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„Wie geht es dir wirklich? “


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 09.03.2022

Artikelbild für den Artikel "„Wie geht es dir wirklich? “" aus der Ausgabe 4/2022 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 4/2022

Herr Kurth, können Sie sich noch an die erste Frage erinnern, die Ihr Leben verändert hat?

Nein, das war vermutlich, sobald ich angefangen habe, Sprache zu verstehen. Schon als Kind sind gute Fragen es senziell, um die Welt zu verstehen. Ohne wären wir gar nicht hier.

In Ihrem Buch „199 Fragen an dich selbst“ schreiben Sie: „Wir sollen alle ein bisschen länger neugierig bleiben.“ Verlernen wir als Erwachsene, gute Fragen zu stellen?

Im Laufe der Zeit, wenn wir unseren Charakter entwickeln, entsteht immer mehr das Gefühl: Ich bin halt ich, mag Blau statt Grün. Wir halten starr daran fest, das gibt Sicherheit. Oft handeln wir aus Gewohnheit und Mustern. Oder entsprechend dem, was wir aufgeschnappt haben aus der Familie, dem Freundeskreis, Büchern, Filmen. Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen ganz sicher sind und denken: „Ich hab’s verstanden, und die anderen wollen uns nur verarschen.“ ...

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Was wollen Sie den Menschen mit Ihrem Buch sagen?

„Lasst uns mal wieder uns selbst hinterfragen!“ Die Wunderwaffe dafür ist, nicht zu denken, man kenne auf alles die Antwort. Es gibt eine banale Frage, die wirklich etwas verändert hat bei mir: „Stimmt das wirklich?“ In dem Moment, in dem ich sage, ich weiß etwas, wird meine Welt klein. Wenn ich mich hinterfrage, wird die Welt wieder größer.

Man könnte ja auch sagen, ich höre mir lieber kluge Meinungen von anderen an, lese Ratgeber oder höre Podcasts – was ist der Vorteil daran, mehr in sich selbst reinzuhören?

Beides ist gut. Aber der beste Ratschlag nützt nichts, wenn er nicht zu unserer Lebenssituation passt. In der Psychologie gibt es einen schönen Satz: Du bist die Expertin für dein Problem. Und eine eigene Lösung zu finden ist nicht nur viel ermächtigender für dich, sondern auch nachhaltiger, denn es ist einfacher, diesem Weg zu folgen.

„Lasst uns uns selbst hinterfragen! Dann wird die Welt wieder größer“

Haben Sie eine Lieblingsfrage aus Ihrem Buch?

Die hängt immer davon ab, was mich gerade umtreibt. Während ich das Buch geschrieben habe, habe ich mir öfter die Frage gestellt: „Was ist gut daran, nicht weiterzuwissen?“ Da denkt man erst mal: nichts. Ich habe trotzdem weiter überlegt: Was könnte gut daran sein?

Und?

Nun, ich bin zum Beispiel gezwungen, eine Pause machen. Und ich muss etwas Neues lernen. Außerdem muss ich jemanden um Hilfe fragen. Und so kriege ich durch eine komische, unangenehme Frage drei, vier Antworten, mit denen ich direkt etwas anfangen kann.

Gibt es gute und schlechte Fragen?

Geschlossene Fragen, die als Antwort nur auf ein Ja oder Nein abzielen, haben wenig mit Neugier zu tun. Und Suggestivfragen, die in der Frage schon mittransportieren, welche Antwort du erwartest, sind eher manipulativ.

Was macht denn eine gute Frage aus?

Die wollen dich nicht zu einem bestimmten Punkt bringen, sondern deine Sicht auf Dinge erweitern. Dazu gehören zum Beispiel zirkuläre Fragen, die immer weiterführen, immer wieder eine Nachfrage haben.

Haben Sie ein Beispiel?

„Und was noch?“ ist eine der wichtigsten Fragen im Coaching und beim Sichselbst-Entdecken. Weil man auf eine Frage oft eine ganz schnelle erste Antwort parat hat. Mit der sollte man sich nicht zufriedengeben. Stattdessen weiterbohren: „Okay, und was noch?“ Und dann gibt man eine zweite Antwort, die auch noch naheliegt. Aber dann hakt man noch mal nach: „Und was noch?“

Was bewirkt diese Wiederholung?

Man kommt ins Nachdenken. Man kann sich auch eine Frage suchen und sich die gleiche Frage fünf Minuten immer wieder stellen, wobei man jeweils nur mit einem Satz antwortet. Nach der vierten, fünften, sechsten Antwort kommt man vielleicht unter die Oberf läche und überrascht sich selbst.

Sollte man einen Grundstock von guten Fragen haben, die einen durchs Leben begleiten?

Viele Fragen in meinem Buch sind solche, die mir im Laufe des Lebens begegnet sind. Ich sammle gute Fragen. Wenn einem jemand mal eine gute gestellt hat, sollte man sie sich merken und beim nächsten Mal mitnehmen.

Was sollte man denn mit seinen Antworten machen?

Es lohnt sich, sie aufzuschreiben oder auf dem Handy aufzunehmen. Dann kann man sie sich nach Wochen oder Jahren noch mal anschauen oder anhören. Dabei merkt man, welcher Mensch man damals war oder inzwischen geworden ist – und dadurch können dann wiederum neue Fragen entstehen.

Haben Sie bei der Arbeit an Ihrem Buch etwas gelernt, was Sie vorher noch nicht wussten? 

Eine Antwort gilt nur für den Moment. Es gibt niemals eine finale Antwort, kein: „Jetzt habe ich es für immer verstanden.“ Wenn man die gleiche Frage der gleichen Person Wochen, Monate oder Jahre später stellt, bekommt man vielleicht eine ganz andere Antwort. Wir können immer mehr wachsen, mehr erfahren, mehr lernen.

Gehen wir doch mal einige Themengebiete aus Ihrem Buch durch. Was sind zum Beispiel gute Fragen, die man seinem Partner stellen kann?

In der Paartherapie gibt es ein spannendes Experiment, drei Fragen, die sich ein Paar gegenseitig stellen kann. Erst fragt der eine – und geht bewusst gar nicht auf die Antworten des anderen ein –, dann stellt der andere dieselben drei Fragen. Die erste lautet: „Was schätzt du an mir?“ Eine Sache nur. Ganz spontan. Als der, der die Frage gestellt hat, sage ich dazu nur „Danke“, mehr nicht. Zweite Frage: „Was haben wir gemeinsam?“ Dritte: „Was sollte ich wissen?“ Spätestens hier passiert etwas. Und da kann man dann mal drüber reden.

Warum gerade diese drei in dieser Reihenfolge?

„Was schätzt du an mir?“ erzeugt Respekt und Dankbarkeit. Die zweite Frage zu den Gemeinsamkeiten etabliert Wertschätzung und schafft eine Verbindung. Und auf der Basis geht dann ein Raum auf, in dem man Dinge ansprechen kann, die vielleicht noch nicht gesagt wurden.

Es gibt in Ihrem Buch ein Kapitel, das heißt Selbstfindung. Was sind Fragen, mit denen man etwas tiefer als sonst in sich hineinschauen kann?

Auch hier sind es wieder drei Fragen, die aufeinander folgen. Die erste lautet: „Stell dir vor, eine fremde Person findet dein Handy und hat Zugriff auf alle Daten – mit welchen drei Sätzen würde ihr Aufsatz über dich beginnen?“ Die zweite Frage: „Deine beste Freundin stellt dich einem Fremden vor, was würde sie sagen?“ Dritte Frage: „Ein Mensch, der dich überhaupt nicht mag, stellt dich einer anderen Person vor, was würde er oder sie sagen?“ Spannend ist jetzt: Was haben alle drei Antworten gemeinsam? Auf einmal macht man da ein viel größeres Bild von sich auf.

„Eine Antwort gilt nur für den Moment. Wir können immer mehr wachsen, mehr lernen“

Im Buch gibt es einen Workshop zur Selbsterkenntnis, in dem Sie wissen wollen: „Wie geht es dir wirklich?“

Sind wir überhaupt ehrlich zu uns? Man muss nicht gleich den eigenen Brustkorb aufschneiden und an die schlimmsten Ecken seiner Erinnerung gehen. Aber man kann vielleicht damit anfangen, ein paar Momente länger neugierig mit sich zu bleiben, statt vor innerem Widerspruch wegzulaufen. Wie fühlt sich das Problem genau an? Was könnte denn passieren, wenn ich weiter drüber nachdenke? Einfach nur mal bildlich gesprochen den großen Zeh in den kalten See reinhalten. Nächstes Mal tiefer fragen, das ganze Bein ins Wasser halten. In den meisten Fällen stellt man fest, dass der See, vor dem man Angst hatte, sehr erfrischend sein kann.

Welche Fragen empfehlen Sie, wenn es um das Thema Job geht?

„Was ist der Unterschied zwischen Beruf und Berufung?“ Oder: „Welchen Wert oder welche Einstellung, die dir im Leben wichtig ist, findest du in deinem jetzigen Beruf?“ Und dann könnte man nachfragen: „Was könntest du tun oder ändern, damit genau das ein etwas größerer Teil deines Berufs wird?“

In dem Buch findet man nichts zum Thema Gesundheit.

Das stimmt. Spiritualität fehlt auch – oder Wut oder Trauer. Vielleicht gibt es ja noch ein zweites Buch. (lacht) Viele gute Fragen eignen sich aber auch für andere Themen. Etwa: „Welcher Aspekt deiner Gesundheit gefällt dir gerade besonders gut? Und was kannst du tun, um diesen Aspekt auszubauen?“ Das ist einfach nur eine Frage zum Thema Arbeit durch Gesundheit ersetzt. Eine gute Frage bleibt eine gute Frage.

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Fünf Fragen, die einen weiterbringen