Lesezeit ca. 19 Min.
arrow_back

Wie Hund und Katz


Logo von Das goldene Blatt
Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 40/2021 vom 02.10.2021

Jede Woche 8 Seiten EXTRA

Zum Herausnehmen

Das Ausschlafen am Samstag war für Saskia ein lieb gewordenes Ritual. Wenigstens bis neun Uhr. Dann wurde Patty ungeduldig und forderte energisch ihr Frühstück ein. Bis dahin aber kuschelte sich die Katze an ihre Beine und döste entspannt dem Tag entgegen.

Artikelbild für den Artikel "Wie Hund und Katz" aus der Ausgabe 40/2021 von Das goldene Blatt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

An diesem Morgen aber begann Schlag acht Uhr unten der Krach. Es hämmerte, bohrte, sägte und klopfte. Patty hob den Kopf und zuckte mit den Ohren, und Saskia zog sich mit einem unwilligen Brummen das Kissen über den Kopf. Vergeblich. Ihr Traum verblasste und zugleich drang der Lärm immer deutlicher in ihr Bewusstsein. Jetzt fühlte sie, wie Patty sich einmal streckte. Dann begann sie, gegen ihre Schulter zu stupsen und drängte gleich darauf ihren Kopf unter Saskias Hand, die immer noch das Kissen festhielt.

Sie hatte diese Technik perfektioniert, sich mit der Nase voran unter eine Hand zu schieben, die ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,19€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Das goldene Blatt. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 40/2021 von Liebe Leserinnen, liebe Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Titelbild der Ausgabe 40/2021 von „Unser Glück kommt auf vier Pfoten“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Unser Glück kommt auf vier Pfoten“
Titelbild der Ausgabe 40/2021 von Kurz & bündig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kurz & bündig
Titelbild der Ausgabe 40/2021 von „Ich brauche nicht viel zum Glücklichsein“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Ich brauche nicht viel zum Glücklichsein“
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Ihr Glücks-Horoskop
Vorheriger Artikel
Ihr Glücks-Horoskop
Das Geheimnis ihrer Punkte
Nächster Artikel
Das Geheimnis ihrer Punkte
Mehr Lesetipps

... sie dann meist reflexartig kraulte. Das klappte auch heute. Jetzt noch ein lautes Schnurren angeworfen, das verfehlte seine Wirkung selten.

Saskia musste lächeln. Sie zog das Kissen beiseite und blinzelte Patty verschlafen zu. „Nachbarn“, brummte sie. „Was für eine Pein.“

Kurz darauf saß Patty satt und zufrieden auf dem Fensterbrett und putzte sich, während Saskia ihr Frühstück richtete. Der Krach von unten war zu einer gleichmäßigen Geräuschkulisse geworden.

Die Wohnung im Erdgeschoss direkt unter ihr hatte eine Weile leer gestanden. Jetzt zog offenbar wieder jemand ein, der noch beim Renovieren war. Nun, das wäre irgendwann vorbei. Mehr Gedanken machte sie sich darüber, wie die neuen Nachbarn zu Tieren standen.

Es wäre nämlich ein Jammer, wenn Patty nicht mehr in den Garten könnte! Von ihrem Balkon aus hatte Saskia der Katze eine Art Treppe gebastelt, die entlang der Hauswand nach unten führte und dort im Garten endete, der zu der Erdgeschosswohnung gehörte.

Mit den vorigen Mietern war das kein Problem gewesen. Und meist nutzte Patty den Garten auch nur als Durchgangsstation für ihre Streifzüge. Aber wenn die Neuen das nicht duldeten? Das müsste sie unbedingt rechtzeitig klären.

Die gewonnene Stunde hatte auch ihre Vorteile. Saskia bummelte beim Frühstück, nahm sich viel Zeit, ihre Blumen zu gießen und alle welken Blättchen abzuzupfen und plante dann ihren Tag. Sich am Wochenende etwas Leckeres zu kochen, war auch so ein Ritual. Aber erst mal einkaufen.

Als Saskia über die Treppe nach unten kam war der Baulärm verstummt. Und gerade als sie daran vorbeilief, öffnete sich die Tür der Wohnung und ein junger Typ trat heraus. Verwaschene Jeans, das braune Haar, das Grinsen unbekümmert. „Hallo. Tut mir leid, wenn’s gerade etwas laut ist. Aber ich bin bald fertig.“

„Ach, schon gut“, sagte Saskia schnell. „Kein Problem.“

Sie war stehengeblieben und sah ihm ins Gesicht. Die blitzenden Augen und das jungenhafte Grinsen erinnerten ein bisschen an diesen Schauspieler, wie hieß der gleich noch? Dann richtete sie den Blick über seine Schulter in die Wohnung, konnte aber außer den leeren Flurwänden und ein paar Farbeimern nichts erkennen.

„Ich bin übrigens Lukas Menzel“, setzte er hinzu. Klang das amüsiert? Rasch riss Saskia den Blick wieder los. Sie wollte keineswegs neugierig erscheinen.

„Saskia“, erwiderte sie. „Saskia Böhme. Ich wohne direkt da oben drüber.“ Sie machte eine vage Handbewegung zur Decke.

Lukas grinste unverändert. „So“, meinte er. „Freut mich. Dann sehen wir uns jetzt bestimmt öfter.“

Ein freundliches Nicken, ein letzter Blick, dann stieg er die Treppe nach unten in den Keller.

Saskia überlegte, ob sie Lukas vielleicht Hilfe anbieten sollte

Und Saskia rief sich in Erinnerung, dass sie doch einkaufen wollte. Dieses Grinsen und die blitzenden Augen begleiteten sie noch eine ganze Weile und puschten ihre Laune, wenn sie daran dachte.

Das Wochenende verlief ruhig. Falls Lukas weiter in der Wohnung arbeitete, so tat er das still. Ein paar Mal war Saskia versucht, nach unten zu gehen und anzuklopfen.

Sie könnte fragen, wie es lief, ihre Hilfe anbieten, und bei der Gelegenheit vielleicht das Katzenthema anschneiden. Aber wenn sie ehrlich war, wollte sie nur die blitzenden Augen und dieses sympathische Grinsen sehen. „Er ist nämlich ziemlich süß, weißt du?“, erklärte sie Patty am Abend.

Die Katze sah sie aus ihren unergründlichen Augen an, rollte sich dann in einer Ecke des Sofas ein und bettete mit einem zufriedenen Seufzer den Kopf auf die Pfoten.

Saskia seufzte auch. Ja, Lukas war schon süß. Aber sie konnte natürlich nicht davon ausgehen, dass er allein hier einzog. Vielleicht ja mit Frau und Kind, oder mindestens mit seiner Freundin. Nun, auch das würde sich klären.

Ein paar Tage sah und hörte Saskia nichts aus der Wohnung darunter. Es schien noch niemand eingezogen zu sein. Immer wenn sie Patty auf den Balkon ließ, damit sie über ihre Treppe nach unten gelangen konnte, inspizierte sie vorher den Garten. Der aber lag weiter ungenutzt. Trotzdem. Wenn sie Lukas das nächste Mal sah, musste sie ihn darauf ansprechen, ob er nichts dagegen hätte, wenn ihre Katze seinen Garten nutzte.

Dann verlief diese nächste Begegnung unter so speziellen Umständen, dass es nicht dazu kam. Saskia hatte sich auf einen ruhigen Abend eingestellt und wollte sich eben eine Pizza in den Ofen schieben, als plötzlich das Radio verstummte und alles dunkel wurde.

Kein Strom! Na sowas. Etwas ratlos griff Saskia sich eine Ta- schenlampe und trat an den Sicherungskasten. Der Schutzschalter jedenfalls war in der richtigen Position. Vielleicht war das Problem dann im Keller zu finden? Dort lag die Hauptstromversorgung. Also machte sich auf den Weg.

Das Licht im Flur ließ sich schalten, stellte sie fest. War etwa nur ihre Wohnung betroffen? Das klärte sich rasch, als sie unten im Keller vor dem Sicherungskasten auf einen reichlich bedröppelten Lukas traf. „Haben Sie auch keinen Strom?“, fragte Saskia.

Sein Grinsen war jetzt nicht ganz so unbekümmert wie letztens. Mehr schuldbewusst heute. „Oh, Sie auch? Das tut mir leid.“ Und als sie ihn verwundert ansah, fügte er hinzu: „Ich wollte ein Regal anbringen. Als ich das Loch gebohrt habe, gab es plötzlich einen Knall. Dann war der Strom weg. Vielleicht hab ich ein Kabel erwischt.“

„Ach du Schande!“, entfuhr es Saskia. „Und was jetzt?“

Er sah sie an, mit einem so reumütigen Dackelblick, dass man ihm gar nicht böse sein konnte. Saskia musste schmunzeln. Dann zuckte sie die Schultern. „Nun. So ein Mist passiert eben. Aber im Flur funktioniert der Licht.“

„Ja. Da gibt es wahrscheinlich verschiedene Stromkreise. Es scheint, dass unsere beiden Wohnungen zusammenhängen.“

„Von sowas hab ich keine Ahnung“, meinte Saskia. „Das ist wohl ein Fall für den Elektriker.“

„Ich würde ja jetzt im Internet nach einem suchen“, überlegte Lukas. „Aber ohne Strom … haben Sie vielleicht ein Telefonbuch?“

Saskia lachte. „Zum Glück besitze ich noch eins. Ich hol’s mal.“

Sie fanden tatsächlich einen Elektriker, der versprach, gleich jemanden zu schicken. Zufällig war ein Monteur gerade ganz in der Nähe mit einem Einsatz fertig. Und der stand auch keine zehn Minuten später vor der Tür.

„Sorry wegen der Umstände. Ich mach’s wieder gut“, versicherte Lukas, als er mit dem Handwerker in seiner Wohnung verschwand.

„Schon in Ordnung“, erwiderte Saskia rasch und schickte ihm ein Lächeln hinterher. Schade eigentlich, ging ihr durch den Kopf. Sie hätte gerne noch länger hier mit ihm zusammen gewartet, vielleicht bei Kerzenschein im Dunklen … so ein Stromausfall konnte nämlich durchaus romantisch sein …

„Heute ist endlich Umzugstag!“ Lukas lachte Saskia an

Keine halbe Stunde später war der Schaden behoben. Und als Saskia sich dann ihre Pizza in den Ofen schob, wanderten ihre Gedanken immer wieder einen Stock tiefer. Was Lukas wohl gerade tat? Zumindest keine Löcher mehr in die Wände bohren, dachte sie und musste schmunzeln. Aber wenn er schon seine Regale anbrachte, war es wohl nicht mehr weit hin, dass er einziehen würde.

Wie Recht sie damit hatte zeigte sich schon am nächsten Tag. Gleich morgens fuhr ein großer Umzugswagen vor, und den ganzen Vormittag waren mehrere Helfer damit beschäftigt, Stück für Stück allerlei Möbel, Kisten, Schachteln und Hausrat nach drinnen zu schaffen.

Ein paar Mal sah sie Lukas dazwischen herumwuseln und Anweisungen geben, und als sie später einmal aus dem Haus ging, konnte sie einen kurzen Blick durch die geöffnete Tür in die Wohnung werfen. In der Diele montierte eben ein Mann die Garderobe, im Wohnzimmer stand die Schrankwand schon an Ort und Stelle, und gerade kamen zwei weitere Helfer mit einem voluminösen Sofa von draußen herein.

Saskia drückte sich eng an die Wand, um sie vorbei zu lassen, als Lukas aus der Tür trat, etwas abgekämpft, aber breit grinsend.

„Na, endlich der große Tag“, meinte sie und sah den Männern nach, wie sie das Sofa mühsam durch die Tür bugsierten. Lukas folgte ihrem Blick und lachte.

„Ja, Gott sei Dank. Mal sehen, ob alles so passt, wie ich mir das vorgestellt habe. Das Sofa hinten links an die Wand, bitte!“, rief er den Packern hinterher und folgte ihnen nach drinnen. In der Tür drehte er sich noch einmal um und zwinkerte Saskia zu. „Wenn hier erst mal Ruhe eingekehrt ist, dann trinken wir mal ein Glas Wein auf gute Nachbarschaft“, versprach er.

Bitte umblättern!

„Sehr gerne“, erwiderte Saskia. Dabei ging ihr durch den Kopf, dass sie in all der Betriebsamkeit keine einzige Frau gesehen hatte. Also entweder drückte sich Lukas’ Freundin vor der Arbeit, oder er zog doch allein ein.

Bis in den Abend war von unten noch ab und zu ein Scharren oder Schleifen zu hören. Wahrscheinlich war Lukas dabei, ein paar Dinge alles an Ort und Stelle zu räumen und sich einzurichten. Damit wäre er sicher auch noch die nächsten Tage beschäftigt. So lange müsste sie sich wohl gedulden. Auch wenn sie es kaum erwarten konnte, mit ihm zusammenzusitzen. Auf gute Nachbarschaft trinken, wie er es formuliert hatte. Und dann sehen, was sich daraus entwickelte…

Saskia lächelte vor sich hin. Lieber keine vorschnelle Hoffnungen machen. Trotzdem perlte ihr bei dem Gedanken, Lukas bald näher kennenzulernen, eine hibbelige Vorfreude durch die Brust.

Die allerdings unversehens einen herben Dämpfer erhielt.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück verlangte Patty, nach draußen zu dürfen. Saskia warf aus ihrem Wohnzimmerfenster einen Blick hinunter in den Garten, der nach wie vor leer und unbewohnt schien. Daraufhin öffnete sie die Balkontür und ließ die Katze raus, die sogleich geschickt über ihre Treppe nach unten kletterte.

Eigentlich war es nur ein langes Brett mit Querstegen, das schräg an der Hauswand entlang hinunterführte. Von dort nahm Patty meist den kürzesten Weg über den Zaun und ab in die Freiheit. Heute aber schlich sie vorsichtig um die Ecke an die Vorderseite des Hauses.

Vielleicht wollte Patty dem neuen Bewohner mal Hallo sagen, dachte Saskia noch amüsiert.

Und da brach das Spektakel los.

Wie aus dem Nichts sprang auf einmal ein riesiger Hund in ihr Blickfeld und stürzte sich bellend auf ihre Katze. Saskia schnappte erschrocken nach Luft, doch der Schrei blieb ihr im Hals stecken, denn da mutierte Patty schon zu einer wütend fauchenden Hexe mit wild gesträubtem Fell, die sich dem Angreifer in den Weg stellte.

Saskia hatte die Luft angehalten – ihre Knie waren weich!

Mit einem Satz war der Hund heran, und im selben Moment hob die Katze eine Pfote mit ausgefahrenen Krallen und zog sie in einer blitzschnellen Bewegung quer über die Hundenase. Der Hund jaulte auf und prallte zurück. Patty warf sich herum, war mit drei Sprüngen am Zaun, schon darüber weg und jagte auf der kleinen Straße davon.

Das Ganze hatte keine fünf Sekunden gedauert. Saskia ließ zischend den Atem entweichen, den sie vor Schreck angehalten hatte. Ihre Knie waren weich geworden. Da nahm sie wieder eine Bewegung unten wahr, und Lukas erschien auf der Bildfläche. Er beugte sich zu dem Hund, der mehrfach mit der Pfote über seine Schnauze wischte. Dann richtete er sich auf und sah in die Richtung, wohin die Katze verschwunden war.

„Hau bloß ab, du!“, rief Lukas drohend, obwohl längst nichts mehr von Patty zu sehen war. Plötzlich hob er den Kopf und sah Saskia da am Balkon stehen, die bleich und mit großen Augen zu ihm heruntersah. Einen Moment starrten sie sich stumm an.

„Ist, äh, das – Ihr Hund?“, brachte sie schließlich hervor.

„Ja. Allerdings. Deshalb wollte ich eine Wohnung mit Garten“, gab er zurück. „Aber so einen Empfang haben wir nicht erwartet.“

Saskia biss sich auf die Lippen. Der Hund schüttelte sich, und Lukas musterte besorgt die blutige Schramme auf seiner Nase. Die ihn zumindest nicht am Wittern hinderte. Denn nun folgte der Hund anscheinend einer Duftspur, die ihn um die Ecke des Hauses führte, und Lukas lief hinter ihm her.

Saskia hielt schon wieder die Luft an. Wenn er jetzt die Katzentreppe entdeckte, die an ihren Balkon führte, würde er eins und eins zusammenzählen. So wartete sie stumm auf das, was da kommen musste. Und prompt kam. Als Lukas nämlich wieder um die Ecke bog und mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck zu ihr hoch sah. „Ist das etwa Ihre Katze?“

Saskia nickte schwach. „Ja. Also, mit den Vormietern war das kein Problem … Eigentlich geht sie immer gleich über den Zaun … Und sie ist ganz sanftmütig!“

Die steile Falte auf seiner Stirn und die spöttisch gekräuselten Mundwinkel brachten sie zum Schweigen. „Offensichtlich“, sagte er nur. Dann pfiff er nach dem Hund. „Bolle, hierher. Komm, alter Junge.“ Und ohne noch einen Blick zu ihr, verschwand er in die Wohnung, und der Hund mit ihm.

Au weia. Das was ja gründlich schief gegangen. Saskia befiel die unschöne Ahnung, dass ihre Hoffnung auf eine mehr als gute Nachbarschaft eben einen herben Rückschlag erlitten hatte. Sie seufzte.

Und was hieß das nun für Patty? Wenn dieses Ungeheuer sich im Garten herumtrieb, traute sie sich bestimmt nicht nach draußen. Sie konnte aber natürlich nicht verlangen, dass Lukas seinen Hund einsperrte, da er doch extra in eine Wohnung mit Garten gezogen war. Also ihre Katze einsperren? Auch nicht gut. Ach, es war vertrackt. Saskia seufzte wieder. Sie hatte nämlich gerade gar keine Idee, wie sie diesen Knoten lösen sollte.

Nach einer schlaflosen Nacht, in der sie ein Dutzend Strategien erstellt und wieder verworfen hatte, war Saskia zu einem vorläufigen Beschluss gelangt. Sie würde die Zeit abpassen, wenn Lukas mit dem Hund spazieren ging, und Patty dann nach draußen lassen. Dann müsste die Katze bloß bei ihrer Rückkehr darauf achten, dem Hund aus dem Weg zu gehen.

Ein paar Tage lang funktionierte diese Taktik tatsächlich gut. Patty war jedes Mal schnell über den Zaun, und irgendwann stand sie wieder auf dem Balkon, ohne größere Vorkommnisse. Eines Tages aber wartete Saskia vergeblich.

Unruhig spähte sie aus allen Fenstern und trat schließlich auf den Balkon, um nach Patty zu rufen. Da sah sie ihre Katze vor dem Zaun, wie sie mehrfach versuchte zur rettenden Treppe zu gelangen und sich doch nicht traute.

Hinter dem Zaun nämlich, mit einem schadenfrohen Schwanzwedeln, lief Bolle immer dahin, wo Patty eben zum Sprung ansetzte.

„Aber mein Bolle mag Katzen gerne!“, versicherte Lukas

Saskia unterdrückte eine üble Verwünschung. Dann lief sie rasch nach unten und hinaus auf die Straße. „Komm her, Schätzchen“, lockte sie die Katze, die auf sie zulief und sich bereitwillig auf den Arm nehmen ließ. Als sie zurück zur Haustür ging, trabte Bolle auf der anderen Seite des Zauns nebenher und ließ sie nicht aus den Augen.

„Verzieh dich!“, zischte Saskia ärgerlich und drückte die Katze an sich. Drinnen im Flur wollte sie gleich hoch in ihre Wohnung, doch da trat Lukas aus seiner Tür und musterte sie überrascht.

„Oh, welch Luxus“, flachste er. „Die Katze wird gelaufen.“

Saskia war nicht zum Scherzen zumute. „Die Katze würde liebend gern selbst laufen“, gab sie bissig zurück. „Bloß macht sich der riesige Hund einen Spaß daraus, sie nicht in den Garten zu lassen.“

Lukas blieb stehen und sah sie eigenartig an. „Er lässt sie nicht in den Garten? Unsinn. Bolle ist ein sehr freundlicher Hund.“

„Klar. Deshalb hetzt er sie Katze am Zaun entlang“, ätzte Saskia. „Sehr freundlich. Wirklich.“

„Vielleicht will er spielen.“

„Würden Sie vielleicht mit einer Dampfwalze spielen wollen?“ Sie funkelte ihn böse an.

Lukas öffnete den Mund zu einer Antwort, zögerte, schloss ihn dann wieder. „Bolle mag Katzen gerne“, betonte er schließlich.

Saskia schnaubte. „Schon klar. Zum Fressen gern wahrscheinlich.“ Damit wandte sie sich ab und stapfte die Treppe hoch. Sie fühlte seinen Blick im Rücken, drehte sich jedoch nicht mehr um.

Hinter ihrer Wohnungstür setzte sie Patty auf den Boden und atmete erst mal tief durch. Sie wollte nicht so schnippisch sein. Aber er hatte sie eben auf dem falschen Fuß erwischt. Außerdem war ihr ganzes schönes Modell zum Katzenfreigang eben geplatzt. Und mit ihm vielleicht die Hoffnung auf eine gute Nachbarschaft! Was davon war jetzt schlimmer?

Diese Frage ließ Saskia nicht mehr los. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr drängte es sie, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Wenn das denn klappen könnte! Aber einen Versuch war es wert. Sie müsste mit Lukas reden. Sich für ihre Zickigkeit entschuldigen, und dann in Ruhe nach einer guten Lösung suchen.

Gerade als sie sich durchgerungen hatte, zu ihm runterzugehen, klopfte es an ihrer Tür. Lukas! Saskia setzte ihr nettestes Lächeln auf. „Hey. Sorry wegen vorhin. Ich war ein bisschen durch den Wind.“

„Schon gut“, sagte er rasch.

Gar nicht so einfach, so eine Situation aufzuknacken. Saskia war plötzlich ganz befangen, und auch Lukas stand unschlüssig da. Dann trat sie zur Seite und öffnete die Tür weit. „Willst du, äh, Sie …“

„Du ist schon okay.“ Jetzt grinste er wieder. „Ich meine, so als Nachbarn. Und Tierfreunde.“

Sie ließ ihn eintreten, froh, dass in diesem Moment Patty um die Ecke kam und den Besuch neugierig musterte. Lukas hockte sich hin und streckte der Katze die Hand entgegen. „Und du bist …?“

„Patty“, ergänzte Saskia. „Willst du was trinken, Lukas?“

Mit zwei Gläsern Orangensaft kam sie gleich darauf ins Wohnzimmer, wo Lukas gerade Pattys Schlafkissen, den Kratzbaum und den Anfang der Katzentreppe an der Balkonbrüstung musterte.

„Man betreibt ganz schön Aufwand für die Tiere, nicht wahr?“, meinte er mit einem Lächeln. „Und will immer, dass es ihnen gut geht.“

Darüber plauderten sie, wobei rasch klar wurde, dass Lukas von Kindesbeinen an mit Hunden gelebt hatte. Und sie mit Katzen.

Zwar versicherte er, er würde Katzen mögen, so wie sie das umgekehrt genauso tat, doch irgendwie wurde Saskia das Gefühl nicht los, dass die Sympathien eindeutig verteilt waren. Und hörte sie nicht zwischen den Zeilen, dass Lukas ihr die blutige Hundenase nachtrug? So wie sie es Bolle übel nahm, wie er Patty gehetzt hatte.

So stand dieser holprige Start rund um ihre Haustiere gefühlt zwischen ihnen. Und als Lukas sich später verabschiedete, hatte Saskia gar kein gutes Gefühl.

Dabei war Lukas richtig schnuckelig! Und ganz ihr Typ. Aber war vielleicht schon alles vorbei, ehe es überhaupt begonnen hatte?

Patty spielte mit der Maus – und wer tröstete Saskia jetzt?

Darüber nachzudenken hatte Saskia viel Zeit. Zwei Tage lang nämlich, in denen sie von Lukas nichts sah und hörte. Auch Bolle bekam sie nicht zu Gesicht.

Ließ Lukas ihn jetzt vielleicht nicht mehr in den Garten, und war deswegen sauer auf sie? Auch sie hatte Pattys Freigang gerade auf ein Minimum reduziert. Dass die Katze sich lautstark darüber beklagte, machte die Sache nicht besser. Aber was sollte sie tun?

„Es läuft eben nicht immer alles so, wie wir uns das vielleicht wünschen“, erklärte sie Patty einmal ernsthaft. Als Trost zog sie eine nagelneue Spielzeugmaus aus der Tasche und warf sie der Katze hin. Patty stürzte sich sogleich begeistert darauf und hatte für den Moment alles andere vergessen. Saskia ging das Herz auf. Zugleich lag es ihr komisch schwer in der Brust. Denn wer tröstete sie eigentlich?

Sie war kurz davor, einfach bei Lukas zu klingeln. Mal hallo sagen, reden, und vielleicht war ja noch nicht alles zu spät! Morgen, nahm sie sich vor. Morgen würde sie sich ein Herz fassen und versuchen, die Dinge zurecht zu rücken. Und da stand er vor ihrer Tür.

„Ich möchte dir etwas zeigen“, sagte er mit diesem Grinsen, das sie bis in ihre Träume verfolgte.

Saskias Herz machte einen Satz. „Was Schönes?“, fragte sie.

Lukas lachte. „Ich glaube schon. Komm mal mit nach unten.“

Er führte sie in seine Wohnung, wo Bolle auf seiner Decke lag und an einem Kauknochen nagte. Als er sie sah, erhob er sich und trottete heran. Aus der Nähe betrachtet wirkte er fast noch größer. Jetzt zog er die Lefzen ein wenig hoch, so als würde er grinsen. Dazu wedelte der Schwanz freundlich. Saskia musste lächeln. „Was ist Bolle eigentlich für eine Rasse?“

„Keine Ahnung.“ Lukas hob die Schultern. „Ein bisschen Retriever, ein bisschen Hütehund. Im Herzen ist er Schoßhündchen. Komm mit!“

Er öffnete die Terrassentür und ging voran in den Garten. Bolle sprang fröhlich nebenher, und Saskia bekam fast ein schlechtes Gewissen. Hatte der Arme jetzt zwei Tage drinnen verbracht?

„Hier entlang.“ Lukas trat an die Ecke des Hauses, wo er mit einem erwartungsvollen Grinsen stehenblieb. Saskia folgte seinem Blick in den hinteren Teil des Gartens – und musste zweimal hinsehen.

Neben der Stelle wo Pattys Treppe in die Wiese mündete war ein buntes Nylonnetz gespannt, ungefähr hüfthoch, das diesen Teil des Gartens vom Rest abtrennte.

Saskia starrte auf das Konstrukt. „Was, äh, ist das?“, fragte sie.

„Ein mobiler Weidezaun“, erklärte Lukas fröhlich. „Man kann ihn auch unter Strom setzen, aber darauf habe ich verzichtet.“

„Weidezaun“, echote Saskia.

„Den verwenden Schäfer, um ihre Herde zu sichern“, fuhr er fort. „Lässt sich ganz einfach anbringen, mit Bodenstangen. Und ich dachte mir, was Wölfe von Schafen fernhält könnte doch auch für Hunde und Katzen funktionieren.“

Saskia hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Himmel, wie viele Gedanken er sich gemacht hatte.

„Was hältst du davon?“, fragte Lukas, als sie so lange nichts sagte.

Saskia schluckte. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen. „Danke, vielen Dank“, sagte sie gerührt. „Das ist echt genial.“

Sie wollte sofort testen, was Patty dazu sagte. Lukas kam mit hoch und sah zu, wie Saskia die Balkontür öffnete und die Katze geschmeidig auf die Brüstung sprang. Ein prüfender Blick nach unten,

und schon kletterte sie flugs treppab bis in die Wiese. Als sie das bunte Netz sah, stutzte sie etwas, und genau in diesem Moment kam Bolle um die Ecke. Patty wich fauchend zurück, doch dann schien sie zu begreifen, dass er nicht an sie herankam. Sie stolzierte vor dem Netz auf und ab, zeigte ihren schönsten Katzenbuckel und sprang schließlich hoch auf den Zaun, wohlweislich an einer Stelle, die Bolle nicht erreichen konnte.

Hund und Katz beschnüffelten sich am Zaun sogar

Dort saß sie einen Moment siegesbewusst, und schlenderte dann gemächlich die Straße entlang.

Bolle fiepte leise hinter ihr her, und Saskia presste die Hand vor den Mund, um nicht laut heraus zu lachen. „Wahnsinn“, keuchte sie schließlich. „Es funktioniert.“

Übergangslos setzte sie hinzu: „Hast du heute Abend was vor? Ich würde mich gerne bedanken. Mit einem leckeren Abendessen.“

Das war ihr einfach ganz locker über die Lippen gekommen. Und genauso locker wurde ihr gemeinsamer Abend. Lukas half beim Kochen, und dann saßen sie lange zusammen, redeten und lachten und kamen vom Hundertsten ins Tausendste. Hatte sie bei ihrer letzten Begegnung noch das Gefühl gehabt, da stünde etwas zwischen ihnen, so empfand Saskia heute eine Nähe und Vertrautheit, als würden sie sich schon ewig kennen. Und knisterte es da nicht auch ein bisschen zwischen ihnen?

„Danke für den tollen Abend“, sagte Lukas beim Abschied. „Nächstes Mal machen wir andersrum. Da koche ich für dich. Das kann ich nämlich auch gut.“

Dabei zwinkerte er ihr zu, und Saskias Bauch schlug fast einen Salto. Weil ihr so durch den Kopf ging, ob sie vielleicht bald Gelegenheit hätte zu ergründen, was er sonst noch gut konnte …

Der Zaun im Garten hatte die Situation unglaublich entspannt. Saskia musste sich keine Gedanken mehr machen, wenn sie Patty nach draußen ließ, und die Katze hatte schnell verstanden, dass ihr der große Hund nichts tun konnte.

Ein paar Mal beobachtete Saskia sogar, wie die beiden sich durch das Netz hindurch sogar beschnüffelten. Sie schienen sich gut arrangiert zu haben. Doch wenn sie ehrlich war, schenkte sie dem Geschehen im Garten gar nicht so viel Beachtung. Sie hatte zurzeit nämlich ganz anderes im Kopf!

Nämlich Lukas. Und Lukas. Und dann noch Lukas …

Seit ihrem gemeinsamen Abend flatterte ihr Bauch schon, wenn sie nur an ihn dachte. Nachts spukte er durch ihre Träume, und tagsüber saß meist ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Und wenn sie sich nicht täuschte, ging es Lukas genauso.

Als er für Samstag die versprochene Einladung zum Abendessen aussprach, klang das nur vordergründig belanglos. Zwischen den Worten hörte Saskia deutlich die Spannung, und in seinen Augen sah sie die gleiche Erwartung, die auch sie gepackt hatte. Dass es nämlich nicht bei einem gemeinsamen Essen bleiben würde …

Diesmal half sie beim Kochen, und obwohl in der Küche genug Platz war, klebte Lukas fast an ihr. Oder sie an ihm. Es zog sie zueinander hin, und die Luft knisterte schon, bevor sie am Tisch saßen.

Beim Essen dann wurden die Blicke tiefer, das Lächeln bedeutsamer, und es funkte gewaltig. Hinterher, mit einem letzten Glas Wein auf dem Sofa, gab es dann kein Halten mehr. Ihr erster Kuss war scheu und wild, zart und leidenschaftlich, aufregend neu und doch vertraut, alles zugleich. Und schöner als erhofft, war Saskias letzter klarer Gedanke. Dann dachte sie gar nichts mehr, fühlte nur noch.

Als sie die Augen aufschlug blitzte die Sonne durchs Fenster. Saskia brauchte einen Moment, sich zu orientieren. Das Zimmer sah anders aus. Und warum fühlte sie sich, als könnte sie fliegen?

Dann sah sie neben sich, und der Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch erwachte flatternd zum Leben. Saskia lächelte überbreit.

Lukas sah aus wie ein kleiner Junge, wenn er schlief. Eine Woge von Zärtlichkeit schlug über ihr zusammen. Sie betrachtete ihn einen- Moment lang, hauchte dann einen Kuss auf seine Nasenspitze.

Sie konnte gar nicht aufhören zu lächeln. Oh, dieser Abend gestern, und die Nacht … es war noch viel schöner gewesen, als sie es sich je hätte träumen lassen – als ihr plötzlich ein anderer Gedanke kam.

Saskia hielt inne. Patty! Die hatte sie vergessen. Bestimmt war sie schon hungrig. Und war die Katze gestern nicht noch draußen gewesen, als sie zu Lukas runterging? Au weia. Hatte die Arme etwa die ganze Nacht im Freien verbracht?

Lukas schlang die Arme um Saskia. „Das sieht gut aus!“

Unschöne Bilder stiegen in Saskia hoch, befeuerten ihr schlechtes Gewissen. Patty hungrig und ängstlich am Balkon, oder schlimmer noch, allein im Wald – was da alles passieren konnte! Saskia durchquerte das Wohnzimmer, wollte rasch nach oben, als ihr Blick nach draußen auf die Terrasse fiel.

Sie blieb wie angewurzelt stehen, blinzelte, trat näher. Das war jetzt nicht echt. Oder?

Seltsam berührt verharrte sie eine ganze Weile still und versuchte das Bild einzuordnen, das sich hier bot. Da auf seiner Matte vor der Tür, entspannt in der Morgensonne, döste Bolle dem Tag entgegen. Und zwischen seinen dicken Pfoten, zusammengerollt und sichtlich zufrieden, lag Patty.

Saskia wusste nicht, wie lange sie so gestanden war. Sie rührte sich auch nicht, als sie irgendwann ein Geräusch aus dem Schlafzimmer hörte. Im nächsten Moment stand Lukas hinter ihr und schlang die Arme um sie. „Na, das sieht doch richtig gut aus“, murmelte er an ihrem Ohr. „Was hab ich gesagt? Bolle mag Katzen.“

Dabei drückte er sein Gesicht in ihr Haar, und Saskia lehnte sich gegen ihn und genoss einen Moment dieses wilde Glücksgefühl, das sie bis in die Zehenspitzen durchflutete. Dann drehte sie halb den Kopf und blinzelte zu ihm hoch. „Meine Patty ist ja auch eine besonders nette Katze.“

„Und mein Bolle ein besonders netter Hund“, grinste Lukas.

„Ganz das Herrchen.“

„Ganz das Frauchen. Und so hübsch. Glatt zum Verlieben.“

Bei diesen Worten lockerte er seinen Griff etwas, und Saskia drehte sich in seinen Armen herum, nur um sich gleich wieder an ihn zu schmiegen. Es war wie gestern beim Kochen, diese Anziehung, als wären sie magnetisch – ihre Körper, ihre Blicke, ihre Lippen …

„Meine Rede“, murmelte sie, gab der Anziehung nach und ließ sich in seinen Kuss fallen.

ENDE

Nächste Woche lesen Sie den großen abgeschlossenen

LADY-KRIMI