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Wie eine sanftmütig reine, aber auch blutgetränkte Schneeflocke Russlands


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 28.01.2020

»Doktor Schiwago« am Theater Lüneburg


Artikelbild für den Artikel "Wie eine sanftmütig reine, aber auch blutgetränkte Schneeflocke Russlands" aus der Ausgabe 1/2020 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 1/2020

Jurij Schiwago (Kristian Lucas, r.) und Liberius (Alexander Tremmel mit Herren des Opern- und des Extrachors) geraten zunehmend zwischen die Fronten


Jurij Schiwago (Kristian Lucas) und Viktor Komarovskij (Ulrich Kratz) verbindet eine schwierige Vergangenheit


Das Theater Lüneburg empfängt den Zuschauer modern und aufgeräumt. Das Foyer ist in Teilen in rötliches Licht getaucht, sodass man meinen könnte, es gehöre schon zur Stimmung des Stücks dazu, um den Kampf zwischen Rot und Weiß vorzubereiten.

Die Romanvorlage von »Doktor Schiwago« wurde 1956 von Boris Pasternak ...

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... verfasst und 1958 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Der Film wurde 1966 mit fünf Oscars gekürt und Auszüge der Filmmusik mit ihrer zentralen Melodie von ›Lara‘s Theme‹ (Maurice Jarre) hat bestimmt jeder schon einmal irgendwo vernommen. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Leipzig und der späteren großen Open-Air-Produktion in Tecklenburg kommt der Stoff heute, laut Programmheft-Zeitangabe, mit erfrischenden Kürzungen daher und spielt nun vor den Toren der Musicalstadt Hamburg, im schönen Lüneburg.

Der vorgelagerte Orchestergraben ist breit und drückt das schmale Bühnenportal in den Hintergrund, das mit zwei seitlichen Spielflächen, jeweils links und rechts vom Graben, umrahmt ist. Auf der rechten Seitesteht ein elektronisches rotes LED-Kreuz, auf der anderen Seite eine alte Laterne mit weiß gedimmter Beleuchtung. Rot und Weiß: rote und weiße Partisanen sowie die Gegensätze wie Krieg - Frieden und arm - reich verleihen dem Abend und der Spiel-Handlung die immer wiederkehrende Dramatik.

Das Bühnenbild von Barbara Bloch ordnet, von Kreuzen umgeben, trichterförmig mehrere Spiel-ebenen in die Tiefe an und verändert die Szenerie geschickt durch wenige Elemente, die in die Szenen rein- und rausrollen, wie zum Beispiel die rollbaren Bücherregale, die dann eine Bibliothek als Spielort bilden. Die Kreuze hätten gerne auch mal verschwinden können, da man als nicht geistlicher Zuschauer schnell das Gefühl bekommt, man wäre eher in einer Kirche anstatt in einem Theater. Die Kostüme von Christine Bertl wurden schön und rollengerecht ausgewählt, wirkten aber nicht immer durchgängig nützlich, wie zum Beispiel der Federboa-Mantel des Doktors in der Fluchtszene anschaulich zeigt.

Das von Dirk Glowalla kreierte Licht ist detailliert gesetzt, schafft atmosphärisch einen guten Rahmen und unterstützt die Darsteller gekonnt. Nur die Fluchtszene vor der sehr oft eingesetzten Kunstschneekulisse und manche Kanonenblitzmomente wirken etwas platt inszeniert, was wiederum bei anders gesetzten Lichtverhältnissen noch intensiver, unheimlicher und mitreißender dargestellt hätte werden können. Geradeden kriegerischen Szenen hätte etwas mehr »Les Misérables«-Manier gutgetan.

Jurij Schiwago, gut gespielt von Kristian Lucas, gerät zwischen die Fronten der revolutionären Epoche, und wird zum Spielball der politischen Konstellationen. Wie in dem berühmten Film steht die Entwicklung der Liebe zu Lara im Zentrum des Abends. Nach einer flüchtigen Begegnung entwickelt sich in der späteren Zusammenarbeit zwischen Arzt und Schwester im Kriegs-Lazarett eine Liebe voller Dramatik, denn beide sind bereits vergeben. Diese Zerrissenheit spielt Kristian Lucas glaubwürdig und auf den Punkt, was auch von Nöten ist, denn die beiden sehr starken Frauen an seiner Seite - Larissa »Lara«, großartig gesungen und gespielt von Dorothea Maria Müller, und Schiwagos Gemahlin Tonia, wunderbar interpretiert von Jeannine Michèle Wacker - bieten sich ihm als sehr starke und präsente Bühnenpartnerinnen an.

Die Geschichte beginnt mit einer großen Szene, der Beerdigung von Jurijs Vater, bei dem neben dem großen Ensemble auch die drei Kinder auf der Bühne stehen. Jurij, der nun Waise ist, wächst bei Tonias Familie, den wohlhabenden Gromekos, auf (sehr russisch, aber manchmal auch kaum zu verstehen). Auch die kleine Lara hat ihren Vater verloren und wird von dem reichen Anwalt Viktor Komarovskij (herrlich zynisch und herrschaftlich dargeboten von Ulrich Kratz) in dessen Obhut genommen. Die Kinderdarsteller, vorbereitet von Anna Schwemmer, machen ihre Sache berührend gut: Es singen u. a. Tomek Endsin (Jurij, 10 Jahre alt), Lena Olmützer (Tonia, neun Jahre alt) und Lotta Wroblewski (Lara als Schülerin/Sascha/Katharina).

Während Jurij und Tonia in sehr behüteten Verhältnissen aufwachsen, geht es Lara nicht so gut. Komarovskij hat an der schönen jungen Frau, zu der sie herangewachsen ist, ein sehr persönliches Interesse.

Um Komarovskij zu entkommen, heiratet Lara ihren Freund Pawel »Pascha« (später Strelnikow: großartig, facettenreich gespielt und gesungen von Steffen Neutze), während auch Tonia und Jurij ein Paar werden. Als Lara ihrem Ehemann Pascha gesteht, dass sie keine Jungfrau mehr ist, sondern es Komarovskij war, der ihr die Unschuld nahm (Gänsehaut bei ›Wenn die Geige sang‹), verlässt dieser sie in hilfloser Wut und entflieht der Hochzeitsnacht.

Auf Jurijs Hochzeitsfest versucht Lara, Komarovskij zu erschießen, trifft jedoch nicht richtig. Jurij ist äußerst fasziniert von dem Mut der unbekannten, fremden Frau und fragt sich: ›Wer ist sie?‹

Nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs wird Jurij an die Front geschickt. Im Lazarett treffen Lara, die auf der Suche nach ihrem Mann Pascha ist, und er wieder aufeinander. Jurij berichtet Tonia in seinen Briefen davon, wie sehr ihn Lara fasziniert. Doch beider Wege trennen sich erneut, nachdem der Krieg endet. Er fährt zurück nach Moskau zu seiner Frau und seinem Sohn, während sie aufs Land zieht.

Nun bricht in Russland der Bürgerkrieg aus, in dem die »Weißen«, die dem Zaren treu Ergebenen, gegen die »Roten« (Kommunisten) kämpfen. Zuhause angekommen, muss Jurij feststellen, dass das Haus der Familie von den Kommunisten besetzt ist. Die ganze Familie muss auf dem Dachboden wohnen.

Jurij wird wegen seiner Gedichte vor Gerichtgestellt, doch Komarovskij hilft ihm und so entgeht er einer Verurteilung, während sein Freund getötet wird. Jurij flieht mit seiner Familie aufs Land in die Krüger-Villa, ganz in die Nähe der Stadt, in der Lara lebt. Doch auch die Partisanen, die einen Arzt benötigen, sind in der Nähe und entführen Jurij. Dabei stellt sich heraus, dass der gefürchtete Anführer Strelnikow kein anderer als Laras Mann Pascha ist.

Tonia und ihr Sohn treffen in der Bibliothek des kleinen Dorfes auf Lara. Obwohl sie eigentlichRivalinnen sind, können sie sich nicht hassen, teilen sie doch die Liebe zu Jurij: ›Trotzdem wundert es mich nicht‹ (wunderschön gesungen).

Nachdem Jurij im Lager der Partisanen eine Frau erschießt, um sie von ihren Qualen zu erlösen, flüchtet er und kehrt zur Krüger-Villa zurück, wo Lara ihn aufnimmt. Die beiden werden von Komarovskij gefunden, der anbietet, ihnen zur Flucht zu verhelfen, da Laras Mann inzwischen zum Tode verurteilt wurde und sie nicht länger beschützen kann. Jurij schickt Komarovskij mit Lara voraus und behauptet, nachzukommen, doch er bleibt in der alten Villa, um Lara die Flucht zu ermöglichen. Denn inzwischen ist Doktor Schiwago auch wegen seiner Gedichte im ganzen Land berühmt, außerdem wird er immer noch gesucht. Jetzt taucht der tot geglaubte Ehemann (Pascha/Strelnikow) von Lara auf. Sie betrinken sich gemeinsam und Strelnikow, der Lara noch immer verehrt, erschießt sich. Mit der Beerdigung von Jurij Andréitsch Schiwago endet die Geschichte, die zwischen 1903 und 1930 spielt. Seine große Liebe Lara steht mit der gemeinsamen Tochter Katharina, die er nie kennengelernt hat, an seinem Grab.

unten von oben links: 1. Viktor Komarovskij (Ulrich Kratz, l.) hält seine Hand nicht nur beschützend über die Damenwelt, auch Lara (Lotta Wroblewski, r.) und ihre Mutter Amalia (Kirsten Patt, Mitte) bekommen das zu spüren


Jurij (Kristian Lucas) und Tonia (Jeannine Michèle Wacker) halten nicht nur als Kinder zusammen, sondern gehen auch die Ehe ein


Pawel (Steffen Neutze, Mitte), Lara (Dorothea Maria Müller, Mitte l.) und deren Freunde (Herren des Opern- und Extrachors) kämpfen gegen die Obrigkeit


Jurij Schiwago (Kristian Lucas) auf dem Weg an die Front


Strelnikow (Steffen Neutze), der Anführer der Partisanen der Roten Armee, vormals Pascha Antipov


Jurij (Kristian Lucas) und Lara (Dorothea Maria Müller) müssen sich verabschieden, sie wird nicht nach Moskau zurückkehren


Nachdem sich die Damen, Tonia (Jeannine Michèle Wacker) und Lara (Dorothea Maria Müller), endlich kennengelernt haben, fühlen sie sich beieinander, ihrem Doktor ganz nah


Die schöne Musik von Lucy Simon ist gespickt mit großen dramatischen Bögen, um die ebenso große wie nicht ganz leichte Handlung würdig zu umrahmen, und kommt mit manch hitverdächtigem Titel daher. In der besuchten Vorstellung führt der musikalische Leiter Ulrich Stöcker die Lüneburger Symphoniker flüssig durch das Stück, lediglich das Tempo wurdedurch den Rezensenten als grenzwertig langsam empfunden, wenn man die Tempi der Songs mit dem Broadway-Original vergleicht. Da in dieser Vorstellung der Ton etwas leise war, fehlte manchen Nummern die Kraft, um Begeisterungsstürme auszulösen.

»Doktor Schiwago« in Lüneburg zu produzieren war sicher für das Haus und alle daran Beteiligten ein großes Wagnis, denn am Broadway lief das Stück aufgrund seiner Komplexität und seiner Schwere nicht nachhaltig und erfolgreich genug. Hier ist jedoch insgesamt etwas sehr Schönes geglückt und besonders die Überarbeitung und Kürzungen machen die gezeigte Version sehr sehenswert. Hinzu kommt ein motiviertes Ensemble, das mit seinen Gästen ein durchweg hochwertiges Theater-erlebnis abliefert. Regisseur Olaf Strieb hat kurze und schnelle Übergänge geschaffen und kreiert mit seinem Team eine wunderbare Bilderreise.

Wie die eingangs beschriebenen Rot-Weiß-Gegensätze, die Grenz-Erfahrungen, Kitsch und Ernst, Trauer und Freude - das Drama Musical bietet immer auch ein wenig Tanz auf dem Vulkan. Ein Spiel auf Messers Schneide. Sofern die Schneeflocken hier noch etwas an musikalischem Drive aufnehmen, kann die in Lüneburg gezeigte Version zu einem richtigen Knaller werden. Einen sanftmütigen Erfolg landen sie in Lüneburg schon jetzt. Weitere Vorstellungen gibt es vorerst bis Mai 2020.


Foto: t&w / Andreas Tamme

Fotos (4): t&w / Andreas Tamme

Fotos (3): t&w / Andreas Tamme