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Wie ich meine Ängste besiegte


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 05.02.2020

Zwölf Millionen Deutsche haben eine Angsterkrankung. Dabei gibt es Notausgänge aus dem Panikraum


Yoga hilft

Die Schauspielerin Ursula Karven hat sogar ein Buch geschrieben über „Diese verdammten Ängste – und wie wir an ihnen wachsen” (Gräfe und Unzer)

Seit ich mir das Genick gebrochen habe, begleiten mich meine Ängste. 2015 hatte ich einen schweren Unfall während Dreharbeiten in den USA – und trotzdem großes Glück, denn der Neurologie-Spezialist versicherte, dass alles wieder so wird wie vorher. Wurde es aber nicht. Obwohl die Heilung gut voranging, hatte ich plötzlich Panik. Nachts hatte ich das Gefühl, ...

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Bildquelle: Donna, Ausgabe 3/2020

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... ins Bodenlose zu fallen. Ich wusste bald, das schaffe ich nicht mehr allein, und suchte mir therapeutische Hilfe. Mein Ziel: mich nicht mehr von Ängsten bestimmen zu lassen. Als Mensch, der immer nach vorn sieht, war mir nicht klar gewesen, wie viele Kompromisse ich eingegangen war aus Angst, nicht zu genügen, Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen, allein zu sein. Ich stellte mich meinen Ängsten, und sie blickten mich wie aus einem Spiegel heraus an. Und ich tat etwas, das ich jedem empfehlen würde: Ich trat ein Stück vom Spiegel zurück, um das ganze Bild meines Lebens zu erkennen. Ich fragte mich: Warum fühle ich, was ich fühle, woher kommt die Angst?

Wenn man das tut, ist man seinen Gefühlen nicht mehr so ausgeliefert. Aus der Distanz der Selbstbeobachtung schafft man Abstand zur Emotion. Ich erfuhr, wie wichtig es ist, sich vergeben zu können. Loszulassen. Im Hier und Jetzt zu sein. Ich bin kompromissloser geworden, und ich glaube mittlerweile, das Geheimnis, seine Ängste zu überwinden, liegt auch darin zu versuchen, das Glück zu finden, das in Freundschaften, in Familie und letztlich auch in einem selbst liegt. Mit sich selbst glücklich zu sein ist dabei vielleicht das Wichtigste. Und das schafft man auch – so profan das klingt –, indem man Sport treibt. Für mich ist Yoga ideal. Weil man allein durch die Atemübungen geerdet wird und wieder ein Gefühl für sich entwickelt. Es sind letztlich auch praktische Dinge, die einem helfen, seine Ängste zu überwinden. Um das zu vermitteln, habe ich meine Erfahrungen aufgeschrieben. Denn ich will meine wichtige Botschaft teilen: Es gibt einen Weg aus der Angstspirale!

Als sich Ursula Karven, 55, ihren Ängsten gestellt hat, merkte sie, wie sehr ihr Leben davon beeinflusst wurde


Lange dachte Frauke Gans, 47, dass jeder Mensch Angst genauso empfindet wie sie


„Ach, halt die Klappe“
Die Übersetzerin Frauke Gans fand es normal, ihre Schuhe zu waschen, um sich so vor Pestiziden zu schützen

Mein Körper wurde so von Adrenalin überschwemmt, dass es wehtat. Ich wusste lange nicht, dass das ein typisches Symptom einer Angststörung ist. Ich dachte, bei allen fühlt sich Furcht so an. Denn wann immer ich davon erzählte, dass ich vor diesem oder jenem Angst hatte, antworteten alle, dass es ihnen auch so gehe. Dass das normal sei, Angst zu haben vor Höhe, vor Elektrosmog oder vor Pestiziden. Zusätzlich suchte ich im Internet so lange nach den Argumenten, die mir versicherten, dass es richtig ist, alles zu waschen – sogar Schuhe, nur damit keine Schadstoffe ins Haus gelangen. Auch das ist typisch, wie ich jetzt weiß: Man merkt nicht, wie man immer nur die Informationen herausfischt, die einem bestätigen, dass man richtig liegt. Als würde man Öl ins Feuer gießen. Es wurde immer schlimmer. Irgendwann wusste ich: So geht es nicht weiter. Dass es nicht normal sein kann, wenn man sein Leben vor Angst kaum aushält. Also suchte ich mir einen Therapeuten. Der wollte aber vor allem mit mir meine Kindheit erörtern. Dass ich etwas ganz anderes brauchte, merkte ich erst, als ich irgendwann einmal aus Verzweiflung den Notdienst anrief und mir dort ein Psychologe sagte: „Was Sie fühlen ist Angst. Sie haben eine generalisierte Angststörung.“ Und was das Wichtigste war: „Sie können gegensteuern.“ Das allein hat mich schon beruhigt, diese Aussicht, meine Alarmanlage drosseln zu können.


„Die Panik bereitete mir körperliche Schmerzen“


Ich fand einen auf Ängste spezialisierten Therapeuten, der einen eher pragmatischen Ansatz verfolgte. Damit konnte ich viel mehr anfangen. Er sagte mir: „Hör auf, daran zu denken, was passieren kann. Hör auf, nach Argumenten für deine Angst zu suchen. Ich versichere dir, dir passiert nichts. Du musst das nur durchhalten. Die Erfahrung machen, dass es nicht zu einer Katastrophe kommen wird. Das mag dauern. Es tut weh, weil der Körper ja zuerst weiter Adrenalin ausschüttet in den entsprechenden Situationen. Aber es wird sich etwas ändern.“ Und er hatte recht. Nach zwei, drei Wochen ließ die Angst nach. Das war so eine unglaubliche Erleichterung. Man fängt wieder an klarzusehen. Natürlich bleibt eine gewisse Disposition bestehen. Ich bin immer noch kein Fan von großen Höhen. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen, mich umzutrainieren, das auszuhalten. Wenn mein Kopf heute wieder eine Situation auf ihre potenziell riesigen Gefahren abklopft, sage ich ihm: „Ach, halt die Klappe!“ Dann geht das vorbei. Mit dem erstaunlichen Effekt, dass ich jetzt oft sogar tougher bin als andere.

Wie kann man Angst begegnen, Dr. Sabine Gapp-Bauß?

Die Ärztin hat sich in ihrer Arbeit und mit Büchern wie „Angststörungen und Panikattacken dauerhaft überwinden“ intensiv mit dem Thema befasst und steht für einen lösungsorientierten, ganzheitlichen Ansatz, um Ängste in den Griff zu bekommen.

Warum haben Ängste in unserer Gesellschaft zugenommen?
Es ist eher so, dass sich Betroffene heute früher Hilfe holen. Hinzu kommt, dass in unserer Wohlstands- und Leistungsgesellschaft die Anforderungen an ein erfolgreiches Leben sehr hoch sind, die Frustrationstoleranz für schwierige Lebensphasen aber sehr viel geringer ist.

Das ist der Grund?
Traditionelle Rollen und Familienstrukturen lösen sich zunehmend auf, und Zukunftsperspektiven fehlen dagegen. Das allein bedeutet schon für einige Menschen eine Verunsicherung.

Was kann man tun?
Es gibt kein Patentrezept. Vielmehr ist jeder Einzelne aufgerufen, der Angst und allem, was damit zusammenhängt, auf die Schliche zu kommen. Dazu ist manchmal eine psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll. Auch weil Ängste oft Zeichen einer Depression oder posttraumatischen Belastungsstörung sein können.

Lassen sich Ängste abtrainieren?
Nein. Sie sind vielmehr als Hinweis auf ein seelisches Ungleichgewicht zu sehen, dem man folgen und mit ganz konkreten, stabilisierenden Selbsthilfemaßnahmen begegnen sollte. Auf der körperlichen wie auf der geistigen Ebene, um das Gehirn zu neuen „Verschaltungen” anzuregen, der Angst den Boden zu entziehen.

Wie man sich selbst helfen kann, beschreibt Dr. Sabine Gapp-Bauß in ihrem neuen Buch „Angststörungen und Panikattacken dauerhaft überwinden“ (VAK, 19,90 Euro)


Angst ist relativ
Die Autorin Constanze Kleis konnte lange in kein Flugzeug steigen. Bis sie verstand, wie das mit der Schub- und Schwerkraft funktionierte

Katastrophenfilme mit Flugzeugen? Schaue ich grundsätzlich nicht. Ich hatte schon immer Angst vorm Fliegen. Vielleicht weil der erste Flug – mit 16 nach Amsterdam – so grauenhaft war, dass selbst die Stewardessen blass wurden. Seitdem flog ich nur, wenn man nicht mit dem Zug fahren kann. Zwar wollte ich mich von meiner Angst nicht zum Hausarrest im näheren Europa verdonnern lassen. Aber wenn es so weit war, fühlte ich mich wie gelähmt. Auf keinen Fall konnte ich am Fenster sitzen, um zu sehen, wie tief man stürzen würde. Ich wollte nicht sprechen, nichts trinken, nichts essen. Ich wollte das nur überstehen. Einmal gab mir eine Freundin eine hoch dosierte Valium, was die Sache nur schlimmer machte. Ich hatte übles Herzrasen, als hätte der Pilot gerade eine Notlandung angekündigt.


„Ich wollte nicht sprechen, nichts essen, nichts trinken“


Irgendwann wollte ich das nicht mehr und buchte ein Flugangstseminar. Das hat geholfen. Wenigstens ein bisschen. Nicht so sehr wegen der Körperübungen, die sicher auch nützlich waren. Mich überzeugte, was die Psychologin gleich zu Beginn sagte: Sie gratulierte uns Flugängstlern zu unserem kleinen Größenwahn, weil wir offenbar davon überzeugt seien, dass wir ganze Flugzeuge zum Absturz bringen können. Bloß weil wir drinsitzen. Vor allem aber tröstete mich zu erleben, wie relativ Angst ist. Dass jeder der Teilnehmer sich vor etwas anderem fürchtete. Ein Mann sagte, er habe Probleme, sein Leben einem anderen anvertrauen zu müssen, nicht selbst am Steuer zu sitzen. Zwei Frauen konnten nicht verstehen, was diese „riesigen Dinger“ oben hält, bis uns ein Pilot erklärte, wie das funktioniert mit der Schub- und Schwerkraft. Am Ende machten wir einen Flug von Frankfurt nach München und wieder zurück. Business Class. Und ich merkte, wie die Angst nur noch halb so groß war, wenn man Platz hatte und nicht wie in einer Sardinenbüchse eingepfercht sitzt und sich überlegt, wie man im Fall einer Notlandung über den sehr dicken Mann auf dem Nebensitz hinaus ins Freie gelangen könnte. Eigentlich ein unlauterer Trick der Seminarveranstalter, denn wer kann es sich schon leisten, seine Flugangst mit Business-Class-Tickets zu bekämpfen?! Geholfen hat es trotzdem. Ich zähle zwar immer noch die Sitzreihen bis zum nächsten Notausgang, falls dichter Qualm den Weg dorthin versperren würde, und ich buche mir immer einen Gangplatz. Aber ich lasse mich von meiner Angst nicht mehr überwältigen. Ich fliege weiterhin nicht innerdeutsch und auch nicht ins nahe Europa – nun allerdings wegen des Klimas.

Von München nach Hamburg fährt Constanze Kleis, 61, lieber Zug – aber nicht mehr aus Angst vorm Fliegen, sondern um die Umwelt zu schonen


FOTO: ALFRED STEFFEN/PHOTOSELECTION

FOTOS: CHARLOTTE SCHREIBER (1)

FOTO: GABY GERSTER