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Wie Sylt zur Trauminsel wurde


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 32/2022 vom 05.08.2022

REPORT

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 32/2022

Es sind nur vier Buchstaben: Sylt. Aber genau diese Buchstaben stecken voller Emotionen. Die einen geraten ins Schwärmen. Über das silbrige Watt bei Sonnenaufgang. Die Heideblüte, die die Insel lila leuchten lässt. Die Champagnerluft. Über den weißen Sand am scheinbar endlosen Strand, fein wie Zucker. Und Sonnenuntergänge, die aussehen wie gemalt. Andere können den Hype um die Insel nicht verstehen und steigen auf die Fähre nach Föhr oder Amrum. Aber den Zug Richtung Westerland nehmen bis heute die meisten Urlauber. Und das nun schon seit 95 Jahren. Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt erzählt in der überaus sehenswerten Dokumentation „Sylt, das Blumenmädchen und der Damm“ über die Geschichte des Baus der bekannten Bahnstrecke (siehe Kasten und Mediathek-Tipp Seite 10). Anlass für unser Magazin, die Frage zu klären: Wie wurde Sylt zum Sehnsuchtsziel der Deutschen? Warum hat ausgerechnet diese ...

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... Insel so viele Fans?

“DIE SCHÖNHEIT DER INSEL – EINE SO SELTENE VEREINIGUNG VON VORZÜGEN.“

Gustav Ross, Hamburger Arzt (1857)

Wenn es heißt „Wir fahren auf die Insel“, wissen eigentlich alle sofort, dass es nach Sylt geht. Auch wenn es zahlreiche weitere größere Eilande an unseren Küsten gibt. Sylt ist mit 99,14 Quadratkilometern die viertgrößte deutsche Insel. Nach Rügen, Usedom und Fehmarn. 40 Kilometer Sandstrand von Nord nach Süd – das ist einmalig. Dadurch münden die Wellen in einer einzigartigen Brandung zwischen Hörnum und List. Ein riesiger Badespaß, spektakulär anzusehen und obendrein noch gesund. Die Meeresaerosole, jener feine Sprühregen am Meeressaum, enthalten etwa Natrium, Kalium, Kalzium, Jod und Fluor, die über die Atemwege in den menschlichen Körper gelangen. „Bereits im Jahr 1855 kamen die ersten Badegäste nach Westerland“, erklärt Sven Lappoehn, Geschäftsführer des Sylter Kultur- und Heimatvereins. „Föhr war bis dahin beliebter, aber in Wyk hatte es einen Großbrand gegeben, der viele Häuser zerstört hatte, so zogen die Badehungrigen eine Insel weiter Richtung Norden.“

Einer der ersten Gäste war der Altonaer Arzt Gustav Ross. In seiner Begeisterung gründete er 1857 die erste Badeanstalt in Westerland und schwärmt in seiner Rede zur Grundsteinlegung: „Ein großartiges Meer, ein Strand meilenlang ausgebreitet wie der köstlichste Samtteppich, die fantastische Dünenwelt, die hehre Schönheit der ganzen Insel – das ist eine so seltene Vereinigung von Vorzügen, dass sicherlich binnen wenigen Jahren Sylt zu den gesuchtesten Nordseebädern zählen wird.“ Bald darauf reiste tatsächlich der erste König an: Friedrich VII. von Dänemark. Damit nahm der Badebetrieb richtig Fahrt auf. „Illustrierte berichteten, und es zog auch Künstler zunehmend in die nordfriesischen Dünen“, berichtet Sven Lappoehn, der seit mehr als 40 Jahren auf Sylt zu Hause ist. „Professoren der Kunstschulen Weimar, Düsseldorf oder München kamen mit ihren Schülern und malten unter freiem Himmel. Ihre Bilder hingen in den Galerien der Großstädte. Sylt entwickelte sich zum Sehnsuchtsziel – immer mehr Menschen verspürten den Wunsch: Da möchte ich mal hin.“

In den folgenden Jahren pulsierte das Strandleben. Aber es ging züchtig zu. Oberstes Gesetz war die strikte Trennung der Geschlechter am Strand. Im Süden Westerlands badeten die Damen, im Norden die Herren. Nur von sechs bis zwölf Uhr durfte man den Fuß ins kühle Nass setzen. Dazu bestieg man die vom Badepersonal dicht an den Flutrand geschobenen Badekarren, in denen man sich, bevor man in die Fluten tauchte, von Kopf bis Fuß in Badebekleidung hüllte. In der neutralen Zone zwischen den Badebereichen spielte sich das gesellschaftliche Leben ab: Sandburgen bauen, im Strandkorb ruhen, auf der Promenade f lanieren. Zur Unterhaltung dienten etwa die Lesehalle, die Musikmuschel und viele gute Restaurants.

Neues Eldorado für Künstler

„1902 hob die Gemeinde Westerland die strikte Trennung beim Baden auf und rief das erste Familienbad überhaupt aus. Das war sehr fortschrittlich und lockte viele neue Besucher an“, erzählt Sven Lappoehn.

Hatte die Gemeinde am Weststrand im gesamten Jahr 1857 nur 50 Badegäste gezählt, wuchs die Popularität nun rasant: Vor dem Ersten Weltkrieg waren es bereits etwa 13.000, nach 1945 schon 15.000, heute sind es über 700.000 Besucher pro Jahr. Das sind viele – ob zu viele, darüber wird immer wieder diskutiert. Bereits als der Hindenburgdamm im Jahr 1927 gebaut wurde, gab es emotionale Auseinandersetzungen der Einheimischen, die ihr Geld bis dahin oft als Bauern und Seefahrer verdient hatten.

Gut fürs Geschäft sei die geplante Baustrecke, argumentierten die Westerländer, während die Keitumer sich darum sorgten, dass ihre Heimat plötzlich überlaufen werden würde und ihr ursprüngliches Gesicht verlieren könnte. Bis dahin konnte man das Eiland nur per Schiff über den Anleger im Munkmarscher Hafen erreichen (siehe Foto oben).

Gebaut wurde der Hindenburgdamm trotzdem. Zur Freude der Urlauber, der Geschäftsleute – und der Prominenz. Marlene Dietrich, Max Schmeling und Hans Albers tanzten durch die Lokale. Schriftsteller Thomas Mann zog es immer wieder nach Kampen, wo sich die Intellektuellen in den 1920ern bereits wohlfühlten. Mann badete täglich in der Brandung, „nach deren Prankenschlägen ich mich das ganze Jahr zurücksehnen werde“, schrieb er.

Wenige Jahre danach macht die magnetische Wirkung der rauen nordfriesischen Natur auch vor den Nazis nicht halt. Ab 1933 wehten Hakenkreuzflaggen auf Sandburgen, NS-Kriegsverbrecher Hermann Göring urlaubte in Wenningstedt. Im Zweiten Weltkrieg blieb die Insel von Angriffen weitgehend verschont. Bis heute zeugen riesige Bunkeranlagen von der Angst der Deutschen, dass die Alliierten die Nordseeinsel überfallen könnten.

Als der Zweite Weltkrieg 1945 endlich vorbei war, suchten 14.000 Flüchtlinge in den zwölf Inseldörfern ihre neue Heimat. Nach und nach erholte sich Sylt wie ganz Deutschland von der Schreckensherrschaft. Die Menschen sehnten sich nach Spaß und Reisen – der Tourismus boomte. Hotels wurden knapp, Ferienwohnun-gen, wie heute üblich, gab es noch nicht.

Und so entstanden die Pensionen. „Eltern meiner Freunde vermieteten im Sommer ihr Haus, die Kinder zogen für die Zeit in ein Zelt im Garten“, erinnert sich Sven Lappoehn. Das Wohnzimmer wurde zum Frühstücksraum umfunktioniert. Und wer kein Bett mehr bekam, schlief in den Dünen. Die Insel lockte mit Freiheit. 1954 öffnete der erste FKK-Strand in Westerland. Bis heute prägen die wilden 1960er- und 1970er-Jahre die Insel. Damals wie heute bleibt der größte Magnet die Natur. Nicht für alle, aber für viele.

MIRJA HALBIG

SYLT DIE TV-DOKU

In der TV-Reihe „Unsere Geschichte“ wird sehr lebendig die Entstehung des Hindenburgdamms nach Sylt erzählt

Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, der einst Geschichte studierte, liebt historische Stoffe. Für den NDR hat er bereits eine Doku über den Bau des Nord- Ostsee-Kanals gemacht, nun folgt ein Film über ein weiteres spektakuläres Projekt aus dem Norden: die Entstehung des Hindenburgdamms, der Sylt mit dem Festland verbindet. „Mein Blick auf den Bahndamm ist ambivalent“, bekennt Hubertus Meyer-Burckhardt. „Auf der einen Seite habe ich enormen Respekt vor der Leistung der Ingenieure und der Arbeiter – von denen einige dort ihr Leben lassen mussten. Auf der anderen Seite war es ein enormer Eingriff in die Natur, der heute so nicht mehr denkbar wäre.

Dadurch wurden zum Beispiel Strömungen unterbrochen.“ Welche Herausforderung dieses Projekt in den 1920er-Jahren für alle Beteiligten war, zeigt die Doku mit Spielfilmszenen deutlich und sehr gelungen. „Der Bau hat die Insulaner gespalten“, so Meyer-Burckhardt. „Heute kann man sagen, dass beide recht hatten: die einen, die Fortschritt und bessere Geschäfte im Sinn hatten, und die anderen, die den damaligen Charakter der Insel in Gefahr sahen – dass Sylt nie wieder das sein würde, was es einmal war.“ Unterdessen gehört der Damm durchs Watt zu den bekanntesten Bahnstrecken Deutschlands.

MEDIATHEK

ARD

UNSERE GESCHICHTE DOKU Sylt, das Blumenmädchen und der Damm. Über den Hindenburgdamm