Welt Theater macht – trotz Pandemie und Krieg" aus der Ausgabe 6/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Im Rahmen der Ausstellung ?Das zerbrechliche Paradies? im Gasometer Oberhausen ist diese monumentale Skulptur der Erde zu bewundern, auf die hochaufgelöste Satellitenbilder projiziert werden. Die Ausstellung zeigt die Schönheit der Natur sowie den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt

„Umweltfreundlichkeit scheint in diesem Jahr ein Hauptthema zu sein.“

HEEJIN LEE, KULTURPRODUZENTIN IN SEOUL

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Ihrem Land?

Alles läuft wieder normal. Viele Theater haben sogar die Abstände bei der Bestuhlung wieder gelockert.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in Ihrem Land?

Viele Künstler haben Werkzeuge wie Zoom oder Metaverse genutzt, um Stücke zu kreieren und trotzdem ihr Publikum zu treffen. In der internationalen Zusammenarbeit mussten neue Wege gefunden werden, um die physische Distanz zu überwinden. Das funktionierte dank neuer Technologien über Videokonferenzen. Auch mussten staatliche Förderprogramme aufgelegt und neue Pandemierichtlinien festgelegt werden. Und die Veranstaltungsorte mussten ihre eigenen Covid-19-Richtlinien für die Zusammenarbeit mit Künstlern festlegen.

Wie beeinflusst der ...

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... Krieg in der Ukraine Ihr Theaterschaffen?

Er hat unsere Theaterszene nicht sonderlich beeinflusst. Als geteilte Nation unter der Flagge des Waffenstillstands sind wir uns jedoch bewusst, wie der Konflikt die Welt ins Chaos stürzen kann, ähnlich wie das „Thema“ zwischen China und Taiwan.

Welche neuen Entwicklungen gibt es sonst im Theater in Südkorea?

Die koreanische Regierung unterstützt seit drei bis vier Jahren besonders Kunstund Technologieprojekte. Außerdem gab es während der Pandemie viele Menschen, die sich für grüne und nachhaltige Produktionen und Tourneen eingesetzt haben. Umweltfreundlichkeit scheint also in diesem Jahr eines der Hauptthemen in der Theaterszene zu sein. Gleichzeitig gibt es viele Initiativen, das Theaterumfeld für Menschen mit Behinderung zu verändern – sowohl als Partner wie auch als Zuschauer. »

„Die Branche ist kleiner, aber die Energie und Widerstandskraft von Künstlern ungebrochen.“

RAM GANESH KAMATHAM, DRAMATIKER

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Ihrem Land?

Allmählich kehrt das Publikum zurück, und Künstler können wieder reisen. Die Theater kehren zu vollen Häusern und Spielplänen zurück, Gastspiele und Festivals sind wieder möglich. Gleichzeitig haben sich während der Pandemie hybride Formen durchgesetzt (teilweise live, teilweise digital). Es kommt mir so vor, als sei das Schlimmste überstanden, aber wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in Ihrem Land?

Am härtesten hat es die freien Theater getroffen, die fern der großen Städte folkloristische Kunst machen. Das sind oft traditionelle Performer und Selbstständige. Lichttechniker, Bühnenbildner und Produktionsbüros haben erlebt, dass sich ihre Existenzgrundlage in nichts auflöste. Kürzlich hat eine Studie geschätzt, dass die Darstellende Kunst im Jahr 2020 auf 68 Prozent geschrumpft ist. Dabei war sie lediglich auf Institutionen beschränkt. Häuser mit großen Budgets haben überlebt, indem sie Leute entließen, Ausgaben senkten. Viele kleine, unabhängige Gruppen mussten aufgeben. Ich bin trotzdem optimistisch, denn viele Performer haben die hybriden Formate genutzt. Künstler in den Städten haben aufregende Projekte entwickelt. Die Branche ist kleiner, aber die Energie und Widerstandskraft von Künstlern sind ungebrochen.

Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine Ihr derzeitiges Theaterschaffen?

Als ich Außenpolitik studiert habe, habe ich mich viel mit staatlicher Gewalt befasst. Dabei bin ich auf einen Satz von Leo Tolstoi gestoßen. Jeder Versuch, Krieg zu beschreiben, sei der „mehr oder weniger trügerische Versuch, eine Welt rational zu beschreiben, die sich dem Verstehen entzieht“. Auch im Ukraine-Russland-Konflikt versuchen wir, Dummheit und Irrsinn irgendwie mit Vernunft beizukommen. Der Westen meint auf der russischen Seite eine außer Kontrolle geratene Führung zu erkennen. Tatsächlich werden wir Zeugen, wie jemand seine Macht mit kalter Berechnung nutzt. Wir müssen die intellektuelle Tradition des gewaltlosen Widerstands überdenken, die von Tolstoi über Gandhi zu Martin Luther King reicht. Als politischer Realist denke ich, dass in diesem Krieg Führer am Werk sind, die kein Problem damit haben, ihrem Volk Leiden zuzufügen, wenn sie daraus Gewinne ziehen können. Egal wie es ausgeht: Am Ende werden alle verlieren.

Welche neuen Entwicklungen gibt es sonst im Theater in Indien?

Während der Pandemie habe ich an einem Stück über die maritime Geschichte des indischen Subkontinents gearbeitet. „Todesmutig“ spielt an Deck eines Dampfers. Es geht um die großen Seereisen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während ich es schrieb, dachte ich darüber nach, es fürs Radio zu bearbeiten, weil die Produktion leichter gewesen wäre. Aber die Szenerien sind auf die Lebendigkeit der Bühne ausgerichtet – dasselbe Bühnenbild für alle Zeitschienen. Das Publikum hat sich in langen Sitzungen vor den digitalen Bildschirmen erschöpft. Die Kraft des Theaterraums, das Publikum live zu packen, ist relevant. Und es geht darum, die digitale Ermüdung wahrzunehmen, die einmalige „Lebendigkeit“ von Theater wiederzuentdecken.

„Wir versuchen, das Theater wieder zum Leben zu erwecken. Aber wir arbeiten unter sehr schweren wirtschaftlichen Bedingungen.“

ASIIMWE DEBORAH KAWE, DRAMATIKERIN, PRODUZENTIN UND SCHAUSPIELERIN

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Ihrem Land?

Es herrscht ein wenig Panik, ob es gelingt, das Publikum wieder für Liveaufführungen zu begeistern. Die Lage hat sich einigermaßen normalisiert, aber es ist immer noch üblich, Abstand zu halten und Masken zu tragen. Einige Theater sind bei diesen Vorschriften streng, andere sind flexibler. Die Zuschauer haben noch nicht das Vertrauen gewonnen, ohne Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 ins Theater gehen zu können. Hinzu kommt die wirtschaftliche Lage des ganzen Landes. Die Benzinpreise schießen durch die Decke, das wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Als die Schulen eröffnet wurden, mussten die Eltern schockiert feststellen, dass die Schulgebühren mehr als doppelt so hoch waren. Generell sind die Lebenshaltungskosten höher als vorher. Unter solchen Umständen setzen die Menschen Prioritäten – und die Kunst trägt die Folgen. Sie sind hungrig nach Liveauftritten, aber das Problem ist, dass sie kein Geld haben, um ins Theater zu gehen. Viele haben ihre Arbeit verloren, und wenn es der Wirtschaft schlecht geht, sind auch die Theater davon betroffen.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in Ihrem Land?

In Uganda waren alle öffentlichen Räume, einschließlich der Theater, fast zwei Jahre geschlossen. Es war für viele extrem schwierig, ohne Einkommen, ohne Arbeit und ohne soziale Kontakte zu sein. Jetzt haben wir es nicht nur mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu tun, sondern auch mit psychischen Erkrankungen aufgrund dessen, was die Menschen durchgemacht haben. Während der Schließung haben Regierung und Geschäftswelt Theater und Künstler unterstützt. An einige wurden kostenlose Lebensmittel und Bargeld verteilt. Seit die Theater im Februar offiziell wieder eröffnet haben, versucht die Branche, wieder auf die Beine zu kommen. Nur wenige Theater konnten ihre Arbeit online veröffentlichen. Diejenigen, die über einen Internetzugang verfügten, konnten Theater online sehen, aber wegen der schlechten Internet-Infrastruktur in Uganda und der hohen Kosten war dies nicht so möglich wie in anderen, hochindustrialisierten Ländern. Wir versuchen, das Theater wieder zum Leben zu erwecken, aber wir arbeiten unter sehr schweren wirtschaftlichen Bedingungen.

Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine Ihr Theaterschaffen?

Da ich aus Uganda stamme, bin ich mit Krieg vertraut. Der einzige Unterschied zum Krieg in der Ukraine ist, dass über letzteren ausführlich in den Medien berichtet wurde. Aufgrund der Erfahrungen, die ich als Kind in einem sehr instabilen Land gemacht habe, und dem, was ich als Erwachsene in vielen afrikanischen Ländern erlebt habe, drehte sich mein Schreiben immer um Kriege, die Verletzung von Menschen- und Bürgerrechten, repressive Regime, Frauenrechte und das Verhältnis zwischen Afrika und den industrialisierten Gesellschaften. Das, worüber ich immer geschrieben habe, unterscheidet sich nicht von dem, was in der Ukraine passiert. Wenn man einen Krieg erlebt hat, wünscht man ihn keinem anderen! Ich habe tiefes Mitgefühl für das, was das ukrainische Volk durchmacht, und bete, dass es bald zu Ende ist. Aber ich bete auch für Äthiopien, für Mali, für den Tschad, für Libyen, für den Jemen, für Myanmar, für Afghanistan, für den Irak und für jedes Land, dessen Kinder nicht in Frieden schlafen können, weil Raketen über ihre Köpfe fliegen. »

„Neuer Eifer bei Künstlern und Zuschauern.“

LUC PETTON, CHOREOGRAF

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Ihrem Land?

In den Theatern in Frankreich herrscht derzeit ein Gefühl der Befreiung, nach dieser Phase des Stillstands, wo es jeden Tag andere und nicht gerade optimistische Nachrichten gab. Aber aus heutiger Sicht können wir sagen, dass wir dank dieser Zeit über unseren Auftrag und die Herausforderungen der Kultur nachdenken konnten. Es hatte also vielleicht auch etwas Gutes.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in Ihrem Land?

Alle Gastspiele und Produktionen kamen zum Erliegen. Dann folgte eine zaghafte Wiederaufnahme mit begrenzter Zuschauerzahl. Wir bekamen zum Glück gute Unterstützung vom Staat, und auch unser Status als „intermittents du spectacle“ (freischaffende Künstler) war sehr hilfreich. Sonst hätte über die Hälfte der Künstler nicht überleben können.

Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine Ihr derzeitiges Theaterschaffen?

Uns wird bewusst, dass sich nach der Katastrophe einer Pandemie eine noch schlimmere, politische Katastrophe ereignen kann, obwohl wir uns in diesen beiden Bereichen sicher fühlten. Das löst eine Art neuen Eifer sowohl bei den Künstlern als auch den Zuschauern aus.

Welche neuen Entwicklungen gibt es sonst im Theater in Frankreich?

Wir müssen den Auftrag der Kunst und Kultur stärker in seiner Internationalität begreifen. Die Künstler aller Länder sind Brüder, und wir sollten uns in erster Linie bemühen, das Leben mit all seinen Geheimnissen zu respektieren. Dieser dramatische Einschnitt relativiert Unsicherheiten und ist für uns eine Chance zur Gestaltung einer humanistischeren, großzügigeren und weniger auf Frankreich konzentrierten Entwicklung.

„In New York gibt es jetzt auch ein Grundeinkommen für Künstler.“

DENNIS YUEH-YEH LI, REGISSEUR, DRAMATIKER UND PERFORMER

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Ihrem Land?

Seit der Trump-Regierung haben wir erlebt, wie sehr soziale Bewegungen den kreativen Output der Theater beeinflussen. Die Repräsentation auf den Bühnen ist diverser geworden. Marginalisierte Minderheiten können ihre Arbeit zeigen. Dennoch bleibt es eine Herausforderung, die Institutionen umzubauen, vor allem jene Compagnien, die Geld mit ihrer Arbeit verdienen. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger neue Gruppen. Theaterleute schrecken davor zurück, Compagnien mit festem Ensemble und Repertoire zu bilden. Die Ausbildung orientiert sich am Broadway, das Interesse an anderen Theaterformen schwindet wegen mangelnder Förderung und Unterstützung durch die Öffentlichkeit. Mit unabhängigen Projekten verdienen die Künstler kaum Geld. Gut ist, dass wir unter diesen Bedingungen neue Modelle ausprobieren, mit denen alternative Theaterarbeit, mehr Identitäten und künstlerische Stile möglich bleiben.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in New York?

Zunächst wurden Vorstellungen abgesagt mit allen Konsequenzen. Einige Theatergruppen haben aufgehört. Die Pandemie hat Theatermacher gezwungen, neue Wege zu gehen. Die Auswirkungen sind vermutlich vorübergehend. Ich hoffe aber sehr, dass die Unterstützung, die Künstler in dieser Zeit bekamen, nicht vorübergeht. Von Stipendien über Krankenversicherung wurden Programme aufgelegt, um die Krise zu lindern. In New York gibt es ein Jahr, nachdem das in San Francisco eingeführt wurde, ein Grundeinkommen für Künstler. Hoffentlich stabilisiert das auf längere Sicht die Situation von Künstlern.

Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine Ihr derzeitiges Theaterschaffen?

Ich komme aus Taiwan. Viele gehen davon aus, dass dieser Krieg das Vorspiel eines größeren Konflikts ist, der in Taiwan stattfinden wird. Das wäre ein Albtraum, und ich hoffe inständig, dass wir ihn nicht erleben. In meiner Theaterarbeit geht es um die Machtkämpfe zwischen Individuen, auch zwischen Individuen und Institutionen. Den Kontext des Living Theatre habe ich verlassen, um eigene Arbeiten zu realisieren, aber die Vision ist dieselbe. Dass wir uns eine bessere Zukunft vorstellen können, in der wir friedlich miteinander leben, weniger Engstirnigkeit und Hass.

Welche neuen Entwicklungen gibt es ansonsten im Theater in den USA?

Viele Fördertöpfe sind umstrukturiert worden zugunsten von Projekten mit Jugendlichen und mit lokalen Communities. Theater hat heute tatsächlich einen Bildungsauftrag. Was Theaterarbeit sonst angeht, schrumpfen Produktionen zusehends in Sachen Besetzung und Budget. Nur noch die Musicals arbeiten mit großer Besetzung. Es gibt immer mehr Monologe. Und sie werden kürzer. Was die Wahl der Themen oder der ästhetischen Mittel angeht, sehe ich wenig Veränderungen.

„Man hat das Gefühl, dass die Politik Kunst nicht als öffentliches Gut anerkennt.“

MARCO LAYERA, REGISSEUR UND AUTOR

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Ihrem Land?

Wir kämpfen nach wie vor mit Publikumsbeschränkungen und strengen Hygienemaßnahmen – und bei uns stehen ja Herbst und Winter bevor! Aber wir freuen uns, dass langsam das Kulturleben zurückkehrt, nach zwei Jahren, in denen unsere Arbeit ruhen musste, ohne staatliche Unterstützung für Kulturschaffende. Wir freuen uns auch, dass internationaler Austausch wieder möglich wird.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in Ihrem Land?

Die Pandemie hat das Arbeitsprekarität von Künstler:innen offengelegt und damit die sozialen Unsicherheiten, vor denen wir alle stehen. Man hat das ungute Gefühl, dass die Politik Kunst nicht als ein öffentliches Gut, als Teil der Grundversorgung einer Gesellschaft anerkennt. Wir sind letztlich komplett verwaist.

Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine Ihr Theaterschaffen?

Anfangs stellte ich infrage, ob wir weiter proben sollen. Was soll unsere Arbeit? Man zieht in Zweifel, was man tut, und empfindet Traurigkeit und Machtlosigkeit. Kriege gibt es leider immer an verschiedenen Orten der Welt. Dieser erscheint uns aus der Ferne Chiles wohl deshalb nah, weil die Verbindungen zwischen Europa und Chile und mit den europäischen Kolleg:innen so eng sind. Wir stehen kurz davor, für unsere Premiere nach Berlin und München zu fliegen, und wissen, dass wir in Richtung des Krieges reisen. Aber dass an anderen Orten der Welt Krieg herrscht, haben wir in unserer Wahrnehmung normalisiert.

Welche neuen Entwicklungen gibt es sonst im Theater in Chile?

Wir sind voller Hoffnung angesichts der neuen chilenischen Regierung und der verfassunggebenden Versammlung, die gerade ein neues Grundgesetz entwickelt. Wir hoffen, dass sie Kunst und Kultur anders begreifen wird und ihr einen eigenen Stellenwert zurechnet. Unsere Compagnie hat Theater immer als ein Instrument der Kritik und der Gestaltung verstanden – und als Methode, Gemeinschaften zu bilden.

Für die Unterstützung bei der Kontaktherstellung zu den Beteiligten und für Übersetzungen bedanken wir uns bei: Anna Opel, Lene Grösch mit dem Theater Heidelberg, Cordula Treml, Kerstin Ortmeier und Natalie Driemeyer.