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Wie können wir die Ozeane schützen?


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 11.02.2022

NATUR

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 7/2022

Rote Harems-Fahnenbarsche und Federseesterne am Great Barrier Reef

Farben, Formen, Vielfalt – was für eine Pracht! Da wimmeln Schwärme von roten Barschen, da sind Barrakudas auf der Jagd, Skorpionfische tun so, als seien sie Steine, Clownfische verteidigen ihre Anemone, in der Ferne glänzt silbern ein Riffhai. Wer schon einmal das Glück hatte, an einem Korallenriff zu tauchen, ist tief beeindruckt und voll Demut angesichts des Universums Meer.

Die Ozeane bedecken 70 Prozent der Erde, weshalb diese auch der „Blaue Planet“ genannt wird. Doch das Blau ist stark beeinträchtigt. Alle Weltmeere leiden unter Überfischung, ein Drittel der globalen Fischbestände ist laut der Welternährungsorganisation FAO über seine biologischen Grenzen hinaus beansprucht. Wichtige Lebensräume wie Mangrovenwälder und Korallenriffe verschwinden oder sterben ab. Der Klimawandel beschädigt die Meere schwer, zudem schwimmen auf ihnen gigantische Müllteppiche.

„Unsere Ozeane haben sich in ...

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... eine gif tige Plastiksuppe verwandelt“, heißt es in der Netf lix-Dokumentation „Seaspiracy“, die für viel Aufsehen sorgte. Als Verursacher allen Übels gilt den Filmemachern die internationale Fischereiindustrie. Die einzige Lösung laute daher: auf Fisch als Nahrungsmittel komplett zu verzichten. Doch viele Menschen könnten ohne Meerestiere und Algen gar nicht überleben.

Zwei Drittel des Reichtums sind bereits verschwunden

Fakt bleibt aber: Ohne gesunde Meere sieht es düster aus auf unserem Planeten. Wir brauchen sie als CO2 -Speicher, zudem produzieren sie 50 Prozent unseres Sauerstoffs. Sie liefern Rohstoffe und Energie. Und sie stellen die wichtigsten Verkehrswege dar: 90 Prozent des weltweiten Warenverkehrs erfolgen über Seeschiffe. Nicht zuletzt nutzen wir Menschen die Meere gern für Wassersport und zur Erholung.

Was also ist zu tun? Und: Wie dramatisch ist die Situation wirklich? Gibt es eine verlässliche Diagnose? Nehmen wir eine Skala von null (sehr schlecht) bis zehn (sehr gut): Wo können wir den Zustand der Weltmeere einstufen? Eine Antwort gibt Prof. Carlos M. Duarte, einer der weltweit führenden Meeresforscher: „Das ist einfach: 3,3! Denn heute ist nur ein Drittel des Reichtums an Lebensräumen und Meereslebewesen erhalten, den wir vor der industriellen Revolution hatten.“ Duarte forscht zurzeit an einer saudi-arabischen Universität, arbeitet daneben als wissenschaftlicher Berater für internationale Organisationen wie die Unesco. Sein bekanntestes Werk ist ein Plan zur Sanierung der Weltmeere. Dessen Titel: „Rebuilding Marine Life“, Wiederherstellung des Lebens in den Meeren. Er beschreibt einen Weg, auf dem sich die Ozeane bis 2050 regenerieren könnten.

50 % unseres Sauerstoffs produzieren die Meere

Anders ausgedrückt: „In 30 Jahren, da bin ich zuversichtlich, können wir auf der Skala die Sieben oder Acht erreichen“, behauptet Duarte. „Das wird harte Arbeit sein und erhebliche Ressourcen erfordern. Aber die gute Nachricht lautet: Es ist machbar, wenn Staaten und Menschen weltweit gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten.“

Prof. Duarte setzt wie viele andere Wissenschaftler, Umweltschützer und Aktivisten auf Veränderungen besonders in folgenden sechs Bereichen. Die gute Nachricht: In manchen dieser Bereiche ist in den vergangenen Jahren schon eine Menge passiert.

1. Regulierung von Jagd und Fischerei

Die Anzahl der Buckelwale, die von der Antarktis nach Ost-Australien und zurück ziehen, stieg pro Jahr um zehn und mehr Prozent. Waren es 1968 nur noch ein paar Hundert Tiere, sind es heute über 40.000. Der Kegelrobbenbestand in Ost-Kanada wuchs seit 1977 um 1410 Prozent, in der Ostsee um 823 Prozent. Auch manche Meeresschildkrötenpopulationen konnten sich erholen, und es gibt viele weitere Beispiele von Meeresbewohnern, deren Bestände zunahmen. Andere Arten, vor allem die Opfer der industriellen Fischerei, sind zusehends vom Aussterben bedroht. Zum Beispiel Haie, von denen jährlich bis zu 100 Millionen gefangen werden. Wichtig ist deshalb die nachhaltige Regulierung von Jagd und Fischerei. Dringend abgeschafft gehören Subventionen, die schädliche oder illegale Fischerei und Jagd fördern. Dieses Ziel verfolgt auch die Welthandelsorganisation.

2. Schluss mit der Verschmutzung

Mehr als 30 Millionen Tonnen Plastikmüll schwimmen in den Ozeanen. Den meisten Müll spülen asiatische Flüsse ins Meer, an erster Stelle der chinesische Jangtsekiang. Das zunehmende globale Bewusstsein für das Problem lässt jedoch hoffen, dass die Vermüllung der Meere abnimmt. Deutlich zurückgegangen ist bereits die Ver seuchung der Ozeane mit Düngemitteln oder Chemikalien wie Blei – dank der Verwendung bleifreier Kraftstoffe. Auch große Ölteppiche infolge von Tankerunfällen sind seltener geworden. Notwendig sind neue Regelungen für neu entwickelte Chemikalien, die sonst zum Einsatz kommen könnten, noch bevor man die Folgen und Risiken kennt.

3. Schutz und Wiederherstellung von marinen Lebensräumen

Zurzeit stehen erst 7,6 Prozent der Weltmeere unter Naturschutz , bis 2030 sollen es 30 Prozent sein, bis 2050 sogar 50 Prozent. Ein ambitioniertes Ziel, das laut Prof. Duarte erreichbar ist. Schon jetzt gehören etwa deutsche Seegebiete zu 45 Prozent zu den international anerkannten Meeresschutzgebieten. Erholen konnten sich hier insbesondere die Seegrasbestände: Im gesamten Wattenmeer breiteten sie sich in nur einer Dekade um 12.000 Quadratkilometer aus. Damit fand die Natur zu ihrer ursprünglichen Beschaffenheit zurück.

4. Klimaschutz und die Blue Carbon Strategy

Algen, Seetangwälder und Seegraswiesen: Wie Wälder an Land, so speichern auch die Pflanzen im Meer Kohlendioxid – 50-mal mehr als die Atmosphäre. „Im Jahr 2009 gab ich Seegras den Spitznamen ‚hässliches Entlein des Meeresschutzes‘, denn niemand interessierte sich dafür“, erzählt Duarte. Doch inzwischen erkennen immer mehr Umweltschützer und Institutionen an, dass der Wiederanbau und die Ausbreitung von Seegraswiesen wichtig sind. Duarte und Kollegen haben ihn „Blue Carbon Strategy“ getauft: „Seegraswiesen sind hochwirksame Kohlendioxidspeicher. Zugleich schützt Seegras die Ufer, befestigt unsere Strände und fördert die Artenvielfalt im Meer.“

Parallel leiden die Ozeane, die großen Klimaretter, selbst unter dem Klimawandel. Steigende Wassertemperaturen und die damit einhergehende Versauerung des Wassers bewirken, dass Tiere sterben oder sich neue Lebensräume suchen. Strömungen verändern sich, das Leben im Meer gerät zum Teil durcheinander, zum anderen verödet es. Und darunter leiden wiederum die Menschen, denn wenn Korallenriffe absterben, liefern sie ihnen keine Nahrung mehr und keinen Schutz vor Sturmwellen.

70 % Ozeane bedecken etwa der Erdoberfläche. Dank ihrer Tiefe stellen sie aber 90 Prozent aller Lebensräume

7,6 % der Weltmeere stehen erst unter Naturschutz aber

15 % der Landoberfläche

100 Millionen Haie werden jährlich von Menschen getötet

„Die Meere sind der Lebensnerv unseres Planeten.“

Fabien Cousteau, Forscher und Aktivist

5. Die Erforschung der Meere vorantreiben

Nur fünf Prozent der Ozeane sind bisher erforscht – die restlichen 95 Prozent: ein Mysterium. Über das Weltall weiß die Menschheit weit mehr als über ihren eigenen Planeten. Dabei zeigt die Erfahrung: Je mehr wir über einen Lebensraum wissen, desto mehr schätzen und schützen wir ihn. Fischbestände etwa, die wissenschaftlich erfasst sind, erholen sich besser als unerforschte Bestände. Die Menschen passen mehr auf sie auf, schaffen bessere Regularien für sie. Ein spannendes neues Forschungsprojekt ist eine große, hochmoderne Unterwasserstation, die bald in der Karibik entstehen soll. Ihr Name: „Proteus“.

6. Die Ozeane in Ruhe lassen

Dass menschliche Aktivitäten während der Coronakrise eingeschränkt waren, tat den Meeren sehr gut. Überall dort, wo wir fernbleiben oder behutsam handeln, ist das Meer gesund oder kann sich erholen. Auch Fabien Cousteau, Meeresschutzaktivist und Initiator des Projekts „Proteus“, sagt: „Die aktive Wiederherstellung des Lebens in den Meeren ist sicher gut und wichtig. Aber das Meer kann sich auch sehr gut selbst regenerieren. Wir müssen es nur in Ruhe lassen.“

Rund um den Globus engagieren sich Menschen. Etwa Alexandra Cousteau, wie Aktivist Fabien Enkelkind des berühmten Forschers und Filmers Jacques-Yves Cousteau. Mit ihrer Initiative „Oceans 2050“ setzt die Meeresschützerin Pläne und Empfehlungen von Prof. Duarte in die Tat um. Sie tritt das Erbe ihres Großvaters an, indem sie die Bewahrung und den Wiederauf bau von Korallenriffen vorantreibt, sich für nachhaltigen Fischfang einsetzt, vor allem aber für den Anbau von Seegras.

Auch kleinere Initiativen sind wichtig: Jugendliche, die an Stränden Müll sammeln. Spender, die Geld geben für den Schutz von Meeresschildkröten – und so auch Arbeitsplätze finanzieren. Sporttaucher, die Riffe von Bierdosen, Netzen und anderem Müll befreien. „Es ist Zeit zu handeln“, warnt Prof. Duarte. „Das Zeitfenster zur Sanierung der Ozeane ist klein und schließt sich schnell. Wenn wir nicht bis 2030 alle Strategien umgesetzt haben, werden wir zukünftigen Generationen einen kaputten Ozean hinterlassen.“

NELE-MARIE BRÜDGAM

Um 12.000 km2 breiteten sich wertvolle Seegraswiesen innerhalb von zehn Jahren im deutschen Wattenmeer aus