Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Wie können wir die Ozeane retten?


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 22.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Wie können wir die Ozeane retten?" aus der Ausgabe 4/2021 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 4/2021

Rote Harems-Fahnenbarsche und Federseesterne am Great Barrier Reef

Farben, Formen, Vielfalt – was für eine Pracht! Da wimmeln Schwärme von roten Barschen, da sind Barrakudas auf der Jagd, Skorpionfische tun so, als seien sie Steine, Clownfische verteidigen ihre Anemone, und in der Ferne glänzt silbern ein Riffhai … Wer schon einmal das Glück hatte, an einem Korallenriff zu tauchen, ist tief beeindruckt und voller Demut für das Meer.

Ozeane bedecken 70 Prozent der Erde, die darum auch der „Blaue Planet“ genannt wird. Doch dieses Blau ist stark beschädigt. Alle Meere leiden unter Überfischung, ein Drittel der globalen Fischbestände ist laut Welternährungsorganisation FAO über seine biologischen Grenzen hinaus beansprucht. Wichtige Lebensräume wie Mangrovenwälder und Korallenriffe verschwinden oder sterben ab. Der Klimawandel beschädigt die Meere, auf denen auch noch gigantische Müllteppiche schwimmen. „Unsere Ozeane haben sich in eine giftige Plastiksuppe ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU Wissen. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2021 von HEILMITTEL KILLERVIREN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HEILMITTEL KILLERVIREN
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von » DIE ATEMSCHUTZMASKE Späte Ehre für einen Helden. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
» DIE ATEMSCHUTZMASKE Späte Ehre für einen Helden
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von » Die Schallplatte Der richtige Dreh. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
» Die Schallplatte Der richtige Dreh
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Suchen Sie den bedeutenden Erfinder!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Suchen Sie den bedeutenden Erfinder!
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von „Vier Jahreszeiten“ von Giuseppe Arcimboldo. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Vier Jahreszeiten“ von Giuseppe Arcimboldo
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von GUSTAVE EIFFEL erfand den Eiffelturm. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GUSTAVE EIFFEL erfand den Eiffelturm
Vorheriger Artikel
Insel der Abenteuer
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Die neue HORROR-DROGE
aus dieser Ausgabe

... verwandelt“, heißt es in der Netflix-Dokumentation „Seaspiracy“, die für viel Aufsehen gesorgt hat. Als Verursacher allen Übels gilt den Filmemachern die internationale Fischereiindustrie – einzige Lösung sei es daher, auf Fisch als Nahrungsmittel komplett zu verzichten.

Zwei Drittel des Reichtums sind bereits verschwunden

Doch ganz so tragisch ist die Situation nicht. Allerdings gibt es auch keine ganz so einfache Lösung wie die, Fisch einfach von der Speisekarte zu streichen. Viele Menschen könnten nicht überleben ohne Fisch, Meerestiere und Algen als Hauptnahrungsmittel. Und Fakt ist auch: Ohne gesunde, lebendige Meere sieht es düster aus auf unserem Planeten.

Wir brauchen die Meere als CO 2 -Speicher, zudem produzieren sie 50 Prozent unseres Sauerstoffs. Sie liefern Rohstoffe und Energie. Und sie stellen die wichtigsten Verkehrswege dar, 90 Prozent des weltweiten Warenverkehrs erfolgt auf Seeschiffen. Nicht zuletzt dienen sie den Menschen für Sport und Erholung – in Form von Wassersport, Bootsausflügen, Strandurlaub oder heilenden Therapien. Und wie geht es den Meeren tatsächlich? Gibt es eine verlässliche Diagnose? Nehmen wir eine Skala von null (für sehr schlecht) bis zehn (für sehr gut) – wo können wir den Zustand der Weltmeere einstufen? Eine Antwort gibt Prof. Carlos M. Duarte, einer der weltweit führenden Meeresforscher, im Interview mit HÖR­ ZU WISSEN. „Das ist einfach: 3,3! Denn heute ist nur ein Drittel des Reichtums an Lebensräumen und Meereslebewesen erhalten, den wir vor der industriellen Revolution hatten.“

50 % unseres Sauerstoffs produzieren die Meere

Duarte forscht zurzeit an einer saudiarabischen Universität, arbeitet daneben als wissenschaftlicher Berater und Gutachter für internationale Organisationen wie die UNESCO. Sein bekanntestes Werk ist ein Plan zur Sanierung der Weltmeere: Der Text „Rebuilding Marine Life“ (Wiederherstellung des Lebens in den Meeren) erschien in der Fachzeitschrift „Nature“ und beschreibt einen Weg, auf dem sich die Ozeane bis zum Jahr 2050 regenerieren können.

Anders ausgedrückt: „In 30 Jahren, da bin ich zuversichtlich, können wir auf der Skala die Sieben oder Acht erreichen“, sagt Duarte. „Das wird nicht einfach, es wird harte Arbeit sein und erhebliche Ressourcen erfordern. Aber die gute Nachricht lautet: Es ist machbar, wenn Staaten und Menschen weltweit gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten.“

Duarte wie auch viele andere Wissenschaftler, Umweltschützer und Aktivisten setzen auf Veränderungen insbesondere in den folgenden sechs Bereichen. Dazu gleich noch eine gute Nachricht: In manchen dieser Bereiche ist in den letzten Jahren schon eine Menge geschehen.

Ozeane machen über 90% des Lebensraums auf unserem Planeten aus

7,6 % der Weltmeere stehen unter Naturschutz und

15% der Landoberfläche

Um12.000 km2 breiteten sich die Seegraswiesen im Wattenmeer aus

100 Millionen Haie werden jährlich von Menschen getötet

1. Regulierung von Jagd und Fischerei

Die Anzahl der Buckelwale, die von der Antarktis nach Ost-Australien und zurück ziehen, stieg um zehn und mehr Prozent jährlich. Waren es 1968 nur noch ein paar Hundert Tiere, so sind es heute über 40.000. Der Kegelrobbenbestand in Ost-Kanada wuchs seit 1977 um 1410 Prozent, in der Ostsee um 823 Prozent. Auch manche Meeresschildkrötenpopulationen konnten sich erholen, und es gibt viele weitere Beispiele von Meeresbewohnern, deren Bestände zunahmen. Andere Arten – vor allem die Opfer der industriellen Fischerei – sind mehr und mehr vom Aussterben bedroht. Zum Beispiel Haie, von denen jährlich bis zu 100 Millionen gefangen werden. Wichtig ist deshalb die nachhaltige Regulierung von Jagd und Fischerei. Dringend abgeschafft gehören Subventionen, die schädliche oder gar illegale Fischerei und Jagd fördern. Dieses Ziel verfolgt auch die Welthandelsorganisation.

2. Schluss mit der Verschmutzung

Über 30 Millionen Tonnen Plastikmüll schwimmen in den Ozeanen. Den meisten Müll spülen asiatische Flüsse ins Meer, an erster Stelle der chinesische Jangtsekiang. Das zunehmende globale Bewusstsein für das Problem lässt jedoch hoffen, dass die Vermüllung der Meere abnimmt. Deutlich zurückgegangen ist bereits die Verseuchung der Meere mit Chemikalien wie Blei (dank der Verwendung bleifreier Kraftstoffe) oder Düngemitteln. Auch große Ölteppiche infolge von Tankerunfällen sind viel seltener geworden. Notwendig sind neue Regelungen für neu entwickelte Chemikalien, die sonst zum Einsatz kommen könnten, noch bevor man die Folgen und Risiken kennt.

3 . Schutz und Wiederherstellung von marinen Lebensräumen

Zurzeit stehen erst 7,6 Prozent der Weltmeere unter Naturschutz , bis 2030 sollen es 30 Prozent sein, bis 2050 dann 50 Prozent. Ein ambitioniertes Ziel, das laut Prof. Duarte aber erreichbar ist. Schon jetzt stehen etwa deutsche Seegebiete zu 45 Prozent unter Naturschutz, gehören zu den international anerkannten Meeresschutzgebieten. Erholen konnten sich hier insbesondere die Seegrasbestände, im gesamten Wattenmeer breiteten sie sich innerhalb nur einer Dekade um 12.000 Quadratkilometer aus. Damit fand die Natur zu ihrer ursprünglichen Beschaffenheit zurück, kann nun wieder Tiere beherbergen und zugleich den Menschen und dem Leben im Allgemeinen dienen. Denn Seegras wirkt dem Klimawandel entgegen.

4. Klimaschutz und die Blue Carbon Strategy

Algen, Seetangwälder und Seegraswiesen: Wie Wälder an Land, so speichern auch die Pflanzen im Meer Kohlendioxid – 50-mal mehr als die Atmosphäre. „Im Jahr 2009 gab ich Seegras den Spitznamen ‚hässliches Entlein der Meeresschutzes‘, denn niemand interessierte sich dafür“, erzählt Duarte. Doch seither ist viel geschehen. Immer mehr Umweltschützer und Institutionen erkennen an, dass der Wiederanbau und die Ausbreitung von Seegraswiesen ein wichtiger Weg ist. Duarte und Kollegen haben ihn „Blue Carbon Strategy“ getauft: „Seegraswiesen sind hochwirksame Kohlendioxidspeicher. Zugleich schützt Seegras die Ufer, befestigt unsere Strände und fördert die Artenvielfalt im Meer.“

Parallel leidet das Meer, der große Klimaretter, selbst unter dem Klimawandel. Steigende Wassertemperaturen und die damit einhergehende Versauerung der Ozeane bewirken, dass Tiere sterben oder sich neue Lebensräume suchen. Strömungen verändern sich, das Leben im Meer gerät zum Teil durcheinander, zum anderen verödet es.

Und darunter leiden wiederum auch die Menschen, denn wenn Korallenriffe absterben, liefern sie ihnen keine Nahrung mehr und keinen Schutz vor Sturmwellen. Wer das Klima schützt, schützt die Meere – und die schützen wiederum das Klima und die Menschen.

5. Die Erforschung der Meere vorantreiben

Nur fünf Prozent der Ozeane sind bisher erforscht – die restlichen 95 Prozent: ein Mysterium. Über das Weltall weiß die Menschheit weit mehr als über ihren eigenen Planeten. Dabei zeigt die Erfahrung: Je mehr wir über einen Lebensraum wissen, desto mehr schätzen und schützen wir ihn. Fischbestände etwa, die wissenschaftlich erfasst sind, erholen sich besser als unerforschte Bestände. Die Menschen passen mehr auf sie auf, schaffen bessere Regularien für sie. Ein spannendes neues Forschungsprojekt ist Proteus, eine große, hochmoderne Unterwasserstation, die bald in der Karibik entstehen soll (siehe rechts).

6. Die Ozeane in Ruhe lassen

Während der zwei Weltkriege konnten sich Fischbestände merklich erholen, und auch die stark eingeschränkten Aktivitäten während der Coronakrise taten den Meeren gut. Überall dort, wo Menschen fernbleiben oder sehr behutsam handeln, ist das Meer gesund oder kann sich erholen. So sagt auch Fabien Cousteau, Meeresschutzaktivist und Initiator des Projektes Proteus: „Die aktive Wiederherstellung des Lebens in den Meeren ist sicher gut und wichtig. Aber das Meer kann sich auch sehr gut selbst regenerieren. Wir müssen es nur in Ruhe lassen.“

Auch wenn es mancherorts nicht bestens um die Meere steht– sie haben eine Zukunft, und zwar eine gute. Rund um den Globus engagieren sich Menschen. Wie etwa Alexandra Cousteau, die mit ihrer Initiative Oceans 2050 Pläne und Empfehlungen von Carlos Duarte, mit dem sie auch zusammenarbeitet, in die Tat umsetzt. Die Meeresschützerin ist wie Fabien Cousteau ein Enkelkind des berühmten Forschers und Filmers Jacques- Yves Cousteau. Sie tritt dessen Erbe an, indem sie den Schutz und Wiederaufbau von Korallenriffen vorantreibt, sich für nachhaltigen Fischfang und insbesondere für den Anbau von Seegras einsetzt. Ob in Indonesien, Frankreich, Dänemark, Kanada, Japan oder China: Oceans 2050 arbeitet mit 19 Meeresfarmen in zwölf Ländern zusammen, fördert Projekte und begleitet sie wissenschaftlich.

„Die Meere sind der Lebensnerv unseres Planeten.“

Fabien Cousteau, Forscher und Aktivist

Nicht weniger wichtig sind unzählige kleinere Initiativen. Jugendliche, die an Stränden Müll sammeln. Spender, die Geld geben für den Schutz von Meeresschildkröten und damit auch Arbeitsplätze finanzieren. Ehrenamtliche Referenten wie beim Sharkproject, die Schülern vermitteln, wie wichtig und bedroht die nur scheinbar gefährlichen Tiere sind. Oder Sporttaucher, die Müllsäcke mitnehmen und Riffe von Bierdosen, Netzen und anderem Müll befreien.

„Es ist Zeit zu handeln, denn das Zeitfenster zur Sanierung der Ozeane ist klein und schließt sich schnell. Wenn wir nicht bis 2030 alle Strategien umgesetzt haben, werden wir zukünftigen Generationen einen kaputten Ozean hinterlassen“, warnt Duarte. Gleichzeitig zeigt er sich angesichts der vielen ambitionierten Projekte aber optimistisch, dass die Meere gerettet werden. Wenn das Engagement so weitergeht, kann das Blau des Blauen Planeten im Jahr 2050 wieder quicklebendig sein. Wir müssen es nur wollen. Und wer will das nicht?

NELE-MARIE BRÜDGAM