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Wie geht Party, Myriel?


myself - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 12.12.2018

Das Berliner Organisationstalent Myriel Walter weiß, warum es beim Feiern auf Neugier und Großzügigkeit ankommt


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Bildquelle: myself, Ausgabe 1/2019

Myriel Walter, 39, sagt, Party ohne Musik geht nicht.


Wo haben Sie das gelernt: Menschen zusammenzubringen und für gute Stimmung zu sorgen?
Ich habe lange in Berlin für den Club Cookies gearbeitet, später war ich für die Membership-Abteilung im Soho House zuständig, einem exklusiven Club. Da hatte ich in einem Moment mit einem Hollywood-Star und im nächsten mit einer Gruppe von Start-up-Jungs zu tun. Damals habe ich gelernt, worum es geht, nämlich offen, neugierig und großzügig zu sein.

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... Ich erinnere mich an einen Begriff aus meinem Kulturwissenschaftsstudium: „kollektive Sinnkonstruktion“. In allen Epochen der Menschheitsgeschichte kamen Leute zusammen, um zu feiern. Da geht es um Freiheit, Loslassen, Gemeinschaft, Ekstase. Wir alle suchen und brauchen diese Momente. Sie sind das Korrektiv zum Alltag. Ein Fest ist gelungen, wenn Menschen, die sich gerade noch fremd waren, neugierig aufeinander sind, ja sich vielleicht sogar inspirieren und berühren.

Das ist alles?
Und wenn man sie um 5 Uhr rausschmeißen muss, damit sie endlich aufhören, im Wohnzimmer zu tanzen, und nach Hause gehen.
Was kann man tun, damit das passiert?
Rechtzeitig einladen, zwei bis drei Wochen vorher, und auf keinen Fall per Whatsapp-Gruppe. Das endet immer im Chaos, weil man Dutzende von Nachrichten bekommt, die alle anderen mitlesen können: „Ich komme“, „Ich auch, aber erst später“, „Ich schaff’s leider nicht“, „Kann ich jemanden mitbringen?“ Alles Abtörner. Ich lade jeden persönlich ein, gern per E-Mail, aber mit ein paar Zeilen, damit die Person merkt, dass wirklich sie gemeint ist.
Welche drei Zutaten sind für einen rauschenden Abend unverzichtbar?
Am wichtigsten: die Mischung der Gäste. Also verschiedene Branchen, Temperamente – ein paar Ältere, ein paar Jüngere, die Hälfte Frauen, die Hälfte Männer. Viele laden nur Menschen ein, die so sind wie sie selbst. Riesenfehler! Danach kommt die Atmosphäre: der Raum, die Blumen, das Besteck, das Licht, natürlich das Essen und die Drinks.
Ganz klar überschätzt?
Exklusives Essen. Manche Gastgeber machen sich tagelang Gedanken über ein Acht-Gänge-Menü. Das Essen soll schmecken. Ein Sharing-Menü, also große Schüsseln, von denen sich jeder nimmt, was er mag, ist völlig okay. Das liegt sogar im Trend, weil es das Eis bricht und das Gemeinschaftsgefühl fördert.
Partymusik oder Jazz?
Ohne Musik geht es nicht, klar. Doch es kommt auf den Kontext an. Wenn die Leute ausflippen sollen, bringt es nichts, einen genialen DJ zu buchen, der sich als Künstler verwirklicht. Dann braucht man jemanden, der spürt, was die Gäste hören wollen, der sich in den Dienst des Abends stellt und auch mal was auflegt, das vielleicht nicht der heißeste Scheiß ist, aber Erinnerungen weckt und gute Laune macht.
Was, wenn der Abend nicht richtig in Schwung kommt, wenn sogar die Unterhaltung am Tisch ins Stocken gerät?
Das Problem habe ich nicht, wenn die Mischung der Gäste stimmt, die Drinks, das Essen, die Atmosphäre. Deshalb finde ich es so wichtig, im Vorfeld präzise zu planen. Wenn für alles gesorgt ist, gibt es eine Struktur, in der sich der Flow des Abends entfalten kann. Ich gebe meinen Gästen auch gern Aufgaben: Neulich musste jeder einen inspirierenden Moment mitbringen, also eine Passage aus einem Buch vorlesen oder ein Lied vorspielen.


„Viele laden nur Menschen ein, die sind wie sie selbst. Ein Riesenfehler!“


Wirkt das nicht gezwungen?
So was mussen passant passieren, eher beim Rauchen auf dem Balkon als in großer Runde. Bei mir hat’s funktioniert: Eine Freundin las eine Stelle aus der „Unendlichen Geschichte“ vor, alle fühlten sich an die Kindheit erinnert, und schon war Leben in der Bude. Auf einmal war da ein riesiger Assoziationsraum für Erinnerungen. Ein Abend sollte nicht nur dahinplätschern, es sollte was Wertvolles passieren. Nur wenn die Gäste vertraut sind miteinander, werden sie ab Mitternacht die Tanzfläche stürmen.
Und wenn trotzdem keine Stimmung aufkommt?
Ich bin auch schon aufgestanden und habe verkündet: „So, zur Nachspeise sucht sich jeder einen neuen Sitznachbarn.“ Man darf so was natürlich nicht als verzweifelte Notmaßnahme rüberbringen.
Feste Sitzordnung oder freie Platzwahl – was ist besser für ein gelungenes Dinner?
Kommt auf den Kontext an: Wenn ich zu meinem Geburtstag 30 Freunde einlade, dann ohne Sitzordnung, die passen ja eh nicht alle an den Tisch. Wenn ich aber für zwölf Leute koche – ein paar Freunde, Kollegen, lose Bekanntschaften –, dann überlege ich mir sehr genau, wen ich warum wo hinsetze.
Ihre Taktik dabei?
Die Leute dürfen sich nicht zu ähnlich sein, sollten aber Anknüpfungspunkte für ein Gespräch haben. Ich visualisiere den Abend vorher und stelle mir den Raum und die Atmosphäre bildlich vor. Dann spüre ich, wen ich wo platzieren muss.
Zum Beispiel?
Die Partykanonen kommen neben die ruhigeren Zeitgenossen, die müssen mitgerissen werden. Vielleicht gibt es zwei Gäste, die jeweils Kinder im gleichen Alter haben, aber in komplett unterschiedlichen Branchen arbeiten? Jeder sollte die Chance haben, etwas mitzunehmen bei so einem Abend, einen neuen Freund zu finden – oder eine neue Perspektive.
Welche Getränke muss man parat haben?
Man braucht nicht viel: einen guten Crémant oder Champagner als Aperitif, Wein und Wasser zum Essen. Im Kühlschrank noch ein paar Flaschen Bier sowie Gin und Tonic. Wenn jemand unter den Gästen ist, der Cocktails mixen kann, ist das fein, aber so was muss sich ergeben, notwendig ist es nicht.
Wie kann man seinen Gästen klarmachen, dass man spätestens um Mitternacht gern im Bett liegen möchte?
Ich würde nie im Leben einladen, wenn ein Abend nicht das werden darf, was er aus sich selbst heraus wird.