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Wie Sie richtig Grenzen setzen


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Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022
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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 12/2022

Kristina Ziemer-Falke

Die Hundetrainerin, Verhaltensberaterin und Fachautorin leitet zusammen mit ihrem Mann ein Schulungszentrum für Hundetrainer, das inzwischen als eine der führenden Ausbildungsstätten gilt. Mehr Infos:

Sie werden heiß in der Hundeszene diskutiert: die Abbruchsignale. Von als selbstverständlich gesehen bis hin zu auf keinen Fall ist auch dazwischen alles dabei. Wie soll man sich da als Hundehalter orientieren können, um zu wissen, was richtig oder gar angebracht ist und dann auch noch zu dem eigenen Hund passt. Schauen wir uns ein paar Anhaltspunkte an, die Ihnen und Ihrem Hund helfen sollen und über Abbruchsignale aufklären ...

Am liebsten strafffrei ...Na klar – ich denke, dass wir uns in dem Bereich alle einig sind. Der Wunsch hinter einem Abbruchsignal, wie etwa einem „Nein“, besteht nicht darin, seinen Hund zu tadeln, sondern ihm mitzuteilen, dass er mit einem Verhalten ...

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... aufhören sollte.

Das kann sogar eine gut gemeinte Intention des Hundehalters sein, wenn zum Beispiel ein Hund einen Giftköder aufnimmt und dabei ist, diesen zu verschlingen. An diesen Stellen kann es aber zu Missverständnissen in der Kommunikation kommen und der Hund könnte das Abbruchsignal als Strafe ansehen.

Wann versteht der Hund Abbruchsignale als Strafe?

Wie in den meisten Fällen, wenn etwas nicht funktioniert, liegen Kommunikationsprobleme zwischen Hund und Halter vor. Beobachtet der Hundehalter aus unserem oben genannten Beispiel also, dass der Hund nach dem „Nein“ seine Rute einzieht, Meideverhalten zeigt und sich entfernt, sollte nun analysiert werden, wie es dazu kam. Da gibt es mehrere Gründe, warum ein Hund so reagieren kann:

1 Das Wort „Nein“ ist nicht antrainiert worden, sondern einfach in der jeweiligen Situation nur benutzt worden. Oft funktioniert es auch, das hat aber nicht damit zu tun, dass der Hund den Bezug zu dem Wort „Nein“ alleine hergestellt hat, sondern eher damit, dass ein „Nein“ oftmals strenger ausgesprochen wird.

Wir nutzen es ja gerade dann, WENN etwas nicht funktioniert. Diese Situationen verändern dabei auch uns und unsere Stimmung. Durch die strengere Stimme reagiert der Hund auf uns. Als Ergebnis erkennen wir zwar, dass der Hund das unerwünschte Verhalten nicht mehr zeigt, allerdings ist dem Hund der damit gemeinte Sinn keineswegs automatisch klar.

2 Bei manchen Hundehaltern ist zu beobachten, dass ein „Nein“ erst der Beginn ist. Das eine oder andere Mal reagiert der Halter weiterhin ungehalten, wenn der Hund das ungewünschte Verhalten zeigt. Lässt er davon ab, der Halter regt sich aber dennoch weiter auf, so kündigt das „Nein“ dem Hund auch noch weiteren Ärger an. Es wirkt dann wie ein Markerwort für folgenden weiteren Ärger.

3 Dem Hund wird nach dem „Nein“ keine Alternative aufgezeigt. Nur mit einer Strafe kommen Sie nicht weiter. Stellen Sie sich vor, Sie liefern Ihrem Chef eine Projektarbeit ab. Er schaut sich diese an, wirft Ihnen diese dann wieder auf Ihren Schreibtisch und sagt.

„Das war Mist – den neuen Entwurf bis übermorgen.“ Wie ergeht es Ihnen mit dieser Info? Wahrscheinlich werden Sie die nächsten zwei Tage panisch probieren, was Ihrem Chef gefallen könnte – allerdings wissen Sie nicht, was das ist, denn er hat Ihnen keinen Hinweis gegeben. Geschieht so etwas mehrfach, werden Sie Ihre Kreativität einstellen, denn wenn Sie nichts machen, bekommen Sie keinen Ärger – aber Sie werden Furcht vor Ihrem Chef bekommen. Ihre Beziehung wird leiden. So kann es auch einem Hund ergehen, der nur gestraft wird, aber eine Alternative für seine Handlung bleibt aus.

4 Die Intensität ist zu hoch, wenn er das Wort „Nein“ hört, weil zum Beispiel auch die Körpersprache intensiv mitteilt, dass in diesem Moment etwas falsch läuft. Gibt der Hundehalter mit zu starker Intensität das Abbruchsignal, so macht dies zweifelsohne Angst.

5 Der Hund kann sich nicht orientieren, was genau falsch war, da es nicht konsequent getadelt wird, sondern immer mal wieder, aber nicht immer. Das Verhalten gibt dem Hund keine Verlässlichkeit – ein Bedürfnis, das der Hund jedoch hat. Denn wird er mal für ein und dasselbe Verhalten gestraft und mal nicht, kann er nicht zu 100 Prozent erlernen, dass dieses Verhalten das ungewünschte Verhalten ist. Muss der Hund immer erst überlegen und auf die Reaktion des Hundehalters warten, so baut sich der Stresspegel auf. Das sollte auf Dauer natürlich vermieden werden.

6 Der Abbruch wirkt als Strafe für den Hund, weil das Timing des Hundehalters nicht stimmt.

Missverständnisse im Alltag: Mensch denkt – Hund denkt

Oft erschrecken wir Hundehalter, wenn unser Hund ein ungewünschtes Verhalten zeigt, weil wir nicht damit rechnen. Es kommt in unserer Wahrnehmung nicht vor, dass wir selbst in den Garten gehen, unseren Kopf in die Himbeersträucher stecken und tiefe Löcher buddeln. Vor allem würden wir das nicht tun, wenn die Sträucher auch noch in einem säuberlich gesteckten Beet stehen, denn jeder kann sich vorstellen, wie viel Arbeit das bedeutet und der Zweck des Himbeerstrauchs ist ein anderer ... Aber dem Hund fehlt unsere menschliche Moralvorstellung zu diesem Thema. Er findet, dass der Bereich möglicherweise toll riecht, die Erde so schön aufgelockert ist, buddeln einfach entspannt und dies auf dem Holzboden im Wohnzimmer nun mal nicht möglich ist.

ACHTUNG:Ignorieren nicht unterschätzen!

Bei selbstbelohnendem Verhalten mag es für den Hund situativ nicht so schlimm sein, wenn wir ihn oder das Verhalten nicht beachten, jedoch sieht dies ganz anders aus, wenn wir ihm unsere Aufmerksamkeit bewusst entziehen, um ihn damit strafen zu wollen – getreu dem Motto: „... und denk mal darüber nach, was du mir angetan hast“. Es gibt viele Hunde, denen die Aufmerksamkeit des Halters extrem wichtig ist und Halt gibt. Wird das entzogen, kann dies eine sehr harte Strafe für diesen Hund sein.

Allein hier erkennen wir schon, dass zig Missverständnisse im Alltag vorgegeben sind. Ein Verständnis um die Beweggründe des Hundes macht es für den Hundehalter oft leichter. Das bedeutet nicht, dass es so akzeptiert werden muss, aber das Verständnis um die Situation unterstützt Sie im Training. Denn kennen Sie die eigentliche Motivation des Hundes, so können Sie Ihr Timing, Ihre Verstärker usw. viel besser auf die Trainingssituation einstimmen ...

Doch was mache ich jetzt? Eigentlich will ich ja nicht strafen ...

Bleiben wir beim Buddeln im Beet, wird der Hund durch Ignorieren jedoch nicht aufhören. Das hat zwei Gründe:

▷ Buddeln ist ein selbstbelohnendes Verhalten. Ihr Hund hat Spaß daran und gerade eine große Dopamin-Ausschüttung. Er fühlt sich gut – warum sollte er aufhören?

▷ Sie stehen daneben und ignorieren das Verhalten – aus seiner Sicht scheint sein Verhalten erwünscht bzw. geduldet zu sein, denn schließlich sagen Sie ja nichts Gegenteiliges – warum sollte er aufhören?

Möchten wir einem Hund also mitteilen, dass er mit einem ungewünschten Verhalten aufhören soll, müssen wir ihm dazu ein Signal beibringen. Im besten Fall lernt er dann nämlich, dass er unmittelbar, nachdem er das freundlich (!) ausgesprochene und konditionierte Signal „Nein“ gehört hat, mit dem aufhört, was er gerade tut, und zudem einen Plan B, also ein Alternativverhalten wie etwa ein „Sitz“, bekommt und für die richtige Durchführung gelobt wird.

So bauen Sie das Training des Abbruchsignals auf

Das Abbruchsignal wird, wie alle anderen Signale, antrainiert – dazu gehört auch das „Nein“. Ist das Wort nämlich erst trainiert, ist für den Hund verständlich: Wenn ich das Signal höre, unterlasse ich das, was ich gerade tue. Kennt der Hund seine Aufgabe, muss weder gebrüllt werden, noch müssen Sie sich aufregen.

1 Legen Sie ein Leckerchen in eine Ihrer offenen Handflächen und lassen Sie Ihren Hund auf das Signal „Okay“ das gute Stück aus der Hand fressen.

2 Wiederholen Sie die „Okay-Übung“ 5 bis 10 Mal, das macht gute Laune. Anschließend sagen Sie „Nein“ und verschließen die Hand. Warten Sie, bis sich Ihr Hund von der Leckerchenhand abwendet. Erst dann öffnen Sie die Hand erneut und loben ihn. Erst durch Ihr „Okay“ darf er das Leckerchen nehmen.

3 Beginnen und beenden Sie die Übung immer mit der „Okay“-Übung. Bauen Sie die Übung „Nein“ darin ein. Ihr Hund wird lernen, dass er beim Signal „Nein“ die Handlung abbrechen soll und auf ein Signal von Ihnen, wie das „Okay“, wartet, im besten Fall zeigt Ihr Hund sogar ein alternatives Verhalten, zum Beispiel ein Platz, bereits von sich aus. Loben Sie Ihren Hund sofort, wenn er von sich aus ein anderes Verhalten anbietet. Somit unterstützen Sie seine neuen Verhaltensweisen und er bekommt eine Orientierung, was Sie besser finden als das ungewünschte Verhalten.

Erst viele Wiederholungen festigen das Signal

Trainieren Sie das „Nein“ genauso fleißig, wie Sie auch ein „Sitz“ oder Ähnliches trainieren. Es darf zu Ihrem Repertoire dazugehören. Damit Sie dem Hund nun in Zukunft die Info geben können, dass Sie sich ein Verhalten nicht oder anders wünschen, beachten Sie dabei aber unbedingt noch Folgendes:

▷ Seien Sie konsequent, wenn Sie Ihrem Hund ein „Nein“ mitteilen – er sollte wissen, dass es immer tabu ist, das Beet umzugraben.

▷ Passen Sie die Intensität des „Nein“ genau an. Ihr Hund sollte keinesfalls Angst bekommen, sondern es soll nur zu einem Handlungsabbruch kommen, gefolgt von einem Alternativverhalten.

▷ Teilen Sie Ihrem Hund sofort mit, wenn er beginnt zu buddeln, dass das Verhalten nicht gewünscht ist. Lassen Sie ihn nicht erst zehn Minuten buddeln und korrigieren ihn dann. Sonst kann er Schwierigkeiten bekommen, Ihr „Nein“ mit dem Buddeln gleichzusetzen.

▷ Geben Sie ihm nach einem „Nein“ immer eine Alternative. Arbeiten Sie lösungsorientiert mit Ihrem Hund.

▷ Achten Sie auf Ihre Stimmung, dass Sie dem Hund IMMER fair gegenüber bleiben.

Vorausschauend agieren heißt weniger abbrechen

Stellen Sie außerdem Überlegungen im Vorfeld an, die Sie gut nutzen können.

Wenn Sie beispielsweise sehen, dass Ihr Hund zielorientiert Richtung Beet läuft, so können Sie ihm auch jetzt schon die Alternative („Auf die Decke ...“) anbieten. Hier können Sie das „Nein“ direkt umgehen. Das funktioniert aber nur, wenn Sie sein Vorhaben schon im Vorfeld erkennen und die alternativen Signale natürlich schon sehr gut funktionieren.

Dies ist oftmals das Problem, warum wir mit Abbruchsignalen arbeiten, da die Tu-das-Signale wie „Sitz“, „Platz“, „Hier“ usw. nur bis zu einem gewissen Grad der Ablenkung funktionieren.

Es lohnt sich also allemal, alle Signale so zu trainieren, dass sie unter starker Ablenkung abruf- und umsetzbar sind. Können Sie und Ihr Hund alle Signale zuverlässig umsetzen, so werden Sie gar kein Abbruchsignal benötigen.

Trainieren Sie neue Signale mit positiver Bestätigung

Überlegen Sie sich bitte immer, wann Sie Strafen einsetzen. Im Training, also wenn der Hund gerade etwas Neues erlernt, hat ein Abbruch nichts zu suchen. Das wäre sehr unfair dem Hund gegenüber, wenn ich ihm mitteile, was alles von dem nicht richtig ist, was er gerade ausprobiert. Vielleicht kennen Sie das vom Clickertraining – nur das gewünschte Verhalten wird bestätigt.

Falsches Verhalten ignorieren wir zu dem Zeitpunkt, wenn der Hund dabei ist, eine Übung NEU zu erlernen.

Hat eine Verknüpfung stattgefunden und der Hund weiß nun, welche Aufgabe sich für ihn hinter einem Wort versteckt, etwa beim Signal „Sitz“ den Po auf den Boden zu setzen, so kann der Hund mit einem freundlichen „Nein“ nach der Aufforderung die Info bekommen, dass es nicht korrekt ist, sich ins Platz zu legen, wenn das Signal „Sitz“ ertönt. Eine freundliche Aufforderung ins „Sitz“ erfolgt dann und ein Lob, wenn er es nun korrekt umsetzt.

KRISTINA ZIEMER-FALKE