Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Wie stark hohe Temperaturen unsere Pferde belasten: Hitzefrei?


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 24.07.2019

Sommer, Sonne, 30 Grad Celsius und mehr. Trotzdem wird geritten, Kutsche gefahren und viele Pferde stehen Tag und Nacht auf der Weide. Artgerecht oder an der Grenze zur Tierquälerei? Eine Einschätzung von Tierarzt Dr. Andreas Franzky.


Artikelbild für den Artikel "Wie stark hohe Temperaturen unsere Pferde belasten: Hitzefrei?" aus der Ausgabe 8/2019 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: WWW.ARND.NL

UNSER EXPERTE

FOTO: PRIVAT

Dr. Andreas Franzky
Der Amtstierarzt aus Soderstorf ist Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz.

Wer einen Hund bei 30 Grad Celsius im Auto lässt, ist ein Fall für die Polizei. Denn so schnell, wie sich der Wagen im Inneren aufheizt, besteht für das Tier Lebensgefahr. Da ist der Begriff Tierquälerei absolut ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reiter Revue International. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2019 von AUFSITZEN: Der Tod eines WM-Pferdes. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUFSITZEN: Der Tod eines WM-Pferdes
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Wirklich für Amateure?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wirklich für Amateure?
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von DURCHGEGANGEN: Hat es wehgetan?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DURCHGEGANGEN: Hat es wehgetan?
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Reiterverein Bissingen Die Camper. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Reiterverein Bissingen Die Camper
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Fremdreiten leicht gemacht: Rendevous mit einem Unbekannten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fremdreiten leicht gemacht: Rendevous mit einem Unbekannten
Vorheriger Artikel
Reiterverein Bissingen Die Camper
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Fremdreiten leicht gemacht: Rendevous mit einem Unbekannten
aus dieser Ausgabe

... zutreffend. Ob dieser auch schon angebracht ist, wenn das Herrchen seinen Hund in der Mittagshitze Gassi führt, ist hingegen Ansichtssache und hängt von Faktoren ab, wie der Strecke, der Länge des Spazierganges und ob die Pfoten des Hundes vor dem heißen Teer der Straße geschützt werden. So ähnlich ist es auch bei Pferden. Die Formel „Hitze + Reiten = Tierquälerei“ geht so einfach nicht auf. Allerdings ist hohe körperliche Anstrengung auch für Pferde bei Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius nicht so einfach wegzustecken. Entsprechend ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, was noch in Ordnung ist und wo ein Pferd unter dem Sommerwetter wirklich leidet. „„Pferde verfügen von Natur aus über eine gute Thermoregulation“, macht Tierarzt Dr. Andreas Franzky deutlich. Der Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz sieht die Temperatur für das einstige Steppentier deshalb als nicht ganz so entscheidend an. „Sein Wohlbefinden auch bei Hitze ist letztendlich eher von seiner körperlichen Verfassung abhängig. Ist es gesund und gut konditioniert, und achtet der Reiter darauf, dass es keine Stressanzeichen sendet, spricht generell nichts gegen das Reiten bei Wärme“, sagt er. Es komme immer auf das wie lange und wie intensiv an.

Es gibt allerdings eine entscheidende Ausnahme. Denn feuchte Wärme ist dem Pferd deutlich unangenehmer als bislang vermutet. Eine Studie an der Universität Guelph in Kanada hat ergeben, dass die Luftfeuchtigkeit eine große Rolle spielt. Bei schwüler Wärme kann ein Pferdekörper deutlich schneller überhitzen als der eines Menschen. Laut des Forscherteams um Veterinärmediziner Prof. Dr. Michael Lindinger genügen bereits rund 20 Minuten durchschnittlichen Trainings, um die Körpertemperatur des Pferdes extrem ansteigen zu lassen. Beim Menschen dauere es drei bis zehn Mal so lange, so die Ergebnisse der Studie. Und das kann fatale Folgen haben: Schon wenn die normale Körpertemperatur des Pferdes von 37 bis 38 Grad Celsius um drei Grad ansteigt, gilt höchste Alarmbereitschaft. Denn die Temperatur der Muskulatur kann noch einmal um zwei bis drei Grad höher liegen und das bedeutet, dass die Proteine im Körper beginnen, sich zu zersetzen. Folgen können Kolik, Kreislaufzusammenbruch oder Nierenversagen sein. Der Hintergrund: Bei schwülem Wetter wird das körpereigene Kühlsystem des Pferdes, also: das Schwitzen, eingeschränkt. Zwar schwitzen Pferde bis zu 30 Liter pro Stunde aus, wenn ihnen so richtig heiß ist, aber die Feuchtigkeit in der Luft lässt den Schweiß nicht mehr gut verdunsten. Entsprechend verantwortungsbewusst sollte der Reiter einschätzen, wie Bewegung, Weidegang und auch die Turnierteilnahme bei richtigem Sommerwetter gehandhabt wird. Hier finden Sie ein paar Anhaltspunkte für das richtige Verhalten bei Hitze:

Trainierte, gesunde Pferde können auch bei Hitze geritten werden. Allerdings sind Pausen wichtig.


FOTO: WWW.ARND.NL

Auf der Weide (u.) sollte ein Unterstand sowohl vor Hitze als auch vor Insketen schützen.


FOTO: WWW.ARND.NL

Die Weide-Frage

Pferde wollen draußen sein. Aber auch bei Wärme? „Wer seine Pferde im Sommer Tag und Nacht auf der Weide hält, muss dafür sorgen, dass sie einen Witterungsschutz haben“, sagt Dr. Andreas Franzky. Dies ist so in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gefordert und von Gerichten bestätigt worden. Ein natürlicher Witterungsschutz, beispielsweise schattenspendende Bäume, oder ein künstlicher ist nicht nur aus Hitzegründen notwendig.

„Es soll den Pferden auch einen Schutz vor lästigen Insekten geben“, mahnt Franzky. Am besten ist es definitiv, die Tiere in den frühen Morgenstunden und in den späten Abendstunden oder nachts auf die Weide zu stellen und sie während des heißen Tages im Stall zu lassen.

Die Trainings-Frage

Auch für das Training sollte man bestenfalls die frühen Morgen- oder späten Abendstunden nutzen. Dann, wenn die Sonne nicht mit voller Kraft scheint und die Temperaturen etwas abgekühlt sind. Ist dies nicht möglich, hilft es oftmals in die kühle Reithalle auszuweichen. „Auf jeden Fall sollte man sein Pferd gut beobachten, langsam an das Training bei Wärme gewöhnen und die Trainingseinheiten an heißen Tagen entsprechend kurz halten“, rät Dr. Andreas Franzky. An richtig schwülen Tagen ist eine Trainingspause für Pferd und Reiter allerdings die wohl beste Wahl.

Die Turnier-Frage

Spitzenpferde, die international an den Start gehen, sind es gewohnt, an Orten mit heißem Klima Höchstleistung zu bringen. Auf ihre Bedürfnisse wird allerdings auch in besonderem Maße eingegangen. Vom Pfleger, der schon während des Abreitens und vor der Prüfung das Fell mit dem Schweißmesser abzieht, um die Schweißproduktion zu unterstützen, über klimatisierte Ställe bis hin zu Ventilatoren, die neben dem Abreitplatz kühlenden Dunst versprühen, überlässt man auf diesem Niveau nichts dem Zufall.

Aber was ist mit dem A-Springen in der Mittagshitze? „Für ein gut trainiertes Pferd ist es eigentlich kein Problem“, sagt Franzky. Das setzt aber ein gutes Management voraus. Und dazu gehört, dass das Pferd bei hohen Temperaturen nicht stundenlang auf dem Anhänger stehen kann, insbesondere wenn dieser – wie meistens auf Turnieren – auf dem Parkplatz ohne Schatten steht. Man sollte also passend zur Prüfung ankommen, Reiten und anschließend direkt wieder in Richtung Stall aufbrechen, wo das Pferd Kühle und Entspannung findet. „Das kann auch bedeuten, dass man für zwei Prüfungen zwei Mal losfahren oder eben auch mal eine ausfallen lassen muss“, zieht Franzky als Fazit.

Auch Kutsch- oder Planwagenfahrten finden häufig trotz Hitze statt. „Dabei handelt es sich oft um länger dauernde Belastungen, die je nach Gelände, Zuglast und Fahrtdauer erheblich sein können. Das ist definitiv grenzwertig und kann leicht zu einer Überforderung der Tiere führen. Auch hier gilt es, während der Tageshitze Pausen zu Erholung der Pferde einzulegen.“

Wichtig ist grundsätzlich, egal ob auf der Weide, nach dem Training oder auf dem Turnier, das Pferd durchgehend mit frischem Wasser und bei längeren Touren auch mit Heu zu versorgen, Pausen im Schatten einzulegen und ihm nach körperlicher Anstrengung mit lauwarmem Wasser eine Abkühlung zu gönnen.

Was tun, wenn es dem Pferd doch zu heiß geworden ist?

1. Zum einen ist es wichtig, den Elektrolyte-Haushalt ausgeglichen zu halten. Damit gemeint ist das Salz, das der Körper durch das Schwitzen verliert. Das Verhältnis der Elektrolyte im Schweiß ist beim Pferd ungefähr vier Mal so hoch wie beim Menschen. Ein Elektrolyte-Mangel kann zu Muskelkrämpfen, Nervenschäden und sogar zu Herzrhythmusstörungen führen. Pferde, die bei heißen Temperaturen intensiv gearbeitet werden, sollten entsprechende Elektrolyte-Lösungen bekommen. Ob es notwendig ist, kann man am besten mit dem Tierarzt abklären.

2. Ist das Pferd überhitzt, sollten Sie es sofort in den Schatten bringen und mit lauwarmem Wasser langsam herunterkühlen. So lässt sich die Körpertemperatur tatsächlich relativ zügig um bis zu zwei Grad Celsius reduzieren. Wichtig dabei ist, dass Wasser und Schweiß immer wieder mit einem Schweißmesser abgezogen werden, um den Abkühlungsvorgang zu verstärken. Anschließend wieder mit Wasser kühlen. Zeigt das Pferd Symptome wie Kreislaufprobleme, schwankt, wirkt apathisch oder hat Anzeichen einer Kolik, sollte man sofort den Tierarzt verständigen.

SO MACHEN ES DIE TOP-REITER

FOTO: S. LAFRENTZ

Kristina Bröring-Sprehe
Dressur-Olympiasiegerin in der Mannschaft

„Ich versuche bei Hitze schon sehr früh morgens zu trainieren, wir haben aber zum Glück auch ein gutes Klima in unserer Halle. Nach dem Training kühlen wir die Pferdebeine mit kaltem Wasser und auf dem Turnier nutzen wir häufig Kühlgamaschen, um es den Pferden auch bei Wärme so angenehm wie möglich zu machen.“

SO MACHEN ES DIE TOP-REITER

FOTO: S. LAFRENTZ

Felix Haßman
Deutscher Meister im Springen

„Wie intensiv ich bei Wärme trainiere, hängt ganz vom Pferd ab. Ich achte aber darauf, viele Pausen einzulegen. Fahre ich mit jungen Pferden in der Region aufs Turnier, achte ich sehr darauf, dass der Anhänger im Schatten steht. Sollte dies nicht möglich sein, wird das Pferd abgeladen und im Schatten Schritt geführt oder wartet dort an der Hand, bis es losgeht.“

SO MACHEN ES DIE TOP-REITER

FOTO: S. LAFRENTZ

Anna Siemer
Vielseitigkeitsreiterin

„Wir fangen teils schon um halb fünf Uhr morgens mit dem Training an und reiten zuerst die Pferde, die mehr Probleme mit der Hitze haben. Auf dem Turnier kühle ich die Pferde immer wieder, indem ich sie mit einem Schwamm abwasche. Außerdem muss man sehr darauf achten, dass sie genug trinken.“