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WIE SINNVOLL IST EIN TRAININGSPLAN?


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 37/2019 vom 11.10.2019

Ein Trainingsplan kann dabei helfen, bei der Arbeit mit dem Pferd die Übersicht zu behalten. Er sorgt für eine gute Basis, damit das Erreichen von Zielen, die Erhaltung der Gesundheit von Reiter und Pferd sowie der kontrollierte Aufbau nach Krankheiten oder Verletzungen gelingen können. Damit das Reiten für Pferd und Reiter gesund ist, müssen gewisse Voraussetzungen gegeben sein. Welche das sind und was für Sie beim Erstellen von Trainingsplänen für Ihre Kunden besonders relevant ist, erklärt die Pferdeostheopatin und Physiotherapeutin Anne-Louise Haas.


Artikelbild für den Artikel "WIE SINNVOLL IST EIN TRAININGSPLAN?" aus der Ausgabe 37/2019 von Feine Hilfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Feine Hilfen, Ausgabe 37/2019

Dehnen der hinteren Beinmuskulatur des Reiters vor ...

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... dem Aufsitzen.


(Foto: Anne-Louise Haas)

Training steht im Allgemeinen für alle Prozesse, die eine Veränderung im Körper hervorrufen. Dabei ist der Trainingsbegriff weder an Leistungsnoch an Altersgrenzen oder den Gesundheitszustand gebunden. Eine Veränderung wird nur erreicht, wenn das Training einen genügend starken Reiz auf das Gewebe ausübt. Einfacher ausgedrückt, es muss der gesetzte Reiz so stark sein, dass er fast schon zu stark ist. Der Körper wird nun alles daransetzen, dass nichts geschädigt wird und alle Strukturen möglichst stabil bleiben. Seine Reaktion auf solche Reize ist deshalb eine Anpassung der betroffenen Strukturen. Er stärkt diese, damit der gleiche Reiz das nächste Mal nicht mehr droht zu stark zu sein, sondern gut ertragen werden kann. Das Training sollte immer abwechslungsreich gestaltet werden. Außerdem ist es wichtig, dass das Pferd das Verlangte immer „leicht“ ausführen kann. Es sollte niemals gezwungen werden, etwas zu tun.
Geduld ist daher für Reiter, Therapeuten und Ausbilder die wichtigste Eigenschaft beim Training mit einem anderen Lebewesen. Verbesserungen oder Anpassungen dürfen nicht in Tagen oder Wochen erwartet werden, sondern dauern immer Monate oder Jahre.

Das Fallbeispiel

Wie ich in meiner täglichen Arbeit mit Trainingsplänen umgehe, möchte ich anhand eines Fallbeispiels veranschaulichen. Das Pferd-Reiter-Paar, von dem ich hier erzählen möchte, betreue ich seit acht Jahren. Ich behandle das Pferd osteopathisch und beide physiotherapeutisch. Zudem trainiere ich die beiden vor allem im Dressurbereich und unterstütze sie wie in diesem Beispiel in der Aufbauphase nach einer Verletzung.
Malou ist eine 14-jährige Westfalenstute, die im Amateur-Springsport erfolgreich ist. Sie hatte eine Zerrung der tiefen Beugesehne vorne links und war sechs Monate auf der Weide zur Genesung. Nun soll sie wieder auftrainiert werden. Sabrina, ihre 20-jährige Reiterin, leidet immer wieder an Schmerzen im rechten Knie nach intensivem Springtraining.
Sehnen sind Verbindungsstücke zwischen Muskeln und Knochen. Sie werden auf Zug beansprucht und funktionieren nach dem Federprinzip. Sie sind schlecht durchblutet, was eine Heilung oft schwierig macht. Damit die Sehnen nach einer Verletzung eine bleibende Anpassung erreichen, sind generell sechs bis zwölf Monate Training nötig.

Das Erstellen eines Trainingsplans

Vor dem Erstellen eines Trainingsplans muss der Trainer oder Therapeut für das Pferd-Reiter-Paar ein Ziel definieren. In unserem Fallbeispiel (siehe Kasten) ist das Fernziel, dass die Stute wieder im Springen einsetzbar ist und die Reiterin keine Knieschmerzen mehr hat. Verschiedene definierte Trainingsbereiche sorgen dafür, dass das gesetzte Ziel erreicht werden kann. Alle im Kasten genannten Bereiche (Kraft, Koordination, Beweglichkeit, Ausdauer und Pausenzeiten) sollten im Trainingsplan berücksichtigt werden.
Ich erarbeite mit meinen Kunden meist einen Monatsplan, wobei die Trainingseinheiten auf die Wochen verteilt werden. Ein Fernziel wird jedoch selten schon nach einem Monat erreicht. Trotzdem macht es Sinn, den Trainingsplan regelmäßig kritisch zu prüfen und ggf. anzupassen. Am Ende eines Monats schaue ich mir mit meinen Kunden den Verlauf an: Was hat geklappt und was nicht? Anhand dessen und anhand der nun vorliegenden neuen Situation (es sollte ja eine Verbesserung stattgefunden haben), erstellen wir den Plan für den nächsten Monat. So kann ich immer wieder Änderungen miteinfließen lassen und nötige Anpassungen einarbeiten, um dann Schritt für Schritt das Fernziel zu erreichen. In meinem Fallbeispiel entwickele ich zwei Pläne mit überlappenden Einheiten: einen für die Stute und einen für die Reiterin.
An den Ruhetagen der Stute sollte die Reiterin für sich eine Einheit ohne Pferd einplanen. Zu diesen Zeiten kann sie zum Beispiel über Pilates oder Yoga an ihrer Kraft arbeiten. Alternativ dazu könnte sie auch walken oder joggen, um ihre Ausdauer zu verbessern. Warum sollte sie dies an den Ruhetagen der Stute einbauen? Zum einen hat die Reiterin an diesen Tag Zeit, da das Pferd dann „nur“ auf der Weide ist und sie es nicht bewegen muss. Zum anderen sollte sie, um ein Übertraining bei sich selbst zu verhindern , ein solches Training nicht nach einem Reittraining durchführen. Natürlich könnte sie aber nach einem lockeren Ausritt noch zum Pilates oder Yoga. Wie bereits erwähnt, sollten keine intensiven Trainings aufeinander folgen und unbedingt Ruhe beziehungsweise Regenerationstage eingeplant werden.
Ich sehe oft Reiter, die fast jeden Tag in der Halle oder auf dem Platz reiten. Abwechslung ist jedoch ein extrem wichtiger Faktor für einen reellen Trainingserfolg. Das bedeutet, dass es durchaus Sinn macht, zwischendurch einfach auszureiten oder zur Abwechslung ein Training an der Longe mit ins Programm zu nehmen. Auch das Pferd einfach mal frei laufen zu lassen, ohne es dabei zu scheuchen, kann den Trainingsalltag auflockern. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch möglich, mal ein „Trainingsweekend“ einzubauen, an dem zwei oder drei Tage hintereinander intensiv trainiert wird (z. B. bei einem Kurs oder Seminar). Im Anschluss an solch ein Power-Wochenende sollte aber unbedingt eine Pause eingeplant werden. Auch kann ein paar Tage hintereinander auf dem Platz beziehungsweise in der Halle geritten werden, der Reiter sollte dabei aber abwechslungsreich trainieren (zum Beispiel einmal Dressur mit Schwerpunkt Kraft und einmal mit Schwerpunkt Ausdauer, einmal Gymnastik, …).

Der Trainingsplan – ein Beispiel

Die Abbildung (S. 71) zeigt einen möglichen Trainingsplan für die Stute und die Reiterin aus meinem Fallbeispiel. Was in den einzelnen Trainingseinheiten genau gemacht wird, ist offen, sollte aber im Voraus definiert und notiert werden.
Zu Beginn der Belastung nach der Pause sollten das Training ausschließlich im Schritt ausgeführt werden. Viele werden jetzt denken, dass es doch unmöglich ist, Training im Schritt nicht eintönig werden zu lassen. Doch es ist möglich! Alles, was in anderen Gangarten machbar ist, ist auch im Schritt machbar. Wird das Training abwechslungsreich geplant, wie in unserem Beispielplan, wird auch das Schrittgehen nicht langweilig. Treten keine Ermüdungsanzeichen auf, können in gewissen Trainingseinheiten Trabsequenzen eingebaut werden. Als Nächstes folgt in allen Trainingseinheiten Schritt und Trab und anschließend das Gleiche mit Galopp. Seitengänge und Stangenarbeit können von Anfang an im Schritt gemacht werden. So wird die Stute von Anfang an wieder ans Springen herangeführt. Da es sich um einen Aufbau nach einer Verletzung der tiefen Beugesehne handelt, ist es wichtig, dass die nächsten Schritte mit dem Tierarzt oder dem Therapeuten abgesprochen werden. Bei allen Verletzungen ist der Aufbau anders und muss unbedingt individuell angeschaut und geplant werden! Die Reiterin hat zwei Tage „Einzeltraining“ in der Woche, um eine Ausgleichssportart auszuführen. Reiten belastet den Körper sehr spezifisch, was fast immer zu Disbalancen führt, die ausgeglichen werden müssen. Für den perfekten Reitersitz macht es außerdem Sinn, die eigene Mitte zu stärken, was über Pilates oder Yoga sehr gut erreicht werden kann. Dehnübungen sind gerade für Reiter auch unerlässlich und dürfen gerne täglich in den Tagesablauf integriert werden. Diese sind ebenfalls in Yoga oder Pilates enthalten, weswegen ich sie nicht noch einmal extra im Plan aufgeführt habe.
Im Trainingsplan notiere ich Details zum Training und eventuelle Änderungen. Was wurde genau gemacht? Wie lange? Wie intensiv? Wie hat es geklappt? Am Ende des Monats wird alles besprochen und ein neuer Plan erstellt. Wenn alles gut geklappt hat, sieht der neue Plan dem alten sehr ähnlich. Wenn sich aber zeigt, dass das Pferd zum Beispiel nach einem Springtraining Mühe mit der Dressur am nächsten Tag hat, ist es sinnvoll, hier sofort zu reagieren, das Training an diesem Tag schon zu ändern und den Plan so anzupassen, dass diese Kombination nicht mehr auftaucht.

Einhalten des Trainingsplans

Grundsätzlich sollten sich Reiter und Pferd sowie auch Therapeut und Trainer an einen einmal erstellten Plan halten. Ein Plan muss aber immer für das Pferd und den Reiter auch dynamische Prozesse zulassen. Läuft beispielsweise das Pferd am Tag nach einem intensiven Training unsauber, muss unbedingt darauf eingegangen und der Plan geändert werden. Nach einer längeren Pause kann auch ein Training im Schritt mit Seitengängen und Stangen an der Hand intensiv sein. Probleme bei der Umsetzung von geplanten Trainingsinhalten sowie Änderungen im Plan sollten auf jeden Fall notiert werden. Eventuell müssen die restlichen Einheiten der Woche oder des Monats angepasst werden, wenn sie nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden können. Denn auch wenn etwas geändert wird, muss immer berücksichtigt werden, dass keine hochintensiven Trainingseinheiten aufeinander folgen dürfen und die Regenerationstage eingehalten werden müssen. Natürlich kann auch der Reiter Grund für eine Änderung im Plan sein. Vielleicht muss er an einem Tag plötzlich länger arbeiten oder hat starke Kopfschmerzen und kann das Training nicht im geplanten Ausmaß ausführen. Einen Trainingsplan zu erstellen und dann ohne Rücksicht auf die wahren Umstände und die Gegebenheiten bei Pferd und Reiter durchzuziehen, bringt überhaupt nichts. Die Gefahr, dass es zu Unfällen oder Rezidiven kommt, ist viel zu groß.

Zusammenfassung

Ein Trainingsplan hilft beim Erreichen von Zielen, wenn er richtig ausgearbeitet wird und dann sinnvoll genutzt wird. Sinnvoll heißt in diesem Fall nicht, dass er immer komplett eingehalten werden soll, sondern dass gewisse „Richtlinien und Regeln“ eingehalten werden.

DIESE VORAUSSETZUNGEN BRAUCHT DAS PAAR

Koordination & Beweglichkeit: Die Stute braucht gute Koordination, um eine erneute Verletzung der Sehne zu verhindern. Die Belastungen bei der Landung nach einem Sprung sind enorm, und der Muskel-Sehnen-Bereich muss dieses Kräfte abfangen können. Auch müssen die Gelenke frei beweglich sein, um auch extreme Bewegungen zuzulassen.
Übungen: allgemein unterschiedliche Böden; Dehnübungen; Dressur: Seitengänge; Springen: Cavaletti, Gymnastikreihen Die Reiterin braucht gute Beweglichkeit, um mit der Bewegung des Pferdes mitgehen zu können. Zudem ist ihr Knieschmerz ein Anzeichen für eine Verkürzung der hinteren Ober-und Unterschenkelmuskulatur. Sie sollte deshalb unbedingt diese Muskulatur dehnen, um die Beweglichkeit in diesem Bereich zu verbessern.
Übungen: Dehnen, Propriozeptionstraining
Kraft: Die Hinterhand unserer Stute muss stark genug sein, um das Eigengewicht und das Gewicht des Reiters zu tragen und um die Vorhand zu entlasten.
Übungen: Dressur: Übergänge reiten, Rückwärtsrichten, Seitengänge, Berg auf-und abwärts Unsere Reiterin braucht Kraft und Stabilisation in der Körpermitte, um stabil zu sitzen. Vor allem im leichten Sitz werden dadurch die Belastungen auf die Beine etwas verringert.
Übungen: Zum Beispiel Yoga oder Pilates
Ausdauer: Eine gute Ausdauer ist für eine schnelle Regeneration notwendig. Hier ist die sogenannte Grundlagenausdauer gemeint, welche die Basis jedes Ausdauertrainings ist.
Übungen: länger dauernde Belastungen ohne hohen Puls: zum Beispiel Ausritt/ Longieren oder Walken, Joggen
Erholung & Pause: Die Pause oder die Erholung sind ebenso wichtig wie das Training! Werden keine Pausen eingeplant, kann es zu einem Übertraining kommen.

Belastung der Fesselgelenke bei der Landung nach einem Sprung.


(Foto: Reinald Brunner)

Zeichen eines Übertrainings/ Überforderung:

• Schnelle Ermüdung
• Widerstand des Pferdes gegen Hilfen des Reiters
• Unerklärlicher Leistungsabfall
• Konzentrationsschwäche
• Teilnahmslosigkeit, Lethargie
• Angst, Nervosität
• Durchfall
• Verlust von Körpergewicht
• Erhöhte Ruhepulswerte
• Koordinationsschwäche
• Muskelzittern
• Übermäßiges Schwitzen (Hitzestau) Wird nicht erkannt, dass eine Ermüdung vorliegt, kann es zu Unfällen und/oder Schäden an Strukturen kommen. Erholung bedeutet Rückkehr zum
Ruhezustand beziehungsweise das Wiederaufladen von Reserven. Deshalb ist es nicht sinnvoll, intensive Trainingseinheiten häufig nacheinander zu planen.

ANNE-LOUISE HAAS

(Foto: Privat)

… ist Pferdeosteopathin und -physiotherapeutin (DIPO) sowie Humanphysiotherapeutin. Sie hat an der Universität Salzburg den MSc in Sports Physiotherapy abgeschlossen und arbeitet selbstständig in Basel (Schweiz). Ihre Leidenschaft gilt der Unterstützung von Pferd und Reiter in Behandlungen und Trainings.
Mehr unter: equusenerges-pferdeosteotherapie.ch