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Wie man ein glücklicher Mensch wird


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 30.06.2022
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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 3/2022

Um ein glücklicher Mensch zu werden, muss man sich von den vorherrschenden Glücksvorstellungen befreien. Und um sich von diesen Vorstellungen befreien zu können, muss man sich erst einmal ihrer bewusst werden und sie infrage stellen.

WELCHE GLÜCKSVORSTELLUNGEN HINDERN UNS DARAN, GLÜCKLICHE MENSCHEN ZU SEIN?

Das größte Hindernis für ein glückliches Leben dürfte der Glaube sein, dass man als Mensch auf dieser Erde nicht glücklich sein könne. Der Philosoph Arthur Schopenhauer war der Ansicht, dass Glück eine Illusion sei. Es könne höchstens Momente geben, bei denen man kurzfristig vom schmerzvollen Zustand eines dauernden Mangels befreit ist. Auch Siegmund Freud vertrat die Auffassung, dass Glück im Plan der Schöpfung nicht enthalten sei. Glück sei nur als episodisches Phänomen möglich, als plötzliche Befriedigung angestauter Bedürfnisse. Religiöse Schriften verkünden, dass die Erde ein Jammertal ist ...

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... und das wahre Glück – das Paradies – nur im Jenseits existiere. Buddhas grundlegende Erkenntnis lautet, dass Leben Leiden ist, eine Auffassung, die mir in der Pubertät, in der ich vor allem an mir selbst litt, sehr entgegenkam.

Bei all diesen Aussagen haben wir es jedoch mit unbewiesenen Behauptungen zu tun. Weder Schopenhauer noch Freud noch die Religionsvertreter begaben sich auf die Suche nach einem glücklichen Menschen. Sie meinten, allein durch Denken nachgewiesen zu haben, dass es einen glücklichen Menschen auf Erden nicht geben könne. Buddha selbst ist der lebende Gegenbeweis zu seiner Aussage, dass Leben Leiden sei, denn er litt zwar eine Weile in seinem Leben, konnte sich jedoch für immer vom Leiden befreien.

Ein ebenso großes Hindernis wie die Behauptung, dass man nicht glücklich sein könne, ist wohl die Forderung, dass man nicht glücklich sein dürfe. Begründet wird diese Forderung damit, dass angesichts des Leids auf dieser Welt Lebensfreude unangebracht sei. Wenn jemand trotz des vielen Unglücks auf der Welt glücklich ist, dann sei dies eine egoistische Haltung.

Eine andere Begründung lautet: Glücklich zu sein ist gefährlich, daher sei es besser, gar nicht erst glücklich werden zu wollen. Schon in der Antike war man der Ansicht, dass die Götter auf einen glücklichen Menschen neidisch würden und ihn bestrafen könnten. Auch in den Religionen erscheint alles, was lustvoll ist, als Sünde, und diese Ansicht wird vermutlich auch heute von vielen Menschen geteilt.

Ist Lebensfreude angesichts des Leids auf dieser Welt unangebracht?

Als ich mit zwölf Jahren einen Film über die Aufführung des „Jedermann“ in Salzburg sah, war dies für mich der Beweis, dass man mit dem Tode bestraft wird, wenn man sich ganz der Lebenslust hingibt. Diese Überzeugung hat meine Einstellung zum Leben und zur Lebensfreude lange Zeit geprägt.

Zunächst muss man feststellen, dass in der Welt sowohl erfreuliche als auch unerfreuliche Dinge passieren. Eine Welt voller Leid und Elend gibt es nur in den Nachrichten, denn die Medienwelt lebt vor allem von negativen Schlagzeilen und Katastrophen. Wenn jemand allerdings glaubt, die Medienwelt sei ein getreues Abbild der realen Welt, dann kann ihn das schon bedrücken und unglücklich machen. Ein unglücklicher Mensch ist keine große Hilfe für andere Menschen. Unglückliche Menschen neigen dazu, um sich selbst zu kreisen und mit der Welt zu hadern.

Glückliche Menschen sind hingegen offen für ihre Umwelt und empfinden Mitgefühl für andere Menschen. Sie bereichern somit die Welt. Es wäre daher niemandem geholfen, wenn es keine glücklichen Menschen gäbe.

Photo 172584700 © Subbotina | Dreamstime.com

Glückliche Menschen bereichern die Welt.

Selbstverständlich ist der Tod keine Bestrafung für ein lustvolles Leben, wie ich lange Zeit glaubte. Alle Menschen sterben, egal wie sie gelebt haben. Man sagt allerdings, dass der Abschied vom Leben den Menschen besonders schwerfalle, die das Leben nicht voll ausgekostet haben.

Auch eine falsche Glücksvorstellung kann ein Hindernis für ein glückliches Leben sein. Ich nehme an, dass die Glücksvorstellung des Philosophen Nikos Dimou von den meisten Menschen geteilt wird.

Er definiert Glück folgendermaßen: „Als Glück definieren wir den (in der Regel vorübergehenden) Zustand, bei dem sich die Wirklichkeit mit unseren Wünschen deckt.“ Er fährt fort, „Unglück bestehe demgemäß darin, dass Wunsch und Wirklichkeit einander nicht decken. Man möchte entweder, dass etwas, was da ist, – zum Beispiel eine Krankheit – nicht da sein oder etwas, was nicht da ist – zum Beispiel Reichtum, da sein soll.“

Wenn man fordert, dass der jeweilige Augenblick anders sein soll, als er tatsächlich ist, steht man auf Kriegsfuß mit der Wirklichkeit. Weise Menschen machen zurecht darauf aufmerksam, dass dieser Krieg gegen die Wirklichkeit aussichtslos ist, und man umso mehr leidet, je mehr man der Wirklichkeit des Augenblicks Widerstand leistet. Die Auffassung von Glück als eine Übereinstimmung von Wunsch und Wirklichkeit bedeutet daher im Grunde, dass man kein glücklicher Mensch sein kann, der mit jedem Augenblick seines Lebens in Frieden lebt. Denn nur wenige Momente im Leben dürften der Wunschvorstellung entsprechen. Es ist sogar möglich, dass man bis zum Ende seines Lebens Krieg gegen sein wirkliches Leben führt, weil man an jedem Augenblick etwas auszusetzen hat, kein Moment jemals so ist, wie er entsprechend der eigenen Wünsche und Vorstellungen sein sollte.

Ein glücklicher Mensch kann man folglich nur sein, wenn man seinen Widerstand gegen den jeweiligen Augenblick aufgibt und ihn in seinem So-Sein akzeptiert. Keinen Widerstand zu leisten, bedeutet keineswegs, dass man der Situation ausgeliefert und handlungsunfähig ist. Im Gegenteil: Wenn man den Augenblick in seinem So-Sein anerkennt, ist man mit der Wirklichkeit verbunden und kann dadurch überhaupt wirkungsvoll handeln.

Das Geheimnis der asiatischen Kampfkünste besteht gerade darin, dass man der Angriffsbewegung des Gegners keinen Widerstand leistet, sondern mit dieser Bewegung mitgeht und sie dadurch ins Leere laufen lässt. Gerade weil man keinen Widerstand leistet, behält man die volle Kontrolle über die Situation und aus dem Gegner wird sogar jemand, der einem mit seiner Energie zuarbeitet.

Weshalb möchte man, dass Wunsch und Wirklichkeit übereinstimmen? Offenbar wohl deshalb, weil man sich dadurch einen Zustand des Wohlbefindens verspricht. Also geht es bei der Suche nach Glück letzten Endes darum, sich tief im Inneren angenehm zu fühlen. Der Schluss liegt nahe, dass dieses Wohlgefühl aus dem besteht, was wir als gute Gefühle bezeichnen, und schlechte Gefühle dieses Wohlgefühl beeinträchtigen. Glücklich ist man dieser Ansicht nach nur dann, wenn es einem gelingt, schlechte Gefühle auszuschließen.

Babys bewerten ihre Gefühle nicht. Egal ob sie weinen oder lachen, sie sind mit ihren Gefühlen immer eins. Wenn sie älter werden, macht ihnen ihre Umwelt allerdings klar, dass bestimmte Gefühle – wie zum Beispiel Wut – unerwünscht sind.

Um weiterhin in Frieden mit der Umwelt zu leben, die ihr Überleben sichert, bekämpfen sie diese Gefühle, wenn sie auftauchen und versuchen, sie zu unterdrücken. Die Gefühle selbst sind jedoch nicht schlecht, sie erscheinen nur schlecht, weil der Kampf gegen sie einen leiden lässt.

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Wenn man unter Glück versteht, dass man mit sich, also auch seinen Gefühlen und dem jeweiligen Augenblick eins ist, dann sind die sogenannten schlechten Gefühle mit Glück durchaus vereinbar. Und da man bestimmte Gefühle sowieso nicht ausschließen kann, tut man gut daran, alle Gefühle von vornherein zuzulassen.

Wenn man zum Beispiel mit seiner Unzufriedenheit nicht mehr hadert, sondern sie akzeptiert, lebt man in Frieden mit sich.

Nicht die Gefühle selbst, sondern nur ihre Bewertung und der Widerstand gegen sie erzeugen Anspannung und Unwohlsein.

Es fällt uns nicht leicht, den gewohnten Widerstand gegen die sogenannten schlechten Gefühle aufzugeben. Vielleicht erscheint es uns sogar unmöglich, Gefühle wie Neid, Wut, Ärger oder Angst zuzulassen. In diesem Fall hilft die Erkenntnis, dass diese Gefühle allein durch das Denken erzeugt werden. Zum Beispiel ist der gegenwärtige Moment niemals die Ursache für Angst. Angst entsteht allein durch die Fantasie, was im nächsten Moment Schreckliches passieren könnte.

Wenn man seine stresserzeugenden Gedanken infrage stellt, dann lassen sie einen los und die dadurch erzeugten Gefühle lösen sich auf. Im Falle der Angst kann man sich fragen, wieso man sich so sicher ist, dass diese Fantasie stimmt, woher man überhaupt weiß, dass im nächsten Moment Schreckliches passieren wird, und ob das Gegenteil nicht genauso gut stimmen könnte. Es gibt die Ansicht, dass Glück nicht wichtig sei. Um ein erfülltes Leben führen zu können, brauche es vor allem Sinn.

Mit dem jeweiligen Augenblick eins zu sein, ist nichts anderes als Glück.

Glück ist ein vorübergehender Zustand, bei dem sich die Wirklichkeit mit unseren Wünschen deckt. Unglück besteht darin, dass Wunsch und Wirklichkeit einander nicht decken. Man möchte entweder, dass etwas, was da ist, nicht da ist oder etwas, was nicht da ist, da sein soll.

Man müsse eine Antwort auf die Frage finden, warum man lebt. Habe man den Sinn seines Lebens gefunden, dann sei das etwas, was das ganze Leben lang trägt, während Glück nur episodisch vorkomme.

Die Ansicht, dass Glück und Sinn unterschiedliche Dinge sind und Sinn Vorrang vor Glück hat, wurde vor allem von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie, vertreten. Wenn man sich allerdings die von Viktor Frankl und seiner Schülerin Elisabeth Lukas angeführten Beispiele anschaut, wie sich ein sinnerfülltes Leben im Alltag zeigt, dann laufen sie alle darauf hinaus, dass Menschen ganz im augenblicklichen Geschehen oder Tun versunken sind. Mit dem jeweiligen Augenblick eins zu sein, ist jedoch nichts anderes als Glück. Die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt erst dann auf, wenn man mit dem jeweiligen Augenblick auf Kriegsfuß steht und daher mit seinem Leben unzufrieden ist. Wenn man mit sich und dem Augenblick eins und glücklich ist, stellt sich die Frage nach dem Sinn überhaupt nicht.

Das kann man sehr gut bei Kindern beobachten. In diesem Zustand fragt man auch nicht, ob man glücklich ist. Weil man es ist, steht es außer Frage.

Ist Glück machbar oder ist es Schicksal, ob man ein glücklicher oder ein unglücklicher Mensch ist? Es herrscht die Ansicht vor, dass Glück nicht machbar sei. Wenn man sich bemühe, glücklich zu sein, dann würde diese Anstrengung unweigerlich dazu führen, dass man letzten Endes unglücklich ist.

Im Grunde geht es um die Frage, ob wir Schöpfer oder Opfer unseres Lebens sind. Nach meinem Eindruck sehen sich viele als Opfer irgendwelcher Mächte.

Sie geben den Genen, ihren Eltern, ihrer Kindheit, ihren augenblicklichen Lebensbedingungen, der Gesellschaft, „denen da oben“ oder Gott die Schuld, dass sie mit ihrem Leben nicht zufrieden und unglücklich sind. Es scheint sie zu befriedigen, wenn sie anderen Schuld geben und sich sogar in eine Wut hineinsteigern können. Offenbar bemerken sie nicht, dass sie sich auf diese Weise in ein Opfergefängnis begeben und nicht mehr frei sind.

Tatsächlich sind wir Schöpfer unseres Lebens in dem Sinne, dass es allein von uns abhängt, wie wir den jeweiligen Augen- blick sehen und folglich erleben. Thich Nhat Hanh hat es so ausgedrückt: „Ob dies ein glücklicher Moment ist, hängt nicht vom Moment ab, sondern von unserer Sichtweise.“

Zum Beispiel kann man die Frage „Haben Sie ein Abitur?“ als Ausdruck eines freundlichen Interesses oder eines Standesdünkels verstehen. Da der Hörer aber nicht in den Fragenden hineinschauen und daher auch nicht sehen kann, warum dieser fragt, ist es allein seine Entscheidung, wie er diese Frage auslegt. Wenn er darin ein freundliches Interesse sieht, erlebt er einen glücklichen Moment und einen unglücklichen, wenn er die Frage als Ausdruck eines Standesdünkels deutet.

Sieht man den Augenblick als mangelhaft an, weil man meint, dass man Liebe, Geld oder Ruhm braucht, dann wird man den Moment als unglücklichen empfinden.

Erscheint einem der gegenwärtige Moment als vollkommen, in dem nichts fehlt, erlebt man einen glückseligen Augenblick.

Leiden besteht meiner Ansicht nach darin, dass man sich als Opfer des augenblicklichen Geschehens sieht. Wir sehen uns allerdings nur dann als Opfer und fühlen uns dementsprechend, wenn wir uns nicht bewusst sind, dass wir Schöpfer unseres Lebens sind und es unsere Entscheidung ist, wie wir den jeweiligen Moment wahrnehmen und ihn somit als unglücklichen oder glücklichen erleben.

Ob dies ein glücklicher Moment ist, hängt nicht vom Moment ab, sondern von unserer Sichtweise.

Thich Nhat Hanh