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Wie retten wir unsere Zukunft?


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 38/2022 vom 16.09.2022

REPORT

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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 38/2022

Wir können auch anders“. So nannte Detlev Buck 1993 seinen Film über den Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung. Eine Zeitenwende der Geschichte.

Das Jahr 2022 stellt wieder einen Wendepunkt dar – und die zurzeit wohl bekannteste Transformationsforscherin betitelt ihr neues Werk „Wir können auch anders“ (siehe Buchtipp Seite 18). Was steckt in diesem Titel? Eine Feststellung? Eine Hoffnung? Ein Appell? „All das“, sagt Prof. Maja Göpel im Videogespräch mit HÖRZU. „Eine Feststellung, denn wir haben die Möglichkeit, Dinge anders anzugehen. Eine Hoffnung, denn die aktuelle Lage ist nicht gut, und wenn wir nicht viel anders machen, wird sie noch schlechter werden. Und ein Appell: Wenn wir den Status quo verändern wollen, ist es wichtig, dass möglichst viele mitmachen.“ Die 46-Jährige ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin sowie Expertin für Nachhaltigkeitspolitik. Ihr ...

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... Forschungsfeld: Sie untersucht hochkomplexe Systeme, die unseren Alltag prägen – und sucht Wege, sie neu zu organisieren.

Dieser Sommer führt uns vor Augen, wie es um unsere Lebensgrundlagen steht. Wälder brennen. Flüsse trocknen aus. Und in der Ukraine herrscht weiterhin Krieg. Hinzu kommen der Gasmangel, die Inflation – und das Coronavirus ist noch lange nicht besiegt. „Die Situation in vielen Bereichen unseres Lebens hat sich so zum Negativen verändert, dass Weitermachen wie bisher keine Option mehr ist“, so Göpel.

In diesen Umbruchzeiten geht es darum, bestehende Strukturen zu analysieren und dann zu beschreiben, wie sie geändert werden können, damit wir unsere Zukunft aktiver gestalten. Genau das tut Maja Göpel. „Unsere komplexe Welt ist wirklich nicht einfach zu verstehen“, räumt die Wissenschaftlerin, die in Berlin lebt, ein. „Finanz-, Öko-, Gesundheits-, Sozial- oder Energiesystem – alle sind untereinander vernetzt.“

Ihr Buch hilft, die Zusammenhänge zu verstehen, und zeigt, worauf es beim Navigieren in ein nachhaltiges Morgen ankommt. Im Folgenden können nur einige von Prof. Göpels Ideen herausgegriffen werden.

Die EINE LÖSUNG aller Probleme gibt es nicht

Im Fokus stehen derzeit fossile Brennstoffe. „Wir haben in den 200 Jahren, in denen wir immer mehr Energie aus Kohle, Erdöl und Erdgas genutzt haben, immensen Wohlstand erzeugt“, so Göpel. „Zugleich aber steuern wir mit dieser Art der Energiegewinnung immer schneller auf fundamentale Krisen zu.“ Die Menge an Kohlendioxid, die die Atmosphäre aufnehmen kann, ohne dass sich das Klima rasant verändert, sei begrenzt: „Das Zeitfenster für die notwendige starke Reduktion von CO2liegt in den nächsten acht bis zehn Jahren.“

Was also tun? Aktuell wird etwa diskutiert, welche Art von Wald CO2am besten bindet. Mischwälder scheinen die Antwort zu sein. Ein guter Ansatz, doch auch hierbei muss man bedenken, dass die Lösung eines Problems möglicherweise in der Zukunft ein neues kreiert. „Pflanzen wir jetzt zum Beispiel Bäume dort, wo sie gar nicht hingehören, könnte es sein, dass sie zu viel Wasser verbrauchen und die nächsten invasiven Spezies werden, die andere Arten übertrumpfen. Damit hätten wir dann der Biodiversität keinen Gefallen getan.“

Es ist nicht nur die Erderwärmung: Die Menschheit mutet dem Planeten viele weitere Belastungen zu, die ihn an seine Grenzen bringen. Wann sind etwa zu viele Tierund Pflanzenarten ausgestorben, ist zu viel Süßwasser verbraucht, zu viel Land versiegelt, wenn sich unser bisheriger Lebensstil des „Ex und hopp“ nicht radikal ändert? „

Komplexe Systeme brauchen die Interaktion“, sagt Maja Göpel. Deshalb stellt sie die Idee vom „Multisolving“ vor, das sind Mehrfachlösungen, mit denen gleich mehrere Probleme angepackt werden können.

KLIMASCHUTZ

Diese Strategien zeigen, was für einen Wandel getan werden muss

" Weitermachen wie bisher ist keine Option mehr.“

Maja Göpel

Als zukunftsweisend betrachtet Göpel zum Beispiel eine multifunktionale Landnutzung. Die zielt darauf ab, auf einer Fläche durch schlaue Planung möglichst viele Bedürfnisse gleichzeitig zu bedienen: etwa Ernährung, Artenschutz, Wohnen, Energie und Ressourcenschonung. Eine der Strategien dazu verfolgt die Agroforstwirtschaft. Statt auf einem Acker bis zum Horizont Raps oder Weizen anzupflanzen, wird unter Bäumen angebaut. Das soll nicht nur den Ertrag sichern, sondern auch die Biodiversität fördern, Kohlendioxid absorbieren, Wasserkreisläufe binden und die Böden vor dem Austrocknen schützen.

Ziel ist es, Technologien und Kooperationsprozesse neu zu denken – und dabei grundsätzlich zu fragen: Worum geht es genau? Etwa bei der Mobilitätswende. Zu glauben, es sei die Rettung, wenn Autos statt mit Diesel oder Benzin mit Strom oder sogenannten E-Fuels fahren, also klimaneutralen Kraftstoffen – das sei zu kurz gedacht, so Göpel. „Mit noch mehr Elektroautos in Städten entstehen ja nicht automatisch mehr Rad- und Fußwege, keine neuen Parks und Grünf lächen. Und Staus gäbe es noch immer.“ Zudem müsse man die Emissionen und Ressourcen bedenken, die nötig seien, um die neuen Autos herzustellen.

Vielmehr geht es doch darum, unser Bedürfnis nach Fortbewegung mit möglichst geringen Nebenwirkungen zu realisieren, also Abgase, Lärm oder Kosten zu reduzieren, vor allem aber die Lebensqualität in Städten zu steigern. Automatisierte Shuttles, europäische Schnell- und Nachtzüge sowie Homeoffice wären weitere Strategien, um das Verkehrsauf kommen zu verringern. Zudem müsse man umweltfreundliche Alternativen wie das Radfahren attraktiver machen.

Auch wenn die meisten Menschen heute wissen, dass der Klimaschutz ein überlebenswichtiges Thema ist, fürchten sie sich doch vor den Kosten, die er verursacht. „Tatsächlich ist es teurer, wenn wir alles so lassen, wie es ist“, sagt Göpel. Das bestätigen Studien von Ökonomen. Die Folgen der Klimakrise führen zu einem Wohlstandsverlust, der sehr viel größer sein wird als alle Investitionen in Transformationen.

Technologie, so ist oft zu hören, werde viele Probleme lösen. Doch es kommt darauf an, wer sie betreibt und mit welchem Ziel. „Wenn sie einen positiven Beitrag leisten soll, muss Technologie auch auf die Problemlösung ‚Nachhaltigkeit‘ ausgerichtet sein – und nicht auf maximalen kurzfristigen Profit in Hand von Aktieneignern oder Tech-Milliardären.“

Umdenken bedeutet für Göpel auch, das Streben nach noch mehr Wachstum und materiellem Besitz zu hinterfragen. „In Wohlstand steckt das Wort ‚stehen‘“, sagt sie. „Da steht ein Auto 95 Prozent der Zeit herum – und wir nennen es immer noch Fahrzeug. Oder es werden Abstellräume vollgepackt mit Dingen, die wir selten verwenden, etwa eine Bohrmaschine.“ Statt das Werkzeug verstauben zu lassen, könnten es sich mehrere Nutzer teilen. Göpel fordert, den Wohlstand durch eine „Wohl-Zirkulation“ zu ersetzen: In einer Kreislaufwirtschaft werden Produkte möglichst lang geteilt, geleast, repariert oder recycelt.

In Umbruchzeiten wie diesen sollte man sich zudem auch immer selbst hinterfragen: Wer will ich sein? Jemand, der in Krisen für sich das meiste herausholen oder nur seine Gewohnheiten beibehalten will? Oder jemand, der dazu beiträgt, dass alle eine wünschenswerte Zukunft haben?

Jeder EINZELNE kann etwas bewirken

„Jeder von uns nimmt mit seinem Verhalten Einfluss auf seine Mitmenschen“, sagt Göpel. Als Einzelperson könne man doch nichts ausrichten, lautet ein häufiger Einwand. Doch! Wie wir leben, hat Folgen. Es ist nicht egal für die Massentierhaltung, ob ich weniger Fleisch esse. Es ist nicht unerheblich für die Vermüllung der Ozeane, ob man Plastikprodukte kauft. Und es ist nicht unbedeutend für den Energieverbrauch, ob man kürzer duscht. „Wir sind immer in kleine Systeme eingebunden, in denen wir etwas bewirken können.“

In Zeiten akuter Krisen, wie wir sie gerade erleben, sind Verantwortungsgefühl und Solidarität besonders zentral. „Wir wissen, dass es Krisengewinner gibt und dass andere ganz hart von der Notlage getroffen werden“, sagt Göpel. Umso wichtiger sei der Appell, niemanden zurückzulassen. „Wirklichkeit entsteht aus unser aller Zusammenwirken.“ Und dann zeige sich: Wir können auch anders.

Am Ende ihres Buchs bedankt sich Göpel bei Detlev Buck dafür, dass sie seinen Titel benutzen durfte. Es gehe in seinem Film ja auch um das Auf brechen verkrusteter Strukturen, so die Reaktion des Regisseurs. „Das passt schon.“ ANJA MATTHIES

ALARMZEICHEN

Diese Wetterphänomene zeigen: Die Klimakrise ist längst da

" Der Zeitdruck für den Wandel steigt.“

Maja Göpel, Mitbegründerin von „Scientists for Future“