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WIE GEHT ES EIGENTLICH …?: Erinnerungskultur?


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 04.09.2019

Vor 80 Jahren hat Adolf Hitler seinen Krieg gegen die Welt begonnen. Welche Rolle spielt die Erinnerung an diese Zeit für die Deutschen heute noch? Von Barbara Kerbel


SCHWER:WIE GEHT ES EIGENTLICH DER …

Artikelbild für den Artikel "WIE GEHT ES EIGENTLICH …?: Erinnerungskultur?" aus der Ausgabe 11/2019 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 11/2019

Ein Ort der Erinnerung an die schlimmste Zeit der deutschen Geschichte: das Berliner Holocaust-Mahnmal.


Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg angefangen. Der Holocaust, die systematische Ermordung von rund sechs Millionen Juden, ist in der Geschichte ohne Vergleich. Im Namen Deutschlands haben Adolf Hitler und die Nationalsozialisten unvorstellbare Verbrechen begangen. Das sind die historischen Fakten – und ...

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... das ist die historische Schuld Deutschlands.

Auf der Basis dieser Schuld wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die beiden neuen deutschen Staaten gegründet, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Das Motto „Nie wieder“ wurde zum wichtigsten Motiv für die Autoren des Grundgesetzes (sieheDeutsch perfekt 6/2019). „Die Identität einer Gesellschaft ist auch geprägt von ihrer Geschichte“, sagt Andreas Zick, Sozialpsychologe und Direktor des Instituts für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung (IKG) an der Universität Bielefeld. „Das Dokument unserer Verfassung ist ein Speicher der deutschen Vergangenheit.“

Mit dem Grundgesetz wurde die Basis für eine Erinnerungskultur gelegt. Aber der Verfassungstext ist nur ein Aspekt. Die entscheidende Frage ist, wie die Gesellschaft mit der historischen Schuld umgehen soll: Wie soll an den Holocaust erinnert werden? Was sind die Aufgaben von Gedenkstätten? Welche Mahnmale sollen an die Opfer erinnern? Welche Konsequenzen bedeutet die Geschichte für das aktuelle und zukünftige Handeln des Staates?

Solche Fragen haben immer wieder zu großen Kontroversen geführt. Direkt nach dem Krieg wollten sich die wenigsten Deutschen mit der Vergangenheit beschäftigen. Sie dachten an den Wiederaufbau. Über ihre Schuld schwiegen sie. Und nicht nur das: Frühere Nationalsozialisten hatten bald nach dem Krieg wieder wichtige Positionen in Politik und Wirtschaft. Die 68er rebellierten gegen das Schweigen ihrer Eltern und die Verdrängung der Vergangenheit.

Allmählich hat sich die Gesellschaft seitdem der Vergangenheitsbewältigung gestellt. Schüler behandeln in der Schule selbstverständlich den Nationalsozialismus und den Holocaust. Viele Schulklassen besuchen eine der KZ-Gedenkstätten, zum Beispiel Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen oder Flossenbürg.

In Berlin erinnert seit 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas an die Opfer des Holocaust. Und 70 Jahre nach Kriegsende wurde in München, der früheren „Hauptstadt der Bewegung“, das NS-Dokumentationszentrum eröffnet. Über beide gab es Kontroversen. Nicht nur über Fragen der Architektur: Immer wieder werden Stimmen laut, die einen „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit fordern.

80 Jahre nach Kriegsbeginn muss die Gesellschaft noch immer Antworten auf die Frage finden, wie sie mit der historischen Verantwortung umgehen will. Um der Diskussion darüber konkrete Zahlen zu liefern, hat die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ eine repräsentative Befragung zur Erinnerungskultur gestartet: die MEMO-Studie. Die neuesten Ergebnisse wurden im April publiziert. Regelmäßig soll die Befragung wiederholt werden, um Veränderungen festzustellen.

„Die Mehrheit der Deutschen will keinen Schlussstrich“, sagt Studienleiter Andreas Zick. Tatsächlich fand nur ein Drittel der Befragten, dass es Zeit für einen Schlussstrich ist. Fast zwei Drittel gaben an, dass sie sich „eher“ oder „sehr stark“ für deutsche Geschichte interessieren. Für 71 Prozent der Befragten ist der Nationalsozialismus Teil der deutschen Identität. 29,8 Prozent der Befragten waren vier Mal oder häufiger in einer Gedenkstätte, 22,1 Prozent noch nie.

„Die Erinnerung an die historische Schuld ist stabil“, sagt Zick. „Vor allem jungen Menschen ist das sehr wichtig.“ Fast zwei Drittel der Befragten stimmten außerdem der Aussage zu, dass Menschen heute zu ähnlichen Taten fähig wären wie im Nationalsozialismus.

Die Wissenschaftler haben aber auch eine Tendenz zur Entkonkretisierung beobachtet, wie sie es nennen: Auf die Frage, an welche Opfer der NS-Zeit erinnert werden sollte, sagten fast 50 Prozent „an alle“. Nur 37 Prozent nannten explizit die jüdischen Opfer, andere Opfergruppen kamen viel seltener vor. „Es geht verloren, wie viele Opfergruppen verfolgt wurden“, sagt Zick. Gegen diesen Trend sollte etwas getan werden, findet er.

Das aber wird immer schwieriger, je mehr Zeit vergeht. Die letzten Opfer und die letzten Täter sterben. Bald wird niemand mehr als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen berichten können. Umso ernster nehmen die Institutionen die letzten Gelegenheiten. In den vergangenen Jahren gab es vor deutschen Gerichten einige Prozesse gegen KZ-Wachmänner (sieheDeutsch perfekt 3/2018). Es wird kontrovers diskutiert, ob es sinnvoll ist, sehr alte Männer noch vor Gericht zu stellen. Aber durch diese Prozesse sind frühere KZ-Häftlinge in die Bundesrepublik gereist. Sie wollten vor Gericht erzählen, was ihnen im Namen Deutschlands angetan wurde. Es ist wahrscheinlich ihre letzte Gelegenheit – und die letzte Chance für die Deutschen, ihnen zuzuhören.


Für sieben von zehn Deutschen ist der Nationalsozialismus Teil der deutschen Identität.


Während die Justiz versucht, die letzen Täter vor Gericht zu bringen, arbeiten die Gedenkstätten an neuen Wegen der Geschichtsvermittlung. Mit dem Tod der letzten Zeitzeugen ändert sich auch die pädagogische Arbeit. In der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Beispiel bereiten sich die Mitarbeiter auf den 75. Jahrestag der Befreiung des KZ im April 2020 vor. Mit demBayerischen Rundfunk (BR ) entwickelt die Gedenkstätte ein Messenger-Projekt für Smartphones. Mit Nachrichten, Zeitzeugenberichten, Tagebuchauszügen und historischen Fakten wollen die Autoren die letzten Monate im KZ und die Zeit nach der Befreiung multiperspektivisch vermitteln.

In der KZ-Gedenkstätte bei München wird außerdem die Ausstellung digitalisiert – und das Angebot wächst: Seit Kurzem gibt es einen Audioguide in Mandarin für chinesische Besucher; auch soll der Parkplatz vergrößert werden.

Wie in Dachau steigen auch in den anderen KZ-Gedenkstätten die Besucherzahlen. Kann Deutschland also auf seinen Umgang mit der Geschichte stolz sein, wie viele meinen?

„Mit Stolz tue ich mich in diesem Zusammenhang schwer“, sagt Gabriele Hammermann, Leiterin der Dachauer Gedenkstätte. „Aber es gab eine lange Phase, in der vor allem einzelne zivile Gruppen mit dem Gedenken beschäftigt waren. Das ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Die Gedenkstätten spüren diese Entwicklung nicht nur an mehr Besuchern. Sie bekommen vom Staat auch mehr Geld. „Die Ausstattung ist deutlich besser geworden“, sagt Hammermann.

Die Gedenkstätten werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. „Sie sind Friedhöfe, Orte des Gedenkens und Lernorte“, sagt Hammermann. Sie findet: Als Lernorte müssen sie sich darum bemühen, auch für neue Besuchergruppen attraktiv zu sein. Dazu gehören auch Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben. Je mehr Zuwanderer nach Deutschland kommen, desto vielfältiger wird die Gesellschaft. 87 Prozent der Befragten aus der MEMO-Studie meinen, dass das Wissen über den Nationalsozialismus zur Zugehörigkeit zu Deutschland gehört. Aber wie soll man Zuwanderern die historische Schuld ihrer neuen Heimat vermitteln?

Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli hat vorgeschlagen, den Besuch einer KZ-Gedenkstätte für Schüler und Einwanderer zur Pflicht zu machen. Chebli ist in Berlin als Tochter staatenloser Palästinenser geboren; sie ist gläubige Muslima und kämpft gegen Antisemitismus. Vor wenigen Monaten war die 41-Jährige mit einer Berliner Schulklasse zum ersten Mal in Auschwitz. Integration, die Erinnerung an die Geschichte und der Dialog zwischen den Kulturen sind ihre Lebensthemen.

Viele Experten lehnen Cheblis Vorschlag ab. „Eine Pflicht ruft Widerwillen hervor“, sagt Gabriele Hammermann. Auch Andreas Zick hält verpflichtende Gedenkstätten-Besuche für wenig sinnvoll. „Lernen beginnt mit Interesse und nicht mit Zwang“, sagt er. „Das Interesse der Jugendlichen ist sowieso groß.“ Viel wichtiger findet Zick es, Jugendlichen Zeit und Möglichkeiten zum Nachdenken zu geben – und mehr für ihre politische Bildung zu tun.

Die ist umso wichtiger, je stärker die Stimmen von Populisten werden. Seit der letzten Bundestagswahl im Jahr 2017 sitzt die Alternative für Deutschland (AfD) mit 91 Abgeordneten im Parlament – und provoziert immer wieder mit kalkulierten Tabubrüchen. So fordert zum Beispiel der Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit und findet, dass Deutschland stolz sein kann auf „die Leistungen der Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Wie die MEMO-Studie zeigt, ist Gauland Teil einer Minderheit. Zick nimmt die Provokationen der Populisten trotzdem ernst. „Demokratiebildung fällt nicht vom Himmel“, sagt der Sozialpsychologe.


In den früheren Konzentrationslagern steigen die Besucherzahlen. Ein Grund für Stolz?



Foto: lubilub/iStock.com