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Wie SCHLAU sind wir WIRKLICH?


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 47/2021 vom 19.11.2021

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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 47/2021

GENIAL AUFGEBAUT Die beste Basis für die Entwicklung der Intelligenz ist die Förderung in Schule und Familie

» Zwei von drei Menschen haben einen IQ zwischen 85 UND 115 PUNKTEN.«

Jakob Pietschnig, Psychologe

Wer die Intelligenz enträtseln will, geht oft seltsame Wege. So stahl der US-Pathologe Dr. Thomas Harvey im Jahr 1955 das Gehirn des verstorbenen Albert Einstein und schnitt es in 240 Würfel. Das Geheimnis der Genialität fand er dabei nicht. Heute ist sogar das Fernsehen dem Geheimnis Intelligenzquotient (IQ) auf der Spur. „Mittlerweile werden in Formaten wie ‚Bin ich schlauer als …?‘ kognitive Fähigkeiten mittels mehr oder weniger seriöser Aufgabenstellungen direkt verglichen“, so Dr. Jakob Pietschnig, Psychologe und Intelligenzforscher an der Universität Wien. Schlauheit als Wettstreit? In einem neuen Buch räumt der Experte jetzt mit Mythen, Vorurteilen und falschen Vorstellungen über unsere Intelligenz auf (siehe Buchtipp rechts).

Kann man Intelligenz messen?

In TV-Shows kann man sie jedenfalls nicht ...

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... ermitteln. Der weltweit am häufigsten eingesetzte Test für Jugendliche und Erwachsene ist komplex, geht auf den US-Psychologen David Wechsler (1896 – 1981) zurück und wird seit mehr als 80 Jahren immer wieder verbessert. Die aktuelle Version heißt Wechsler Adult Intelligence Scale IV (WAIS-IV), fragt 15 verschiedene Bereiche ab und liefert so einen Gesamtwert – wie die Endpunktzahl bei Zehnkämpfern. Zu den Disziplinen gehören etwa Wortschatz, Rechnerisches Denken, Wissen, Visuelle Puzzles. Als willkürlich festgelegtes Standardmaß gilt ein mittlerer Wert von 100, der laufend mit Kontrollpersonen „geeicht“ und der allgemeinen Entwicklung der Intelligenz angepasst wird. 68 Prozent der Bevölkerung liegen zwischen 85 und 115 IQ-Punkten. „Wenn Sie also die Menschen, die Ihnen auf der Straße begegnen, beobachten, können Sie davon ausgehen, dass in etwa zwei von drei Menschen in diesem Bereich liegen“, stellt Dr. Pietschnig klar.

Werden wir schlauer oder dümmer?

Jahrzehntelang ging es mit dem IQ bergauf (siehe Grafik Seite 18). „Eine groß angelegte Überblicksstudie der Universität Wien zeigt uns, wie sich die IQ-Testergebnisse über mehr als ein Jahrhundert weltweit verändert haben“, erklärt Jakob Pietschnig.

„Der Durchschnitts-IQ ist offenbar vom Jahr 1909 bis zum Jahr 2013 um 30 Punkte gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von beinahe drei IQ-Punkten pro Jahrzehnt.“ Waren unsere Vorfahren also doof? Da winkt der Experte ab: „Weder waren unsere Urgroßeltern alle lernbehindert, noch sind wir heute alle hochbegabt. Bei genauerem Hinsehen stellt sich nämlich heraus, dass nicht die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten in dem untersuchten Zeitraum gestiegen sind, sondern vielmehr die spezifischen.“

BUCHTIPP

Jakob Pietschnig Intelligenz Ecowin 216 Seiten 24 Euro

Jede Generation steht vor anderen Herausforderungen und verbessert sich in Einzelbereichen wie Abstraktes Denken oder Räumliches Vorstellungsvermögen. Die werden in Intelligenztests abgefragt, der Gesamt-IQ steigt. Das geht eine Weile gut, bis andere Disziplinen darunter leiden. An diesem Punkt sind wir jetzt angelangt. „Unsere moderne Umwelt begünstigt Spezialisierung“, stellt der Forscher klar. Zum Vergleich: Wer beim Zehnkampf immer nur Hochsprung trainiert, schwächelt irgendwann bei Kugelstoßen und Speerwurf. „Heutzutage ist es wichtiger, in einzelnen Facetten besonders hohe Leistung erbringen zu können. Auf diese Weise werden spezifische Fähigkeiten eher gefördert als das Gesamtbild – und der IQ nimmt ab.“ Und das sogar weltweit! Dümmer werden wir deshalb nicht. Doch die Zeit der Universalgelehrten scheint vorbei. Schon das Wissen einer einzigen Disziplin lässt sich mittlerweile kaum noch überblicken.

» Kognitive Fähigkeiten kann man bis ins HOHE ALTER erhalten.«

Jakob Pietschnig, Intelligenzforscher

Ist Intelligenz erblich?

„Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Beim Aussehen nehmen wir die Rolle der Vererbung wie selbstverständlich hin. Bei der Klugheit zögern die meisten: Wo bleibt denn da die Chancengleichheit, wenn alles vorgegeben ist? „Die Ausprägung der Intelligenz hängt ausschließlich von zwei Ursachen ab: von den Genen, also der Anlage, und der Umwelt“, betont Jakob Pietschnig. Studien mit Zwillingen, die früh getrennt wurden, lassen nur einen Schluss zu: Bei Intelligenzunterschieden spielen die Gene mindestens zur Hälfte eine Rolle. Schätzungen schwanken gewaltig zwischen 48 und sogar 82 Prozent! „Wir können also davon ausgehen, dass sich 50 Prozent der Intelligenz durch Erblichkeit erklären lassen“, fasst Jakob Pietschnig zusammen. Der Rest entfällt etwa auf Förderung, Erfahrung, Ernährung. Ein Beispiel: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg der durchschnittliche IQ wieder an. Besseres Essen und mehr Schulbildung wirkten sich aus. Doch auch da ist irgendwann im wahrsten Sinn des Wortes die Sättigung erreicht: Wenn ein ohnehin gut ernährtes Kind noch mehr isst, dann wird es nicht gescheiter, sondern dicker.

Werden nur 10 Prozent des Gehirns genutzt?

„Bis dato ist nicht restlos geklärt, wo der Zehn-Prozent-Mythos seinen Ursprung hat“, stellt Psychologe und Autor Jakob Pietschnig klar. Trotzdem hält sich dieser Irrglaube hartnäckig. Die Wahrheit lautet: „Menschen nutzen in der Regel die ganze kognitive Hardware, die sie zur Verfügung haben. Es gibt keine stillgelegten Areale und damit auch keine ungenutzte Hirnmasse.“ Das beweisen Untersuchungen des Gehirns. Egal ob Elektroenzephalografie oder funktionelle Magnetresonanztomografie – stets wird in allen Hirnbereichen Aktivität gemessen. Mal herrscht in einem Teil des Kopfs Hochbetrieb, mal in einem anderen. Meist ist sogar Teamarbeit angesagt. Von schlummernden 90 Prozent keine Spur. Deshalb ist es auch nicht möglich, durch das „Aufwecken“ inaktiver Teile unsere Intelligenz zu steigern oder gar übersinnliche Fähigkeiten zu erwerben.

Macht klassische Musik Kinder klüger?

Klingt zu schön, um wahr zu sein: Einfach den Kindern Klassik vorspielen, und schon werden sie klüger. Als Mozart-Effekt machte diese Idee Schlagzeilen. „Seine Wurzeln hat der Mozart-Effekt in einem kurzen wissenschaftlichen Beitrag, der im Jahr 1993 in der Fachzeitschrift ,Nature‘ erschienen ist“, erklärt Experte Pietschnig. Laut den Autoren erbrachten Studierende nach dem Anhören einer Mozart-Sonate eine Leistung, die um acht bis neun IQ-Punkte höher lag als bei Vergleichstests. Die Sache hat mehrere Haken: Mit 36 Teilnehmern war die Studie zu klein und nicht auf Intelligenz, sondern auf Raumvorstellungsfähigkeit gerichtet. Das Ergebnis konnte bislang auch nicht eindeutig bestätigt werden. „Es wäre wunderbar, ließe sich die kognitive Leistungsfähigkeit durch schieres Hören von Musik steigern“, schwärmt Jakob Pietschnig. „Leider bleibt es beim Wunschdenken. Weder Kinder noch Erwachsene werden durch Mozart-Hören zu Genies.“

Kommt es beim Gehirn auf die Größe an?

Der Blauwal hat das größte Gehirn. Klüger als wir ist er nicht. Auch wenn man den Denkapparat im Verhältnis zur Körpermasse sieht, wird der Mensch geschlagen: Da hat die Spitzmaus die Nase vorn. Trotzdem hielt sich lange der Mythos, ein genialer Mensch müsse auch einen großen Schädel haben. Neuere Forschungen zeigen: Es kommt auf die Anzahl der Hirn-zellen an – und von denen haben wir rund 86 Milliarden. „Da die menschlichen Nervenzellen äußerst kompakt und sehr klein sind, haben wir um ein Vielfaches mehr davon auf engerem Raum als andere Tiere – und das macht uns so intelligent“, erklärt Pietschnig. Und was ist mit dem Unterschied zwischen den Geschlechtern? „Immerhin sind männliche Gehirne in der Regel größer und im Durchschnitt ungefähr 100 Gramm schwerer als weibliche“, so der Experte. „Tatsächlich sind die Nervenzellen im weiblichen Gehirn aber dichter gepackt, sodass im Vergleich zu einem männlichen Gehirn in ein gleich großes Stück weiblicher Gehirnsubstanz mehr Nervenzellen hineinpassen.“

ENTWICKLUNG DER INTELLIGENZ

Klugheit hat viele messbare Aspekte: etwa Fluider IQ = Logik, Abstraktionsvermögen; Fullscale IQ = Gesamtwert der Intelligenz; Raumvorstellungs-IQ = räumliches Denken; Kristallisierter IQ = angelerntes Wissen

Werden wir durch Technik dumm?

Da sind sich die Experten nicht ganz einig. „Immer wieder wird vermutet, dass das Benutzen von Computern, Tablets und Handys unsere Fähigkeit, logisch und abstrakt zu denken, beiläufig trainiert und so zu besseren Testleistungen führt“, verweist Dr. Pietschnig auf verschiedene Studien. Die Digitalisierung verändert unser Denken, der Umgang mit komplexen Geräten des modernen Alltags erfordert und fördert Intelligenz. Pessimisten verweisen hingegen darauf, dass wir Informationen nur noch auf Knopfdruck abrufen, statt uns das Wissen mühsam anzueignen. Mit steigender Zeit am Smartphone sinkt auch unsere Aufmerksamkeitsspanne. Wir werden unkonzentriert. Viele widersprüchliche Befunde. „Sie zeigen dennoch, dass die Digitalisierung für unsere kognitiven Fähigkeiten nicht als grundsätzlich schlecht gewertet werden darf. Sie verändert lediglich die Anforderungen an sie. Fernsehen, Videospiele, Internet oder Smartphone führen nicht zwingend zur Verdummung der Menschen, sie werfen allerdings auch nicht zu verharmlosende Probleme auf“, fasst der Psychologe zusammen.

Können wir unsere Intelligenz f ördern?

Die Antwort lautet: Ja, aber …! „Leider zählen schnelle, unkomplizierte und dubiose Lösungen wie das Hören von klassischer Musik nicht zu den wirkungsvollen positiven Einflüssen auf unsere Denkleistungen“, dämpft Psychologe Jakob Pietschnig überzogene Hoffnungen. Erstens wird die Obergrenze von den Genen festgelegt, zweitens ist Arbeit angesagt: Das Gehirn ist wie ein Zehnkämpfer. Es will in allen Disziplinen trainiert werden. Das reicht von Erinnerungsübungen fürs Arbeitsgedächtnis bis zum Verbessern der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Dazu ein Vergleich aus dem Sport: Ein Profiskifahrer kann sich voll auf den Kurs konzentrieren, andere Aufgaben wie Gewichtsverlagerung beim Schwung gehen automatisch. „Das Können steigert sich demnach durch die Automatisierung verschiedener Teilprozesse des Skifahrens. Bei der Intelligenz verhält es sich ähnlich“, so Pietschnig. Üben, üben, üben! Ebenso wichtig ist für den Experten der Zusammenhang zwischen Körper und Geist: „Selbst im hohen Alter, so hat man in etlichen Studien nachgewiesen, kann man die kognitiven Fähigkeiten durch gesunde Ernährung, körperliches Training und die Beschäftigung mit geistig stimulierenden Inhalten lange erhalten.“

KAI RIEDEMANN